Vom Sinn oder Unsinn der Schulnoten – 2.Teil

Motivieren Schulnoten zum Lernen?

Im ersten Teil haben wir gesehen, dass Schulnoten eine relativ neue Erfindung sind: An Universitäten wurde eine Notengebung vor rund 200 Jahren eingeführt, an Grundschulen sogar erst vor rund 100 Jahren. Wir haben auch gesehen, dass sich durch die Notengebung die Schulsysteme nicht zum besseren veränderten. Insbesondere sind die Ausbildungen unpersönlicher und starrer geworden. (Siehe dazu auch: „Institution Kirche, Institution Schule: dieselben Probleme“.)
Wir haben dann auch gesehen, dass Schulnoten keineswegs notwendig sind zum Lernen. Nicht nur haben Menschen jahrtausendelang erfolgreich gelernt, bevor es überhaupt Schulnoten gab; auch kann kein ursächlicher Zusammenhang zwischen Notengebung und Lernerfolg nachgewiesen werden.

Eine verwandte Frage ist nun, ob Schulnoten zum Lernen motivieren. Mark W. Durm schreibt:

“ ‚Kommt das an der Prüfung?‘ – Diese Frage hören Lehrer oft von ihren Schülern. Wenn ein Lehrer das hört, sollte er sich bewusst sein, dass diese Schüler wahrscheinlich den Noten eine höhere Priorität zumessen als dem Lernen. Es scheint, dass es für einige* wichtiger ist, einen höheren Notendurchschnitt zu erzielen, als Kenntnisse oder beruflich wichtige Fähigkeiten zu erwerben, und andere Aspekte, die nötig sind, um in der heutigen Welt am Ball zu bleiben. Zudem werden viele Schüler, wenn sie die Wahl haben, dem ‚leicht zufriedenzustellenden Lehrer‘ den Vorzug geben vor demjenigen, von dem sie mehr lernen könnten. Das alles sollte die Lehrer dazu bringen, das gegenwärtige Notensystem in Frage zu stellen.“
(In: „An A Is Not An A Is Not An A – A History Of Grading“, The Educational Forum, vol.57, Spring 1993.)

*Das ist eine gewaltige Untertreibung – ich würde sagen, „für fast alle“!

Dieses Zitat berührt einen wesentlichen Punkt: Die Notengebung motiviert nicht wirklich zum Lernen, sondern sie schafft eine andersartige Ersatzmotivation, welche die eigentliche Lernmotivation verdrängt.
Dadurch entsteht die „Diplomkrankheit“, die in unserer Gegend (und wahrscheinlich nicht nur hier) grassiert: Schüler und Studenten lernen nicht mehr, um sich Kenntnisse und Fähigkeiten anzueignen, sondern nur noch um gute Noten und eben Diplome zu erhalten, von denen sie sich auf dem Arbeitsmarkt einen Vorteil erhoffen. Die Lerninhalte hingegen gehen sogleich nach der Prüfung wieder vergessen. – Auch erwachsene Berufsleute besuchen Weiterbildungsveranstaltungen, deren Inhalt sie weder interessiert noch in ihrem Gedächtnis bleibt, nur um potenzielle Arbeitgeber mit den Bescheinigungen über besuchte Veranstaltungen zu beeindrucken.

Wir hatten schon eine ganze Reihe Nachhilfeschüler, die angeblich kamen, um sich bei den Hausaufgaben helfen zu lassen; aber wenn wir uns Zeit nehmen wollten, um ihnen etwas zu erklären, dann wollten sie nicht zuhören! „Nein, das interessiert mich nicht, ich muss meine Aufgabe fertig haben, sagen Sie mir nur, was ich hier hinschreiben soll.“ Die Aufgabe wirklich zu verstehen, interessierte sie nicht.
Es gibt sogar berufsmässige „Aufgabenlöser“, die ihren Lebensunterhalt davon bestreiten, die Aufgaben anderer Schüler und Studenten zu lösen. Dass die Schüler, die ihre Hausaufgaben auf diese Weise „auslagern“, in Unwissenheit verbleiben, kümmert weder diese „Aufgabenlöser“ noch die Schüler. Anscheinend kümmert es auch die Lehrer nicht, denn diese werden auch nur darnach bewertet, wie viele ihrer Schüler die richtigen Kästchen ankreuzen und wie vollgeschrieben die Schulhefte sind; aber nicht darnach, was die Schüler wirklich können und verstehen.
– Die Lehrerin eines unserer Nachhilfeschüler hat den Lösungsschlüssel des Rechnungsbuches photokopiert und gibt seit Wochen ihren Schülern regelmässig die Hausaufgabe, die Lösungen aus diesen Kopien in ihre (viel zu umfangreichen) Arbeitsbücher abzuschreiben. Wozu? Wahrscheinlich damit sie ihren Vorgesetzten sagen kann, ihre Schüler hätten sämtliche sechshundert-und-ungerade Seiten des Arbeitsbuches durchgearbeitet.
Ein derart falsch verstandenes und falsch angewandtes Schüler- und Lehrerbewertungssystem bringt massenweise diplomierte, aber unfähige Berufsleute hervor, die zwar gelernt haben, wie sie gute Noten erhalten können, indem sie das System austricksen; die aber nicht gelernt haben, was sie zur Ausübung ihres Berufs wirklich brauchen.

Dieses System treibt vielleicht in Europa noch nicht so extreme Blüten wie hier in Perú, wo Praktiken wie die erwähnten im allgemeinen nicht als Betrug empfunden werden. Aber der Bazillus der Diplomkrankheit verbreitet sich überall, wo „Leistungen“ nach Theorieprüfungen und Noten beurteilt werden statt nach dem tatsächlichen Können.

Damit kommen wir zur nächsten Frage:

Was messen Schulnoten eigentlich?

Mein Kommentator schrieb:

„So ist zum Beispiel die Vergabe leistungsgerechter Noten in der „institutionalisierten“ Schule nicht per se unmenschlich, sondern einfach nach absoluten Maßstäben gerecht. In meiner Schulzeit hatte ich keine Probleme damit, dies zu akzeptieren, und auch als Christ ist das Bewusstsein, etwas falsch gemacht zu haben, die Voraussetzung für Umkehr, also überaus wichtig. Das Problem scheint mir hier eher auf der Seite des Schülers zu liegen, wenn er eine solche schlechte Note „persönlich“ nimmt, wenn er also seinen Wert als Mensch dadurch beeinträchtigt sieht, anstatt dies auf seine Leistung zu beziehen. Wenn man aus lauter Mitmenschlichkeit keine schlechten Noten mehr geben darf, dann ist es mit dem Wahrheitsstreben auch nicht mehr weit her, leider.“

Was den Vergleich mit der christlichen Umkehr betrifft, so habe ich seinerzeit schon darauf hingewiesen, dass „mangelhafte“ Schulleistungen in den allermeisten Fällen nicht moralische oder charakterliche Mängel sind, und deshalb die Forderung nach „Umkehr“ in diesem Zusammenhang unangebracht ist.

Was die Forderung nach „Wahrhaftigkeit“ betrifft: Das wäre richtig, wenn das gegenwärtige Schulsystem und seine Beurteilungsmassstäbe als „einzig wahres“ vorausgesetzt wird. Schon diese Voraussetzung muss aber bezweifelt werden. Nicht nur ist dieses System weit davon entfernt, das einzig wahre zu sein, oder auch nur eines der besseren unter den vielen möglichen. Sogar gemessen an den Beurteilungsmassstäben innerhalb dieses Systems, sind Schulnoten nicht „wahr“: Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass ein und dieselbe Schülerarbeit von verschiedenen Lehrern ganz unterschiedlich benotet wird:

„In der Expertise ‚Sind Noten nützlich – und nötig?‘ für den Grundschulverband hat unsere Arbeitsgruppe an der Uni Siegen eine Vielzahl empirischer Studien ausgewertet. Sie zeigen, dass verschiedene Lehrer Leistungen nach ganz unterschiedlichen Kriterien und anhand unterschiedlicher Maßstäbe bewerten. Gibt man dieselben Arbeiten einer größeren Zahl von Lehrern und Lehrerinnen zur Bewertung, streuen die Noten über die ganze Skala von 1 bis 6. Und das nicht nur im Aufsatz, sondern auch in Rechtschreibung und in Mathematik. Für den einen ist der Lösungsweg wichtig, für den anderen zählt nur das richtige Ergebnis. Merkmale der Person wie soziale Herkunft und ethnische Zugehörigkeit, wie Geschlecht und Sprachgewandtheit führen sogar zu systematischen Verzerrungen.“
(Hans Brügelmann, „Misstraut allen Noten!“, „Die Zeit“ 13.7.2006)

Nehmen wir aber einmal um des Argumentes willen an, Schulnoten seien tatsächlich „wahr“ in dem Sinne, dass sie das tatsächliche Verständnis eines Schülers in Deutsch, Mathematik, etc. messen. Selbst dann muss gefragt werden: Ist alles, was „wahr“ ist, deswegen auch nützlich, sinnvoll, hilfreich?

Wir könnten ja statt Deutsch- oder Mathematikkenntnissen (usw.) auch andere Eigenschaften von Menschen in Schulnoten ausdrücken. Wir könnten z.B. jedem Bewohner der Erde eine Note zuordnen, die der Höhe seines Wohnorts über dem Meeresspiegel entspricht. Um diese Punktzahl in eine Skala von 1 bis 6 einzupassen (1=beste, 6=schlechteste Note wie im deutschen System), könnten wir folgende Funktion verwenden: Note = (6000 – Höhe über Meer) : 1000. Bei dieser Notengebung wären Tibeter, Nepalesen und Bewohner des südamerikanischen Andenhochlandes weltweit einsame Spitze mit Noten im Bereich von 1 bis 3. Bewohner von St.Moritz, Davos und Zermatt kämen noch auf eine knappe Vier. Die meisten übrigen Europäer müssten sich mit einer Note zwischen 5 und 6 zufriedengeben.

Eine solche Notengebung wäre zweifellos „wahr“ – sogar noch „wahrer“ (weil objektiver) als Prüfungsnoten in der Schule.

Man kann hier natürlich einwenden, dass die Menschen ja nichts dafür könnten, wo sie wohnen; das sei ja keine „Leistung“. Aber ist es bei Schulnoten so sehr anders?

Ich selber war als Kind einer jener Schüler, denen gute Noten fast von selbst zufallen, weil ich zufällig genau jene Art von Intelligenz hatte, die in der Schule den höchsten Stellenwert hat – bzw. diese Art von Intelligenz schon in einem frühen Alter entwickelte. War das eine „Leistung“? – In meiner schulfreien Zeit konnte ich spielen, oder jene Bücher lesen, die mich selber interessierten, während meine Schulkameraden über ihren von der Schule verordneten Büchern und Hausaufgaben schwitzten. Damit erbrachten sie viel mehr „Leistung“ als ich (wenn man unter „Leistung“ den Einsatz von Arbeitskraft und Fleiss versteht), wurden aber dennoch nicht mit besseren Schulnoten belohnt dafür. Wie „wahr“ oder „gerecht“ ist es, Schüler für etwas zu belohnen oder zu bestrafen, was grösstenteils mit ihrer individuellen Veranlagung oder ihrem individuellen „Entwicklungsfahrplan“ zusammenhängt?

In Wirklichkeit messen also die Schulnoten – unter der Annahme, dass sie tatsächlich eine „Leistung“ auf „wahre“ Weise beschreiben – hauptsächlich die individuelle Entwicklungsgeschwindigkeit eines Kindes. Nun ist diese Entwicklungsgeschwindigkeit aber ziemlich unabhängig vom tatsächlichen Mass der Intelligenz (absolut gesehen) oder „Leistungsfähigkeit“ einer Person!

Was für eine Prognose würden Sie z.B. einem zehnjährigen Jungen stellen, der noch nicht lesen kann? Falls Sie der Meinung sind, ein solcher Schüler könne es nie zu einer höheren Schulbildung bringen, dann haben Sie soeben den Präsidenten der Universität Princeton und nachmaligen US-Präsidenten Woodrow Wilson disqualifiziert. Zum seinem Glück lebte Wilson in einem Land mit grösserer Bildungsfreiheit, wo er zuhause unterrichtet werden konnte und nicht dazu gezwungen wurde, in einem vorgeschriebenen Alter das Lesen zu lernen. Wilson holte als Teenager seinen vermeintlichen „Rückstand“ mit Leichtigkeit auf und schloss seine Universitätsausbildung im Alter von 23 Jahren ab. – Was wäre jedoch aus ihm geworden, wenn er in einem Land aufgewachsen wäre, das bereits kleine Kinder einem starren Lehrplan unterwirft und sie nach Schulnoten selektioniert?

Die andere, äusserst traurige Seite der Medaille wird z.B. durch William Sidis illustriert, der in seinen ersten Schuljahren als „Wunderkind“ gelten durfte, aber in seinem späteren Leben ein Versager war. Oder auch durch das folgende Zitat des Mathematikers Paul Lockhart: „Manch ein Universitätsstudent hat mit Betrübnis entdeckt, nachdem man ihm zehn Jahre lang gesagt hatte, er sei ‚gut in Mathematik‘, dass er in Wirklichkeit keinerlei mathematisches Talent hatte und lediglich gut darin war, den Anweisungen anderer zu folgen.“

Die Lehrerin und Buchautorin Sabine Czerny macht deshalb den Vorschlag einer alternativen Leistungsbeurteilung, die jedem Schüler so viel Zeit lässt, wie er nötig hat, um ein bestimmtes Lernziel zu erfüllen. Sie schreibt dazu:

„Grundsätzlich gilt es den Unterschied zwischen zwei Leistungsmessarten zu verstehen:
– Die eine misst innerhalb einer Gruppe zu einem Zeitpunkt die Leistungen im Vergleich und kürt Gewinner und Verlierer.
– Die andere basiert auf klaren Anforderungen, die erfüllt werden müssen, ist zeitpunktunabhängig, aber leistungsorientiert.“
(Auf http://notenfrei.de/ .)

Es handelt sich also nicht, wie der Name von Czernys Website nahelegen könnte, um eine Forderung nach völliger Abschaffung von Schulnoten bzw. Leistungsbeurteilung. Vielmehr wird gefordert, die Lernziele nicht mehr starr an das chronologische Alter bzw. Schuljahr zu binden, wie das die gegenwärtigen Lehrpläne tun. Damit wäre jeder Schüler frei, seinem individuellen Tempo gemäss zu lernen.

(Fortsetzung folgt)

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