Vom Sinn oder Unsinn der Schulnoten – 1.Teil

Letztes Jahr habe ich einmal versprochen, einen Artikel über Schulnoten zu schreiben. Es hat länger gedauert, bis ich eingehender darüber forschen konnte; aber ich möchte mein Versprechen jetzt einlösen, weil mir das Thema immer noch am Herzen (oder eher auf dem Magen) liegt. Es wird jetzt sogar eine ganze Artikelserie werden.

Kurze Geschichte der Schulnoten

Zunächst einmal dürfte es manche Leser überraschen, dass Schulnoten eine ziemlich neuartige Erfindung sind. Schulen bzw. schulähnliche Bildungseinrichtungen sind seit der sumerischen Zeit (vor rund 4000 Jahren) bezeugt. Schulnoten wurden aber erst vor rund zweihundert Jahren eingeführt; an Grundschulen sogar erst vor rund hundert Jahren. Wenn die Noten so wichtig sind, wie oft behauptet wird, wie konnten dann die Bildungssysteme weltweit fast viertausend Jahre lang ohne Noten funktionieren?

Noten zur Klassifizierung von Studenten wurden erstmals 1785 an der Universität Yale verwendet, und zwar in der Form von beschreibenden Adjektiven. Erst 1813 wurde begonnen, über diese Noten Buch zu führen. 1830 führte auch die Universität Harvard Noten ein. Erst um 1850 begannen die höheren Schulen in den USA allgemein ihre Studenten zu benoten.
(Nach Mark W.Durm, „An A Is Not An A Is Not An A – A History Of Grading“, The Educational Forum, vol.57, Spring 1993)

Ein staatliches Prüfungs- und Notengebungssystem, das auch Grundschulen einschloss, wurde in England erstmals um 1870 eingeführt, in den USA anfangs des 20.Jahrhunderts. Bereits 1911 zeigten Forscher, dass dieselben Schülerarbeiten äusserst unterschiedlich benotet werden konnten, je nach Neigung des Lehrers.
(Nach Marita Moll, „A brief history of grading“, Teacher Newsmagazine, Vol.11, No.3, Nov./Dec.1998)

In Deutschland wurden Schulnoten an Grundschulen erst nach dem Ersten Weltkrieg eingeführt.
(Sven Paris und Alexander Boll, „Geschichte der Notengebung ab 1900“, Institut für Informatik, Humboldt-Universität, Berlin).

Thom Hartman fasst die Form der Schüler- und Studentenbewertung bis ins 19.Jh. hinein wie folgt zusammen:
„Das Bildungsmodell seit Urzeiten war ‚Mentoring‘. (…) Der Lehrer und die Schüler lernten einander kennen. Sie hatten eine ständige Interaktion miteinander. Der Lehrer kannte jedes Kind, hatte eine klare Sicht davon, wieviel jedes Kind vom Stoff verstanden hatte, und arbeitete mit jedem Kind (oder ermutigte sie, untereinander zusammenzuarbeiten), bis der Lehrer die Gewissheit hatte, dass jedes Kind das Material verstanden hatte – oder hoffnungslos bildungsunfähig war. Letzteres geschah sehr selten, denn das wäre ein Eingeständnis gewesen, dass der Lehrer versagt hatte.
Wenn ein Student seine Ausbildung abgeschlossen hatte, dann war das Beeindruckendste, was er einem zukünftigen Arbeitgeber vorlegen konnte, nicht ein Notendurchschnitt oder der Name der Institution, wo er ein Diplom erworben hatte: es war der Name des Lehrers. Die Studenten der grossen Lehrer der Geschichte wurden oft selber berühmt, weil ihre Mentoren ihnen mit grosser Gründlichkeit Kenntnisse, Verständnis, Fähigkeiten und Talente vermittelt hatten.“
(Thom Hartman, „Complete Guide to ADHD“)

Hartman erwähnt dann weiter, dass in England die Schulnoten von einem Lehrer der Universität Cambridge eingeführt wurden, mit einem hauptsächlichen Ziel: Mit diesem System war es nicht mehr nötig, jeden einzelnen Studenten individuell kennenzulernen und individuell mit ihm zu arbeiten. Kommentatoren haben bestritten, dass jener spezifische Lehrer tatsächlich diese Absicht gehabt hätte. Unbestreitbar ist aber, dass die Einführung von Schulnoten die nachstehenden Folgen hatte – ob beabsichtigt oder nicht:

– Die persönlich und individuell ausgerichtete Mentoren-Pädagogik wurde aufgegeben zugunsten einer unpersönlichen, bürokratischen Massenabfertigungs-Pädagogik, in welcher alle Schüler bzw. Studenten gezwungen werden, zur gleichen Zeit dasselbe zu tun und zu lernen, unabhängig von ihrem persönlichen Entwicklungsstand und ihren Interessen, Neigungen und Stärken.

– Damit zusammenhängend: Die Schulklassen wurden grösser. Das Einheits-Lehr-, Prüfungs- und Benotungssystem ermöglichte es, mehr Schüler pro Lehrer zu „verwalten“. Es war jetzt nicht mehr nötig, dass der Lehrer jeden Schüler persönlich genügend kannte, um über dessen Begabungen, Interessen, Kenntnisse, Fähigkeiten, Schwierigkeiten und Probleme Bescheid zu wissen. Ein solches nahes persönliches Kennenlernen war aufgrund der Klassengrösse auch gar nicht mehr möglich.

– Leistungsbeurteilungen wurden zunehmend in Form von „zensierbaren“ Theorieprüfungen vorgenommen, statt in Form von praktischen Beweisen des Könnens. Früher wurde gefragt: „Was kannst Du?“, und ein Handwerker musste zu seiner Anerkennung als „Meister“ ein besonders gut gearbeitetes Produkt herstellen, eben sein „Meisterstück“. Heute wird stattdessen gefragt: „Was hast Du für einen Schulabschluss?“, aber ob dieses Abschlusszeugnis etwas über das tatsächliche Können aussagt, ist mehr als fraglich.

– Schulnoten wurden einseitig als Beurteilung des Schülers (nicht aber des Lehrers) verstanden. Gleichzeitig wurde dieses Einheits-Schulsystem als obligatorisch erklärt. Damit kann es sich ein heutiger Lehrer leisten, einen völlig unpädagogischen und inkompetenten Unterricht zu halten; wenn ein Schüler nichts versteht und eine schlechte Note erzielt, dann ist er, der Schüler, schuld. In früheren Zeiten hätte ein solcher Schüler (bzw. seine Eltern) einfach einen anderen, besseren Lehrer gesucht; aber im heutigen Zwangsschulsystem besteht diese Freiheit nicht mehr. Die Schule wurde von einer Lehranstalt zu einer Selektionsanstalt.

(Man könnte zu diesem Punkt fragen, was dann früher ein Lehrer mit einem faulen Schüler tun konnte: wurde dann der Lehrer auch für die Faulheit des Schülers beschuldigt?
– Antwort: Erstens wählt im Mentor-System der Schüler einen Lehrer aus, von dem er erwartet, wirklich etwas zu lernen, was ihm hilft und seinen Interessen und Zielen gemäss ist. Dabei muss der Schüler zuerst seine Lernwilligkeit unter Beweis stellen, indem er die Initiative ergreift, einen Lehrer zu suchen. Damit ist der Schüler bereits viel stärker motiviert als in einer Zwangsschule, wo die Noten oft überhaupt der einzige Anreiz zum Lernen sind.
Zweitens, sollte doch einmal ein Schüler faul und lernunwillig sein, dann ist zu bedenken, dass nicht nur die Schüler ihre Lehrer auswählen konnten, sondern umgekehrt auch die Lehrer ihre Schüler. (Ein gutes Beispiel ist Jesus mit seinen Jüngern!) Ein „Mentoring-Abkommen“ beruht auf Gegenseitigkeit. Ein Lehrer konnte also durchaus einen faulen Schüler abweisen und sich einen lernwilligeren suchen.
Unser Nachhilfeunterricht beruht genau auf einem solchen gegenseitigen Mentoring-Abkommen. Die Kinder kommen freiwillig zu uns, weil sie sich von unserer Hilfe etwas versprechen, oder bereits die Erfahrung machten, dass wir ihnen wirklich helfen konnten. Deshalb sind die allermeisten von ihnen auch motiviert. Es gab in letzter Zeit aber auch mehrere Fälle, wo wir Kinder abweisen mussten, weil sie lediglich ihre Aufgaben fertig haben wollten – und sei es durch Abschreiben der richtigen Antworten -, aber nicht wirklich etwas lernen wollten. Das waren ausnahmslos Kinder, die nicht aus eigenem Entschluss gekommen waren, sondern von ihren Eltern oder Lehrern zu uns geschickt wurden; und ihre Lernunwilligkeit war offenbar von der Schule mit ihren oft sinnlosen Hausaufgaben erst hervorgerufen worden.)

– Die Lehrpläne wurden immer starrer, indem sie sowohl den zu behandelnden Stoff immer enger umschrieben, als auch den Zeitrahmen, in welchem dieser Stoff behandelt werden sollte. Dadurch verschwand der Freiraum zum eigenen Nachfragen und Forschen der Schüler. Ausserdem konnte die Schule nicht mehr allen Schülern gerecht werden, sondern nur jenen, die sich gemäss dem vorgeschriebenen Zeitrahmen entwickelten. Immer mehr Kinder passten nicht mehr in diesen erzwungenen Rahmen, weshalb eine zunehmende Anzahl von „Störungen“ beschrieben und diagnostiziert wurden: „Verhaltensauffälligkeit“, „Hyperaktivität“, „Legasthenie“, „Schulangst“, usw. usw. Man meint, man sei fortschrittlich, weil man jetzt über alle diese „Störungen“ Bescheid wisse und sie behandle. Nicht im Blick ist dabei die Frage, ob solche „Lernstörungen“ ohne das heutige Zwangsschulsystem überhaupt aufgetreten wären!
„Legastheniker“ z.B. sind im allgemeinen Kinder, die sich etwas langsamer entwickeln als andere und deshalb von der Schule in einem zu frühen Alter gezwungen wurden, lesen zu lernen. Logisch, dass es dabei Störungen gibt – man sollte diese Kinder einfach etwas länger Kinder sein lassen, statt sie in die Schule zu zwingen, dann würden sie zum angemessenen Zeitpunkt das Lesen genauso leicht lernen wie die anderen. In Finnland z.B, wo Kinder erst ab dem vollendeten 7.Altersjahr zur Schule gehen, sind Leseschwächen und ähnliche „Lernstörungen“ so gut wie unbekannt. Siehe „Vom Lesenlernen“.

Sind Schulnoten nötig zum Lernen?

Kann irgendein ursächlicher Zusammenhang zwischen Notengebung und Lernerfolg empirisch nachgewiesen werden? – Es scheint auf der Hand zu liegen, dass gute Schulnoten einen Lernerfolg widerspiegeln; also: Der Lernerfolg ist eine Ursache, welche als Wirkung gute Schulnoten hervorbringt. Doch selbst zu dieser scheinbar einleuchtenden Tatsache gibt es Gegenbeispiele: Ich hatte schon Schüler in der Hausaufgabenhilfe, die in Mathematik Bestnoten erzielten, obwohl sie von mathematischen Zusammenhängen keine Ahnung hatten. Sie hatten einfach mechanisch auswendiggelernt, wie man die Aufgaben löst, aber sie verstanden nichts davon, was sie eigentlich dabei taten. Andere Kinder hatten sehr wohl verstanden, bekamen aber schlechte Noten, weil sie fürchterliche Angst hatten vor ihrer Lehrerin und deshalb an den Prüfungen versagten.

Ist also schon ein Zusammenhang zwischen Lernerfolg als Ursache und Notengebung als Wirkung nicht unumstritten, so ist ein umgekehrter Zusammenhang (also dass die Notengebung Lernerfolg bewirke) erst recht nicht nachzuweisen. Die grossangelegte Untersuchung des Fraser-Instituts über die Resultate des „Homeschooling“ in Amerika hat im Gegenteil gezeigt, dass ein solcher Zusammenhang nicht besteht:

„Schliesslich fand ein Vergleich von zuhause ausgebildeten Schülern in restriktiven, gemässigten und freizügigen amerikanischen Staaten keinen statistischen Unterschied. D.h. das Ausmass staatlicher Gesetzgebung hat keine signifikante Auswirkung auf die akademischen Leistungen zuhause ausgebildeter Kinder. Es wurde gefunden, dass die durchschnittlichen Prüfungsnoten der zuhause ausgebildeten Schüler regelmässig um 86% liegen, unabhängig davon, ob ein Staat eine restriktive oder freiheitliche Gesetzgebung anwendet.“
(Fraser-Institut, „Bildung zuhause: Vom Extrem zum Anerkannten“)

„Restriktiv“ oder „freiheitlich“ bezieht sich im Zusammenhang darauf, ob und in welchem Mass der betreffende Staat verlangt, dass zuhause ausgebildete Kinder staatliche Prüfungen ablegen. In anderen Worten, ob sie einer staatlichen Notengebung unterworfen sind oder nicht. Offenbar hat eine solche Pflicht zur Benotung keinerlei Einfluss auf den Lernerfolg.

Zusätzlich lässt sich aus dem Zitat entnehmen, dass absolut gesehen die zuhause ausgebildeten Kinder (die in der Regel einem weit geringeren Benotungsdruck ausgesetzt sind als Schulkinder) den Schulkindern weit überlegen sind. (Die genannte Punktzahl von 86% ist auf einen landesweiten Durchschnitt von 50% bezogen; d.h. durchschnittliche Schulkinder erreichen lediglich 50%).

An meinen Nachhilfeschülern beobachte ich öfters sogar eine negative Korrelation zwischen Notengebung und Lernerfolg. Ich kann das zwar nicht exakt statistisch belegen; aber ich beobachte, dass gerade die Notengebung bei vielen Schülern Ängste und Stress verursacht, was sich wiederum negativ auf die Konzentrations- und Aufnahmefähigkeit sowie auf die Motivation auswirkt.

Wie haben Sie gehen gelernt? Wurden Sie beim Erreichen des normierten Alters (mit elf Monaten, wenn ich mich nicht irre…) zur Gehschule geschickt, um die vorgeschriebenen Übungen zu absolvieren und täglich benotet zu werden? Wenn Sie dabei umfielen, brauchten Sie dann einen Lehrer, der Sie darauf hinwies, dass Sie einen schlechten Schritt getan hatten, und Ihnen eine ungenügende Note gab? – Oder wie haben Sie gelernt, mit Messer und Gabel zu essen? Mussten Sie darüber eine Prüfung ablegen? – Falls Sie über 30 sind, hat Sie schon einmal jemand darauf hingewiesen, dass Sie eigentlich in diesem Alter ein Flugzeug fliegen, sieben Sprachen sprechen, auf dem Hochseil gehen und Differentialgleichungen lösen können sollten? Sind Sie schon nach diesen Kriterien geprüft und benotet worden? Nicht? Das ist doch die logische Fortsetzung des schulischen Lehrplans…

Beim letztgenannten Beispiel ist es sicher jedem klar, dass nicht alle Menschen dieselben Fähigkeiten haben, und dass das auch nicht nötig ist. „Ausserdem ist der Körper nicht ein einziges Glied, sondern viele. Wenn der Fuss sagte: ‚Weil ich keine Hand bin, gehöre ich nicht zum Körper‘ – ¿gehörte er deswegen nicht zum Körper? Und wenn das Ohr sagte: ‚Weil ich kein Auge bin, gehöre ich nicht zum Körper‘ – gehörte es deswegen nicht zum Körper? Wenn der ganze Körper Auge wäre, wo wäre dann das Ohr? Wenn alles Ohr wäre, wo wäre dann der Geruchssinn? Aber nun hat Gott jedes Glied in den Körper gefügt, wie er wollte. Denn wenn alle ein einziges Glied wären, wo wäre dann der Körper?“ (1.Korinther 12,14-19)

Im normalen Leben wird man auch nicht einem solchen altersabhängigen Zwangslehrplan unterworfen. Zur Fahrprüfung z.B. wird man auch nicht zwangsangemeldet, sondern man meldet sich dann an, wenn man sich (unter Rücksprache mit dem Fahrlehrer) als genügend vorbereitet einschätzt. Warum können schulische Prüfungen (wenn sie denn stattfinden müssen) nicht ebenso gehandhabt werden? Warum verlangen wir von den Kindern, dass alle im selben Alter dieselben Dinge lernen und tun? Gestehen wir nur Erwachsenen ihre Individualität zu, während Kinder gleichgeschaltet werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

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