Vom Sinn oder Unsinn der Schulnoten – 3.Teil

In der vorangehenden Folge sind wir bei der Frage stehengeblieben: „Was messen Schulnoten eigentlich?“ Wir sahen dabei, dass Schulnoten nicht eigentlich die „Intelligenz“ oder „Leistung“ eines Kindes messen, sondern vielmehr (da sie von einem starren Lehrplan abhängig sind, der wiederum mit dem chronologischen Alter des Kindes verknüpft wird) dessen Entwicklungsgeschwindigkeit in bezug auf die speziellen von der Schule geforderten Fähigkeiten. Ebenso haben wir gesehen, dass selbst innerhalb dieses Bewertungssystems die Schulnoten weit davon entfernt sind, objektiv zu sein.

Dann muss auch gesagt werden, dass die Auswahl der Kenntnisse und Fähigkeiten, die in der Schule benotet werden, ziemlich willkürlich ist. Howard Gardner z.B. fand bei seinen Forschungen acht verschiedene Formen von Intelligenz, von denen zwei oder drei in der Schule schwergewichtig benotet werden, während die übrigen zu kurz kommen oder überhaupt nicht beachtet werden.

Wer braucht z.B. in seinem alltäglichen Leben mathematische Kenntnisse und Fertigkeiten, die über das sechste Schuljahr hinausgehen? – Einige wenige Berufsrichtungen wie z.B. Ingenieure, Wissenschafter, einige Programmierer (auch nicht alle), Mathematik- und Physiklehrer – das sind schon fast alle. Insgesamt ein recht kleines Segment der Bevölkerung. Wer nicht vorhat, einen dieser Berufe zu ergreifen, muss jahrelang mathematische Konzepte büffeln, die er nachher sogleich wieder vergisst – wozu?

Wer hat es in seinem alltäglichen Leben nötig, Goethe und Schiller zitieren zu können, oder die Daten mittelalterlicher Kriege auswendig zu wissen? Sicher ein noch viel kleineres Segment der Bevölkerung. Wenn ich einmal etwas von dem Genannten wissen muss, kann ich mir doch ein entsprechendes Buch beschaffen und es dort nachlesen. (Oder, seit es Internet gibt, eine Google-Suche starten.)

Wer stand schon in seinem alltäglichen Leben vor einem Problem, zu dessen Lösung er sich selbständig neue Kenntnisse aneignen musste, andere Menschen zu Hilfe bitten musste, mit anderen Menschen zusammenarbeiten musste, sogar zu Gott um Hilfe rufen musste? Wahrscheinlich viele von uns – aber genau diese Fähigkeiten werden in der Schule nicht vermittelt.

In der Schule lernt man in der Regel auch nicht…
… einen Tisch oder ein Bücherregal herzustellen
… einen tropfenden Wasserhahn zu reparieren
… sich in einem Team gegenseitig zu ergänzen, jeder mit den Gaben und Fähigkeiten, die er mitbringt
… eigene neue Ideen zu haben und sie zu verwirklichen
… weise zu entscheiden, was für Kenntnisse und Fähigkeiten man sich aneignen möchte
… den Schwächeren zu helfen
… die Fragen zu stellen, auf die es ankommt
… wo man die Dinge nachlesen kann, die einem in der Schule nicht beigebracht wurden
… Mais zu pflanzen
… eine Kuh zu melken
… ein Pferd zu reiten
… Flöhe zu fangen
… sich selber realistisch zu beurteilen, unabhängig von der Einschätzung anderer
… und noch vieles mehr.

Ob Sie es glauben oder nicht, trotz der eher zufälligen Auswahl handelt es sich bei allen obengenannten um Fähigkeiten, über die ich in meinem Alltagsleben mehrmals froh war sie zu haben – bzw. in Schwierigkeiten kam, weil ich sie nicht hatte, und sehnlichst wünschte, sie zu haben!

Und sogar in jenen Bereichen, die benotet werden, messen die Schulnoten oft nicht die wirkliche Intelligenz oder Leistung. Z.B. messen die meisten Mathematikprüfungen nicht wirklich die mathematische Intelligenz, sondern lediglich die Fähigkeit bzw. Bereitschaft, standardisierte Aufgaben nach einem vom Lehrer vorgegebenen Muster zu lösen. (Mathematische Intelligenz würde sich dagegen in der Fähigkeit zeigen, selber mathematische Gesetzmässigkeiten zu entdecken, und diese auf neuartige Situationen anwenden zu können. Das wird aber an den Schulen in der Regel weder verlangt noch gefördert.)
Ebenso messen die meisten Prüfungen in naturwissenschaftlichen Fächern nicht wirklich wissenschaftliche Fähigkeiten wie z.B. Forschen, Systematisieren, Analysieren und Schlussfolgern, sondern lediglich die Fähigkeit, in einem begrenzten Zeitraum möglichst viele Daten und Fakten im Gedächtnis speichern und auf Verlangen wiedergeben zu können.
In anderen Worten: Prüfungsnoten messen hauptsächlich die eine Fähigkeit, sich durch Auswendiglernen auf eine Prüfung vorzubereiten. Zu anderen, wesentlicheren Fähigkeiten besteht nur ein geringer Zusammenhang. Vom pädagogischen Standpunkt her ist jedoch das „auf-die-Prüfung-Lernen“ ein ziemlicher Unsinn. Die meisten so gelernten Inhalte gehen gleich nach der Prüfung wieder vergessen.

Der Personalchef zum arbeitssuchenden jungen Akademiker: „Und was können Sie sonst noch ausser promovieren?“

(Fortsetzung folgt)

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