Der Reformator Martin Luther – Teil 10 – Die weltanschauliche Umwälzung Europas

Man muss wahrscheinlich einige Jahre in einem katholischen Land gelebt haben, um die Reformation wirklich wertschätzen zu können. Im gegenwärtigen ökumenischen Klima sind ja die Unterschiede zwischen „katholisch“ und „reformiert“ so verwischt, dass der Durchschnittsbürger gar nicht mehr weiss, worin die Unterschiede bestehen. In Perú ist das ganz anders: da wird z.B. in den Kirchen und Schulen gelehrt, es sei eine Todsünde, eine evangelische Kirche zu betreten; evangelische Schüler an staatlichen(!) Schulen werden gezwungen oder überredet, sich katholisch taufen zu lassen und an Erstkommunion und Firmung teilzunehmen, usw. Es macht offensichtlich einen grossen Unterschied, ob die katholische Kirche in einem säkularisierten Land in der Minderheit ist, oder ob sie an den Schalthebeln der Macht sitzt (wie in Perú). Dieser Kontrast bewegt einen zum Nachdenken darüber, was die Reformation in Europa ausgelöst hat.

Wir sprechen jetzt nicht mehr spezifisch von Luther, sondern von der Reformation im allgemeinen. D.h. von den weltanschaulichen und gesellschaftlichen Folgen, die sich aus der reformatorischen Grundlage ergaben, Gottes Wort als oberste Autorität für das Leben, den Glauben, die Kirche und die Gesellschaft anzusehen.

Am Beispiel der Arbeitsethik (in der vorherigen Folge) haben wir bereits gesehen, dass die Reformation nicht nur die Kirchen veränderte, sondern die ganze Gesellschaft. Diese Veränderung beruhte auf einer neuen Grundlage für die europäische Weltanschauung. Ganz kurz und vereinfacht zusammengefasst:

Vor der Reformation hatte die weltanschauliche Grundlage Europas gelautet:
„Nur mittels der (katholischen) Kirche kann der Mensch Zugang zu Gott haben, und man muss der Kirche (d.h. ihren Leitern) in allem untertan sein.“

Nach der Reformation lautete die Grundlage:
„Jeder Mensch hat durch Jesus Christus freien, direkten Zugang zu Gott. Gottes Wort in der Heiligen Schrift ist die absolute Wahrheit und die oberste Autorität über die Kirche, über den Glauben und über das Leben.“

Wenn sich die Grundlagen bzw. Denkvoraussetzungen ändern, dann ändern sich auch alle Schlussfolgerungen, die darauf aufgebaut sind. Damit bewirkte die Reformation indirekt u.a. folgende Errungenschaften der Neuzeit:

– die Gewissensfreiheit,
– den modernen Rechtsstaat,
– die Grundlage der modernen Wissenschaft,
– materiellen Fortschritt.

In der weltlichen Geschichtsschreibung werden diese Errungenschaften teilweise oder ganz dem säkularen Humanismus und der Aufklärung zugeschrieben. Tatsächlich sind sie etwa zeitgleich mit der Aufklärung in grossem Massstab verwirklicht worden. Aber die Gleichzeitigkeit zweier Ereignisse beweist noch nicht, dass das eine das andere verursacht hätte. Vielmehr müssen wir in Betracht ziehen, dass neue Ideen (und erst recht eine grundsätzlich neue Weltanschauung) sich nicht von einem Tag auf den andern durchsetzen. Bis ein solcher Umdenkprozess breitere Volksmassen „durchsetzt“, kann es ein Jahrhundert dauern – und dann nochmals ein Jahrhundert, bis das veränderte Denken ein allgemein verändertes Handeln bewirkt und dadurch die ganze Gesellschaft sichtbar geprägt wird. Deshalb sehen wir erst etwa im 18.Jahrhundert gesellschaftsweite sichtbare Auswirkungen einer auf die Bibel gegründeten Denkweise, deren Grundlagen im 16.Jahrhundert gelegt worden waren.
Die wahren Früchte der Aufklärung des 18.Jahrhunderts müssen wir ihrerseits im 20.Jahrhundert suchen: Die verschiedenen Ausprägungen von Materialismus und Atheismus, die Feindseligkeit dem biblischen Christentum gegenüber, und der daraus folgende Wertezerfall, der inzwischen die ganze westliche Gesellschaft auch mit dem materiellen Zerfall bedroht – das sind die wahren Auswirkungen des rationalistischen aufklärerischen Denkens, das erst etwa ab der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts wirklich gesellschaftsprägend wurde.

Die Gewissensfreiheit

Gewissensfreiheit hat unmittelbar mit dem direkten Zugang zu Gott zu tun. Wer unter einem priesterlichen System steht, ist mit seinem Gewissen an dieses System gebunden. Er kann sich nicht erlauben, anders zu denken als die Priester, da er sonst mit der Strafe Gottes rechnen muss (gemäss der Lehre der Priester).
Wenn der Gläubige direkten Zugang zu Gott hat, dann bedeutet das sofort, dass er auch mit seinem Gewissen niemandem verpflichtet ist ausser Gott selbst. Gewissensfreiheit, im reformatorischen Sinn, bedeutet also nicht, dass jeder sich seine eigenen Normen setzt; aber dass jeder seine eigene Verantwortung vor Gott hat, ohne Einmischung Dritter.
Die Reformatoren selber haben leider den Menschen in ihrem Einflussbereich eine solche Gewissensfreiheit noch nicht zugestanden. Aber in dem auf die Reformation folgenden Jahrhundert kam man in den Reformationsländern allmählich zur Einsicht, dass dies tatsächlich die logische Folge der reformatorischen Prinzipien war. Die Denker der Aufklärung haben in dieser Hinsicht lediglich auf das bereits vorhandene reformatorische Erbe zurückgegriffen, wie wir weiter unten am Beispiel Voltaires sehen werden.

Ein anderer Aspekt ist die Verbindung von religiöser und politischer Macht im Katholizismus. Da die katholische Kirche damals auch politische Machthaberin war, sah sie sich dazu berechtigt (und sogar verpflichtet), Andersdenkende mit sehr weltlichen Mitteln zum Schweigen zu bringen. Auch diese Verbindung zwischen religiöser und politischer Macht wurde durch die reformatorische Weltanschauung grundsätzlich in Frage gestellt. (Obwohl sich die Reformatoren selber dessen anscheinend nicht bewusst waren; es brauchte da noch eine längere Zeit, bis sich diese Erkenntnis durchsetzte.) Siehe dazu weiter unten bei „Die Autorität über die verschiedenen Gesellschaftsbereiche“.

Der moderne Rechtsstaat

1644 veröffentlichte der schottische Presbyterianer Samuel Rutherford ein Buch mit dem Titel: „Lex Rex“ („Das Gesetz ist König“). Es geht darin um die Frage: Darf ein König Gesetze erlassen wie er will und willkürlich regieren, oder muss er sich dem Gesetz unterstellen? Rutherford vertritt Letzteres: Der König ist dem Gesetz untertan – und das Gesetz basiert auf der Grundlage von Gottes Gesetz in der Bibel.
Dies ist eine direkte Anwendung des reformatorischen Prinzips auf die Politik: So wie in der Kirche nicht der Papst bzw. eine menschliche Leiterschaft die endgültige Autorität ist, sondern Gottes Wort, so ist auch im Staat nicht die Regierung die letzte Autorität, sondern Gottes Gesetz. Daraus folgt direkt die konstitutionelle Regierungsform (die dann auch in Grossbritannien zuerst eingeführt wurde): Der Staat hat ein Grundgesetz, eine Verfassung, die über der Regierung steht.

Dieses Prinzip ist übrigens gar nicht so modern; es galt schon im alten Israel:

„Und wenn er (der König) dann auf seinem Königsthron sitzt, soll er sich eine Abschrift dieses Gesetzes in ein Buch schreiben lassen nach dem, das sich bei den levitischen Priestern befindet. Und er soll es bei sich haben und soll darin lesen sein Leben lang, damit er den Herrn, seinen Gott, fürchten lerne und alle Worte dieses Gesetzes und diese Satzungen getreulich halte, dass sich sein Herz nicht über seine Brüder erhebe und dass er nicht abweiche von dem Gesetze…“
(5.Mose 17,18-20)

In lateinamerikanischen Ländern findet man oft das Phänomen, dass eine diktatorische Regierung sich äusserlich eine verfassungsmässige Gestalt gibt. Der argentinische Evangelist Alberto Mottesi kommentiert dazu:

„Der lateinamerikanische Staatsmann unterstellt sich im allgemeinen dem Gesetz nicht; besonders wenn es ein selbstgemachtes Gesetz ist. Unsere Regierungsphilosophie ist machiavellisch: der König macht das Gesetz. … Obwohl unsere Länder die nordamerikanische konstitutionelle Form anwenden, haben sie den Geist nicht verstanden, der dahintersteht. Deshalb haben unsere Imitationen nicht funktioniert. … Sowohl die Regierenden wie die Regierten brechen das Gesetz gewohnheitsmässig, wenn es keine Überwachung gibt und keine Strafe droht. Wir glauben, das Gesetz sei ein menschliches Machwerk, und eine Regierungsposition gebe uns Vorrechte. So erstaunt es nicht, dass wir den Regierenden als einen Potentaten ansehen, der nach allen Kräften die Gelegenheit ausnützen muss, solange er sie hat.“
(Alberto Mottesi, „Amerika 500 Jahre danach“, 1992)

Dieser Kommentar beleuchtet deutlich den Kontrast zwischen den Ländern, die vom reformatorischen Gedankengut geprägt wurden, und den Ländern, die von der Reformation (noch) nicht erreicht wurden.

Die Autorität in den verschiedenen Gesellschaftsbereichen

Sowohl im Katholizismus wie in der Reformation wird gelehrt, dass Gott der Herr der ganzen Welt ist. Aber die Art und Weise, wie wir Menschen an der Ausübung dieser Herrschaft beteiligt sind, wird ganz verschieden aufgefasst.
Im Katholizismus ist einzig die Kirche (als Institution verstanden) Gottes „Interessenvertreterin“ in dieser Welt. Somit versuchte der Katholizismus, alle Gesellschaftsbereiche unter die Kontrolle der Kirche zu bringen. Damit begann die Kirche, in viele Bereiche einzugreifen, in welchen sie vom Wort Gottes her gar keinen Auftrag hatte, und es kam zu allen möglichen Arten von Machtmissbrauch. In Perú ist dies noch heute sichtbar, wo die katholische Kirche z.B. in der Regierung, in den staatlichen Schulen, u.a, grossen Einfluss ausübt.
Luther versuchte dies zu ändern, indem er die Kirche der Staatsregierung unterwarf: der Fürst sollte über die Religion seines Volkes bestimmen. Damit änderte er aber noch nichts Grundsätzliches; er setzte einfach den Staat an die Stelle der Kirche. (Es ist interessant, dass die im 20.Jahrhundert einflussreichsten totalitären Staatsideologien, der Marxismus und der Nationalsozialismus, beide im reformierten Deutschland ihren Ursprung haben.)
Erst Calvin begann, den einzelnen Gesellschaftsbereichen eine unabhängige Autorität unter Gott zuzugestehen. Es ist nicht wahr, dass das calvinistische Genf von „der Kirche“ regiert worden sei. Calvin lehrte, dass die Regierung, als Gottes Dienerin, die Gebote Gottes durchzusetzen hätte; und die Ratsmitglieder als Personen waren Mitglieder der Kirche; aber die Kirche als Institution hatte in der Regierung nichts zu suchen. Ebenso hatte auch die Regierung nicht die Oberhoheit über andere Gesellschaftsbereiche.

Der niederländische Theologe und Staatsmann Abraham Kuyper schreibt dazu:

„Im calvinistischen Sinn verstehen wir, dass die Familie, die Wirtschaft, die Wissenschaft, die Kunst, usw, soziale Sphären sind, die ihre Existenz nicht dem Staat verdanken, und die ihr Lebensgesetz nicht von der Autorität des Staates ableiten. Sie gehorchen einer Autorität innerhalb ihres eigenen Kreises; einer Autorität, die durch Gottes Gnade regiert, genauso wie die Autorität des Staates. (…) Diese Autorität nennen wir die Souveränität in den individuellen sozialen Sphären, um entschieden auszudrücken, dass diese sozialen Sphären nichts über sich haben als Gott allein, und dass der Staat sich hier nicht einmischen und befehlen darf. Wie Sie sofort sehen, ist dies das interessante Thema unserer bürgerlichen Freiheiten.
(…) Diese „Souveränität im eigenen Kreis“ behauptet sich also, z.B: in den gesellschaftlichen Kreisen; in den korporativen Kreisen der Universitäten, Vereine, usw; im häuslichen Kreis der Familie und Ehe; und in der Autonomie der Gemeinden. In allen diesen Sphären darf die Regierung keine Gesetze aufzwingen, sondern muss das angeborene Gesetz des Lebens ehren. Gott regiert diese Sphären mittels seiner ausgewählten „tugendhaften und hervorragenden Menschen“, in ebenso souveräner Weise wie er den Staat regiert mittels seiner ausgewählten Magistraten.“
(Abraham Kuyper, „Vorlesungen über den Calvinismus“, 1898)

Das Zusammenspiel zwischen diesen Gesellschaftssphären und der Regierung wurde bewerkstelligt durch den Rat, in welchem Vertreter dieser verschiedenen Sphären sassen. Dies wurde später weiterentwickelt zur Idee des vom Volk gewählten Parlaments, gebildet aus Vertretern der verschiedenen existierenden „Kreise“ der Gesellschaft. Im reformierten England wurde bereits 1688 die parlamentarische Demokratie eingeführt.

Die Denker der Aufklärung haben dieses System also nicht erfunden, sondern von der Reformation übernommen. Francis Schaeffer schreibt darüber:

„Voltaire wurde während seiner Zeit im Exil dort (in England) sehr von den Ergebnissen dieser blutlosen Revolution und der sich daraus ergebenden Redefreiheit beeindruckt, wie wir in seinen Briefen über die englische Nation (1733) sehen können, wo er schrieb: „Die Engländer sind das einzige Volk auf Erden, denen es gelungen ist, der Macht der Könige Grenzen zu setzen, indem sie sich ihnen widersetzten; und die in einer Reihe von Auseinandersetzungen schliesslich … eine weise Regierung etablierten, in der der König alle Macht besitzt, Gutes zu tun, aber daran gehindert wird, Böses zu tun… und wo das Volk an der Regierung teilnimmt, ohne dass das zur Verwirrung führt.“
… Als die französische Revolution versuchte, englische Bedingungen ohne die Grundlage der Reformation zu reproduzieren (nur auf der Grundlage der humanistischen Aufklärung von Voltaire), war das Ergebnis ein Blutbad und ein rapider Zusammenbruch, der in der autoritären Herrschaft von Napoleon Bonaparte endete.“
(Francis Schaeffer, „Wie können wir denn leben?“)

Grundlagen der modernen Naturwissenschaft

Die erkenntnistheoretische Grundlage

Francis Schaeffer macht die interessante Beobachtung, dass Naturwissenschaft im heutigen Sinne (als systematische Erforschung und Beschreibung der Naturgesetze) erst mit der Reformation möglich wurde. – Im Mittelalter war das Ideal, sich ausschliesslich mit der geistlichen Welt zu befassen und sich aus der materiellen Welt zurückzuziehen. Die Renaissance und der Humanismus gaben einen entscheidenden Anstoss dazu, sich wieder der materiellen Welt zuzuwenden. Aber dies allein genügte nicht; dieses Element war schon in der griechischen und römischen Kultur vorhanden, und trotzdem entwickelte sich dort auf Dauer keine systematische Naturwissenschaft.

Ich möchte einige Abschnitte aus dem entsprechenden Kapitel bei Schaeffer zitieren:

„An einem kritischen Punkt beruhte die wissenschaftliche Revolution auf der Lehre der Bibel. Sowohl Alfred North Whitehead als auch J. Robert Oppenheimer haben darauf hingewiesen, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild heraus entstanden ist. … Soweit ich weiss, waren beide keine Christen und hätten sich selbst nicht als Christen bezeichnet; jedoch erkannten sie beide ohne Einschränkung, dass die moderne Naturwissenschaft aus dem christlichen Weltbild geboren wurde.
… Whitehead erklärte, das Christentum sei die Mutter der Wissenschaft wegen „der mittelalterlichen Lehre von der Rationalität Gottes“. Whitehead sprach auch von Vertrauen auf die „verständliche Rationalität eines persönlichen Wesens.“ Er erklärte, dass die frühen Naturwissenschafter wegen der Rationalität Gottes einen „unumstösslichen Glauben daran bessassen, dass jedes einzelne Ereignis zu den vorausgegangenen Ereignissen in einer Weise in Beziehung gesetzt werden kann, in der allgemeine Prinzipien zum Ausdruck kommen. Ohne diesen Glauben wären die unglaublichen Anstrengungen der Wissenschafter ohne Hoffnung gewesen.“
… Ihre Überzeugung, dass die Welt von einem vernünftigen Gott geschaffen worden war, gab den Wissenschaftern die Zuversicht, dass es ihnen möglich sein würde, durch Beobachtung und Experimente etwas über die Welt herauszufinden. Das war ihre erkenntnistheoretische Grundlage – die philosophische Grundlage, durch die sie sicher sein konnten, dass Erkenntnis möglich sei.
Die Griechen, die Moslems und die Chinesen verloren schliesslich ihr Interesse an der Naturwissenschaft. Joseph Needham erklärt …, warum sich das nie zu einer vollen Wissenschaft entwickelte: „Es gab keine Zuversicht, dass der Code der Naturgesetze je entschlüsselt und gelesen werden könnte, weil sie keinerlei Zusicherung besassen, dass es ein göttliches Wesen gab, das, noch rationaler als wir selbst, je einen solchen Code formulierte, der von uns gelesen werden könnte.“
Robert Boyle, Isaac Newton und die früheren Mitglieder der Royal Society waren religiöse Männer, die die skeptischen Lehren von Hobbes ablehnten. … Es wurde geglaubt, dass diese (wissenschaftlichen) Methoden nie zu Schlussfolgerungen führen könnten, die mit biblischer Geschichte und übernatürlicher Religion unvereinbar wären. Newton lebte und starb in diesem Glauben.“
(Francis Schaeffer, a.a.O.)

Abraham Kuyper erwähnt hierzu die calvinistische Lehre von der Souveränität Gottes, der durch seinen Ratschluss die ganze Welt lenkt. Ein Teil dieses Ratschlusses sind offensichtlich die Naturgesetze. Wir dürfen das Wort „Naturgesetz“ nicht so verstehen, als würden diese Gesetze von selbst der Natur innewohnen; es sind vielmehr Gesetze, die Gott der Natur auferlegt hat.
Ein weiterer Aspekt ist, dass Gott den Menschen in seinem Bild erschuf; der Mensch ist also z.B. fähig, rational und geordnet zu denken, weil Gott rational ist. Ausserdem muss es eine gewisse Übereinstimmung geben zwischen der Denkstruktur des Menschen und der Struktur des Universums, da beide vom selben Gott erschaffen wurden. (Für viele moderne Philosophen ist das alles andere als selbstverständlich! Deshalb können heutige moderne Naturwissenschafter nicht erklären, warum z.B. die Naturgesetze in mathematischen Formeln ausgedrückt werden können, oder warum es überhaupt Naturgesetze gibt.)

Auf diesen Grundlagen also baut die moderne Naturwissenschaft auf – bis heute, obwohl dies den meisten heutigen Wissenschaftern nicht mehr bewusst ist. Die wissenschaftlichen Fortschritte brachten dann ihrerseits – in Verbindung mit der erneuerten Arbeitsethik – auch technische und wirtschaftliche Fortschritte hervor. Das alles ist indirekt die Frucht einer erneuerten Denkweise, welche das Wort Gottes ins Zentrum stellte.

Exkurs: Wissenschaftliche Methode und Weltanschauung

Die obigen Ausführungen mögen befremdend wirken, wenn wir die gegenwärtige Situation betrachten. Gibt es da nicht einen unüberwindlichen Gegensatz zwischen Wissenschaft und Glaube? Sagt nicht die moderne Wissenschaft, dass alle Prozesse des Universums ohne Gott erklärt werden können, auf rein natürliche Weise?

– Um in dieser Frage klar zu sehen, wollen wir einmal genauer betrachten, worin die „wissenschaftliche Methode“ besteht. Vereinfacht gesagt, besteht sie darin, Beobachtungen und Experimente zu machen, Schlussfolgerungen daraus zu ziehen, und diese nach Möglichkeit als allgemeingültiges „Modell“ zu formulieren, welches die gemachten Beobachtungen erklärt.
Wenn das alles wäre, dann müssten eigentlich alle Wissenschafter auf der Welt zu denselben Schlussfolgerungen kommen. In Wirklichkeit habe ich in meiner vereinfachten Beschreibung einen wichtigen Schritt ausgelassen: Um zu Schlussfolgerungen zu kommen, müssen die Beobachtungen interpretiert werden. An diesem Interpretationsvorgang ist der Wissenschafter mit seiner ganzen Person beteiligt! Er muss seine Überlegungen und Schlussfolgerungen irgendwo logisch abstützen können.

In der Mathematik geht das folgendermassen: Um einen Beweis folgerichtig durchführen zu können, muss man mit bereits bewiesenen Prinzipien arbeiten. Aber irgendwann kommt man zu einem Punkt, wo man nicht weiter nach Beweisen fragen kann, weil die benutzten Prinzipien so „offensichtlich einleuchtend“ sind. Man spricht dann von „Axiomen“. Z.B. dass auf Eins Zwei folgt. Oder dass es zwischen zwei Punkten genau eine gerade Linie gibt. Diese Prinzipien kann man vielleicht „einsehen“, aber man kann sie nicht logisch beweisen. In anderen Worten: Man muss sie im Glauben annehmen.

Ein Naturwissenschafter muss ebenfalls gewisse „Axiome“ zur Grundlage haben. In diesem Fall handelt es sich um seine persönlichen Denkvoraussetzungen, d.h. die Grundlagen seiner Weltanschauung. Auch diese kann man nicht beweisen; man kann sie nur im Glauben annehmen. Diese Grundlagen können aber von Person zu Person unterschiedlich sein. (Einer glaubt z.B, das Universum sei von Gott erschaffen worden; ein anderer glaubt, es sei durch Zufall entstanden. Beide Aussagen können mit rein naturwissenschaftlichen Methoden weder bewiesen noch widerlegt werden.)
Die Weltanschauung des Wissenschafters (in anderen Worten: sein Glaube) wird aber seine Interpretation der Beobachtungen beeinflussen!
– Dazu ein unwissenschaftliches Beispiel: Ein Professor wollte seine Studenten vor den Gefahren des Alkohols warnen. Zu diesem Zweck bereitete er zwei Gläser vor, eines mit Wasser und eines mit Alkohol. In jedes Glas liess er einen lebendigen Regenwurm fallen. Der Wurm im Wasserglas schwamm fröhlich umher, während der Wurm im Alkohol unter Zuckungen verendete. Der Professor fragte die Studenten: „Nun, was schliessen wir daraus?“ – Ein Student, der als Trinker bekannt war, antwortete: „Dass Alkohol gut ist gegen Würmer.“
– Ein anderes Beispiel ist die Evolutionstheorie. Beweisen nicht die Fossilien, dass das Leben durch Evolution entstanden ist? – Nein, die Fossilien beweisen gar nichts. Versteinerungen werden nicht mit Aufklebern gefunden: „Ich lebte vor 50 Millionen Jahren und habe mich aus einem primitiven Einzeller entwickelt.“ Das ist Interpretation des Wissenschafters. Wenn der Wissenschafter von vornherein an die Evolution glaubt, dann wird er diese Funde im Sinne der Evolutionstheorie interpretieren. Aber ein Wissenschafter, der an die Wahrheit der Bibel glaubt, kann dieselben Versteinerungen untersuchen und zu einem ganz anderen Schluss kommen: Diese Tiere ertranken in der Sintflut.

Jeder Wissenschafter muss also bei seinen Schlussfolgerungen von einem „Glauben“ ausgehen, d.h. von unbeweisbaren Denkvoraussetzungen – sei dies nun ein christlich-biblischer oder ein anderer Glaube. Wenn moderne Wissenschafter zu atheistischen Schlussfolgerungen kommen, dann nicht deshalb, weil Wissenschaft zwingend zum Atheismus führen müsste, sondern weil sie bereits mit atheistischen Voraussetzungen an die Wissenschaft herangingen!

Wie kam es dann zur heutigen Vorstellung, der Glaube an Gott habe in der Wissenschaft (genauer: in den Naturwissenschaften) nichts zu suchen? – Naturwissenschaft beschränkt sich per Definition auf die Untersuchung dessen, was sich beobachten und messen lässt. Offensichtlich kann man Gott und die geistliche Welt weder beobachten noch messen. Lange Zeit sah man darin keinen Widerspruch zum biblischen Glauben. Gott war zwar kein Untersuchungsgegenstand der Naturwissenschaft, aber seine Existenz war vorausgesetzt; und für die „Erforschung“ Gottes gab und gibt es andere, angemessenere Methoden.
In der Aufklärung ging man aber einen Schritt weiter und kam zur (falschen) Schlussfolgerung: „Was man nicht beobachten und messen kann, existiert nicht.“ Seither sagen Atheisten: „Wenn es einen Gott gäbe, hätten die Wissenschafter ihn gefunden.“ Dabei haben die Wissenschafter sich selber darauf beschränkt, Gott nicht zu untersuchen! Das ist, als ob jemand versuchen würde, mit einem Barometer Radiowellen zu messen, und dann sagte: „Mein Experiment hat bewiesen, dass es keine Radiowellen gibt.“

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