Die Untergrundkirche in Deutschland – Offener Brief an die „Hilfsaktion Märtyrerkirche“

Sehr geehrte Hilfsaktion Märtyrerkirche in Deutschland,

vor einem Monat habe ich Sie zweimal per e-Mail auf zwei Fälle von Verfolgung deutscher Christen aufmerksam gemacht und Sie gebeten, sich für die Betroffenen einzusetzen und über diese Fälle zu informieren. Da ich bis jetzt darauf keine Antwort erhalten habe, veröffentliche ich jetzt diesen Brief in meinem Blog.

Sie setzen sich für verfolgte Christen in anderen Ländern ein, aber über die Verfolgung in Ihrem eigenen Land schweigen Sie. Der argentinische Zweig Ihres Hilfswerks hat mehrmals über das Leiden deutscher christlicher Familien berichtet (http://lavozdelosmartires.com.ar/), ebenso ähnliche Hilfswerke in den USA; aber auf Ihrer Website ist nichts darüber zu finden.

Richard Wurmbrand, der Gründer Ihres Werks, war vierzehn Jahre lang in Haft, weil er zuallererst in seinem eigenen Land Rumänien für die Wahrheit und das Wort Gottes aufgestanden war. Sicher kennen Sie den folgenden Abschnitt aus seiner Lebensgeschichte:

„Nachdem die Kommunisten einmal zur Macht gekommen waren, gebrauchten sie meisterhaft das Mittel der Täuschung gegenüber den Kirchen. Denn die Sprache der Liebe und die Sprache der Verführung klingen gleich. (…) Als die Kommunisten die Macht innehatten, wussten Tausende von Priestern, Pfarrern und Predigern die beiden Sprachen nicht zu unterscheiden.
Die Kommunisten beriefen einen Kongress aller christlichen Körperschaften in unserem Parlamentsgebäude in Bukarest. Dort waren viertausend Prediger, Pastoren und Prediger aller Religionsgemeinschaften versammelt. Diese viertausend Geistlichen wählten Joseph Stalin zum Ehrenpräsidenten dieses Kongresses. Gleichzeitig war Stalin amtierender Präsident des Weltverbandes der Gottlosenbewegung und ein Massenmörder von Christen. Aber einer nach dem anderen, ob Bischof oder Pfarrer, erhob sich in unserem Parlament und erklärte öffentlich, dass der Kommunismus und das Christentum in ihren Grundlagen gleich seien und friedlich nebeneinander bestehen könnten. Ein Geistlicher nach dem andern fand preisende Worte für den Kommunismus und versicherte der neuen Regierung die treue Mitarbeit der Kirche.
(…) Meine Frau sass neben mir und sagte zu mir: „Richard, steh auf und wasche diese Schande vom Antlitz Christi! Sie speien ihm ins Gesicht.“ Ich sagte zu meiner Frau: „Wenn ich das tue, verlierst du deinen Mann.“ Sie erwiderte: „Ich möchte keinen Feigling zum Mann haben.“
Da stand ich auf und sprach zu diesem Kongress, und ich pries nicht die Mörder der Christen, sondern Christus und Gott und sagte, dass wir zuallererst Ihm unsere Treue schulden. (…) Später musste ich dafür bezahlen, aber das war es wert gewesen.“
(Aus Richard Wurmbrand, „Gefoltert für Christus“, 1967)

Heute befindet sich Ihr Land, Deutschland, in einer ähnlichen Situation. Pfarrer, Prediger und Pastoren preisen dieses Land als einen „Rechtsstaat“, und erwähnen mit keinem Wort, dass dieser Staat den hingegebensten Christen, die ihren biblischen Erziehungsauftrag ernst nehmen, ihre Kinder wegnimmt, sie um ihr Hab und Gut bringt, und nicht wenige von ihnen ins Gefängnis gesperrt hat. Im Gegenteil, diese verfolgten Familien werden von prominenten Kirchenführern als Kriminelle hingestellt. Genauso wurden im seinerzeitigen Ostblock die Leiter der Untergrundkirche von den staatshörigen Leitern der registrierten Kirchen diffamiert. Die christlichen Homeschool-Familien in Deutschland verkörpern effektiv das, was Ihr Werk in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens vertreten hat und wofür Richard Wurmbrand ein leuchtendes Symbol geworden ist, nämlich die Untergrundkirche. Das Wohnzimmer ist ihr Versammlungsort, und der geheime Unterricht ist ihr Gottesdienst.
In dieser Situation müsste ein ebenso klares Wort gesprochen werden, wie es Richard Wurmbrand damals auf dem Predigerkongress in Bukarest gesprochen hat. Aber Sie sind anscheinend nicht dazu bereit, dieses Wort zu sprechen. Damit verleugnen Sie das geistliche Erbe Ihres Gründers und machen Ihren Einsatz in anderen Teilen der Welt unglaubwürdig.

Zu Ihrer Information eine (längst nicht vollständige) Auswahl von Fällen von Christenverfolgung in Deutschland:

  • Im vergangenen Monat wurde für Thomas und Marit Schaum aus Fritzlar eine sechsmonatige Gefängnisstrafe gefordert, weil sie aus christlicher Überzeugung ihre Kinder selber erziehen. Diese Strafe wurde dann vom Gericht in eine hohe Geldbusse umgewandelt.
  • Im September 2012 wurde einem Elternpaar in Darmstadt die elterliche Sorge für ihre vier Kinder entzogen, weil sie diese aus christlicher Verantwortung zuhause ausbildeten.
  • Im Jahre 2010 wurden in Salzkotten mehrere christliche Elternpaare während bis zu 40 Tagen inhaftiert, nur weil sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre Kinder nicht an der pornographischen Schultheateraufführung „Mein Körper gehört mir“ teilnehmen lassen wollten.
  • Die christlichen Aktivisten Johannes Lerle, Günter Annen und Winfried Pietrek verbrachten insgesamt über ein Jahr in Haft, weil sie Flugblätter gegen die Tötung ungeborener Kinder geschrieben und verteilt hatten.
  • Im Jahre 2008 wurden Jürgen und Rosemarie Dudek aus Archfeldt zu 90 Tagen Gefängnis verurteilt, weil sie ihre Kinder selber erziehen.
  • Im Jahre 2007 wurde die 15-jährige Melissa Busekros in Nürnberg von einem Aufgebot von fünfzehn(!) Polizisten von zuhause entführt und in einer psychiatrischen Klinik interniert, obwohl sie völlig gesund war. Gleichzeitig wurde ihren Eltern mitgeteilt, ihnen sei hiermit die elterliche Sorge für Melissa entzogen. Auch in diesem Fall bestand ihr einziges „Verbrechen“ darin, dass sie aus Glaubens- und Gewissensgründen ihre elterliche Verantwortung wahrgenommen und Melissa selber erzogen hatten.
  • Im Jahre 2006 drang die Polizei mehrmals mit Gewalt in das Heim der Familie Romeike ein und schleppte ihre Kinder unter Gewaltanwendung zur Schule. Es wurde ihnen mit Kindesentzug und Gefängnis gedroht, insgesamt fünfstellige Bussgelder auferlegt, und kurz vor ihrer Flucht in die USA ein Enteignungsverfahren eingeleitet, aufgrund dessen sie bei einer allfälligen Rückkehr nach Deutschland ihr Hab und Gut verlieren würden. Ein US-amerikanisches Gericht erteilte den Romeikes im Jahre 2010 aufgrund dieser Umstände politisches Asyl.
  • In den Jahren 2005 und 2006 wurde mehreren russlanddeutschen Baptisten im Raum Paderborn das Sorgerecht über ihre Kinder entzogen; mehrere wurden inhaftiert und gebüsst; und einige dieser Familien flohen ins Ausland. Der Hauptverantwortliche dieser Verfolgung, Landrat Sven Adenauer, gab als Motiv an: „Fundamentalisten haben bei uns nichts zu suchen.“ Die betroffenen Familien äusserten, das Vorgehen der deutschen Behörden sei mit der Verfolgung vergleichbar, die sie seinerzeit in der Sowjetunion erlitten hatten.
  • Im April 2000 brachen drei Polizisten gewaltsam in das Haus von Johann Harder in Schloss Holte-Stukenbroch ein, warfen Möbel um und zerbrachen seine Kamera, als er die angerichteten Verwüstungen fotografieren wollte. Dann führten sie seine elfjährige Tochter Anna ab. Der Schock bewirkte, dass Harders Frau ihrem Baby keine Milch mehr geben konnte. Harder musste zudem Bussgelder von mehreren tausend Euro bezahlen, und eine Gefängnisstrafe wurde angedroht.
  • Bereits im Jahre 1985 wurde der Professorin Adelgunde Mertensacker aus Dortmund der Lehrauftrag entzogen, weil sie in einer Vorlesung gesagt hatte: „Das menschliche Leben beginnt mit der Zeugung. … Abtreibung ist Tötung eines Menschen in der Entwicklung.“
  • (Editiert) In einem weiteren Fall bin ich von der betroffenen Familie gebeten worden, ihren Namen nicht bekanntzugeben.

Die Anzahl der Fälle, die nicht öffentlich bekannt werden, dürfte beträchtlich höher sein. Es wird geschätzt, dass zur Zeit rund 40 deutsche Familien – mehrheitlich bibeltreue Christen – aus ähnlichen Gründen Gerichtsprozesse hängig haben. Dazu kommt eine wahrscheinlich noch höhere Zahl von Familien, die nur deshalb nicht Verfolgungsopfer wurden, weil sie rechtzeitig ins Ausland flüchten konnten.

  • Aber einige von ihnen werden nicht einmal im Ausland in Ruhe gelassen. Im Jahre 2009 erschienen auf Geheiss der deutschen Behörden zwei Sozialarbeiter und zwei Polizisten am vorübergehenden Aufenthaltsort der Familie Wunderlich in St.Leonard (Frankreich), und führten ihre vier Kinder ab, weil sie „sozial isoliert“ seien und weil „Fluchtgefahr“ bestünde (wobei keines dieser Argumente der Wahrheit entsprach).

Deutschland wird damit punkto staatlicher Christenverfolgung innerhalb der westlichen Welt höchstens noch von Mexiko und Kuba übertroffen.

Eigentlich wäre die Aufklärungsarbeit über diese Dinge ja Ihre Aufgabe, nicht meine!

Mir scheint, Ihnen ist nicht klar, was diese Situation für den Fortbestand Ihres eigenen Werks bedeutet. Wenn die Entwicklung hin zum totalitären Polizeistaat unwidersprochen weitergeht, dann wird das in absehbarer Zeit auch für Ihre Arbeit das Aus bedeuten. Gerade die sogenannte Homeschool-Bewegung ist in Deutschland die einzige noch funktionierende Bewegung gegen den Staatstotalitarismus:

„Man muss den grösseren Zusammenhang erfassen, in den die Kriminalisierung des Heimunterrichts – und auch der Widerstand dagegen – gehört. (…) Insgesamt geht es um die umfassende Entmachtung der Familie, wobei der Anspruch des Staates auf Bildung der Kinder nur ein Teil des Ganzen ist.
(…) Tatsächlich leisten Eltern, die ihre Kinder zu Hause unterrichten, nicht nur einen wichtigen Dienst an diesen selbst, sondern auch an unserer Gesellschaft: An ihrem Platz stellen sie sich der Tendenz entgegen, den Oikos bis zur völligen Bedeutungslosigkeit zu entkernen. Sie entziehen sich dem Anspruch des Staates, sich für alle Lebensbereiche zuständig zu erklären und wirken damit seiner Totalisierung entgegen. Und dafür sollte man ihnen auch dann dankbar sein, wenn man selbst einen anderen Weg geht.“
(Zeitschrift „Factum“, Oktober 2012. Siehe http://www.geiernotizen.de/dienst-an-der-ganzen-gesellschaft.)

Sie wissen sicher, dass die deutsche Regierung ihre Verfolgungspolitik damit begründet, man wolle „die Entstehung religiöser Parallelgesellschaften verhindern“. Wenn das die Richtlinie staatlicher Politik ist, dann ist es nur eine Frage der Zeit, bis mit derselben Begründung z.B. auch Freikirchen verboten werden. Mit Ihrem bewussten Nicht-Engagement im eigenen Land sägen Sie den Ast ab, auf dem Sie selber sitzen.

Ich hoffe sehr, dass Sie über diese Zusammenhänge nochmals nachdenken und den Einsatz für verfolgte Christen in Ihrem eigenen Land weit oben auf Ihre Prioritätenliste setzen.


Nachtrag vom 13. August 2014:
In einer kürzlichen Mitteilung erklärte die HMK mir gegenüber, sie hätten doch auf mein damaliges Mail geantwortet. Allerdings ist eine solche Antwort nie bei mir eingetroffen; aber rechnen wir nun einmal mit der Möglichkeit, dass ein Mail aus technischen Gründen verlorengegangen sein kann.
Die HMK erklärt auch, sie leisteten doch einen „punktuellen Einsatz“ auch für Familien in Deutschland (Seelsorge, Angebot des Rechtsbeistands). Das ist begrüssenswert. Nur, was ich dabei vermisse, ist die öffentliche Stellungnahme. Zu früheren Zeiten war es einmal die Politik der HMK gewesen, Fälle von Verfolgung möglichst weit bekannt zu machen, da das Unrecht in einem Staat umso weniger überhandnehmen kann, je mehr Menschen davon wissen und öffentlich dagegen Stellung beziehen. Davon scheint man nun abgerückt zu sein.

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