Vom Sinn oder Unsinn der Schulnoten – 6.Teil

Noten u.ä. als diagnostisches Instrument – Wie wir es handhaben

Unseren eigenen Kindern musste ich nach dem System der Moore-Academy jeweils jährliche Noten erteilen; aber normalerweise bekamen sie diese gar nicht zu Gesicht. Und wenn, dann interessierten sie sich nicht besonders dafür. Diese Noten haben auch nichts mit Selektion zu tun; sie stellen lediglich eine grobe Beurteilung der Qualität der schriftlichen Arbeiten dar, sowie des persönlichen Fleisses und Interesses für ein bestimmtes Thema. (Dr. Raymond Moore rät aufgrund seiner Forschungen über die Entwicklung des Kindes, wenn immer möglich Kinder unter zehn bis zwölf Jahren keinen formellen Prüfungen auszusetzen.)
Was unsere Kinder zum Lernen motiviert, ist weitgehend ihre eigene Neugier und ihr Interesse an verschiedensten Themen, sowie die sicht- und spürbaren Ergebnisse ihrer Arbeit. Z.B. wenn mein Sohn sein Flugzeugmodell in der Hand hält, das er selber konstruiert und zusammengebaut hat. Oder wenn er seinen deutschsprachigen Verwandten einen Brief auf Deutsch geschrieben hat und tatsächlich verstanden wird und eine Antwort erhält. (Unsere Kinder wachsen ja spanischprachig auf; Deutsch ist für sie eine Fremdsprache.)

Natürlich erhalten unsere Kinder Fehler-Feedback nach den im 5.Teil beschriebenen Prinzipien. Manchmal geschieht dies in Form von schriftlichen Korrekturen; häufiger aber in Form einer kurzen persönlichen Besprechung und nachfolgender Nachholarbeit. Das heisst: Ich bewerte nicht einen „momentanen Leistungsstand“, wie das Schulnoten tun; sondern ich gebe von Anfang an ein (erreichbares) Ziel vor, bzw. mein Sohn steckt sich selbst ein solches Ziel, und dann arbeitet er, bis das Ziel erreicht ist – ob das nun im ersten Anlauf geschieht oder mehrere Wochen dauert. (Das gilt für jetzt, wo meine Kinder in die Pubertät eintreten. Jüngere Schüler haben normalerweise nicht die Ausdauer, länger als eine Woche auf ein bestimmtes Lernziel hinzuarbeiten.) Ein solches Ziel kann z.B. darin bestehen, ein bestimmtes Buch zu lesen und eine Zusammenfassung davon zu schreiben; oder in der Lage zu sein, Multiplikationen und Divisionen mit Dezimalbrüchen richtig zu lösen; oder einen Bumerang zu bauen, der beim Werfen wirklich zurückkommt. (Das letztgenannte Ziel trägt übrigens sein Feedback in sich selbst – das ist meistens noch wirksamer als die Fremdbeurteilung durch den Vater bzw. Lehrer.)

Unseren Nachhilfeschülern geben wir überhaupt keine Noten – sie haben in der Schule schon zuviel davon. Mit Ausnahme einer Schülerin, die eines Tages wünschte, Rechnungen zu üben und dafür benotet zu werden. Ich gab ihr Rechnungen von der Art, wie sie sie gerade gelernt hatte – was nicht identisch ist mit dem, was nach dem unflexiblen schulischen Lehrplan von ihr verlangt wurde. Sie erzielte gute bis sehr gute Noten und freute sich sehr darüber, weil sie in der Schule höchst selten so gute Noten erhielt. Dennoch waren das keine „guten Noten aus Mitleid“, sondern streng nach einer linearen Skala errechnete „wahre“ Noten. Nur war die Aufgabenstellung – im Gegensatz zu den schulischen Aufgaben – dem tatsächlichen Lernen des Mädchens angemessen, sodass die Noten ihren tatsächlich eingetretenen Lernerfolg massen.

Was wir hingegen mit den meisten unserer Nachhilfeschüler tun, ist eine Beurteilung mit Hilfe einiger der von Jean Piaget vorgeschlagenen Experimente zur Einschätzung des mentalen Entwicklungsstandes. Also eine „diagnostische“ Beurteilung wie oben beschrieben. Die Ergebnisse helfen uns zu verstehen, was und wieviel wir von jedem Schüler verlangen können, und erklären manchmal auch, woher die schulischen Probleme der Kinder kommen. Normalerweise sprechen wir auch mit den Eltern über unsere Beobachtungen und die sich daraus ergebenden Konsequenzen.
Z.B. kommt es oft vor, dass Kinder zu uns kommen, die bereits in der zweiten Klasse sind, aber dann stellt sich heraus, dass die mit „konkreten Operationen“ verbundenen Fähigkeiten bei ihnen noch gar nicht entwickelt sind und sie demnach noch gar nicht in der Schule sein sollten. Leider haben aber unsere Elterngespräche meistens keine weiteren Konsequenzen, weil wir keinen „offiziellen“ Status haben und deshalb keinerlei Massnahmen anordnen können, und die Eltern von sich aus selten etwas unternehmen. Die Lehrer interessieren sich in der Regel nicht für eine gesunde Entwicklung der Kinder, und die Schulbürokratie erst recht nicht. Das ist eine der grössten Frustrationen in unserer Arbeit: Wir wissen aus Erfahrung, dass diese Kinder mit viel weniger Stress, Druck und Schulstunden dasselbe (oder mehr) lernen könnten, wenn man ihnen nur zuerst genügend Zeit liesse, sich kindgemäss zu entwickeln. Aber da man ihnen diese Zeit nicht lässt, verbringen sie ihre gesamte Freizeit sinnlos hinter Aufgaben, die ihnen gar nicht angemessen sind, und werden erst noch als „faul“ oder „dumm“ etikettiert.

Für die Zeit, wo die Kinder bei uns sind, hilft uns aber eine solche „Diagnose“, ihnen Tätigkeiten vorzuschlagen, die ihrem Entwicklungsstand und Können angemessen sind. Als Bestätigung sehen wir dann meistens, dass sie zu diesen Tätigkeiten viel motivierter sind als zu den Schularbeiten – und dabei tatsächlich etwas lernen.

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