Archive for April 2013

Das Gemeindewachstum, das keine Erweckung war

27. April 2013

Europäische Evangelikale schauen manchmal bewundernd oder neidisch auf die Gemeindewachstumsstatistiken in anderen Kontinenten – z.B. in Lateinamerika: „Dort wachsen die Gemeinden! Was machen die bloss anders als wir? Ist dort eine Erweckung ausgebrochen?“

Nun, ich wohne in einem solchen „Gemeindewachstumsland“. Insbesondere in den 90er Jahren sind die evangelikalen Kirchen in Perú zahlenmässig stark gewachsen. Waren die Evangelischen vor 1990 noch eine verschwindend kleine Minderheit in diesem offiziell katholischen (in Wirklichkeit aber mehrheitlich heidnischen) Land, so sprechen Statistiken heute von 15 bis 20% Evangelischen/Evangelikalen. Hat Perú also Erweckung erlebt?

Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Aber nachdem ich eine grosse Zahl von Kirchen näher kennengelernt habe, muss ich leider sagen, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte wird besser durch das folgende, John Stott zugeschriebene Zitat ausgedrückt:

„Die christliche Kirche hat sich enorm ausgebreitet. Sie ist jetzt tausend Kilometer breit, hat aber nur noch einen halben Zentimeter Tiefgang.“

Die blosse Tatsache, dass viele Menschen sich jetzt „evangelisch“ bzw. „evangelikal“ statt „katholisch“ nennen, sagt noch nichts über ihren Herzenszustand aus. Hätten wir wirklich 15 bis 20% wiedergeborene Christen in Perú, dann sähe dieses Land anders aus!

Wenn ich mich umsehe, sehe ich nicht viel christlichen Einfluss. Mit Ausnahme der Aushängeschilder über den Türen von Kirchengebäuden, und ab und zu der Stimme eines evangelischen Predigers oder Sängers im Radio. Aber ich sehe in den Zeitungen keine Nachrichten über die grossen Taten Gottes. Ich sehe nichts davon, dass die Fernsehserien weniger unmoralisch wären als früher. Ich sehe nichts davon, dass die Politik sauberer und ehrlicher geworden wäre – obwohl es seit etwa zehn Jahren eine politische Partei gibt, die sich „evangelisch“ nennt, wenn es ihr gerade passt; aber diese Partei hat bis jetzt nicht gerade ein gutes Zeugnis gegeben. Ich sehe nichts davon, dass die Leute im allgemeinen, oder die Evangelischen im besonderen, ehrlicher oder grosszügiger oder zuverlässiger geworden wären. Ich sehe in dieser Hinsicht auch keinen Unterschied zwischen den Evangelischen und der übrigen Bevölkerung. Parallel zum Wachstum der evangelischen Gemeinden hat auch die Korruption und die Kriminalität zugenommen.

Andere lateinamerikanische Länder erleben ähnliches. In Guatemala z.B. jubelten die Evangelischen, als mit Elias Serrano erstmals ein Evangelischer zum Präsidenten gewählt wurde. Aber einige Jahre später musste er wegen Korruption seine Präsidentschaft abgeben.

Vergleichen wir damit, was z.B. während der Erweckung in Wales (1904-1905) geschah: Viele Richter und Polizisten hatten keine Arbeit mehr, weil kaum noch Verbrechen begangen wurden. Viele Bars schlossen, weil es kaum noch Trinker gab. Die Zeitungen waren voll von Nachrichten über Gottes Wirken in der Erweckung. Sogar die Pferde in den Bergwerken spürten die Veränderung, weil die Bergwerksarbeiter sie jetzt mit Liebe behandelten statt mit Flüchen und Schlägen. Die Menschen hatten nicht nur ihre Religion geändert, sondern ihre Herzen.
– Ähnliches wird auch von anderen historischen Erweckungen berichtet, z.B. von der methodistischen Erweckung in England, von der koreanischen Erweckung anfangs des 20.Jahrhunderts, u.a. Was für ein Kontrast zur Situation in Lateinamerika!

Das führt zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Zahlenmässiges Wachstum ist noch keine Erweckung. Das zahlenmässige Wachstum kann sogar gerade die Abwesenheit von Erweckung verschleiern.

In einer echten Erweckung erhöht sich das Mass der Heiligkeit, und Bekehrungen sind mit radikalen Lebensveränderungen verbunden.
Aber im gegenwärtigen Wachstum werden die meisten neuen „Bekehrten“ mit einer Predigt der „billigen Gnade“ gewonnen, und haben nie wirklich ihre Sünden bereut.

In einer echten Erweckung gewinnen die Prediger und die Christen im allgemeinen Mut, um gegen die Unmoral in ihrem eigenen Leben, in der Gesellschaft, und innerhalb der Kirchen anzugehen. Der Kontrast zwischen den echten Christen und der unbekehrten Welt tritt viel schärfer zutage.
Aber im gegenwärtigen Wachstum passt sich die Kirche der Welt an und biedert sich bei den Regierungen an. Für die Menschen ist es einfacher, ihre Religion zu wechseln, weil es jetzt salonfähig geworden ist, evangelisch zu sein.

In einer echten Erweckung nehmen die Christen wieder das Wort Gottes als Leitlinie, Grundlage und Autorität für ihr Leben ernst.
Aber im gegenwärtigen Wachstum wird der liberalen Theologie mehr und mehr Raum gegeben, welche das Wort Gottes anzweifelt und verachtet.

In einer echten Erweckung werden Christen aus verschiedenen Hintergründen eins; nicht weil sie nach ökumenischer Manier ihre Überzeugungen aufgeben würden, sondern im Gegenteil, weil sie gemeinsam Jesus näherkommen und ihre Hingabe an ihn radikaler wird.
Aber im gegenwärtigen Wachstum nimmt das Konkurrenzdenken zwischen Gemeinden und Denominationen zu, und es entstehen immer neue Spaltungen und Splittergruppen.

In einer echten Erweckung steht Gott und sein lebensveränderndes Wirken im Mittelpunkt.
Aber im gegenwärtigen Wachstum stehen Pastoren und andere Leiter, sowie von Menschen gemachte Programme, Methoden und Kampagnen im Mittelpunkt.

Die solcherart gewachsenen und aufgeblähten Kirchen hätten selber eine echte Erweckung am nötigsten. Das gegenwärtige Gemeindewachstum in Lateinamerika ist leider mit Sicherheit keine Erweckung. Umso notwendiger ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, was Kennzeichen einer echten Erweckung sind.

Was ich am Bildungssystem ändern würde

18. April 2013

In einem Blog fand ich diese Frage: „Was würdest du am Bildungssystem ändern?“ – Ich fand die Frage interessant und schrieb eine Antwort, und ich denke, sie würde auch in mein eigenes Blog gut hineinpassen:

Was ich am Bildungssystem ändern würde? (Ich nehme an, der Verfasser der Frage meint „Schulsystem“.) Nun, nichts. Ja, im Ernst! Ich würde es nicht einmal versuchen. Ich würde einfach mich selber und meine Familie davon fernhalten, und mich nicht weiter darum kümmern. (Das ist es ja, was ich effektiv tue – weitgehend.)

Warum? – Weil Bildung und Erziehung kein „System“ ist. Es ist vielmehr etwas, was wir natürlicherweise in unseren täglichen persönlichen Beziehungen tun, wann immer wir mit Menschen zusammen sind, die etwas von uns lernen können (und wollen). Das gilt natürlich zuallererst für Eltern ihren Kindern gegenüber; und dann für alle Menschen, die irgendwelche besonderen Kenntnisse oder Fähigkeiten haben, von denen andere Menschen lernen können. Das einzige „Problem“, das hierbei möglicherweise auftritt, besteht darin, wie die beiden miteinander in Kontakt kommen können: derjenige, der sich eine bestimmte Fähigkeit aneignen möchte, und derjenige, der das nötige Wissen und die nötige Erfahrung anbieten kann, um diese Fähigkeit zu lernen.

So hat Erziehung und Bildung schon immer – und gut – funktioniert, in den meisten Kulturen und Gesellschaften bis um die Mitte des 19.Jahrhunderts. Zuerst bildeten die Eltern ihre Kinder in den grundlegenden Fähigkeiten und Werten des Lebens aus. Wenn diese ins Teenageralter kamen, suchten sie einen „Lehrmeister“, der sie in einen Beruf, ein Handwerk oder ein akademisches Wissensgebiet einführen würde.
Das funktionierte für die griechischen Philosophen und ihre Schüler; es funktionerte für das alte Israel und für Jesus mit seinen Jüngern; es funktionierte für die mittelalterlichen Handwerker und Universitätsstudenten; es funktionierte für die Gründer und Pioniere der USA; und es funktionierte für die meisten grossen Wissenschafter, Entdecker, Staatsmänner, Prediger, Künstler, und alle möglichen berühmten Leute der Vergangenheit. (Siehe „Genies ohne Schule“.)

Es ist also überhaupt nicht nötig, Bildung und Erziehung in ein „System“ einzuschliessen, zu normieren und Gesetze darüber aufzustellen, staatliche Aufseher darüber einzusetzen und Steuergelder dafür auszugeben. Das alles tötet nur die wirkliche Bildung.

Was wir wirklich brauchen, sind wiederum „Meister“, die tatsächlich wertvolle Fähigkeiten und Kenntnisse anzubieten haben, sodass andere von ihnen lernen können – und das auf persönliche und unterschiedlichste Arten. (Wusstest Du, dass es bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert niemand gewagt hätte zu sagen, er sei „Lehrer von Beruf“? Es war einfach unannehmbar, dass jemand „nur Lehrer“ wäre und nichts weiter. Man musste zusätzlich zumindest eine wirklich sinn- und wertvolle Fähigkeit beherrschen; und dann wurde es als selbstverständlich angesehen, dass man auch in der Lage war, diese Fähigkeit andern zu vermitteln.)
Wir hätten dann tausende von Menschen, die andere auf tausend verschiedene Arten lehren würden; und so hätte jeder Schüler die Chance, einen Lehrer oder Meister zu finden, der ihn auf eine wirklich seinen persönlichen Bedürfnissen angemessene Weise lehren könnte. Damit wäre es überhaupt nicht mehr nötig zu diktieren „wie gelehrt werden soll“; es wäre nicht mehr nötig, sich die Haare zu raufen über Schüler mit „Lernstörungen“ (welche durch genau dieses Diktieren und Normieren überhaupt erst verursacht werden); es wäre auch nicht mehr nötig, Lehrer dazu „auszubilden“, die Forderungen der Bürokratie zu erfüllen (diese Fähigkeit ist so etwa das einzige, was offiziell ausgebildete Lehrer vor nicht offiziell ausgebildeten auszeichnet).
Einige dieser „Meister“ werden ihre Schüler oder Jünger in Klassenzimmern versammeln wie eine traditionelle Schule. Andere werden sie individuell im persönlichen Kontakt lehren. Andere werden sie zu Reisen, Exkursionen, praktischen Experimenten und Arbeitserfahrungen mitnehmen. Andere werden ihnen anspruchsvolle Aufgaben zum Selber-Erarbeiten geben und werden sie nicht zum voraus „lehren“, ausser als Antwort auf die Fragen und Hilferufe des Schülers. Andere werden wieder andere Methoden anwenden, oder eine Kombination von all diesen, oder werden neue erfinden. Falls einer von diesen „Meistern“ wirklich unfähig sein sollte, seine Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzuvermitteln, dann würde er das mit der Zeit selber herausfinden, denn er hätte bald keine Schüler mehr.

Natürlicherweise würde dieses „Lehren“ und „Lernen“ (in den Teenager- und frühen Erwachsenenjahren) zum grössten Teil am Arbeitsplatz stattfinden. Das ist es ja, was sogar das gegenwärtige Bildungssystem zu tun vorgibt (obwohl es dies in Wirklichkeit kaum tut): junge Menschen auf ihre zukünftige Arbeit vorzubereiten. Warum also sollen wir sie nicht gleich von Anfang an arbeiten lassen – während sie aber gleichzeitig von einem „Meister“ lernen? (Die Schweiz hat z.Z. immer noch ein so ähnliches System der Berufslehren für die meisten nicht-akademischen Berufe; und ich hoffe sehr, diese Idee kapituliert nicht so bald vor der Verschulung der Gesellschaft.) Dann würden sie selber sehen, was für Fähigkeiten und Kenntnisse sie für ihre spezifische Arbeit benötigen; und dies wiederum würde sie zum Lernen motivieren. Ganz anders als wenn man in einem Klassenzimmer sitzt, von der wirklichen Welt isoliert, und über Dinge lesen und schreiben muss, die man noch nie im Leben gesehen hat, nur weil man „dies später (wann?) brauchen wird“.

Warum fangen wir nicht einfach an, jeder von uns da, wo wir gerade sind? Suche „Meister“, von denen du lernen kannst, und bitte sie inständig, dich zu lehren. Und lehre die Menschen, mit denen du natürlicherweise zusammen bist, jene Fähigkeiten, die Du bereits beherrschst. Ich weiss, daraus wird sich kein Bildungs“system“ ergeben; aber es würde eine Menge von Bildungsangeboten, -alternativen und -innovationen schaffen. Und wenn sich diese Art der Bildung durchsetzt, dann wird sie möglicherweise das ganze Bildungssystem überhaupt unnötig und überflüssig machen.

Die Täufer – Teil 5

11. April 2013

Spätere Entwicklung der Täufer

Die Verfolgung der Täufer dauerte über ein Jahrhundert lang an. Z.B. wurde 1659 in der Schweiz, im reformierten Kanton Bern, folgendes Edikt erlassen (Auszüge nach dem „Märtyrerspiegel“ von Th.J.Van Braght):

„… Ihre Lehrer, von denen einer oder mehrere nach gründlicher Suche verhaftet werden können, sollen vom Gerichtsdiener in unser Waisenhaus gebracht werden, wo sie in Sicherheit gehalten werden, um dort die nötigen Schritte zu ihrer Bekehrung zu unternehmen; oder wenn sie halsstarrig bleiben, sollen sie angemessen bestraft werden. In der Zwischenzeit sollen die Amtshaber ihren Besitz einziehen und uns dessen Inventar überreichen. (…)

Aber jene, die keine Warnung, Belehrung oder Ermahnung annehmen wollen, sondern ungehorsam und störrisch bleiben, noch widerrufen oder von ihrem Irrtum ablassen, sollen des Landes verwiesen werden, und ihre Halsstarrigkeit und Verworfenheit soll den von uns beauftragten Direktoren über die täuferischen Angelegenheiten bekanntgemacht werden, damit sie unsere Befehle in dieser Hinsicht erwarten.

Und wenn solche halsstarrigen und irrenden Personen gemäss dem erwähnten Bericht gerichtlich verurteilt werden, sollen sie unter Bewachung zur Grenze eskortiert und definitiv aus unserem Gebiet vertrieben werden, mit einem Gelübde (anstelle eines Eides, da sie keine Eide schwören), bis zu ihrer offenbaren Bekehrung; und wenn sie trotz des Verweises unbekehrt zurückkehren und gefasst werden, und nicht widerrufen, sondern halsstarrig in ihrem Irrtum verbleiben wie zuvor, dann sollen sie jedesmal, wenn dieses geschieht, öffentlich mit Ruten gezüchtigt werden, gebrandmarkt, und wiederum aus dem Land vertrieben werden. (…)

Ausserdem erklären und verbieten wir streng, dass niemand, wer immer es auch sei, einheimische oder ausländische Wiedertäufer aufnehme oder beschütze, seien es Verwandte oder nicht; noch zu ihren Versammlungen, Predigten usw. helfe, indem er ihnen Häuser oder Scheunen zur Verfügung stelle; noch ihnen mit anderen Mitteln helfe; noch irgendwelchen Umgang mit irgendeinem von ihnen pflege, weder schriftlich noch mündlich (…)“

Dasselbe geschah in anderen Ländern, sowohl reformierten wie katholischen. Nur in den Niederlanden fanden die Täufer ein wenig Ruhe. Als im 17.Jahrhundert englische „Dissenters“ anfingen, in Nordamerika Kolonien zu gründen, flohen auch die meisten Täufer nach Amerika, wo sie in Freiheit leben konnten. Aber viele von ihnen verloren ihren missionarischen Eifer und ihre christliche Radikalität, und wurden traditionalistisch und gesetzlich. Es ging ihnen ähnlich wie anderen Erweckungen: Nach einer gewissen Zeit wurden sie „respektabel“, begannen sich auf dieser Erde einzurichten und zu institutionalisieren, und zugleich entfernten sie sich von dem christlichen Leben, das sie anfangs gehabt hatten. Einige dieser Gruppierungen, wie z.B. die „Amish“ in den USA, sind v.a. bekannt für ihre Traditionsgebundenheit in äusserlichen Dingen: sie leben heute noch wie ihre Vorfahren im 17.Jahrhundert und lehnen die moderne Technik ab. Andere wiederum, wie z.B. gewisse Sektoren der Mennoniten, nähern sich der ökumenischen Bewegung an und folgen so den Strömungen dieser Welt.

So sind die Täufer ein weiteres Beispiel für den Kreislauf von Erweckung und Abfall, der sich durch die ganze Kirchengeschichte hindurch beobachten lässt. Wie fast alle echten Erweckungen, wurden sie aus dem Wunsch heraus geboren, zu den Anfängen der christlichen Kirche zurückzukehren. Da die institutionellen Kirchen ihrer Zeit sich weit von diesen Anfängen entfernt hatten, war ein Konflikt mit ihnen unvermeidlich. Aber inmitten dieser Konflikte und Verfolgungen blühte und verbreitete sich die täuferische Erweckung. In der ganzen Kirchengeschichte waren sie eine der Bewegungen, die am längsten in einem Erweckungszustand verblieben. Doch auch sie erlebten später eine Zeit der Abkühlung. Ohne es bewusst zu wollen, richteten sie ihre eigenen Traditionen auf; und in späteren Generationen verdrängten diese Traditionen allmählich das echte geistliche Leben. Sodass wiederum eine Erweckung nötig wurde…

Die Täufer – Teil 4 (Menno Simons)

4. April 2013

Menno war ein niederländischer katholischer Priester. Er trat sein Priesteramt an, ohne je die Bibel selber gelesen zu haben. Aber während zwei Jahren hatte er starke Zweifel an der Transsubstantiationslehre (d.h. dass im Messopfer die Hostie und der Wein sich physisch in den Leib und das Blut Jesu verwandeln). Da diese Zweifel weder durch Gebet noch durch Beichten und Bussübungen verschwanden, beschloss Menno schliesslich, die Sache in der Bibel zu untersuchen. Da fand er zu seiner grossen Überraschung, dass diese katholische Lehre keine biblische Grundlage hat.
Nach dieser Entdeckung begann sich Menno reformierten Lehren zuzuneigen. Er begann die Autorität der Bibel anzuerkennen, über den kirchlichen Leitern. Er begann auch einige Werke der Reformatoren zu lesen, und nahm Kontakt zu Täufern auf. (Einige von diesen waren Anhänger Müntzers.) In der Tauffrage fand er, dass die Reformatoren „jeder seinem eigenen Sinn folgte“ und sie sich gegenseitig widersprachen. Er kam zum Schluss, dass die täuferische Auffassung die biblische war.
Andererseits sah er auch, dass die Anhänger Müntzers irrten in ihrem Unterfangen, ein „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu gründen. Er ermahnte sie ab und zu, sich von ihrem Irrtum abzuwenden, und hatte bei einigen von ihnen Erfolg. Aber er lebte weiterhin das bequeme und luxuriöse Leben eines Priesters.

Sein Leben änderte sich dramatisch nach der Schlacht von Münster (und einem ähnlichen Vorfall in den Niederlanden). Menno war entsetzt über die Nachricht und zutiefst verstört. Er fühlte sich an dem Blutvergiessen mitschuldig, weil er – wie er später sagte – die Möglichkeit gehabt hätte, viele Anhänger Müntzers zu konfrontieren und von ihrem Irrtum abzubringen, aber er hatte nur einige wenige gewarnt. Seine eigene Bequemlichkeit war ihm wichtiger gewesen als das geistliche Leben seiner Brüder.
So demütigte sich Menno zutiefst vor Gott und beschloss sich definitiv den Täufern anzuschliessen. Er gab sein Pfarramt auf und begann ein Leben im Untergrund: Da er verfolgt werden würde, konnte er keinen festen Wohnsitz mehr haben. Während vielen Jahren seines Lebens konnte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen.
Schon als Priester hatte Menno die biblische Wahrheit verkündigt, sobald er sie verstanden hatte. Aber sein Leben entsprach nicht der Wahrheit, die er predigte. Deshalb wurden seine Predigten zwar gut aufgenommen, brachten aber kaum geistliche Frucht. Seine Entscheidung, das Pfarramt aufzugeben und die katholische Kirche zu verlassen, um „das Kreuz Christi zu tragen“, war seine eigentliche Bekehrung. Er selber schreibt über diesen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben:

„… Nachdem das geschehen war, fiel das Blut der Opfer, obgleich sie verführt waren, so heiss auf mein Herz, dass ich es nicht ertragen, noch Ruhe in meiner Seele erlangen konnte. Ich überdachte mein unreines, fleischliches Leben, dazu meine heuchlerische Lehre und Abgötterei, die ich täglich im Schein der Gottseligkeit gegen meine Seele verübte (gemeint ist das Zelebrieren der Messe); sah mit Augen, dass diese eifrigen Kinder (die Anhänger Müntzers) Leib und Gut, wiewohl nicht in heilsamer Lehre, für ihre Lehre und ihren Glauben freiwillig hingaben. Und ich war einer derer, die einige von ihren Greueln zum Teil auch entdeckt hatte, und blieb doch noch bei meinem losen Leben und bekannten Greueln; allein darum, dass ich das Gemach meines Fleisches pflegen und ausserhalb des Herrn Kreuz bleiben konnte.
Bei dieser Betrachtung hat mich meine Seele also genagt, dass ich es nicht länger aushalten konnte. Ich dachte bei mir selbst: Ich elendiger Mensch, was soll ich machen? So ich bei diesem Wesen bleibe, und meines Herrn Wort in meiner empfangenen Erkenntnis nicht belebe; der Gelehrten Heuchelei, und das unbussfertige, fleischliche Leben, und ihre verkehrte Taufe, Nachtmahl und falschen Gottesdienst nicht nach miner geringen Gabe mit des Herrn Wort bestrafe; den rechten Grund der Wahrheit um der Furcht meines Fleisches nicht entdecke; die unschuldigen, irrenden Schafe, die so gern recht tun möchten, wenn sie es nur recht wüssten, nicht nach besten Kräften zu der rechten Weide Christi weise; – ach, wie wird das vergossene Blut, wiewohl es im Missbegriffe floss, in dem Gerichte des allmächtigen und grossen Gottes gegen dich auftreten und über deine arme, elendige Seele vor deinem Gott das Recht aussprechen.
Das Herz erbebte in meinem Leibe; ich bat meinen Gott mit Seufzen und Tränen, er wolle mir betrübten Sünder die Gabe seiner Gnade geben; mir ein reines Herz verleihen; meinen unreinen Wandel und eitles Leben, durch die Verdienste des roten Blutes Christi, gnädiglich vergeben; mich mit Weisheit, Geist, Freimütigkeit und einem männlichen Mut beschenken, damit ich seinen anbetungswürdigen, hohen Namen und sein heiliges Wort unverfälscht predigen, und seine Wahrheit zu seinem Preise an den Tag bringen möchte.“

Danach sagt er:

„Ich fing an im Namen des Herrn das Wort einer wahren Busse von der Kanzel öffentlich zu lehren; das Volk auf den schmalen Weg zu weisen; alle Sünden und Gottlosigkeit, dazu alle Abgötterei und falschen Gottesdienst, mit Kraft der Schrift zu bestrafen; den rechten Gottesdienst, auch Taufe und Nachtmahl, nach dem Sinn und der Lehre Christi, öffentlich zu bezeugen, nach dem Grade meiner zu jener Zeit von Gott empfangenen Gnade.
Auch habe ich einen jeglichen gegen die Münsterschen Greuel, als gegen König, Vielweiberei, Reich, Schwert, etc. getreulich gewarnt, bis mir der gnädige, grosse Herr, nach einer Zeit von etwa neun Monaten, seinen väterlichen Geist, seine Hilfe, Kraft und Hand reichte, dass ich meinen guten Ruf, Ehre und Namen, welche ich bei den Menschen hatte, und alle meine antichristlichen Greuel, Messen, Kindertaufe, eitles Leben, und zwar alles auf einmal, freiwillig verliess, mich in alles Elend und Armut unter das drückende Kreuz meines Herrn Christi williglich begab; in meiner Schwachheit meinen Gott fürchtete; nach gottesfürchtigen Menschen suchte, und auch etliche, wiewohl wenige, in gutem Eifer und Lehre fand; zu den Verkehrten redete; einige, durch Gottes Hilfe und Kraft, aus den Banden ihrer Verdammnis mit Gottes Wort erlöste und Christo gewann, und die Halsstarrigen und Verstockten dem Herrn befahl.“
(In: „Die Bekehrung Menno Simons und sein Ausgang aus der römischen Kirche“.)

Da erfuhr Menno, was jeder Erweckungspionier erlebt: Solange man mit der institutionellen Kirche Kompromisse schliesst und ihren Leitern zu gefallen sucht, kann man die Wahrheit verkünden, so viel man will, ohne in grössere Schwierigkeiten zu kommen – aber man wird auch keine echte Umkehr bewirken unter den Zuhörern. Sobald man jedoch konsequent den Weg des Herrn geht und die institutionelle Kirche direkt zurechtweist, verliert man jeglichen guten Ruf und muss alle Arten von Verleumdungen und Verfolgungen erleiden, wie der Herr sagt:
„Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen schmähen und verleumden, und lügnerisch alles Böse gegen euch reden. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist gross in den Himmeln; denn so verfolgten sie die Propheten vor euch.“ (Matthäus 5,11-12)

In Mennos eigenen Worten:

„Ich bin gottlos gewesen, und habe das Panier der Ungerechtigkeit getragen manches Jahr; der erste war ich in aller Torheit; unnütze Worte, Eitelkeit, Spielen, Saufen, Fressen, waren mein Zeitvertreib alle Tage, Gottesfurcht war nicht vor meinen Augen, dazu war ich auch ein Herr und Fürst in Babel geworden, ein jeglicher suchte und begehrte mein, die Welt liebte mich und ich die Welt, der erste Platz war mein bei den Gastmahlen und in Synagogen (…) Sobald ich aber das alles mit Salomon für Eitelkeit, und mit Paulo für Schaden achtete, das hoffärtige, gottlose Leben dieser Welt verliess, dich und dein Reich suchte, das ewig bleiben wird, habe ich allenthalben das Gegenteil gefunden: zuvor war ich geehrt, nun bin ich entehrt, zuvor lieb, nun verhasst, zuvor ein Freund, nun ein Feind, zuvor weise, nun ein Tor, zuvor fromm, nun böse, zuvor ein Christ, nun ein Ketzer, ja ein Greuel und Missetäter bin ich einem jeglichen geworden.“
(In: „Der fünfundzwanzigste Psalm, gebetsweise ausgelegt“.)

Man sollte verstehen, dass „die Welt“ sich hier nicht nur auf die ungläubige Welt bezieht. Menno meint damit auch jene Glieder seiner Pfarrei, die zuvor schon die Wahrheiten angenommen hatten, die er predigte. Schon vor seiner Bekehrung war Menno Simons als „evangelischer Prediger“ bekannt gewesen, weil er reformierte Lehren predigte. Die niederländische Kirche war ziemlich tolerant inbezug auf die Predigten der Priester: sie waren frei, reformierte Lehren zu predigen – solange sie nicht versuchten, direkt die Praxis der Kirche zu ändern. Deshalb war Menno „von allen geliebt“, solange er lediglich predigte; aber diese Liebe verwandelte sich in Hass, sobald er anfing, seine Predigt in die Praxis umzusetzen.

Etwa ein Jahr später kam eine Gruppe von sieben oder acht Täufern zu Menno, „welche mit mir ein Herz und eine Seele waren, und deren Glauben und Leben, soweit menschliche Beurteilung reicht, unsträflich waren; sie waren in Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Schrift von der Welt abgeschieden, dem Kreuze unterworfen; hatten nicht allein gegen die münstersche, sondern auch wider die Verfluchungen und Greuel aller Welt Sekten einen herzlichen Abscheu“, wie Menno sagt. Sie baten ihn inständig, das Talent zu gebrauchen, das Gott ihm gegeben hatte, indem er ihr Leiter und Prediger würde.
Menno wurde angesichts dieser Bitte von Furcht übermannt. Er fühlte sich ungenügend und zu schwach für diese Aufgabe; aber andererseits sah er auch die grosse Not: Die niederländischen Täufer waren in jener Zeit tatsächlich „wie Schafe ohne Hirten“. Er versprach, über der Sache zu beten, und bat die Brüder, dasselbe zu tun. So wurde er schliesslich davon überzeugt, dass es Gottes Wille für ihn war, die Leiterschaft der niederländischen Täufer zu übernehmen.
Damit begann ein ruheloses Leben: ständig war Menno unterwegs, lehrte die Brüder, evangelisierte die Ungläubigen, und taufte die Bekehrten. Die Regierung erfuhr bald von seiner Tätigkeit. Überall wurde er gesucht, weshalb er ständig von einem Ort zum nächsten flüchten musste. Um 1540 schrieb er, dass es ihm nicht möglich war, eine kleine Hütte oder auch nur einen Schweinestall zu finden, wo seine Frau und seine kleinen Kinder ein Jahr lang oder auch nur ein halbes Jahr hätten ungestört leben können. Mehrere Brüder wurden zum Tod verurteilt, nur weil bekannt wurde, dass sie Menno bei sich untergebracht hatten. Aber Gott gebrauchte ihn mächtig, um die niederländischen Täufer auf den Grund der Schrift zurückzubringen (denn viele waren durch die Lehren der Extremisten verwirrt worden), sie zu einigen, aufzubauen, und in ihrem Glauben zu stärken. Da er ihr anerkannter Leiter war, wurden sie bald „Mennoniten“ genannt. (Die Denomination dieses Namens existiert noch heute.)
Seine Reisen führten ihn durch die ganzen Niederlande und auch in das benachbarte Deutschland. Er hatte mehrere Dispute mit reformierten Leitern, sowohl schriftlich wie auch persönlich; aber auch mit den Anhängern von Thomas Müntzer und von David Joris.
Öfters wurde Menno auf übernatürliche Weise vor der Verfolgung bewahrt. Einmal hatte ein Mann, der die Versammlungen der Brüder besuchte, der Regierung versprochen, gegen eine bestimmte Geldsumme Menno in ihre Hände zu überliefern. Er versprach sogar, mit seinem Leben zu bezahlen, falls er sein Versprechen nicht einhielte. Aber jedesmal konnte Menno entrinnen. Einmal war der Verräter zusammen mit einem Offizier auf der Suche nach ihm, als unerwartet Menno in einem Boot auf dem Kanal an ihnen vorüberfuhr. Aber der Verräter sagte nichts, bis Menno in einiger Entfernung ans andere Ufer sprang. Da sagte der Verräter: „Siehe, der Vogel ist entflohen.“ Der Offizier stellte ihn wütend zur Rede, warum er nicht rechtzeitig etwas gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: „Ich konnte nicht sprechen, denn meine Zunge war gebunden.“
Im Jahre 1554 fand Menno schliesslich eine Zuflucht in Oldesloe, wo ein wohlgesinnter Adliger auf seinen Besitztümern verfolgte Täufer aufnahm. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre mit dem Schreiben und Drucken von Büchern, bis er 1561 starb.

Einige Autoren bezeichnen Menno Simons als den eigentlichen Reformator der Niederlande. Im Unterschied zu den übrigen reformierten Ländern begann die niederländische Reformation in ihrer radikalen oder täuferischen Form. Erst nach Menno gewannen auch die anderen reformierten Strömungen (insbesondere die calvinistische) an Einfluss. Wie der Biograph John Horsch sagt, liegt das daran, dass die reformierten Prediger das Land verliessen, sobald die Verfolgung zu stark wurde. Die Täufer waren die einzigen, die bereit waren, die Verfolgung und selbst den Tod zu erdulden. Später, als die Calvinisten stärker wurden und Macht erlangten, waren sie sich bewusst, dass sie in der Schuld der Täufer standen. Deshalb war ihr Regent Wilhelm von Oranien der einzige europäische Machthaber seiner Zeit, der die Täufer in Ruhe liess. Während vielen Jahren waren die Niederlande das einzige Land Europas, wo die Täufer in relativer Sicherheit leben konnten; und das erste Land, das offiziell die Religions- und Gewissensfreiheit erklärte. Das ist in grossem Mass dem täuferischen Erbe zu verdanken.

(Fortsetzung folgt)