Vom Sinn oder Unsinn der Schulnoten – 4.Teil

Wir haben in den früheren Artikeln dieser Serie bereits gesehen, dass Schulnoten als „Intelligenz-“ oder „Leistungsmassstab“ denkbar ungeeignet sind. Dennoch glauben immer noch allzu viele Menschen, der Erfolg eines Menschen hänge von dessen Schulnoten ab. Betrachten wir deshalb das Thema noch aus einem etwas anderen Blickwinkel:

Besteht irgendein Zusammenhang zwischen Schulnoten und späterem Erfolg im Leben?

Als Christ muss ich hier zuallererst bemerken, dass „Erfolg“ aus Gottes Sicht nichts zu tun hat mit einer guten Arbeitsstelle, Reichtum, Macht oder Einfluss. Wie einmal einer meiner Lehrer sagte: „Erfolg in Gottes Augen besteht darin, seinen Willen getan zu haben.“ Darauf wird man in der Schule jedenfalls nicht vorbereitet! Im Gegenteil, man wird darauf trainiert, den obengenannten Götzen dieser Welt nachzujagen.

Aber sogar von den weltlichen Massstäben ausgehend, kann keine Korrelation zwischen Schulnoten und „Erfolg im Leben“ nachgewiesen werden. John Taylor Gatto ist in seinem letzten Buch (u.a.) diesem Thema nachgegangen, und ich möchte hier ausführlich daraus zitieren bzw. übersetzen:

„Das gegenwärtige Hauptziel der Schulzeit, ein Ziel, auf das sich viele selbstzufriedene Menschen etwas einbilden, ist die Produktion von guten Noten in standardisierten Prüfungen – Noten, die mit kaum einem Bereich von Wert eine Korrelation haben. Jeder Präsident der Vereinigten Staaten, seit solche Prüfungen eingeführt wurden, hatte eine mittelmässige oder schwache Note; dasselbe gilt für die meisten Führungskräfte grosser Firmen.
Wenn diese Noten irgendeine Bedeutung hätten, würden dann nicht die Konsumenten ihre öffentliche Bekanntgabe fordern? Würden Sie auf ein Pferd setzen, ohne dessen vorangegangene Leistungen zu konsultieren? Aber Sie sind gezwungen, täglich auf Lehrer, Schuldirektoren, Universitätsprofessoren usw. zu setzen, ohne zu dieser „wertvollen“ Information Zugang zu haben. Was ist das für ein Irrsinn?
„Hohe Leistungsstandards“ und „Standardisierung“ sind zwei sehr verschiedene Dinge, aber die Regeln der Neusprache* haben Sie absichtlich dazu verleitet, die beiden Dinge als dasselbe anzusehen, ebenso wie Sie dazu konditioniert wurden, „Bildung“ und „Schulung“ miteinander zu verwechseln.“
(John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“)

* Neusprache (Newspeak) ist in George Orwells Roman „1984“ die von einer Weltdiktatur neu geschaffene Sprache, die es unmöglich macht, „politisch inkorrekte“ Gedanken auszudrücken.

Gatto begründet seine These ausführlich, dass Schulnoten keinerlei Korrelation zu persönlichem, beruflichem oder finanziellem Erfolg aufweisen. U.a. bringt er die folgenden konkreten Beispiele:

„Wie kommt es dann, dass Washington und Lincoln, unsere zwei besten Präsidenten, beide kaum je zur Schule gingen? Wie können wir die Laufbahn der zwei legendären Industriellen, Carnegie und Rockefeller, erklären, die beide schon auf der Primarstufe von der Schule flogen? Warum wird Schule nur heute als wichtig angesehen, aber zu der Zeit jener Männer nicht?
Wie kam es, dass uns die Auflistung des menschlichen Genoms von einem fürchterlichen Schüler namens Craig Venter gegeben wurde, und von einem zuhause ausgebildeten wiedergeborenen Christen namens Frances Collins, der lernen konnte, was immer er wollte und wie lange er wollte? (…) Collins sagte in einem Interview mit der „New York Times“ vor ein paar Jahren, dass die Regierung des Staates Virginia seine Mutter ins Gefängnis geworfen hätte, wenn sie gewusst hätten, wie „Schule“ bei ihm zuhause aussah. (…) Craig Venter fand die Schule schrecklich langweilig und rächte sich, indem er seine Lehrer bis zum Wahnsinn ärgerte. Oft blieb er der Schule fern, und in den ersten Highschool-(Sekundarschul-)Jahren wurde er die Schule los, weil ein Lehrer eine seiner „F“-Noten in „0-“ abänderte, damit die Schule seiner ledig wurde. (Im amerikanischen System ist „A“ die beste Note.)
Auch Franklin Roosevelts Erfolg wäre kaum vorhergesagt worden aufgrund seines Notendurchschnitts von „C“ in der Sekundarschule und im College. George W.Bush hatte ebenfalls einen Durchschnitt von „C“, aber es war immerhin ein höheres „C“ als jenes von John Kerry, dem Senator von Massachusetts. Al Gore flog von seinem ersten College und schlüpfte gerade knapp durch das zweite mit einem Durchschnitt von „C-„. Dick Cheney, Vizepräsident zu der Zeit, wo ich das schreibe, flog ebenfalls von der Schule. (…)
Die weltweite Dominanz der USA auf dem Computermarkt beruht auf Männern ohne höhere Schulbildung: Bill Gates und Paul Allen von Microsoft – kein College-Abschluss. Steve Jobs und Steve Wozniak von Apple – kein College-Abschluss. (Nachdem Wozniak bereits ein Multimilliardär war, studierte er für ein Diplom, um in Kalifornien Primarschüler unterrichten zu dürfen, wie ich hörte. Keinesfalls aber verdankt er seinen Erfolg seiner Schulbildung.) Michael Dell ist ein weiterer Unsterblicher der Computerwelt ohne höheren Schulabschluss; ebenso Larry Ellison von Oracle.
Ted Turner, der Gründer von CNN, flog im ersten Jahr vom College.
William Faulkner hatte zu schlechte Schulnoten, um an die Universität von Mississippi zugelassen zu werden. Nachdem er im ersten Weltkrieg als Offizier gedient hatte, erhielt er die Zulassung; aber in seinem ersten Semester erhielt er ein „D“ in Englisch und verliess die Universität mit Abscheu, um nie mehr zurückzukehren.
Warren Avis, der Pionier der Autovermietung an Flughäfen, hielt eine höhere Schulbildung für Zeitverschwendung und bewarb sich gar nie darum.
Edward Hamilton, Amerikas grösster unabhängiger Versandbuchhändler, schrieb mir, sein grösster Anfangsvorteil über die Konkurrenz hätte darin bestanden, dass er kein Geld und keine Zeit an einem College verschwendet hätte.
Paul Orfalea, der hochintelligente Gründer von Kinko’s, wurde an seiner Sekundarschule als nicht gerade begabt angesehen, wie er in seinen Memoiren schreibt.
Shawn Fanning, dessen Erfindung von Napster im Alter von 18 Jahren beinahe die Musikindustrie ruinierte, wurde 2007 von dieser selben Industrie für Millionen von Dollars angeheuert, um einen Rettungsplan für sie zu entwerfen. Shawn hatte keinen höheren Schulabschluss und plant gegenwärtig auch keinen zu erlangen.
Warren Buffet begann seine Karriere als Geschäftsmann im Alter von sechs Jahren, indem er in einem heissen Sommer während der Weltwirtschaftskrise der dreissiger Jahre in Omaha, Nebraska, eisgekühltes Coca-Cola verkaufte. Ständig fügte er weitere Geschäfte dazu: er verkaufte verlorene Golfbälle; durchsuchte bei Pferderennen weggeworfene Wettscheine nach zufällig fortgeworfenen Gewinnern; erfand ein System, wie er auf einer einzigen Route 1500 Zeitungen verteilen konnte (…) Vom Alter von 13 Jahren an war er finanziell unabhängig, und mit 18 Jahren hatte er ein Bankguthaben von hunderttausend Dollar. Dann bewarb er sich an der Wharton Business School und wurde abgewiesen. Was Warren Buffet selbständig lernte, durch aktives Eingehen von Risiken, Phantasie und wirkliche Arbeit, das können oder wollen Schulen nie lehren.“
(John Taylor Gatto, a.a.O.)

Umgekehrt sind gute Schulnoten keineswegs ein Vorzeichen späteren Erfolgs. Ein trauriges Extrembeispiel ist James Holmes, der Mörder, der im Juli 2012 an der Premiere des neusten „Batman“-Films zwölf Menschen erschoss und 58 verletzte. Ein Zeitungsbericht sagt über ihn: „Holmes war ein hervorragender Student sowohl am Institut von San Diego wie an der Riverside-Universität in Kalifornien, wo er als einer der Besten seiner Klasse in Neurologie abschloss.“ Auch Adam Lanza, der im Dezember desselben Jahres in einer Schule in Connecticut 27 Personen und dann sich selbst tötete, war ein Schüler mit Bestnoten gewesen.

Es scheint übrigens, dass sich das politische und schulische Establishment durch solche Enthüllungen aufs Äusserste bedroht fühlt. Gatto berichtet den folgenden Vorfall:

„Am 5.März 2004 fuhr ich zur Highland High School im reichen Rockland-Bezirk im Norden von New York City, aufgrund einer Einladung eines Mitglieds der Schulleitung, John Janciewicz. (…)
Ich war gewappnet mit Informationen aus der New York Times, wonach die standardisierten Prüfungsnoten von Lehrern, Schuldirektoren und -superintendenten sich fast zuunterst auf einer Rangliste von zwanzig Berufsgruppen befanden, mit den Superintendenten auf dem allerletzten Platz. Ich sagte den Schülern (ganz ruhig, ich schwöre es!), ihre Eltern sollten fordern, dass jedermann, der an einer Schule ihres Bezirkes angestellt sei, seine eigenen Schulzeugnisse gut sichtbar an seiner Tür veröffentlichen müsste; und das würde das ganze traurige Kartenhaus zum Einsturz bringen.
(…) Die wichtigste Information, die ich vermittelte, war über die Zulassungspolitik an den Universitäten von Harvard, Stanford, Yale, Princeton, und ähnlich angesehenen Institutionen. Diese weisen viele Schüler ab, die an ihrer Schule Bestnoten erzielten. Stattdessen bevorzugen sie Bewerber, die sich in einer speziellen Sache hervorgetan haben (wie die Zulassungsdirektorin von Harvard, Marlyn McGrath, vor einigen Jahren sagte): Hast Du ein erfolgreiches Geschäft begonnen? Hast Du eine wohltätige Organisation gegründet? Hast Du allein die Welt umsegelt, oder bist Du zu Fuss von Feuerland bis nach Alaska gewandert? Kannst Du einen Traktor in Einzelteile zerlegen und ihn allein wieder zusammensetzen? (Tatsächlich haben Teenager schon alle die genannten Dinge getan.)
(…) Und dann geschah es.
Plötzlich stiess ein Polizeidetachement die Türen des Hörsaals mit einem lauten Krachen auf und stürmte in den Raum! Der verantwortliche Offizier rief durch ein Megaphon: „Diese Versammlung ist aufgelöst! Verlasst den Saal sofort! Bleibt ruhig! Kehrt zurück in eure Schulzimmer! Folgt euren Lehrern!“
Das war der merkwürdigste Moment in meinem ganzen Leben. Jedermann im Saal war schon die ganze Zeit ruhig, mit Ausnahme der Polizisten!
Der verantwortliche Offizier rief weiter: „Diese Versammlung ist aufgelöst! Verlasst den Saal sofort!“, und dabei marschierte er mit doppelter Geschwindigkeit auf mich zu und fixierte mich mit den Augen, wie ein Falke einen Sperling ins Auge fasst. Er rief: „Verlassen Sie den Raum sofort. Diese Lektion ist beendet!“ Zweifellos wäre ich verhaftet worden, wenn ich ihm nicht Folge geleistet hätte.
Hatte die Schule eine Bombendrohung erhalten? Nein. Ich war die Bombe. Während ich das Gebäude verliess, holte mich Jankiewicz ein und informierte mich, dass der Superintendent der Schule meine Rede derart aufrührerisch gefunden hatte, dass er die Polizei alarmiert hatte, um mich zum Schweigen zu bringen. Denke darüber nach. Ich hatte ständig in normalem Gesprächston gesprochen. Ich gebrauchte keinerlei Gassensprache. Ich hatte weder aufgeregt noch demagogisch noch verurteilend gesprochen.
Diese Schule hatte zwar keinen derart unverhältnismässigen Polizeieinsatz angefordert wie die Stadt Nürnberg, als sie Melissa Busekros* verhafteten, es waren nur drei Polizisten; aber das Prinzip – wie Du hoffentlich sehen kannst – war dasselbe.“
(John Taylor Gatto, a.a.O.)

* Melissa Busekros wurde im Jahre 2008 als Sechzehnjährige mit Polizeigewalt aus ihrer Wohnung entführt und zwangspsychiatriert. Der einzige Grund dafür: sie war von ihren Eltern zuhause ausgebildet worden, statt zur Schule zu gehen. In jedem anderen Land wäre das Vorgehen der Behörden als schwerwiegende Menschenrechtsverletzung verurteilt worden.

.In einer nächsten Folge möchte ich skizzieren, wie dann eine sinnvollere Alternative zu Schulnoten aussehen könnte.

(Fortsetzung folgt)


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