Das Leben John Wesleys: „Ihr müsst von neuem geboren werden“ (Fortsetzung)

Der erste missionarische Versuch

In Georgia wurde Wesley ein Pfarramt unter den Engländern zugewiesen. Dort geschah dasselbe wie in England: Seine starke und strenge Predigt über die Heiligkeit erregte allgemeine Aufmerksamkeit, aber alle wandten sich gegen ihn. Nur wenige liessen sich von ihm überzeugen, und Wesley sah sich ständig in Streitigkeiten, Intrigen und Bedrohungen verwickelt. Ein Mitglied seiner Kirche warf ihm eines Tages vor:
„Mir gefällt überhaupt nichts von dem, was Sie tun. Alle Ihre Predigten sind Satiren über bestimmte Personen, und deshalb will ich Ihnen nicht mehr zuhören, und die ganze Gemeinde sagt dasselbe, denn wir wollen nicht länger beleidigt werden. Ausserdem sagen sie, sie seien Protestanten; aber von Ihnen kann niemand sagen, was für einer Religion Sie angehören. Niemand hier hat je von einer solchen Religion gehört. Die Leute wissen nicht, was sie davon halten sollen. Und ausserdem Ihr persönliches Verhalten – alle die Auseinandersetzungen, die es durch Ihre Schuld gegeben hat, seit Sie gekommen sind. Überhaupt kümmert sich kein Mensch in dieser Stadt auch nur um ein einziges Wort von dem, was Sie sagen. Sie können predigen, soviel Sie wollen; aber niemand wird kommen, um Ihnen zuzuhören.“
Wesley fügt in seinem Tagebuch hinzu: „Er war zu erhitzt, um einer Antwort zuzuhören. So blieb mir nichts anderes übrig, als ihm für seine Offenheit zu danken und wegzugehen.“

Wesley verwickelte sich ausserdem in eine Liebesaffäre, wo er sehr unweise handelte. Eine junge Frau, die anscheinend Gott liebte, begann sich für ihn zu interessieren. Sie gefiel Wesley auch, aber er hatte oft gesagt, es sei besser, ledig zu bleiben, um Gott besser dienen zu können. Deshalb zweifelte er, ob Gott ihm erlauben würde zu heiraten. Aufgrund dieser eigenen Unsicherheit schwankte er ständig zwischen zwei gegensätzlichen Verhaltensweisen: auf der einen Seite machte er der jungen Frau Hoffnungen, und auf der anderen Seite distanzierte er sich wieder von ihr. Dieses Verhalten verwirrte sie so sehr, dass sie schliesslich in ihrer Verzweiflung überstürzt einen anderen Mann heiratete.

Mit all diesen Problemen in der Gemeinde und in seinem eigenen Leben konnte Wesley nie seinen eigentlichen Vorsatz ausführen, die Indianer zu evangelisieren. Seine Arbeit unter den Eingeborenen beschränkte sich auf einige wenige Kontakte.

Während dieser ganzen Zeit versammelte sich Wesley weiterhin mit den Herrnhutern, die am selben Ort lebten. Ab und zu suchte er Rat bei ihnen. Anscheinend waren sie die einzigen Menschen, vor denen er sein Herz öffnen konnte. In einem Gespräch mit einem ihrer Leiter, Spangenberg, fragte ihn dieser:

– „Mein Bruder, ich muss dir zuerst eine oder zwei Fragen stellen. Hast du das Zeugnis in dir? Bezeugt der Geist Gottes zusammen mit deinem Geist, dass du Gottes Kind bist?“
John Wesley war angesichts dieser Frage so sprachlos, dass er nicht antworten konnte.
– „Kennst du Jesus Christus?“, fuhr Spangenberg fort.
– „Ich weiss, dass er der Erlöser der Welt ist.“
– „Gewiss; aber weisst du, dass er dich erlöst hat?“
– „Ich hoffe es“, antwortete Wesley, „er starb, um mich zu erretten.“
– „Kennst du dich selber?“
– „Ja“, sagte Wesley, aber er sagte es nicht mit Überzeugung.

Die Überführung durch den Heiligen Geist

Schliesslich verliess Wesley vor der Zeit Georgia und kehrte fast fluchtartig nach England zurück. Während der Schiffsreise hatte er mehrere Wochen Zeit, um über seinen Misserfolg und dessen Ursachen nachzudenken. Und da war es, wo Gott ihm ganz klar die Wahrheit zeigte: Er selber war noch nicht wiedergeboren!

Während dieser Reise schrieb Wesley die folgenden beeindruckenden Worte in sein Tagebuch:

„Ich ging nach Amerika, um die Indianer zu bekehren; aber ach! wer wird mich bekehren? Wer wird mich von diesem boshaften Herz erlösen? Ich habe eine Sommer-Schönwetterreligion. Ich kann gut reden, ja, und kann auch glauben, solange keine Gefahr herrscht; aber wenn mir der Tod ins Gesicht schaut, verstört sich mein Geist. Ich kann auch nicht sagen: ‚Sterben ist Gewinn‘.
Ich habe eine Sünde der Angst, dass wenn ich
meinen letzten Faden gewebt haben werde,
am Ufer zugrunde gehe!“

Und etwas später:

„Es ist jetzt zwei Jahre und fast vier Monate her, seit ich mein Land verliess, um die Indianer von Georgia über das Christentum zu belehren. Aber was habe ich selber in dieser Zeit gelernt? Was ich am wenigsten erwartete: dass ich, der ich nach Amerika ging, um andere zu bekehren, selber nie zu Gott bekehrt worden war.“

An dieser so wichtigen Stelle in Wesleys Leben müssen wir einen Moment innehalten. Er war ein Theologe, ein ordinierter Pfarrer, ein Prediger, ein Missionar. Er kannte und glaubte alle wichtigen Lehren des Christentums, und belehrte andere darüber. Dennoch musste er anerkennen, dass er selber noch nicht wiedergeboren war. Ja, er glaubte, dass Jesus für ihn gestorben war. Aber auf der Reise und in Georgia war sein Glaube auf die Probe gestellt worden – und zu leicht befunden worden. Wesley musste eingestehen, dass er im Grunde seines Herzens keinen Glauben hatte.

Wenn wir nur die grosse und schreckliche Lehre verstehen könnten, die in dieser Geschichte für unsere heutigen Kirchen liegt! Wie schnell sind wir dabei, jemanden als „Christ“ und „Bruder“ zu bezeichnen. Wir geben uns damit zufrieden, dass jemand zur Kirche geht, die Bibel liest, betet, Geld spendet, und „auf christlich“ sprechen kann. Und wenn wir ihn sein „Übergabegebet“ sprechen gehört haben, dann zweifeln wir überhaupt nicht mehr daran, dass es sich um einen echten, bekehrten Christen handelt. In einigen Gemeinden wird es sogar als eine Todsünde betrachtet, die Errettung einer solchen Person in Frage zu stellen. Aber Wesley hatte all das getan, was diese „Durchschnittschristen“ tun, und noch viel mehr. Er hatte seine Ordinationsgelübde abgelegt. Er war unter Lebensgefahr über das Meer gereist, um die Indianer zu bekehren. Er hatte ein disziplinierteres und frömmeres Leben geführt als alle seine Kameraden. Dennoch war er nicht wiedergeboren.

Ist es da nicht logisch anzunehmen, dass viele der angeblichen „Geschwister“ in den Gemeinden ebensowenig wiedergeboren sind? – und dass sogar viele der gegenwärtigen Pfarrer und Prediger nicht wiedergeboren sind?

Manche Jahre später sagte Wesley in einer Predigt, dass er während all dieser Jahre nur ein „Beinahe-Christ“ gewesen sei. Einer, der sich bemüht, Gottes Gebote zu halten; der sich bemüht, gute Werke zu tun; und der den ehrlichen Wunsch hat, Gott zu gefallen. Einer, der von Herzen alle seine religiösen Pflichten erfüllt. Ist es nicht das, was in vielen Kirchen unter einem Christen verstanden wird? Und gibt es etwa nicht viele „Geschwister“ in den Kirchen, die nach Wesley nicht einmal „Beinahe-Christen“ wären, weil sie noch in bewusster Sünde leben und in ihren Herzen nicht ehrlich sind? Wie können sie dann glauben, sie seien errettet?
Aber auch als „Beinahe-Christ“ fehlte Wesley noch das Entscheidende (wie er in jener Predigt sagte): die echte Liebe Gottes und der echte Glaube. Seine Frömmigkeit und seine guten Werke waren nichts als menschliche Anstrengungen. Er hatte das Leben eines echten Christen nachgeahmt; aber Gott hatte nicht wirklich in seinem Leben gewirkt.

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley, dass er während all jener Jahre den Glauben eines Sklaven gehabt hätte; aber dass ihm nachher Gott den Glauben eines Sohnes gegeben hätte.

Das Leben Wesleys sollte als Beispiel dienen, um all jenen die Augen zu öffnen, die meinen, Christen zu sein, während sie in Wirklichkeit nur religiöse Gewohnheiten haben.
Hat dich Gott je zutiefst von deiner Sündhaftigkeit und deinem Unglauben überführt?
Gab es in deinem Leben ein echtes Wirken Gottes, das dein Leben veränderte und den Sünder, der du warst, in ein heiliges Kind Gottes verwandelte?
Oder ist deine ganze Religiosität nur dein eigenes menschliches Werk?

Wichtige Anmerkung: Ich sagte oben, dass in Georgia der Glaube Wesleys als zu leicht befunden wurde. Das hat aber nichts damit zu tun, was die Leute über ihn sagten. Einige „Christen“ meinen, sie seien „bewährt“, wenn die ganze Gemeinde gut von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Und sie meinen, sie seien „unbewährt“, wenn die Gemeinde schlecht von ihnen spricht (und insbesondere der Pastor). Das ist ein grosser Irrtum. Nur in deiner persönlichen Beziehung zu Gott zeigt es sich, ob dein Glaube bewährt ist. Wir werden weiter unten sehen, dass Wesley nach seiner Wiedergeburt noch viel mehr kritisiert und misshandelt wurde – insbesondere von den Pastoren. Aber da war sein Glaube fest und bewährt.

Die Wiedergeburt

Bei seiner Rückkehr nach London lernte Wesley einen anderen Herrnhuter kennen, Peter Böhler, der vor kurzem aus Deutschland gekommen war. Er sprach mit ihm über seine Verzweiflung, und während der folgenden vier Monate war Böhler sein Ratgeber in seinen geistlichen Stürmen. In einem dieser Gespräche sagte Böhler zu ihm: „Mein Bruder, mein Bruder, du musst von dieser deiner Philosophie gereinigt werden.“

Wesley erwähnt das folgende Gespräch, einige Wochen später:

„Am Sonntag wurde ich klar vom Unglauben überführt, vom Mangel an jenem Glauben, durch den wir als einziges errettet werden können.
Sofort kam mir der Gedanke: ‚Hör auf zu predigen. Wie kannst du anderen predigen, wenn du selber keinen Glauben hast?‘ – Ich fragte Böhler, ob ich aufhören sollte zu predigen. Er antwortete: ‚Keinesfalls.‘ – Ich fragte: ‚Aber was kann ich predigen?‘ – Er sagte: ‚Predige den Glauben, bis du ihn hast; und dann wirst du ihn predigen, weil du ihn hast.‘ „

Bei einer anderen Gelegenheit, als Wesley nochmals dasselbe fragte, antwortete Böhler: „Nein, vergrabe das Talent nicht, das Gott dir gegeben hat.“

So fuhr Wesley fort zu predigen, und die Wahrheit Gottes schaffte sich allmählich Raum in seinem eigenen Herzen.

Am 24.Mai 1738, vier Monate nach seiner Rückkehr von Amerika, befand sich Wesley in einer Versammlung, wo Luthers Vorrede zum Römerbrief vorgelesen wurde. Wesley berichtet:

„Etwa um viertel vor neun, während er den Wechsel beschrieb, den Gott im Herzen bewirkt durch den Glauben an Christus, fühlte ich, dass mein Herz seltsam erwärmt wurde. Ich fühlte, dass ich auf Christus vertraute, auf Christus allein, für meine Errettung; und es wurde mir eine Gewissheit gegeben, dass er meine Sünden weggenommen hatte, sogar die meinen, und mich vom Gesetz der Sünde und des Todes erlöst hatte.
(…) Wenig später flüsterte mir der Feind ein: ‚Das kann nicht Glaube sein, denn wo ist deine Freude?‘ – Darauf wurde ich belehrt, dass der Friede und der Sieg über die Sünde wesentlich sind im Glauben an den Anführer unserer Erlösung; dass aber das Gefühl der Freude (…) Gott manchmal gibt und manchmal zurückbehält, nach dem Ratschluss seines eigenen Willens.
(…) Die Versuchungen kamen immer wieder zurück. Jedesmal hob ich meine Augen auf, und Er ’sandte mir Hilfe aus Seinem Heiligtum‘. Und darin fand ich den hauptsächlichen Unterschied zwischen meinem neuen Zustand und dem vorherigen. Ich strengte mich an und kämpfte mit all meiner Kraft, sowohl unter dem Gesetz wie unter der Gnade. Aber damals wurde ich oft besiegt; jetzt war ich immer Sieger.

J.E.Hutton schreibt über diese Veränderung: „Von diesem Moment an, trotz einiger wiederkehrender Zweifel, war John Wesley ein veränderter Mensch. Obwohl er keine neue Lehre gelernt hatte, hatte er doch gewiss eine neue Erfahrung gemacht. Er hatte Frieden in seinem Herzen, war seiner Errettung gewiss, und von da an, wie alle Leser wissen, war er imstande, sich selbst zu vergessen, seine Seele in Gottes Hand zu lassen, und sein Leben zur Errettung seiner Nächsten zu verwenden.“

Es ist sehr interessant zu lesen, wie Wesley die Wirkung seiner Predigten während jener Zeit beschreibt:

„4.Februar. Am Nachmittag wurde ich gebeten, in St.John the Evangelist’s zu predigen. Ich tat es, über diese starken Worte: ‚Wenn jemand in Christus ist, so ist er eine neue Schöpfung‘ (2.Kor.5,17). Danach wurde ich darüber informiert, dass die Besten in der Versammlung sich so beleidigt fühlten, dass ich nie mehr hier predigen sollte.
Sonntag, 12. Ich predigte in St.Andrew’s, Holborn, über: ‚Auch wenn ich all meine Güter gäbe, um die Armen zu speisen, und auch wenn ich meinen Körper hingäbe zum Verbrennen, aber hätte die Liebe nicht, so wäre ich nichts.‘ (1.Kor.13,3). Oh, harte Worte! Wer kann sie anhören? Auch hier scheint es, dass sie mich nie mehr predigen lassen werden.
Sonntag, 26. Ich predigte um sechs in St.Lawrence, um zehn in St.Catherine Cree’s, und am Nachmittag in St.John’s, Wapping. Ich glaube, es gefiel Gott, die erste Predigt am meisten zu segnen, denn sie erregte am meisten Anstoss.
(…) Sonntag, 7.Mai. Ich predigte morgens in St.Lawrence, und danach in St.Catherine Cree’s. An beiden Orten wurde ich befähigt, starke Worte zu sprechen; und war deshalb nicht überrascht, als ich informiert wurde, ich dürfe in keiner dieser beiden Kirchen mehr predigen.
Sonntag, 14. Ich predigte morgens in St.Ann’s, Aldersgate; und am Nachmittag in Savoy Chapel, die freie Erlösung durch den Glauben an das Blut Christi. Man sagte mir sofort, dass ich auch in St.Ann’s nicht mehr predigen dürfe.
Sonntag, 21. Ich predigte in St.John’s, Wapping um drei, und in St.Bennett’s, Paul’s Wharf, am Abend. Auch in diesen Kirchen darf ich nicht mehr predigen.“

Was war so anstössig an diesen „neuen“ Predigten Wesleys? – Nun, es war genau das, was er selber erfahren hatte: dass es nötig war, von neuem geboren zu werden. Wesley verstand sehr gut, dass sich die Mitglieder (und Pastoren) der Kirchen in derselben Situation befanden wie er vor seiner Wiedergeburt: Sie dachten, sie seien Christen, aber sie waren höchstens „Beinahe-Christen“. Somit bewies ihnen Wesley aus der Schrift, dass sie von neuem geboren werden mussten. Das ist die anstössigste, aber zugleich notwendigste Botschaft für die Kirche. Nicht nur zur Zeit Wesleys, sondern auch heute. Wo sind heute die Prediger, die den Mitgliedern und Pastoren der evangelischen und evangelikalen Kirchen aus der Schrift zeigen, dass sie erst von neuem geboren werden müssen?

(Fortsetzung folgt)

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