Archive for Juli 2013

John Wesley und die Methodisten – Teil 3

27. Juli 2013

Erweckung ist nötig, wenn die Kirche am Sterben ist

Der Aufruf zur Wiedergeburt war die wichtigste Botschaft überhaupt, die Wesley der Kirche seiner Zeit bringen konnte. Tatsächlich kann die Situation der Kirche vor der Erweckung nur als „geistlicher Tod“ beschrieben werden. Die englischen Protestanten hatten „einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugneten ihre Wirksamkeit“ (2.Tim.3,5). So beschreibt ein Historiker die englische Kirche anfangs des 18.Jahrhunderts:

„Die Anglikaner fürchteten die Extreme (Katholiken auf der einen, Puritaner auf der anderen Seite). Dies führte zu einer Mässigung, die leidenschaftliche Überzeugungen jeder Art beargwöhnte. Die Predigten verdorrten zu kraftlosen moralischen Traktätchen.
Das Fehlen einer persönlichen Glaubensüberzeugung führte zum Absinken der moralischen Kraft und Überzeugung. Eine grenzenlose Toleranz war an der Tagesordnung. Die orthodoxen Theologen führten zwar einen siegreichen Federkrieg mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen des Deismus. Leider aber war das ’neue Leben in Christus‘, das sie theoretisch verteidigten, in der Wirklichkeit nirgendwo zu sehen.
(…) Wesley selbst sprach unmissverständlich von der Areligiosität der Zeit: ‚Was ist das Hauptkennzeichen des englischen Volkes in der Gegenwart?‘, fragte er. ‚Seine Gottlosigkeit. … Gottlosigkeit ist unser Nationalcharakter im allgemeinen und im besonderen!‘
(…) ‚Genau zu dieser Zeit‘, erinnert sich Wesley, ‚begannen zwei oder drei Pfarrer der Kirche von England ernsthaft, die Sünder zur Busse zu rufen … In zweien oder dreien brannte das Feuer der Liebe zu Gott.'“
(A.Skevington Wood und Renate Biebrach, „Pietismus und Erweckung“, in „Handbuch Die Geschichte des Christentums“, Wuppertal 1979)

So ist es oft vor einer Erweckung: die Kirche ist tot, ausgetrocknet, gottfern. Aber einige wenige treue Christen erkennen die Situation, rufen zu Gott um Erweckung, und beginnen Umkehr zu predigen.
Diese „Dürre“ der Kirche wird meistens von ihren eigenen Leitern und Pastoren verursacht. George Whitefield bemerkte zu jener Zeit: „Die Gemeinden waren so tot, weil tote Männer ihnen gepredigt hatten.“

Die Situation hat viele Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Auch heute sind die Kirchen voll von Unmoral und Korruption, sodass sie sich kaum noch von der Welt unterscheiden. Auch heute haben die Kirchen einen „Anschein der Frömmigkeit“, aber sie bringen keine veränderten Leben hervor. Die oben zitierte Beschreibung der englischen Kirche vor zweihundert Jahren könnte genausogut heute geschrieben worden sein. Wo sind heute die treuen Christen, die zu Gott um Erweckung rufen, und die das evangelische und evangelikale Volk zur Umkehr aufrufen?

Bekehrungen und eine Reform der ganzen Gesellschaft

Wesley predigte klar die Notwendigkeit einer Umkehr und Wiedergeburt. Aber er machte keine „Bekehrungsaufrufe“ im Stil vieler heutiger Evangelisten. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott zuerst ein tiefgehendes und intensives Werk der Überführung tun muss, bevor sich jemand wirklich bekehren kann; und dieses Werk Gottes braucht Zeit. Wesley vertraute auf Gott, dass er dieses Werk zu seiner Zeit tun würde. So sagte Wesley nach einer Predigt: „Ich habe mein Brot über das Wasser gesandt. Möge ich es nach vielen Tagen wiederfinden.“ (Nach Prediger 11,1). – Und bei einer anderen Gelegenheit, an seinem Geburtsort: „Es denke niemand, diese Liebesmühe sei vergeblich, nur weil die Frucht nicht sofort erscheint! Fast vierzig Jahre arbeitete mein Vater hier, aber er sah wenig Frucht von all seinen Bemühungen. Auch ich machte einige Anstrengungen unter diesem Volk, und auch mir schien es, ich verbrauchte meine Kräfte umsonst. Aber jetzt erschien die Frucht. … Der Same, der vor so langer Zeit gesät wurde, ist jetzt aufgegangen, und hat Umkehr und Vergebung der Sünden bewirkt.“

Wesley zählte also nicht die Anzahl der Bekehrten, wie es in heutigen Evangelisationsveranstaltungen getan wird. Er überliess das Werk Gott, und bei einigen Gelegenheiten konnte er später Frucht sehen. Die heutigen Evangelisationsmethoden bringen eine immense Zahl an oberflächlichen Scheinbekehrungen hervor, die nichts anderes sind als das Ergebnis von Manipulation. Die methodistische Erweckung hatte dieses Problem nicht, denn es wurde erwartet, dass die Bekehrten von selber kommen würden, um die Veränderung zu bezeugen, die Gott in ihnen bewirkt hatte. Und diese Veränderung geschah normalerweise beim Suchen nach Gott im stillen Kämmerlein.
(Wir werden später sehen, dass es auch spektakuläre öffentliche Bekehrungen gab. Aber Wesley förderte dies nie bewusst zu „Showzwecken“. Er predigte einfach Umkehr, und überliess es Gott, zu tun, was er für gut hielt.)

Im folgenden zwei Zeugnisse, wie Wesley im Nachhinein von der Frucht seiner Verkündigung erfuhr:

„Eine Frau hielt mich auf der Landstrasse auf und sagte: ‚Mein Herr, erinnern Sie sich nicht, als Sie vor zwei Jahren in Prudhoe waren und bei Thomas Newton frühstückten? Ich bin seine Schwester. Sie sahen mich beim Hinausgehen an und sagten: ‚Seien Sie ernsthaft.‘ Ich wusste damals nicht, was Ernsthaftigkeit bedeutet, und dachte nicht daran; aber die Worte drangen in mein Herz ein, sodass ich nicht ruhig bleiben konnte, bis ich Christus suchte und fand.“

„‚Vor zwei Jahren‘, sagte W.Row, ‚war ich auf dem Weg nach Gulval Downs und sah viele Leute versammelt. Ich fragte sie, worum es ging, und sie sagten mir, ein Mann würde predigen. Ich sagte: Nein, das ist kein verwirrter Mann. Sie hatten darüber gepredigt, wie Gott die toten Knochen auferweckte, und seit jener Zeit hatte ich keine Ruhe, bis Gott in seinem Wohlgefallen über mich blies und meine tote Seele auferweckte.'“

Ganze Städte wurden von der Erweckung umgewandelt, wie die folgenden Zeugnisse zeigen (ebenfalls aus dem Tagebuch Wesleys):

„Im letzten Winter sagten mehrere im Scherz über Herrn Whitefield: ‚Wenn er Heiden bekehren will, warum geht er dann nicht zu den Bergarbeitern von Kingswood?‘ – Im Frühling tat er es tatsächlich. Und da Tausende von ihnen nie zu einem Ort der öffentlichen Anbetung gehen würden, folgte er ihnen in ihre eigene Wüste, um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Als er anderswohin gehen musste, führten andere die Arbeit weiter und ‚gingen auf die Landstrassen und an die Hecken, um sie zu nötigen, hereinzukommen.‘ Und durch die Gnade Gottes war seine Arbeit nicht vergeblich. Die Atmosphäre hat sich bereits verändert. Kingswood widerhallt nicht mehr von Flüchen und Lästerungen wie letztes Jahr. Es ist nicht mehr voll von Trunkenheit und den sich daraus ergebenden Unreinheiten und eitlen Vergnügungen. Es ist nicht mehr voll von Krieg und Schlägereien, von Geschrei und Bitterkeit, von Zorn und Neid. Friede und Liebe herrschen jetzt dort. Viele Leute sind jetzt sanftmütig, freundlich und umgänglich. Sie schreien nicht mehr und sind nicht mehr eifersüchtig, (…) und ihr Vergnügen besteht jetzt darin, ihrem Gott und Retter Loblieder zu singen.“

Über die Provinz Cornwall schreibt er:

„Diese abscheuliche Gewohnheit, den König zu betrügen (durch Schmuggel), findet sich nicht mehr in unseren Gesellschaften. Und seit sie sich von dieser verfluchten Sache losgesagt haben, hat das Werk Gottes überall zugenommen.“

Predigten im Freien

Wir haben in der vorherigen Folge gesehen, wie Wesley aus einer Kirche nach der anderen ausgeschlossen wurde. Die Kirche tolerierte Unmoral und geistlichen Tod, aber nicht Wesleys klare Predigten über die Wiedergeburt. Bald gab es in ganz England keine Kirche mehr, wo Wesley hätte predigen dürfen.
Damals hatte sein Freund Whitefield bereits begonnen, im Freien zu predigen – etwas völlig Neues zu jener Zeit. Whitefield begann Wesley in diese Art des Predigens einzuführen. Wesley schreibt darüber: „Anfangs konnte ich mich kaum an diese fremdartige Art des Predigens auf freiem Feld gewöhnen, wovon er (Whitefield) mir am Sonntag ein Beispiel gab. Mein ganzes Leben lang und bis vor kurzem hatte ich eisern an allem Anstand und Ordentlichkeit festgehalten, sodass es mir beinahe als Sünde erschien, Seelen zu retten an irgendeinem anderen Ort ausser in der Kirche.“

Aber wenig später erinnerte sich Wesley an die Bergpredigt und sagte, dies sei ein beachtenswerter Präzedenzfall einer Predigt im Freien. Wenn Jesus selber auf freiem Feld predigte, warum sollte John Wesley nicht dasselbe tun? – Am nächsten Tag predigte Wesley von einer kleinen Anhöhe neben der Landstrasse aus, am Ausgang der Stadt, und hatte dreitausend Zuhörer.

In Epworth, seinem Geburtsort, wurde ihm nicht nur verboten, in der Kirche zu predigen, sondern der Pfarrer weigerte sich auch, ihn zum Abendmahl zuzulassen, und sagte, Wesley sei „nicht tauglich“. Somit ging Wesley am Nachmittag desselben Sonntags zum Friedhof, stellte sich auf den Grabstein seines Vaters und predigte von dort aus; und er hatte mehr Zuhörer, als der Pfarrer in der Kirche gehabt hatte.

Von da an widmete sich Wesley dem Predigen im Freien; und meistens kamen Tausende, um ihm zuzuhören. So erwies es sich als vorteilhaft, dass er aus den Kirchen ausgeschlossen worden war, denn er konnte ausserhalb der Kirchen viel mehr Menschen erreichen, als es ihm innerhalb möglich gewesen wäre. Bei einer Gelegenheit, als er schon 70 Jahre alt war, hatte er ein Publikum von über 30’000 Personen. Es wird geschätzt, dass Wesley im Lauf seines Lebens etwa 40’000 Predigten hielt.

Der Neid der Pastoren

Es war unter diesen Umständen nur zu erwarten, dass die Pastoren noch neidischer wurden auf Wesley. Abgesehen davon, dass sie mit dem Inhalt seiner Predigten nicht einverstanden waren, klagten sie ihn an, er hätte kein Recht, ihren Gemeindegliedern zu predigen. Das ist ganz ähnlich wie bei den gegenwärtigen Pastoren, die jeden als „Schafsdieb“ bezeichnen, der ohne ihre Erlaubnis zu ihren Gemeindegliedern über das Evangelium spricht. Damals wie heute denken die Pastoren, ein Eigentumsrecht zu haben über die Mitglieder ihrer Gemeinden; und sie vergessen, dass nicht sie es waren, sondern Jesus, der mit seinem Leben für ihre Erlösung bezahlte.

Wesley gab seinen Kritikern folgende Antwort:

„Ihr denkt, dass ich in der Zwischenzeit still sitzenbleiben sollte, da ich sonst in ein fremdes Amt eindränge, mich in die Geschäfte anderer Leute einmischte, und mit Seelen zu tun bekäme, die mir nicht gehören. Deshalb fragt ihr: Wie ist es, dass ich Christen versammle, die nicht unter meiner Fürsorge stehen, um Psalmen zu singen, zu beten, und die Auslegung der Schrift zu hören?, und ihr denkt, es sei aufgrund katholischer Prinzipien nicht zu rechtfertigen, dass ich dies in den Pfarreien anderer Leute tue? (Anm: Heute würden sie sagen: „evangelische“ oder „ökumenische“ Prinzipien; aber im Grunde kommt das auf dasselbe heraus…)
Erlaubt mir, frei heraus zu reden. Wenn ihr euch mit „katholische Prinzipien“ auf irgendein Prinzip bezieht, das nicht schriftgemäss ist, dann hat dies für mich keinerlei Gewicht. Ich lasse keine andere Regel für den Glauben oder für die Praxis zu, ausser der Heiligen Schrift. Aber aufgrund schriftgemässer Prinzipien scheint es mir nicht schwierig zu rechtfertigen, was ich tue. Gott gebietet mir in der Schrift, nach meinen Kräften die Unwissenden zu lehren, die Bösen zu reformieren, die Tugendhaften zu bestärken. Die Menschen verbieten mir dies in ihren Pfarreien zu tun; was in Tat und Wahrheit bedeutet, es mir überhaupt zu verbieten, da ich keine eigene Pfarrei habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nie eine haben werde. Auf wen soll ich also hören, auf Gott oder auf die Menschen?
Ich betrachte die ganze Welt als meine Pfarrei; d.h. wo immer auf der Welt ich bin, betrachte ich es als angebracht, rechtmässig und meine auferlegte Pflicht, allen, die zuzuhören bereit sind, die gute Nachricht der Erlösung zu verkünden. Das ist die Arbeit, wovon ich weiss, dass Gott mich berufen hat sie zu tun; und ich bin sicher, dass sein Segen sie begleitet. Deshalb bin ich ausserordentlich dazu ermutigt, die Arbeit, die er mir zu tun gab, getreu zu erfüllen. Ich bin sein Diener, und als solcher bin ich gemäss der klaren Führung seines Wortes damit beschäftigt, ’soweit ich die Gelegenheit habe, allen Menschen Gutes zu tun‘; und seine Vorsehung stimmt klar mit seinem Wort überein, denn er befreite mich von allem anderen, damit ich mich einzig ebendieser Sache annehme, und damit fortfahre, das Gute zu tun.“

(Fortsetzung folgt)

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Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Fortsetzung)

21. Juli 2013

Der erste missionarische Versuch

In Georgia wurde Wesley ein Pfarramt unter den Engländern zugewiesen. Dort geschah dasselbe wie in England: Seine starke und strenge Predigt über die Heiligkeit erregte allgemeine Aufmerksamkeit, aber alle wandten sich gegen ihn. Nur wenige liessen sich von ihm überzeugen, und Wesley sah sich ständig in Streitigkeiten, Intrigen und Bedrohungen verwickelt. Ein Mitglied seiner Kirche warf ihm eines Tages vor:
„Mir gefällt überhaupt nichts von dem, was Sie tun. Alle Ihre Predigten sind Satiren über bestimmte Personen, und deshalb will ich Ihnen nicht mehr zuhören, und die ganze Gemeinde sagt dasselbe, denn wir wollen nicht länger beleidigt werden. Ausserdem sagen sie, sie seien Protestanten; aber von Ihnen kann niemand sagen, was für einer Religion Sie angehören. Niemand hier hat je von einer solchen Religion gehört. Die Leute wissen nicht, was sie davon halten sollen. Und ausserdem Ihr persönliches Verhalten – alle die Auseinandersetzungen, die es durch Ihre Schuld gegeben hat, seit Sie gekommen sind. Überhaupt kümmert sich kein Mensch in dieser Stadt auch nur um ein einziges Wort von dem, was Sie sagen. Sie können predigen, soviel Sie wollen; aber niemand wird kommen, um Ihnen zuzuhören.“
Wesley fügt in seinem Tagebuch hinzu: „Er war zu erhitzt, um einer Antwort zuzuhören. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihm für seine Offenheit zu danken und wegzugehen.“

Wesley verwickelte sich ausserdem in eine Liebesaffäre, wo er sehr unweise handelte. Eine junge Frau, die anscheinend Gott liebte, begann sich für ihn zu interessieren. Sie gefiel Wesley auch, aber er hatte oft gesagt, es sei besser, ledig zu bleiben, um Gott besser dienen zu können. Deshalb zweifelte er, ob Gott ihm erlauben würde zu heiraten. Aufgrund dieser eigenen Unsicherheit schwankte er ständig zwischen zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen: auf der einen Seite machte er der jungen Frau Hoffnungen, und auf der anderen Seite distanzierte er sich wieder von ihr. Dieses Verhalten verwirrte sie so sehr, dass sie schliesslich in ihrer Verzweiflung überstürzt einen anderen Mann heiratete.

Mit all diesen Problemen in der Gemeinde und in seinem eigenen Leben konnte Wesley nie seinen eigentlichen Vorsatz ausführen, die Indianer zu evangelisieren. Seine Arbeit unter den Eingeborenen beschränkte sich auf einige wenige Kontakte.

Während dieser ganzen Zeit versammelte sich Wesley weiterhin mit den Herrnhutern, die am selben Ort lebten. Ab und zu suchte er Rat bei ihnen. Anscheinend waren sie die einzigen Menschen, vor denen er sein Herz öffnen konnte. In einem Gespräch mit einem ihrer Leiter, Spangenberg, fragte ihn dieser:

– „Mein Bruder, ich muss dir zuerst eine oder zwei Fragen stellen. Hast du das Zeugnis in dir? Bezeugt der Geist Gottes zusammen mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist?“
John Wesley war angesichts dieser Frage so sprachlos, dass er nicht antworten konnte.
– „Kennst du Jesus Christus?“, fuhr Spangenberg fort.
– „Ich weiss, dass er der Erlöser der Welt ist.“
– „Gewiss; aber weisst du, dass er dich erlöst hat?“
– „Ich hoffe es“, antwortete Wesley, „er starb, um mich zu erretten.“
– „Kennst du dich selber?“
– „Ja“, sagte Wesley, aber er sagte es nicht mit Überzeugung.

Die Überführung durch den Heiligen Geist

Schliesslich verliess Wesley vor der Zeit Georgia und kehrte fast fluchtartig nach England zurück. Während der Schiffsreise hatte er mehrere Wochen Zeit, um über seinen Misserfolg und dessen Ursachen nachzudenken. Und da war es, wo Gott ihm ganz klar die Wahrheit zeigte: Er selber war noch nicht wiedergeboren!

Während dieser Reise schrieb Wesley die folgenden beeindruckenden Worte in sein Tagebuch:

„Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren; aber ach! wer wird mich bekehren? Wer wird mich von diesem boshaften Herz erlösen? Ich habe eine Sommer-Schönwetterreligion. Ich kann gut reden, ja, und kann auch glauben, solange keine Gefahr herrscht; aber wenn mir der Tod ins Gesicht schaut, verstört sich mein Geist. Ich kann auch nicht sagen: ‚Sterben ist Gewinn‘.
Ich habe eine Sünde der Angst, dass wenn ich
meinen letzten Faden gewebt haben werde,
am Ufer zugrunde gehe!“

Und etwas später:

„Es ist jetzt zwei Jahre und fast vier Monate her, seit ich mein Land verliess, um die Indianer von Georgia über das Christentum zu belehren. Aber was habe ich selber in dieser Zeit gelernt? Was ich am wenigsten erwartete: dass ich, der ich nach Amerika ging, um andere zu bekehren, selber nie zu Gott bekehrt worden war.“

An dieser so wichtigen Stelle in Wesleys Leben müssen wir einen Moment innehalten. Er war ein Theologe, ein ordinierter Pfarrer, ein Prediger, ein Missionar. Er kannte und glaubte alle wichtigen Lehren des Christentums, und belehrte andere darüber. Dennoch musste er anerkennen, dass er selber noch nicht wiedergeboren war. Ja, er glaubte, dass Jesus für ihn gestorben war. Aber auf der Reise und in Georgia war sein Glaube auf die Probe gestellt worden – und zu leicht befunden worden. Wesley musste eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens keinen Glauben hatte.

Wenn wir nur die grosse und schreckliche Lehre verstehen könnten, die in dieser Geschichte für unsere heutigen Kirchen liegt! Wie schnell sind wir dabei, jemanden als „Christ“ und „Bruder“ zu bezeichnen. Wir geben uns damit zufrieden, dass jemand zur Kirche geht, die Bibel liest, betet, Geld spendet, und „auf christlich“ sprechen kann. Und wenn wir ihn sein „Übergabegebet“ sprechen gehört haben, dann zweifeln wir überhaupt nicht mehr daran, dass es sich um einen echten, bekehrten Christen handelt. In einigen Gemeinden wird es sogar als eine Todsünde betrachtet, die Errettung einer solchen Person in Frage zu stellen. Aber Wesley hatte all das getan, was diese „Durchschnittschristen“ tun, und noch viel mehr. Er hatte seine Ordinationsgelübde abgelegt. Er war unter Lebensgefahr über das Meer gereist, um die Indianer zu bekehren. Er hatte ein disziplinierteres und frömmeres Leben geführt als alle seine Kameraden. Dennoch war er nicht wiedergeboren.

Ist es da nicht logisch anzunehmen, dass viele der angeblichen „Geschwister“ in den Gemeinden ebensowenig wiedergeboren sind? – und dass sogar viele der gegenwärtigen Pfarrer und Prediger nicht wiedergeboren sind?

Manche Jahre später sagte Wesley in einer Predigt, dass er während all dieser Jahre nur ein „Beinahe-Christ“ gewesen sei. Einer, der sich bemüht, Gottes Gebote zu halten; der sich bemüht, gute Werke zu tun; und der den ehrlichen Wunsch hat, Gott zu gefallen. Einer, der von Herzen alle seine religiösen Pflichten erfüllt. Ist es nicht das, was in vielen Kirchen unter einem Christen verstanden wird? Und gibt es etwa nicht viele „Geschwister“ in den Kirchen, die nach Wesley nicht einmal „Beinahe-Christen“ wären, weil sie noch in bewusster Sünde leben und in ihren Herzen nicht ehrlich sind? Wie können sie dann glauben, sie seien errettet?
Aber auch als „Beinahe-Christ“ fehlte Wesley noch das Entscheidende (wie er in jener Predigt sagte): die echte Liebe Gottes und der echte Glaube. Seine Frömmigkeit und seine guten Werke waren nichts als menschliche Anstrengungen. Er hatte das Leben eines echten Christen nachgeahmt; aber Gott hatte nicht wirklich in seinem Leben gewirkt.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley, dass er während all jener Jahre den Glauben eines Sklaven gehabt hätte; aber dass ihm nachher Gott den Glauben eines Sohnes gegeben hätte.

Das Leben Wesleys sollte als Beispiel dienen, um all jenen die Augen zu öffnen, die meinen, Christen zu sein, während sie in Wirklichkeit nur religiöse Gewohnheiten haben.
Hat dich Gott je zutiefst von deiner Sündhaftigkeit und deinem Unglauben überführt?
Gab es in deinem Leben ein echtes Wirken Gottes, das dein Leben veränderte und den Sünder, der du warst, in ein heiliges Kind Gottes verwandelte?
Oder ist deine ganze Religiosität nur dein eigenes menschliches Werk?

Wichtige Anmerkung: Ich sagte oben, dass in Georgia der Glaube Wesleys als zu leicht befunden wurde. Das hat aber nichts damit zu tun, was die Leute über ihn sagten. Einige „Christen“ meinen, sie seien „bewährt“, wenn die ganze Gemeinde gut von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Und sie meinen, sie seien „unbewährt“, wenn die Gemeinde schlecht von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Das ist ein grosser Irrtum. Nur in deiner persönlichen Beziehung zu Gott zeigt es sich, ob dein Glaube bewährt ist. Wir werden weiter unten sehen, dass Wesley nach seiner Wiedergeburt noch viel mehr kritisiert und misshandelt wurde – insbesondere von den Pastoren. Aber da war sein Glaube fest und bewährt.

Die Wiedergeburt

Bei seiner Rückkehr nach London lernte Wesley einen anderen Herrnhuter kennen, Peter Böhler, der vor kurzem aus Deutschland gekommen war. Er sprach mit ihm über seine Verzweiflung, und während der folgenden vier Monate war Böhler sein Ratgeber in seinen geistlichen Stürmen. In einem dieser Gespräche sagte Böhler zu ihm: „Mein Bruder, mein Bruder, du musst von dieser deiner Philosophie gereinigt werden.“

Wesley erwähnt das folgende Gespräch, einige Wochen später:

„Am Sonntag wurde ich klar vom Unglauben überführt, vom Mangel an jenem Glauben, durch den wir als einziges errettet werden können.
Sofort kam mir der Gedanke: ‚Hör auf zu predigen. Wie kannst du anderen predigen, wenn du selber keinen Glauben hast?‘ – Ich fragte Böhler, ob ich aufhören sollte zu predigen. Er antwortete: ‚Keinesfalls.‘ – Ich fragte: ‚Aber was kann ich predigen?‘ – Er sagte: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast.‘ „

Bei einer anderen Gelegenheit, als Wesley nochmals dasselbe fragte, antwortete Böhler: „Nein, vergrabe das Talent nicht, das Gott dir gegeben hat.“

So fuhr Wesley fort zu predigen, und die Wahrheit Gottes schaffte sich allmählich Raum in seinem eigenen Herzen.

Am 24.Mai 1738, vier Monate nach seiner Rückkehr von Amerika, befand sich Wesley in einer Versammlung, wo Luthers Vorrede zum Römerbrief vorgelesen wurde. Wesley berichtet:

„Etwa um viertel vor neun, während er den Wechsel beschrieb, den Gott im Herzen bewirkt durch den Glauben an Christus, fühlte ich, dass mein Herz seltsam erwärmt wurde. Ich fühlte, dass ich auf Christus vertraute, auf Christus allein, für meine Errettung; und es wurde mir eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, sogar die meinen, und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst hatte.
(…) Wenig später flüsterte mir der Feind ein: ‚Das kann nicht Glaube sein, denn wo ist deine Freude?‘ – Darauf wurde ich belehrt, dass der Friede und der Sieg über die Sünde wesentlich sind im Glauben an den Anführer unserer Erlösung; dass aber das Gefühl der Freude (…) Gott manchmal gibt und manchmal zurückbehält, nach dem Ratschluss seines eigenen Willens.
(…) Die Versuchungen kamen immer wieder zurück. Jedesmal hob ich meine Augen auf, und Er ’sandte mir Hilfe aus Seinem Heiligtum‘. Und darin fand ich den hauptsächlichen Unterschied zwischen meinem neuen Zustand und dem vorherigen. Ich strengte mich an und kämpfte mit all meiner Kraft, sowohl unter dem Gesetz wie unter der Gnade. Aber damals wurde ich oft besiegt; jetzt war ich immer Sieger.

J.E.Hutton schreibt über diese Veränderung: „Von diesem Moment an, trotz einiger wiederkehrender Zweifel, war John Wesley ein veränderter Mensch. Obwohl er keine neue Lehre gelernt hatte, hatte er doch gewiss eine neue Erfahrung gemacht. Er hatte Frieden in seinem Herzen, war seiner Errettung gewiss, und von da an, wie alle Leser wissen, war er imstande, sich selbst zu vergessen, seine Seele in Gottes Hand zu lassen, und sein Leben zur Errettung seiner Nächsten zu verwenden.“

Es ist sehr interessant zu lesen, wie Wesley die Wirkung seiner Predigten während jener Zeit beschreibt:

„4.Februar. Am Nachmittag wurde ich gebeten, in St.John the Evangelist’s zu predigen. Ich tat es, über diese starken Worte: ‚Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung‘ (2.Kor.5,17). Danach wurde ich darüber informiert, dass die Besten in der Versammlung sich so beleidigt fühlten, dass ich nie mehr hier predigen sollte.
Sonntag, 12. Ich predigte in St.Andrew’s, Holborn, über: ‚Auch wenn ich all meine Güter gäbe, um die Armen zu speisen, und auch wenn ich meinen Körper hingäbe zum Verbrennen, aber hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.‘ (1.Kor.13,3). Oh, harte Worte! Wer kann sie anhören? Auch hier scheint es, dass sie mich nie mehr predigen lassen werden.
Sonntag, 26. Ich predigte um sechs in St.Lawrence, um zehn in St.Catherine Cree’s, und am Nachmittag in St.John’s, Wapping. Ich glaube, es gefiel Gott, die erste Predigt am meisten zu segnen, denn sie erregte am meisten Anstoss.
(…) Sonntag, 7.Mai. Ich predigte morgens in St.Lawrence, und danach in St.Catherine Cree’s. An beiden Orten wurde ich befähigt, starke Worte zu sprechen; und war deshalb nicht überrascht, als ich informiert wurde, ich dürfe in keiner dieser beiden Kirchen mehr predigen.
Sonntag, 14. Ich predigte morgens in St.Ann’s, Aldersgate; und am Nachmittag in Savoy Chapel, die freie Erlösung durch den Glauben an das Blut Christi. Man sagte mir sofort, dass ich auch in St.Ann’s nicht mehr predigen dürfe.
Sonntag, 21. Ich predigte in St.John’s, Wapping um drei, und in St.Bennett’s, Paul’s Wharf, am Abend. Auch in diesen Kirchen darf ich nicht mehr predigen.“

Was war so anstössig an diesen „neuen“ Predigten Wesleys? – Nun, es war genau das, was er selber erfahren hatte: dass es nötig war, von neuem geboren zu werden. Wesley verstand sehr gut, dass sich die Mitglieder (und Pastoren) der Kirchen in derselben Situation befanden wie er vor seiner Wiedergeburt: Sie dachten, sie seien Christen, aber sie waren höchstens „Beinahe-Christen“. Somit bewies ihnen Wesley aus der Schrift, dass sie von neuem geboren werden mussten. Das ist die anstössigste, aber zugleich notwendigste Botschaft für die Kirche. Nicht nur zur Zeit Wesleys, sondern auch heute. Wo sind heute die Prediger, die den Mitgliedern und Pastoren der evangelischen und evangelikalen Kirchen aus der Schrift zeigen, dass sie erst von neuem geboren werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 1

13. Juli 2013

Vorbemerkung: Anfänglich hatte ich geplant, in der Artikel-Rubrik „Erweckungsgeschichte“ chronologisch vorzugehen. Dann müsste ich eigentlich vor Wesley zumindest über die Puritaner, die Quäker, die Pietisten und die Herrnhuter sprechen. Aber ich hatte bisher nicht die Zeit, Artikel über diese Bewegungen zusammenzustellen, während ich über Wesley schon viel vorbereitetes Material hatte. Deshalb mache ich jetzt nach den Täufern der Reformationszeit einen grossen zeitlichen Sprung nach vorne, und hoffe die übrigen erwähnten Bewegungen ein anderes Mal behandeln zu können.

(Anmerkung: Alle Wesley-Zitate sind, soweit nichts anderes angemerkt, aus Wesleys Tagebuch entnommen.)

Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“

John Wesley wurde von Gott gebraucht, um eine der grössten Erweckungen der Geschichte herbeizuführen. Während seines Dienstes kamen Tausende und vielleicht Millionen von Menschen in England zum Glauben an Jesus und änderten ihr Leben. Diese Erweckung veränderte das ganze Land. Historiker sagen, dass England nur durch das Wirken Wesleys eine ähnlich blutige Revolution wie die französische erspart wurde. So sagt z.B. John Telford in der Einleitung zu seiner Biographie Wesleys:

(Der Historiker) Lecky schreibt dem Methodismus einen prominenten Platz zu unter den Einflüssen, die dieses Land (England) vor dem revolutionären Geist bewahrten, der Frankreich ruinierte. Er zeigt, wie ‚besonders glücklich‘ der Umstand war, dass der Industrialisation in der zweiten Hälfte des 18.Jahrhunderts ‚eine religiöse Erweckung vorausging, die eine Quelle moralischer und religiöser Energie unter den Armen eröffnete, und gleichzeitig auf mächtige Weise die Menschenliebe unter den Reichen förderte.‘ „

Fast gleichzeitig bevollmächtigte Gott auf der anderen Seite des Atlantiks einen Prediger, durch den in Amerika eine ebenso grosse Erweckung geschehen sollte: Jonathan Edwards. Ein Freund Wesleys, George Whitefield, sollte in jener Erweckung ebenfalls grossen Einfluss haben. Die Daten dieser zwei Erweckungen stimmen auffallend überein: Edwards erlebte die Anfänge der Erweckung im Jahr 1735. Von 1740 bis 1742 breitete sie sich unter allen englischen Kolonien in Nordamerika aus, und 1745 erreichte sie die indianischen Ureinwohner (durch den Missionar David Brainerd). – John Wesley erlebte 1738 seine persönliche Wiedergeburt, und daraufhin begann die Erweckung in England, die mehrere Jahrzehnte lang andauerte. – Wenig früher (1727) war auch in Deutschland von Herrnhut eine Erweckung ausgegangen, welche die erste Weltmissionsbewegung seit der Reformation hervorbrachte. – Es scheint, dass Gott beschlossen hatte, während jener Jahrzehnte von etwa 1730 bis 1750 seine Gemeinde im grossen Stil zu erneuern.

Wenn wir diese Erweckungsbewegungen mit der Reformation Luthers und Calvins vergleichen, dann sticht ein besonderer Unterschied ins Auge. Die Reformation betonte die Lehre, insbesondere über die Rechtfertigung aus Glauben, durch die Gnade Gottes. Die Erweckungen des 18.Jahrhunderts betonten das persönliche Erleben der Rechtfertigung und der Gnade Gottes. In anderen Worten: Die Reformatoren fragten: „Glaubst du an die Lehre der Rechtfertigung aus dem Glauben?“ Die Erweckungsprediger fragten: „Zeigt es sich in deinem eigenen Leben, dass du errettet bist?“

Die Erweckungsprediger verachteten nicht etwa die Lehre. Im Gegenteil, die Lehre von der Erlösung war ihnen äusserst wichtig. Ohne diese Grundlage, die in der Reformationszeit gelegt worden war, wären die Erweckungen nicht möglich gewesen. Aber Prediger wie Edwards, Wesley, und andere, erkannten, dass es nicht genug war, die richtige Lehre anzuerkennen. Es war nötig, die grosse Umwandlung, die Jesus im Leben eines Gläubigen bewirkt, selber zu erleben. Das heisst, es war nötig, wiedergeboren zu werden.

John Wesley erfuhr diese Notwendigkeit zutiefst in seinem eigenen Leben.

Viele gute Vorsätze

Von Kind auf bemühte sich John Wesley, ein diszipliniertes und methodisches Leben zu führen. Ein Biograph sagt, dass er sogar auf die Frage, ob er noch etwas mehr Brot möchte, nicht mit „ja“ oder „nein“ zu antworten pflegte, sondern sagte: „Danke, ich werde es mir überlegen.“ Sein Vater verzweifelte fast darüber und sagte eines Tages zu seiner Frau: „Ich versichere dir, unser John würde nicht einmal den dringendsten Bedürfnissen der Natur nachgeben, wenn er nicht einen guten Grund dafür nennen könnte.“

Im Studium fand Wesley, dass das Leben eines typischen Studenten informell und oberflächlich war. Er beschloss, das zu ändern, und verfasste für sich selber ein Reglement unter dem Titel: „Eine allgemeine Regel in allen Tätigkeiten des Lebens.“ Darin nahm er sich z.B. vor, „immer eine atemberaubende Furcht vor der Gegenwart Gottes zu bewahren“, „jede freie Stunde auf Dinge der Religion zu verwenden“, „die Neugier über unnütze Tätigkeiten und Kenntnisse zu vermeiden“. Er unterwarf sein tägliches Leben einem strengen Stundenplan. Aber oft musste er sich selber Vorwürfe machen, weil er diese selbst aufgestellten Regeln nicht erfüllen konnte.

Wesley studierte Theologie und wurde zum anglikanischen Pfarrer ordiniert. Von Anfang an predigte er über die Notwendigkeit, ein heiliges und diszipliniertes Leben zu führen. Das beeindruckte seine Zuhörer; aber viele ärgerten sich, weil Wesley zu streng und unflexibel war. Da bot sich eine Gelegenheit an, in einer kurz zuvor gegründeten Kolonie in Georgia zu arbeiten. Dort sollte Wesley ein Pfarramt für eine englische Gemeinde übernehmen; aber er dachte noch mehr daran, die dort ansässigen Indianer zu evangelisieren.

Geprüft im Sturm

Wesley reiste mit drei Begleitern nach Amerika, darunter sein Bruder Charles. Auf demselben Schiff befand sich eine Gruppe deutscher Herrnhuter, die sich ebenfalls in Georgia ansiedeln wollten. Wesley fühlte sich sehr zu ihnen hingezogen und nahm an ihren täglichen Zusammenkünften teil. Er schrieb darüber:

„Sie zeigten ständig ihre Demut, indem sie für die anderen Passagiere jene untergeordneten Arbeiten übernahmen, die keiner der Engländer getan hätte. Weder baten sie um Bezahlung noch nahmen sie solche an. Sie sagten: ‚Es war gut für ihre stolzen Herzen‘, und: ‚Ihr liebender Erlöser hat mehr getan für sie.‘ Und jeden Tag zeigten sie eine Sanftmut, die sich durch keine Beleidigung aus der Ruhe bringen liess. Wenn sie geschubst, geschlagen oder umgeworfen wurden, standen sie wieder auf und gingen weg; aber in ihrem Mund fand sich keine Klage.“

Auch auf dem Schiff behielt Wesley seinen geordneten und strengen Lebensstil bei. Er schrieb in seinem Tagebuch:

„Unsere normale Lebensweise war so:
Von vier bis fünf Uhr morgens widmete sich jeder von uns dem persönlichen Gebet. Von fünf bis sieben lasen wir zusammen die Bibel. (…) Um sieben frühstückten wir. Um acht Uhr war das öffentliche Gebet. Von neun bis zwölf lernte ich Deutsch, und Herr Delamotte lernte Griechisch. Mein Bruder schrieb Predigten, und Herr Ingham lehrte die Kinder. Um zwölf kamen wir zusammen, um voreinander Rechenschaft abzulegen darüber, was wir seit der letzten Zusammenkunft getan hatten, und was wir bis zur nächsten tun wollten. Um ein Uhr assen wir zu Mittag. Nach dem Mittagessen bis um vier Uhr lasen wir für jene [Passagiere], für die sich jeder von uns verantwortlich gemacht hatte, oder wir sprachen mit ihnen einzeln, je nach den Bedürfnissen. Um vier war das Nachmittagsgebet. (…) Von fünf bis sechs beteten wir jeder für sich. Von sechs bis sieben las ich in unserer Kabine für zwei oder drei Passagiere. (…) Um sieben Uhr versammelte ich mich mit den Deutschen in ihrem öffentlichen Gottesdienst. (…) Um acht kamen wir wieder unter uns zusammen, um uns gegenseitig zu ermahnen und zu lehren. Zwischen neun und zehn Uhr gingen wir schlafen…“

Die Überfahrt war ziemlich stürmisch, sodass die Passagiere um ihr Leben zu fürchten begannen. In diesen Umständen wurde sich Wesley bewusst, dass er im Tiefsten seines Herzens nicht auf das Sterben vorbereitet war:

„Etwa um neun Uhr ging eine See über uns hinweg vom Bug bis zum Heck, zerbrach die Fenster der Kabine, wo sich drei oder vier von uns befanden, und bedeckte uns vollständig, obwohl ein Schreibtisch mich vor dem schlimmsten Aufprall schützte. Etwa um elf legte ich mich in der grossen Kabine nieder und schlief bald ein, aber ohne zu wissen, ob ich wieder lebendig aufwachen würde, und sehr beschämt, weil ich nicht zum Sterben bereit war. Oh, wie reines Herzens muss der sein, der sich darüber freuen würde, ohne Vorwarnung vor Gott zu erscheinen!“

Aber das Schlimmste sollte noch kommen. Wesley schreibt in seinem Tagebuch über den stärksten Sturm:

„…Um vier Uhr war der Sturm heftiger als je… Das Schiff wurde von so unregelmässigen Bewegungen durchgeschüttelt, dass man sich nur mit grösster Schwierigkeit an etwas festhalten konnte, um sich aufrecht zu halten. Alle zehn Minuten gab es einen Schlag gegen das Heck oder die Seite des Schiffes, sodass man denken musste, die Planken würden in Stücke zersplittern.
… Um sieben ging ich zu den Deutschen. Inmitten des Psalmlieds zur Eröffnung des Gottesdienstes brach eine See über das Schiff herein, riss das Hauptsegel in Stücke, bedeckte das Schiff und ergoss sich zwischen die Decks, als ob uns der grosse Abgrund bereits verschlungen hätte. Die Engländer fingen an schrecklich zu schreien. Die Deutschen sangen ruhig weiter. Danach fragte ich einen von ihnen: ‚Hattet ihr keine Angst?‘ Er antwortete: ‚Gott sei Dank, nein.‘ Ich fragte: ‚Aber haben eure Frauen und Kinder keine Angst gehabt?‘ Er sagte freundlich: ‚Nein, unsere Frauen und Kinder haben keine Angst zu sterben.‘ – Dann ging ich zu seinen Nachbarn, die schrieen und zitterten, und zeigte ihnen den Unterschied in der Stunde der Prüfung, zwischen dem, der Gott fürchtet, und dem, der ihn nicht fürchtet.“

Aber Wesley selber hatte auch nicht die Ruhe, die die Herrnhuter auszeichnete. J.E.Hutton sagt (in „Geschichte der Brüdergemeine“): „John Wesley war zutiefst verstört. Mit all seiner Frömmigkeit fehlte ihm doch noch etwas, was diese Brüder besassen. Es fehlte ihm das siegesgewisse Vertrauen auf Gott. Er fürchtete noch den Tod. – ‚Wie kommt es, dass du keinen Glauben hast?‘, sagte er zu sich selber.“

(Fortsetzung folgt)

John Taylor Gatto: Das Prinzip des gefangenen Flohs

5. Juli 2013

Aus: John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“ (2009)

 

Woher kommt die unheimliche, unmenschliche Passivität von Schulkindern gegenüber den Dingen, die die Erwachsenenwelt von jeher als wichtig angesehen hat? Und die noch unerklärlichere Gleichgültigkeit armer Kinder gegenüber ihrer ominösen Zukunft, die sich ihnen unaufhaltsam nähert?

Als ich noch als Lehrer arbeitete, hatte ich meine Theorien darüber; aber keine, die mich wirklich überzeugte. Bis mir ein elfjähriger taiwanesischer Einwandererjunge namens Andrew Hsu erklärte, wie man den Willen von Flöhen zerbricht, sodass sie dressiert werden können. Seine Erklärung wurde in einer autobiographischen Notiz gedruckt, die er für die Feier schrieb, wo er und ich denselben Preis erhielten; aber die materielle Anerkennung, die ich erhielt, verblasste im Vergleich zu der Lektion, die ich von Andrew an jenem Tag lernte.

Er hatte soeben die Wissenschafts- und Technikausstellung des Staates Washington gewonnen, indem er ein Gen entschlüsselt hatte, das Menschen und Mäuse gemeinsam haben: COL201A. Mit seinen elf Jahren war Andrew bereits ein hervorragender Schwimmer, der viele Trophäen gewonnen hatte. Er sprach fliessend Chinesisch, Französisch und Englisch. In seiner Freizeit arbeitete er als Assistent für professionelle Dokumentarfilme. Und er war nie zur Schule gegangen; er war ein „Homeschool-„Kind.
Als er gebeten wurde, die wichtigste Lektion zu beschreiben, die er in seinem Leben gelernt hatte, und die seine Entscheidungen am meisten beeinflusste, da sagte er, es sei eine Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hatte darüber, wie Flöhe dazu dressiert werden, an Trapezen zu schaukeln, kleine Wägelchen zu ziehen, und all die anderen wunderbaren Dinge, die Flöhe seinerzeit lernten, um Könige und ihren Hofstaat zu unterhalten. Diese Geschichte war so:

Wenn man Flöhe in ein niedriges Gefäss setzt, dann springen sie heraus. Aber wenn man das Gefäss eine Zeitlang mit einem Deckel zudeckt, dann stossen sie am Deckel an bei ihren Versuchen, hinauszuspringen; und sie lernen bald, nicht mehr so hoch zu springen. Sie geben ihre Bemühungen um Freiheit auf. Wenn man dann den Deckel wegnimmt, bleiben die Flöhe Gefangene ihrer selbstauferlegten Beschränkungen. So ist auch unser Leben. Die meisten von uns erlauben es unseren eigenen Ängsten, oder den von anderen Personen auferlegten Bedingungen, uns gefangenzuhalten in einer Welt niedriger Erwartungen.

Als ich das las, zog mein ganzen Leben als Lehrer vor meinen geistigen Augen vorüber. Ich war dazu angestellt worden, der Deckel zu sein auf der Petrischale, an dem die Kinder ihre Köpfe anstossen würden bei ihren Versuchen, ihren eigenen Weg zu verfolgen, bis sie es eines Tages erschöpft aufgeben würden. Und damit wurden sie zu geeigneten Dressurobjekten.