Das Gemeindewachstum, das keine Erweckung war

Europäische Evangelikale schauen manchmal bewundernd oder neidisch auf die Gemeindewachstumsstatistiken in anderen Kontinenten – z.B. in Lateinamerika: „Dort wachsen die Gemeinden! Was machen die bloss anders als wir? Ist dort eine Erweckung ausgebrochen?“

Nun, ich wohne in einem solchen „Gemeindewachstumsland“. Insbesondere in den 90er Jahren sind die evangelikalen Kirchen in Perú zahlenmässig stark gewachsen. Waren die Evangelischen vor 1990 noch eine verschwindend kleine Minderheit in diesem offiziell katholischen (in Wirklichkeit aber mehrheitlich heidnischen) Land, so sprechen Statistiken heute von 15 bis 20% Evangelischen/Evangelikalen. Hat Perú also Erweckung erlebt?

Ich würde mich freuen, wenn es so wäre. Aber nachdem ich eine grosse Zahl von Kirchen näher kennengelernt habe, muss ich leider sagen, dass gerade das Gegenteil der Fall ist. Die Entwicklung der letzten Jahrzehnte wird besser durch das folgende, John Stott zugeschriebene Zitat ausgedrückt:

„Die christliche Kirche hat sich enorm ausgebreitet. Sie ist jetzt tausend Kilometer breit, hat aber nur noch einen halben Zentimeter Tiefgang.“

Die blosse Tatsache, dass viele Menschen sich jetzt „evangelisch“ bzw. „evangelikal“ statt „katholisch“ nennen, sagt noch nichts über ihren Herzenszustand aus. Hätten wir wirklich 15 bis 20% wiedergeborene Christen in Perú, dann sähe dieses Land anders aus!

Wenn ich mich umsehe, sehe ich nicht viel christlichen Einfluss. Mit Ausnahme der Aushängeschilder über den Türen von Kirchengebäuden, und ab und zu der Stimme eines evangelischen Predigers oder Sängers im Radio. Aber ich sehe in den Zeitungen keine Nachrichten über die grossen Taten Gottes. Ich sehe nichts davon, dass die Fernsehserien weniger unmoralisch wären als früher. Ich sehe nichts davon, dass die Politik sauberer und ehrlicher geworden wäre – obwohl es seit etwa zehn Jahren eine politische Partei gibt, die sich „evangelisch“ nennt, wenn es ihr gerade passt; aber diese Partei hat bis jetzt nicht gerade ein gutes Zeugnis gegeben. Ich sehe nichts davon, dass die Leute im allgemeinen, oder die Evangelischen im besonderen, ehrlicher oder grosszügiger oder zuverlässiger geworden wären. Ich sehe in dieser Hinsicht auch keinen Unterschied zwischen den Evangelischen und der übrigen Bevölkerung. Parallel zum Wachstum der evangelischen Gemeinden hat auch die Korruption und die Kriminalität zugenommen.

Andere lateinamerikanische Länder erleben ähnliches. In Guatemala z.B. jubelten die Evangelischen, als mit Elias Serrano erstmals ein Evangelischer zum Präsidenten gewählt wurde. Aber einige Jahre später musste er wegen Korruption seine Präsidentschaft abgeben.

Vergleichen wir damit, was z.B. während der Erweckung in Wales (1904-1905) geschah: Viele Richter und Polizisten hatten keine Arbeit mehr, weil kaum noch Verbrechen begangen wurden. Viele Bars schlossen, weil es kaum noch Trinker gab. Die Zeitungen waren voll von Nachrichten über Gottes Wirken in der Erweckung. Sogar die Pferde in den Bergwerken spürten die Veränderung, weil die Bergwerksarbeiter sie jetzt mit Liebe behandelten statt mit Flüchen und Schlägen. Die Menschen hatten nicht nur ihre Religion geändert, sondern ihre Herzen.
– Ähnliches wird auch von anderen historischen Erweckungen berichtet, z.B. von der methodistischen Erweckung in England, von der koreanischen Erweckung anfangs des 20.Jahrhunderts, u.a. Was für ein Kontrast zur Situation in Lateinamerika!

Das führt zu einer wichtigen Schlussfolgerung: Zahlenmässiges Wachstum ist noch keine Erweckung. Das zahlenmässige Wachstum kann sogar gerade die Abwesenheit von Erweckung verschleiern.

In einer echten Erweckung erhöht sich das Mass der Heiligkeit, und Bekehrungen sind mit radikalen Lebensveränderungen verbunden.
Aber im gegenwärtigen Wachstum werden die meisten neuen „Bekehrten“ mit einer Predigt der „billigen Gnade“ gewonnen, und haben nie wirklich ihre Sünden bereut.

In einer echten Erweckung gewinnen die Prediger und die Christen im allgemeinen Mut, um gegen die Unmoral in ihrem eigenen Leben, in der Gesellschaft, und innerhalb der Kirchen anzugehen. Der Kontrast zwischen den echten Christen und der unbekehrten Welt tritt viel schärfer zutage.
Aber im gegenwärtigen Wachstum passt sich die Kirche der Welt an und biedert sich bei den Regierungen an. Für die Menschen ist es einfacher, ihre Religion zu wechseln, weil es jetzt salonfähig geworden ist, evangelisch zu sein.

In einer echten Erweckung nehmen die Christen wieder das Wort Gottes als Leitlinie, Grundlage und Autorität für ihr Leben ernst.
Aber im gegenwärtigen Wachstum wird der liberalen Theologie mehr und mehr Raum gegeben, welche das Wort Gottes anzweifelt und verachtet.

In einer echten Erweckung werden Christen aus verschiedenen Hintergründen eins; nicht weil sie nach ökumenischer Manier ihre Überzeugungen aufgeben würden, sondern im Gegenteil, weil sie gemeinsam Jesus näherkommen und ihre Hingabe an ihn radikaler wird.
Aber im gegenwärtigen Wachstum nimmt das Konkurrenzdenken zwischen Gemeinden und Denominationen zu, und es entstehen immer neue Spaltungen und Splittergruppen.

In einer echten Erweckung steht Gott und sein lebensveränderndes Wirken im Mittelpunkt.
Aber im gegenwärtigen Wachstum stehen Pastoren und andere Leiter, sowie von Menschen gemachte Programme, Methoden und Kampagnen im Mittelpunkt.

Die solcherart gewachsenen und aufgeblähten Kirchen hätten selber eine echte Erweckung am nötigsten. Das gegenwärtige Gemeindewachstum in Lateinamerika ist leider mit Sicherheit keine Erweckung. Umso notwendiger ist es, immer wieder darauf hinzuweisen, was Kennzeichen einer echten Erweckung sind.

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