Was ich am Bildungssystem ändern würde

In einem Blog fand ich diese Frage: „Was würdest du am Bildungssystem ändern?“ – Ich fand die Frage interessant und schrieb eine Antwort, und ich denke, sie würde auch in mein eigenes Blog gut hineinpassen:

Was ich am Bildungssystem ändern würde? (Ich nehme an, der Verfasser der Frage meint „Schulsystem“.) Nun, nichts. Ja, im Ernst! Ich würde es nicht einmal versuchen. Ich würde einfach mich selber und meine Familie davon fernhalten, und mich nicht weiter darum kümmern. (Das ist es ja, was ich effektiv tue – weitgehend.)

Warum? – Weil Bildung und Erziehung kein „System“ ist. Es ist vielmehr etwas, was wir natürlicherweise in unseren täglichen persönlichen Beziehungen tun, wann immer wir mit Menschen zusammen sind, die etwas von uns lernen können (und wollen). Das gilt natürlich zuallererst für Eltern ihren Kindern gegenüber; und dann für alle Menschen, die irgendwelche besonderen Kenntnisse oder Fähigkeiten haben, von denen andere Menschen lernen können. Das einzige „Problem“, das hierbei möglicherweise auftritt, besteht darin, wie die beiden miteinander in Kontakt kommen können: derjenige, der sich eine bestimmte Fähigkeit aneignen möchte, und derjenige, der das nötige Wissen und die nötige Erfahrung anbieten kann, um diese Fähigkeit zu lernen.

So hat Erziehung und Bildung schon immer – und gut – funktioniert, in den meisten Kulturen und Gesellschaften bis um die Mitte des 19.Jahrhunderts. Zuerst bildeten die Eltern ihre Kinder in den grundlegenden Fähigkeiten und Werten des Lebens aus. Wenn diese ins Teenageralter kamen, suchten sie einen „Lehrmeister“, der sie in einen Beruf, ein Handwerk oder ein akademisches Wissensgebiet einführen würde.
Das funktionierte für die griechischen Philosophen und ihre Schüler; es funktionerte für das alte Israel und für Jesus mit seinen Jüngern; es funktionierte für die mittelalterlichen Handwerker und Universitätsstudenten; es funktionierte für die Gründer und Pioniere der USA; und es funktionierte für die meisten grossen Wissenschafter, Entdecker, Staatsmänner, Prediger, Künstler, und alle möglichen berühmten Leute der Vergangenheit. (Siehe „Genies ohne Schule“.)

Es ist also überhaupt nicht nötig, Bildung und Erziehung in ein „System“ einzuschliessen, zu normieren und Gesetze darüber aufzustellen, staatliche Aufseher darüber einzusetzen und Steuergelder dafür auszugeben. Das alles tötet nur die wirkliche Bildung.

Was wir wirklich brauchen, sind wiederum „Meister“, die tatsächlich wertvolle Fähigkeiten und Kenntnisse anzubieten haben, sodass andere von ihnen lernen können – und das auf persönliche und unterschiedlichste Arten. (Wusstest Du, dass es bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert niemand gewagt hätte zu sagen, er sei „Lehrer von Beruf“? Es war einfach unannehmbar, dass jemand „nur Lehrer“ wäre und nichts weiter. Man musste zusätzlich zumindest eine wirklich sinn- und wertvolle Fähigkeit beherrschen; und dann wurde es als selbstverständlich angesehen, dass man auch in der Lage war, diese Fähigkeit andern zu vermitteln.)
Wir hätten dann tausende von Menschen, die andere auf tausend verschiedene Arten lehren würden; und so hätte jeder Schüler die Chance, einen Lehrer oder Meister zu finden, der ihn auf eine wirklich seinen persönlichen Bedürfnissen angemessene Weise lehren könnte. Damit wäre es überhaupt nicht mehr nötig zu diktieren „wie gelehrt werden soll“; es wäre nicht mehr nötig, sich die Haare zu raufen über Schüler mit „Lernstörungen“ (welche durch genau dieses Diktieren und Normieren überhaupt erst verursacht werden); es wäre auch nicht mehr nötig, Lehrer dazu „auszubilden“, die Forderungen der Bürokratie zu erfüllen (diese Fähigkeit ist so etwa das einzige, was offiziell ausgebildete Lehrer vor nicht offiziell ausgebildeten auszeichnet).
Einige dieser „Meister“ werden ihre Schüler oder Jünger in Klassenzimmern versammeln wie eine traditionelle Schule. Andere werden sie individuell im persönlichen Kontakt lehren. Andere werden sie zu Reisen, Exkursionen, praktischen Experimenten und Arbeitserfahrungen mitnehmen. Andere werden ihnen anspruchsvolle Aufgaben zum Selber-Erarbeiten geben und werden sie nicht zum voraus „lehren“, ausser als Antwort auf die Fragen und Hilferufe des Schülers. Andere werden wieder andere Methoden anwenden, oder eine Kombination von all diesen, oder werden neue erfinden. Falls einer von diesen „Meistern“ wirklich unfähig sein sollte, seine Kenntnisse und Fähigkeiten weiterzuvermitteln, dann würde er das mit der Zeit selber herausfinden, denn er hätte bald keine Schüler mehr.

Natürlicherweise würde dieses „Lehren“ und „Lernen“ (in den Teenager- und frühen Erwachsenenjahren) zum grössten Teil am Arbeitsplatz stattfinden. Das ist es ja, was sogar das gegenwärtige Bildungssystem zu tun vorgibt (obwohl es dies in Wirklichkeit kaum tut): junge Menschen auf ihre zukünftige Arbeit vorzubereiten. Warum also sollen wir sie nicht gleich von Anfang an arbeiten lassen – während sie aber gleichzeitig von einem „Meister“ lernen? (Die Schweiz hat z.Z. immer noch ein so ähnliches System der Berufslehren für die meisten nicht-akademischen Berufe; und ich hoffe sehr, diese Idee kapituliert nicht so bald vor der Verschulung der Gesellschaft.) Dann würden sie selber sehen, was für Fähigkeiten und Kenntnisse sie für ihre spezifische Arbeit benötigen; und dies wiederum würde sie zum Lernen motivieren. Ganz anders als wenn man in einem Klassenzimmer sitzt, von der wirklichen Welt isoliert, und über Dinge lesen und schreiben muss, die man noch nie im Leben gesehen hat, nur weil man „dies später (wann?) brauchen wird“.

Warum fangen wir nicht einfach an, jeder von uns da, wo wir gerade sind? Suche „Meister“, von denen du lernen kannst, und bitte sie inständig, dich zu lehren. Und lehre die Menschen, mit denen du natürlicherweise zusammen bist, jene Fähigkeiten, die Du bereits beherrschst. Ich weiss, daraus wird sich kein Bildungs“system“ ergeben; aber es würde eine Menge von Bildungsangeboten, -alternativen und -innovationen schaffen. Und wenn sich diese Art der Bildung durchsetzt, dann wird sie möglicherweise das ganze Bildungssystem überhaupt unnötig und überflüssig machen.

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: