Die Täufer – Teil 4 (Menno Simons)

Menno war ein niederländischer katholischer Priester. Er trat sein Priesteramt an, ohne je die Bibel selber gelesen zu haben. Aber während zwei Jahren hatte er starke Zweifel an der Transsubstantiationslehre (d.h. dass im Messopfer die Hostie und der Wein sich physisch in den Leib und das Blut Jesu verwandeln). Da diese Zweifel weder durch Gebet noch durch Beichten und Bussübungen verschwanden, beschloss Menno schliesslich, die Sache in der Bibel zu untersuchen. Da fand er zu seiner grossen Überraschung, dass diese katholische Lehre keine biblische Grundlage hat.
Nach dieser Entdeckung begann sich Menno reformierten Lehren zuzuneigen. Er begann die Autorität der Bibel anzuerkennen, über den kirchlichen Leitern. Er begann auch einige Werke der Reformatoren zu lesen, und nahm Kontakt zu Täufern auf. (Einige von diesen waren Anhänger Müntzers.) In der Tauffrage fand er, dass die Reformatoren „jeder seinem eigenen Sinn folgte“ und sie sich gegenseitig widersprachen. Er kam zum Schluss, dass die täuferische Auffassung die biblische war.
Andererseits sah er auch, dass die Anhänger Müntzers irrten in ihrem Unterfangen, ein „Neues Jerusalem“ auf dieser Erde zu gründen. Er ermahnte sie ab und zu, sich von ihrem Irrtum abzuwenden, und hatte bei einigen von ihnen Erfolg. Aber er lebte weiterhin das bequeme und luxuriöse Leben eines Priesters.

Sein Leben änderte sich dramatisch nach der Schlacht von Münster (und einem ähnlichen Vorfall in den Niederlanden). Menno war entsetzt über die Nachricht und zutiefst verstört. Er fühlte sich an dem Blutvergiessen mitschuldig, weil er – wie er später sagte – die Möglichkeit gehabt hätte, viele Anhänger Müntzers zu konfrontieren und von ihrem Irrtum abzubringen, aber er hatte nur einige wenige gewarnt. Seine eigene Bequemlichkeit war ihm wichtiger gewesen als das geistliche Leben seiner Brüder.
So demütigte sich Menno zutiefst vor Gott und beschloss sich definitiv den Täufern anzuschliessen. Er gab sein Pfarramt auf und begann ein Leben im Untergrund: Da er verfolgt werden würde, konnte er keinen festen Wohnsitz mehr haben. Während vielen Jahren seines Lebens konnte er sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen.
Schon als Priester hatte Menno die biblische Wahrheit verkündigt, sobald er sie verstanden hatte. Aber sein Leben entsprach nicht der Wahrheit, die er predigte. Deshalb wurden seine Predigten zwar gut aufgenommen, brachten aber kaum geistliche Frucht. Seine Entscheidung, das Pfarramt aufzugeben und die katholische Kirche zu verlassen, um „das Kreuz Christi zu tragen“, war seine eigentliche Bekehrung. Er selber schreibt über diesen entscheidenden Wendepunkt in seinem Leben:

„… Nachdem das geschehen war, fiel das Blut der Opfer, obgleich sie verführt waren, so heiss auf mein Herz, dass ich es nicht ertragen, noch Ruhe in meiner Seele erlangen konnte. Ich überdachte mein unreines, fleischliches Leben, dazu meine heuchlerische Lehre und Abgötterei, die ich täglich im Schein der Gottseligkeit gegen meine Seele verübte (gemeint ist das Zelebrieren der Messe); sah mit Augen, dass diese eifrigen Kinder (die Anhänger Müntzers) Leib und Gut, wiewohl nicht in heilsamer Lehre, für ihre Lehre und ihren Glauben freiwillig hingaben. Und ich war einer derer, die einige von ihren Greueln zum Teil auch entdeckt hatte, und blieb doch noch bei meinem losen Leben und bekannten Greueln; allein darum, dass ich das Gemach meines Fleisches pflegen und ausserhalb des Herrn Kreuz bleiben konnte.
Bei dieser Betrachtung hat mich meine Seele also genagt, dass ich es nicht länger aushalten konnte. Ich dachte bei mir selbst: Ich elendiger Mensch, was soll ich machen? So ich bei diesem Wesen bleibe, und meines Herrn Wort in meiner empfangenen Erkenntnis nicht belebe; der Gelehrten Heuchelei, und das unbussfertige, fleischliche Leben, und ihre verkehrte Taufe, Nachtmahl und falschen Gottesdienst nicht nach miner geringen Gabe mit des Herrn Wort bestrafe; den rechten Grund der Wahrheit um der Furcht meines Fleisches nicht entdecke; die unschuldigen, irrenden Schafe, die so gern recht tun möchten, wenn sie es nur recht wüssten, nicht nach besten Kräften zu der rechten Weide Christi weise; – ach, wie wird das vergossene Blut, wiewohl es im Missbegriffe floss, in dem Gerichte des allmächtigen und grossen Gottes gegen dich auftreten und über deine arme, elendige Seele vor deinem Gott das Recht aussprechen.
Das Herz erbebte in meinem Leibe; ich bat meinen Gott mit Seufzen und Tränen, er wolle mir betrübten Sünder die Gabe seiner Gnade geben; mir ein reines Herz verleihen; meinen unreinen Wandel und eitles Leben, durch die Verdienste des roten Blutes Christi, gnädiglich vergeben; mich mit Weisheit, Geist, Freimütigkeit und einem männlichen Mut beschenken, damit ich seinen anbetungswürdigen, hohen Namen und sein heiliges Wort unverfälscht predigen, und seine Wahrheit zu seinem Preise an den Tag bringen möchte.“

Danach sagt er:

„Ich fing an im Namen des Herrn das Wort einer wahren Busse von der Kanzel öffentlich zu lehren; das Volk auf den schmalen Weg zu weisen; alle Sünden und Gottlosigkeit, dazu alle Abgötterei und falschen Gottesdienst, mit Kraft der Schrift zu bestrafen; den rechten Gottesdienst, auch Taufe und Nachtmahl, nach dem Sinn und der Lehre Christi, öffentlich zu bezeugen, nach dem Grade meiner zu jener Zeit von Gott empfangenen Gnade.
Auch habe ich einen jeglichen gegen die Münsterschen Greuel, als gegen König, Vielweiberei, Reich, Schwert, etc. getreulich gewarnt, bis mir der gnädige, grosse Herr, nach einer Zeit von etwa neun Monaten, seinen väterlichen Geist, seine Hilfe, Kraft und Hand reichte, dass ich meinen guten Ruf, Ehre und Namen, welche ich bei den Menschen hatte, und alle meine antichristlichen Greuel, Messen, Kindertaufe, eitles Leben, und zwar alles auf einmal, freiwillig verliess, mich in alles Elend und Armut unter das drückende Kreuz meines Herrn Christi williglich begab; in meiner Schwachheit meinen Gott fürchtete; nach gottesfürchtigen Menschen suchte, und auch etliche, wiewohl wenige, in gutem Eifer und Lehre fand; zu den Verkehrten redete; einige, durch Gottes Hilfe und Kraft, aus den Banden ihrer Verdammnis mit Gottes Wort erlöste und Christo gewann, und die Halsstarrigen und Verstockten dem Herrn befahl.“
(In: „Die Bekehrung Menno Simons und sein Ausgang aus der römischen Kirche“.)

Da erfuhr Menno, was jeder Erweckungspionier erlebt: Solange man mit der institutionellen Kirche Kompromisse schliesst und ihren Leitern zu gefallen sucht, kann man die Wahrheit verkünden, so viel man will, ohne in grössere Schwierigkeiten zu kommen – aber man wird auch keine echte Umkehr bewirken unter den Zuhörern. Sobald man jedoch konsequent den Weg des Herrn geht und die institutionelle Kirche direkt zurechtweist, verliert man jeglichen guten Ruf und muss alle Arten von Verleumdungen und Verfolgungen erleiden, wie der Herr sagt:
„Selig seid ihr, wenn sie euch um meinetwillen schmähen und verleumden, und lügnerisch alles Böse gegen euch reden. Freut euch und frohlockt, denn euer Lohn ist gross in den Himmeln; denn so verfolgten sie die Propheten vor euch.“ (Matthäus 5,11-12)

In Mennos eigenen Worten:

„Ich bin gottlos gewesen, und habe das Panier der Ungerechtigkeit getragen manches Jahr; der erste war ich in aller Torheit; unnütze Worte, Eitelkeit, Spielen, Saufen, Fressen, waren mein Zeitvertreib alle Tage, Gottesfurcht war nicht vor meinen Augen, dazu war ich auch ein Herr und Fürst in Babel geworden, ein jeglicher suchte und begehrte mein, die Welt liebte mich und ich die Welt, der erste Platz war mein bei den Gastmahlen und in Synagogen (…) Sobald ich aber das alles mit Salomon für Eitelkeit, und mit Paulo für Schaden achtete, das hoffärtige, gottlose Leben dieser Welt verliess, dich und dein Reich suchte, das ewig bleiben wird, habe ich allenthalben das Gegenteil gefunden: zuvor war ich geehrt, nun bin ich entehrt, zuvor lieb, nun verhasst, zuvor ein Freund, nun ein Feind, zuvor weise, nun ein Tor, zuvor fromm, nun böse, zuvor ein Christ, nun ein Ketzer, ja ein Greuel und Missetäter bin ich einem jeglichen geworden.“
(In: „Der fünfundzwanzigste Psalm, gebetsweise ausgelegt“.)

Man sollte verstehen, dass „die Welt“ sich hier nicht nur auf die ungläubige Welt bezieht. Menno meint damit auch jene Glieder seiner Pfarrei, die zuvor schon die Wahrheiten angenommen hatten, die er predigte. Schon vor seiner Bekehrung war Menno Simons als „evangelischer Prediger“ bekannt gewesen, weil er reformierte Lehren predigte. Die niederländische Kirche war ziemlich tolerant inbezug auf die Predigten der Priester: sie waren frei, reformierte Lehren zu predigen – solange sie nicht versuchten, direkt die Praxis der Kirche zu ändern. Deshalb war Menno „von allen geliebt“, solange er lediglich predigte; aber diese Liebe verwandelte sich in Hass, sobald er anfing, seine Predigt in die Praxis umzusetzen.

Etwa ein Jahr später kam eine Gruppe von sieben oder acht Täufern zu Menno, „welche mit mir ein Herz und eine Seele waren, und deren Glauben und Leben, soweit menschliche Beurteilung reicht, unsträflich waren; sie waren in Übereinstimmung mit dem Zeugnis der Schrift von der Welt abgeschieden, dem Kreuze unterworfen; hatten nicht allein gegen die münstersche, sondern auch wider die Verfluchungen und Greuel aller Welt Sekten einen herzlichen Abscheu“, wie Menno sagt. Sie baten ihn inständig, das Talent zu gebrauchen, das Gott ihm gegeben hatte, indem er ihr Leiter und Prediger würde.
Menno wurde angesichts dieser Bitte von Furcht übermannt. Er fühlte sich ungenügend und zu schwach für diese Aufgabe; aber andererseits sah er auch die grosse Not: Die niederländischen Täufer waren in jener Zeit tatsächlich „wie Schafe ohne Hirten“. Er versprach, über der Sache zu beten, und bat die Brüder, dasselbe zu tun. So wurde er schliesslich davon überzeugt, dass es Gottes Wille für ihn war, die Leiterschaft der niederländischen Täufer zu übernehmen.
Damit begann ein ruheloses Leben: ständig war Menno unterwegs, lehrte die Brüder, evangelisierte die Ungläubigen, und taufte die Bekehrten. Die Regierung erfuhr bald von seiner Tätigkeit. Überall wurde er gesucht, weshalb er ständig von einem Ort zum nächsten flüchten musste. Um 1540 schrieb er, dass es ihm nicht möglich war, eine kleine Hütte oder auch nur einen Schweinestall zu finden, wo seine Frau und seine kleinen Kinder ein Jahr lang oder auch nur ein halbes Jahr hätten ungestört leben können. Mehrere Brüder wurden zum Tod verurteilt, nur weil bekannt wurde, dass sie Menno bei sich untergebracht hatten. Aber Gott gebrauchte ihn mächtig, um die niederländischen Täufer auf den Grund der Schrift zurückzubringen (denn viele waren durch die Lehren der Extremisten verwirrt worden), sie zu einigen, aufzubauen, und in ihrem Glauben zu stärken. Da er ihr anerkannter Leiter war, wurden sie bald „Mennoniten“ genannt. (Die Denomination dieses Namens existiert noch heute.)
Seine Reisen führten ihn durch die ganzen Niederlande und auch in das benachbarte Deutschland. Er hatte mehrere Dispute mit reformierten Leitern, sowohl schriftlich wie auch persönlich; aber auch mit den Anhängern von Thomas Müntzer und von David Joris.
Öfters wurde Menno auf übernatürliche Weise vor der Verfolgung bewahrt. Einmal hatte ein Mann, der die Versammlungen der Brüder besuchte, der Regierung versprochen, gegen eine bestimmte Geldsumme Menno in ihre Hände zu überliefern. Er versprach sogar, mit seinem Leben zu bezahlen, falls er sein Versprechen nicht einhielte. Aber jedesmal konnte Menno entrinnen. Einmal war der Verräter zusammen mit einem Offizier auf der Suche nach ihm, als unerwartet Menno in einem Boot auf dem Kanal an ihnen vorüberfuhr. Aber der Verräter sagte nichts, bis Menno in einiger Entfernung ans andere Ufer sprang. Da sagte der Verräter: „Siehe, der Vogel ist entflohen.“ Der Offizier stellte ihn wütend zur Rede, warum er nicht rechtzeitig etwas gesagt hätte. Aber der Verräter antwortete: „Ich konnte nicht sprechen, denn meine Zunge war gebunden.“
Im Jahre 1554 fand Menno schliesslich eine Zuflucht in Oldesloe, wo ein wohlgesinnter Adliger auf seinen Besitztümern verfolgte Täufer aufnahm. Dort verbrachte er seine letzten Lebensjahre mit dem Schreiben und Drucken von Büchern, bis er 1561 starb.

Einige Autoren bezeichnen Menno Simons als den eigentlichen Reformator der Niederlande. Im Unterschied zu den übrigen reformierten Ländern begann die niederländische Reformation in ihrer radikalen oder täuferischen Form. Erst nach Menno gewannen auch die anderen reformierten Strömungen (insbesondere die calvinistische) an Einfluss. Wie der Biograph John Horsch sagt, liegt das daran, dass die reformierten Prediger das Land verliessen, sobald die Verfolgung zu stark wurde. Die Täufer waren die einzigen, die bereit waren, die Verfolgung und selbst den Tod zu erdulden. Später, als die Calvinisten stärker wurden und Macht erlangten, waren sie sich bewusst, dass sie in der Schuld der Täufer standen. Deshalb war ihr Regent Wilhelm von Oranien der einzige europäische Machthaber seiner Zeit, der die Täufer in Ruhe liess. Während vielen Jahren waren die Niederlande das einzige Land Europas, wo die Täufer in relativer Sicherheit leben konnten; und das erste Land, das offiziell die Religions- und Gewissensfreiheit erklärte. Das ist in grossem Mass dem täuferischen Erbe zu verdanken.

(Fortsetzung folgt)

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