Der einsame Christus

Das folgende Gedicht scheint mir gerade in der Weihnachtszeit angebracht zu sein, wo so manche Menschen „schlafenderweise“ den Namen Jesu in den Mund nehmen. D.h. sie denken allenfalls an ein niedliches Kind in der Krippe, aber ohne sich bewusst zu sein oder auch nur glauben zu wollen, wer Jesus wirklich war und was er für uns getan hat. Der Autor war zwar kein biblischer Christ (er war Anthroposoph); aber mir scheint, er hat in diesem Gedicht etwas Wesentliches nachempfunden und ausgedrückt, was vielen Menschen heute – selbst innerhalb der „Christenheit“ – verlorengegangen ist. In meiner Jugend hatte ich es lange Zeit über meinem Bett hängen, um mich selber daran zu erinnern, dass „Schlafen“ im geistlichen Sinn – eine selbstzufriedene oder oberflächliche Gleichgültigkeit – wohl die traurigste und beleidigendste Haltung ist, die jemand einnehmen kann gegenüber dem, was Jesus für uns getan hat.

Der einsame Christus

Wachet und betet mit mir!
Meine Seele ist traurig
bis an den Tod.
Wachet und betet!
mit mir!
Eure Augen
sind voll Schlafes, –
könnt ihr nicht wachen?
Ich gehe,
euch mein Letztes zu geben –
und ihr schlaft …
Einsam stehe ich
unter Schlafenden,
einsam vollbring ich
das Werk meiner schwersten Stunde.
Wachet und betet mir mir!
Könnt ihr nicht wachen?
Ihr alle seid in mir,
aber in wem bin ich?
Was wißt ihr
von meiner Liebe,
was wißt ihr
vom Schmerz meiner Seele!
O einsam!
einsam! Ich sterbe für euch –
und ihr schlaft!
Ihr schlaft!

(Christian Morgenstern,
nach Matthäus 26,37-41)

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