John Taylor Gatto: Das Prinzip des gefangenen Flohs

Aus: John Taylor Gatto, „Weapons of Mass Instruction“ (2009)

 

Woher kommt die unheimliche, unmenschliche Passivität von Schulkindern gegenüber den Dingen, die die Erwachsenenwelt von jeher als wichtig angesehen hat? Und die noch unerklärlichere Gleichgültigkeit armer Kinder gegenüber ihrer ominösen Zukunft, die sich ihnen unaufhaltsam nähert?

Als ich noch als Lehrer arbeitete, hatte ich meine Theorien darüber; aber keine, die mich wirklich überzeugte. Bis mir ein elfjähriger taiwanesischer Einwandererjunge namens Andrew Hsu erklärte, wie man den Willen von Flöhen zerbricht, sodass sie dressiert werden können. Seine Erklärung wurde in einer autobiographischen Notiz gedruckt, die er für die Feier schrieb, wo er und ich denselben Preis erhielten; aber die materielle Anerkennung, die ich erhielt, verblasste im Vergleich zu der Lektion, die ich von Andrew an jenem Tag lernte.

Er hatte soeben die Wissenschafts- und Technikausstellung des Staates Washington gewonnen, indem er ein Gen entschlüsselt hatte, das Menschen und Mäuse gemeinsam haben: COL201A. Mit seinen elf Jahren war Andrew bereits ein hervorragender Schwimmer, der viele Trophäen gewonnen hatte. Er sprach fliessend Chinesisch, Französisch und Englisch. In seiner Freizeit arbeitete er als Assistent für professionelle Dokumentarfilme. Und er war nie zur Schule gegangen; er war ein „Homeschool-„Kind.
Als er gebeten wurde, die wichtigste Lektion zu beschreiben, die er in seinem Leben gelernt hatte, und die seine Entscheidungen am meisten beeinflusste, da sagte er, es sei eine Geschichte, die ihm sein Vater erzählt hatte darüber, wie Flöhe dazu dressiert werden, an Trapezen zu schaukeln, kleine Wägelchen zu ziehen, und all die anderen wunderbaren Dinge, die Flöhe seinerzeit lernten, um Könige und ihren Hofstaat zu unterhalten. Diese Geschichte war so:

Wenn man Flöhe in ein niedriges Gefäss setzt, dann springen sie heraus. Aber wenn man das Gefäss eine Zeitlang mit einem Deckel zudeckt, dann stossen sie am Deckel an bei ihren Versuchen, hinauszuspringen; und sie lernen bald, nicht mehr so hoch zu springen. Sie geben ihre Bemühungen um Freiheit auf. Wenn man dann den Deckel wegnimmt, bleiben die Flöhe Gefangene ihrer selbstauferlegten Beschränkungen. So ist auch unser Leben. Die meisten von uns erlauben es unseren eigenen Ängsten, oder den von anderen Personen auferlegten Bedingungen, uns gefangenzuhalten in einer Welt niedriger Erwartungen.

Als ich das las, zog mein ganzen Leben als Lehrer vor meinen geistigen Augen vorüber. Ich war dazu angestellt worden, der Deckel zu sein auf der Petrischale, an dem die Kinder ihre Köpfe anstossen würden bei ihren Versuchen, ihren eigenen Weg zu verfolgen, bis sie es eines Tages erschöpft aufgeben würden. Und damit wurden sie zu geeigneten Dressurobjekten.

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