Lernen Lehrer, wie Schüler lernen, oder lernen Lehrer, wie Lehrer lehren? (Anhang)

In meiner Artikelfolge habe ich eine Unterlassung begangen. Ich habe nicht klar definiert, was ich unter „Lernen“ verstehe. Ich denke, ich sollte das nachholen, denn es ist wesentlich zum Verständnis meiner These, dass Lehrer nicht lernen, wie Schüler lernen.

Aus meiner Sicht schliesst „Lernen“ folgende Aspekte ein:

– Aneignung von Kenntnissen in einem logischen und sinnvollen Zusammenhang.
– Entwicklung des selbständigen Denkens und Schlussfolgerns; und der Fähigkeit, dieses Denken zu formulieren und anderen Menschen zu kommunizieren.
– Aneignung von praktischen Fähigkeiten mit dem Ziel, diese selbständig ausüben zu können und zu verstehen wie, warum und wozu es getan wird.

Alle meine Ausführungen in der Artikelserie beziehen sich auf das „Lernen“ in diesem Sinn. Der geneigte Leser wird aus meiner Definition zwei Schwerpunkte heraushören, die mir wichtig sind: 1. Das Wort „selbständig“. 2. Es geht nicht nur darum, das Was und das Wie zu wissen, sondern ebenso das Warum und das Wozu.

Ich möchte dies klarstellen, weil von einer anderen Warte aus argumentiert werden könnte, das Schulsystem bringe viel bessere Lernerfolge hervor als ich behaupte – nämlich wenn „Lernen“ auf andere Weise definiert wird. Versteht man unter „Lernen“ die mehr oder weniger gedankenlose Wiedergabe von zuvor aufgenommenem Stoff, oder die ebenso gedankenlose mechanisierte Wiederholung antrainierter Vorgänge und Verhaltensweisen, dann „lernen“ Schüler doch einiges in der Schule. „Gute“ Lehrer (im Sinne des normierten, „korrekten“ Lehrens) bringen es fertig, dass ihre Schüler zum Prüfungstermin einen recht grossen Anteil des durchgenommenen Stoffs wiedergeben können; und dass sie bestimmte Vorgänge (z.B. mechanisierte Methoden zur Lösung spezifischer mathematischer Problemstellungen) wiederholen können. Aber haben sich die Schüler damit wirklich Kenntnisse und Fähigkeiten „angeeignet“? Um dies zu überprüfen, müssten einige Kontrollfragen gestellt werden:

– Wieviel von diesem Stoff beherrschen die Schüler auch noch drei, sechs oder zwölf Monate nach dem Prüfungstermin?
– Können die Schüler auch erklären, was sie tun und warum sie es so tun (z.B. bei mathematischen Methoden)?
– Können die Schüler ihr Wissen auch in anderen Zusammenhängen ausserhalb der Prüfungssituation anwenden – insbesondere in praxisorientierten Problemstellungen? (Können sie z.B. ihre Geometriekenntnisse anwenden, indem sie Pläne eines Hauses zeichnen? Können sie ihre Biologiekenntnisse beim Gärtnern oder in der Tierhaltung anwenden? usw.)

Bei den Schülern, die in unsere Aufgabenhilfe kommen, stelle ich manchmal solche Kontrollfragen bzw. entsprechende Aufgaben. Dabei stelle ich regelmässig eine grosse Diskrepanz fest zwischen (guten) Prüfungsnoten und tatsächlich vorhandenen Kenntnissen und Fähigkeiten. Insbesondere in der Mathematik (dieses Fach nimmt den Löwenanteil an „Nachhilfebedürfnissen“ ein): Wenn die Schüler wissen, was an der Prüfung kommt, und diese nur ein eng umschriebenes Thema umfasst, dann ist es für sie relativ einfach, mit auswendiggelernten Methoden oder Formeln zu den richtigen Lösungen zu kommen. (Erst recht wenn, wie meistens heutzutage, lediglich unter vorgegebenen Mehrfachantworten ausgewählt werden muss – da muss man nur gut raten können.) Sie können aber nicht erklären, warum die Methode funktioniert, was die Formel bedeutet, oder wie man deren Richtigkeit zeigen kann. Sie verstehen auch die Zusammenhänge nicht zwischen ihrem augenblicklichen Prüfungsthema und früher durchgenommenen Themen. Deshalb vergessen sie nach der Prüfung alles wieder. Das ist kein „Lernen“; das ist nur Prüfungstraining. (Siehe „Mathematikunterricht: Eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?“)

Nun stellt sich natürlich die Frage, welche Art von „Lernen“ vom Schulsystem bezweckt wird. Nehmen wir an, das Schulsystem sei einigermassen effizient, d.h. es erreiche einigermassen das, was es sich vorgenommen hat. Dann können wir vom Ergebnis auf die Absicht schliessen: Das Schulsystem bezweckt anscheinend, in den Schülern die zweitgenannte Art des „Lernens“ zu bewirken, also das gedankenlose Wiedergeben und Nachmachen. Das Schulsystem dient nicht dazu, selbständiges Denken und Arbeiten zu fördern. Im Gegenteil, es bezweckt die Formung von abhängigen, gedankenlosen Befehlsausführern. (Früher wurden solche Personen „Sklaven“ genannt.)
Falls dies zutreffen sollte, dann ist auch klar, warum Lehrer sich nicht dafür interessieren, wie Schüler lernen. In einem solchen System sind ja auch die Lehrer nur gedankenlose Befehlsausführende. Auch sie wurden nur daraufhin trainiert, den Richtlinien ihrer Vorgesetzten Folge zu leisten, ohne nach dem Warum und Wozu zu fragen. Konformität ist alles; ob es dem Schüler etwas nützt, ist unwesentlich.
Ich weiss, das ist eine unfreundliche Schlussfolgerung. Aber sie drängt sich auf; denn die einzige Alternative dazu wäre, unsere Vorannahme zu widerrufen und zu behaupten, das Schulsystem sei völlig ineffizient und unfähig – und dann müssten wir uns doch fragen, warum es überhaupt noch existiert.

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