John Wesley und die Methodisten – Teil 3

Erweckung ist nötig, wenn die Kirche am Sterben ist

Der Aufruf zur Wiedergeburt war die wichtigste Botschaft überhaupt, die Wesley der Kirche seiner Zeit bringen konnte. Tatsächlich kann die Situation der Kirche vor der Erweckung nur als „geistlicher Tod“ beschrieben werden. Die englischen Protestanten hatten „einen Anschein der Frömmigkeit, aber verleugneten ihre Wirksamkeit“ (2.Tim.3,5). So beschreibt ein Historiker die englische Kirche anfangs des 18.Jahrhunderts:

„Die Anglikaner fürchteten die Extreme (Katholiken auf der einen, Puritaner auf der anderen Seite). Dies führte zu einer Mässigung, die leidenschaftliche Überzeugungen jeder Art beargwöhnte. Die Predigten verdorrten zu kraftlosen moralischen Traktätchen.
Das Fehlen einer persönlichen Glaubensüberzeugung führte zum Absinken der moralischen Kraft und Überzeugung. Eine grenzenlose Toleranz war an der Tagesordnung. Die orthodoxen Theologen führten zwar einen siegreichen Federkrieg mit zeitgenössischen philosophischen Strömungen des Deismus. Leider aber war das ’neue Leben in Christus‘, das sie theoretisch verteidigten, in der Wirklichkeit nirgendwo zu sehen.
(…) Wesley selbst sprach unmissverständlich von der Areligiosität der Zeit: ‚Was ist das Hauptkennzeichen des englischen Volkes in der Gegenwart?‘, fragte er. ‚Seine Gottlosigkeit. … Gottlosigkeit ist unser Nationalcharakter im allgemeinen und im besonderen!‘
(…) ‚Genau zu dieser Zeit‘, erinnert sich Wesley, ‚begannen zwei oder drei Pfarrer der Kirche von England ernsthaft, die Sünder zur Busse zu rufen … In zweien oder dreien brannte das Feuer der Liebe zu Gott.'“
(A.Skevington Wood und Renate Biebrach, „Pietismus und Erweckung“, in „Handbuch Die Geschichte des Christentums“, Wuppertal 1979)

So ist es oft vor einer Erweckung: die Kirche ist tot, ausgetrocknet, gottfern. Aber einige wenige treue Christen erkennen die Situation, rufen zu Gott um Erweckung, und beginnen Umkehr zu predigen.
Diese „Dürre“ der Kirche wird meistens von ihren eigenen Leitern und Pastoren verursacht. George Whitefield bemerkte zu jener Zeit: „Die Gemeinden waren so tot, weil tote Männer ihnen gepredigt hatten.“

Die Situation hat viele Parallelen zur gegenwärtigen Zeit. Auch heute sind die Kirchen voll von Unmoral und Korruption, sodass sie sich kaum noch von der Welt unterscheiden. Auch heute haben die Kirchen einen „Anschein der Frömmigkeit“, aber sie bringen keine veränderten Leben hervor. Die oben zitierte Beschreibung der englischen Kirche vor zweihundert Jahren könnte genausogut heute geschrieben worden sein. Wo sind heute die treuen Christen, die zu Gott um Erweckung rufen, und die das evangelische und evangelikale Volk zur Umkehr aufrufen?

Bekehrungen und eine Reform der ganzen Gesellschaft

Wesley predigte klar die Notwendigkeit einer Umkehr und Wiedergeburt. Aber er machte keine „Bekehrungsaufrufe“ im Stil vieler heutiger Evangelisten. Wesley wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott zuerst ein tiefgehendes und intensives Werk der Überführung tun muss, bevor sich jemand wirklich bekehren kann; und dieses Werk Gottes braucht Zeit. Wesley vertraute auf Gott, dass er dieses Werk zu seiner Zeit tun würde. So sagte Wesley nach einer Predigt: „Ich habe mein Brot über das Wasser gesandt. Möge ich es nach vielen Tagen wiederfinden.“ (Nach Prediger 11,1). – Und bei einer anderen Gelegenheit, an seinem Geburtsort: „Es denke niemand, diese Liebesmühe sei vergeblich, nur weil die Frucht nicht sofort erscheint! Fast vierzig Jahre arbeitete mein Vater hier, aber er sah wenig Frucht von all seinen Bemühungen. Auch ich machte einige Anstrengungen unter diesem Volk, und auch mir schien es, ich verbrauchte meine Kräfte umsonst. Aber jetzt erschien die Frucht. … Der Same, der vor so langer Zeit gesät wurde, ist jetzt aufgegangen, und hat Umkehr und Vergebung der Sünden bewirkt.“

Wesley zählte also nicht die Anzahl der Bekehrten, wie es in heutigen Evangelisationsveranstaltungen getan wird. Er überliess das Werk Gott, und bei einigen Gelegenheiten konnte er später Frucht sehen. Die heutigen Evangelisationsmethoden bringen eine immense Zahl an oberflächlichen Scheinbekehrungen hervor, die nichts anderes sind als das Ergebnis von Manipulation. Die methodistische Erweckung hatte dieses Problem nicht, denn es wurde erwartet, dass die Bekehrten von selber kommen würden, um die Veränderung zu bezeugen, die Gott in ihnen bewirkt hatte. Und diese Veränderung geschah normalerweise beim Suchen nach Gott im stillen Kämmerlein.
(Wir werden später sehen, dass es auch spektakuläre öffentliche Bekehrungen gab. Aber Wesley förderte dies nie bewusst zu „Showzwecken“. Er predigte einfach Umkehr, und überliess es Gott, zu tun, was er für gut hielt.)

Im folgenden zwei Zeugnisse, wie Wesley im Nachhinein von der Frucht seiner Verkündigung erfuhr:

„Eine Frau hielt mich auf der Landstrasse auf und sagte: ‚Mein Herr, erinnern Sie sich nicht, als Sie vor zwei Jahren in Prudhoe waren und bei Thomas Newton frühstückten? Ich bin seine Schwester. Sie sahen mich beim Hinausgehen an und sagten: ‚Seien Sie ernsthaft.‘ Ich wusste damals nicht, was Ernsthaftigkeit bedeutet, und dachte nicht daran; aber die Worte drangen in mein Herz ein, sodass ich nicht ruhig bleiben konnte, bis ich Christus suchte und fand.“

„‚Vor zwei Jahren‘, sagte W.Row, ‚war ich auf dem Weg nach Gulval Downs und sah viele Leute versammelt. Ich fragte sie, worum es ging, und sie sagten mir, ein Mann würde predigen. Ich sagte: Nein, das ist kein verwirrter Mann. Sie hatten darüber gepredigt, wie Gott die toten Knochen auferweckte, und seit jener Zeit hatte ich keine Ruhe, bis Gott in seinem Wohlgefallen über mich blies und meine tote Seele auferweckte.'“

Ganze Städte wurden von der Erweckung umgewandelt, wie die folgenden Zeugnisse zeigen (ebenfalls aus dem Tagebuch Wesleys):

„Im letzten Winter sagten mehrere im Scherz über Herrn Whitefield: ‚Wenn er Heiden bekehren will, warum geht er dann nicht zu den Bergarbeitern von Kingswood?‘ – Im Frühling tat er es tatsächlich. Und da Tausende von ihnen nie zu einem Ort der öffentlichen Anbetung gehen würden, folgte er ihnen in ihre eigene Wüste, um die Verlorenen zu suchen und zu retten. Als er anderswohin gehen musste, führten andere die Arbeit weiter und ‚gingen auf die Landstrassen und an die Hecken, um sie zu nötigen, hereinzukommen.‘ Und durch die Gnade Gottes war seine Arbeit nicht vergeblich. Die Atmosphäre hat sich bereits verändert. Kingswood widerhallt nicht mehr von Flüchen und Lästerungen wie letztes Jahr. Es ist nicht mehr voll von Trunkenheit und den sich daraus ergebenden Unreinheiten und eitlen Vergnügungen. Es ist nicht mehr voll von Krieg und Schlägereien, von Geschrei und Bitterkeit, von Zorn und Neid. Friede und Liebe herrschen jetzt dort. Viele Leute sind jetzt sanftmütig, freundlich und umgänglich. Sie schreien nicht mehr und sind nicht mehr eifersüchtig, (…) und ihr Vergnügen besteht jetzt darin, ihrem Gott und Retter Loblieder zu singen.“

Über die Provinz Cornwall schreibt er:

„Diese abscheuliche Gewohnheit, den König zu betrügen (durch Schmuggel), findet sich nicht mehr in unseren Gesellschaften. Und seit sie sich von dieser verfluchten Sache losgesagt haben, hat das Werk Gottes überall zugenommen.“

Predigten im Freien

Wir haben in der vorherigen Folge gesehen, wie Wesley aus einer Kirche nach der anderen ausgeschlossen wurde. Die Kirche tolerierte Unmoral und geistlichen Tod, aber nicht Wesleys klare Predigten über die Wiedergeburt. Bald gab es in ganz England keine Kirche mehr, wo Wesley hätte predigen dürfen.
Damals hatte sein Freund Whitefield bereits begonnen, im Freien zu predigen – etwas völlig Neues zu jener Zeit. Whitefield begann Wesley in diese Art des Predigens einzuführen. Wesley schreibt darüber: „Anfangs konnte ich mich kaum an diese fremdartige Art des Predigens auf freiem Feld gewöhnen, wovon er (Whitefield) mir am Sonntag ein Beispiel gab. Mein ganzes Leben lang und bis vor kurzem hatte ich eisern an allem Anstand und Ordentlichkeit festgehalten, sodass es mir beinahe als Sünde erschien, Seelen zu retten an irgendeinem anderen Ort ausser in der Kirche.“

Aber wenig später erinnerte sich Wesley an die Bergpredigt und sagte, dies sei ein beachtenswerter Präzedenzfall einer Predigt im Freien. Wenn Jesus selber auf freiem Feld predigte, warum sollte John Wesley nicht dasselbe tun? – Am nächsten Tag predigte Wesley von einer kleinen Anhöhe neben der Landstrasse aus, am Ausgang der Stadt, und hatte dreitausend Zuhörer.

In Epworth, seinem Geburtsort, wurde ihm nicht nur verboten, in der Kirche zu predigen, sondern der Pfarrer weigerte sich auch, ihn zum Abendmahl zuzulassen, und sagte, Wesley sei „nicht tauglich“. Somit ging Wesley am Nachmittag desselben Sonntags zum Friedhof, stellte sich auf den Grabstein seines Vaters und predigte von dort aus; und er hatte mehr Zuhörer, als der Pfarrer in der Kirche gehabt hatte.

Von da an widmete sich Wesley dem Predigen im Freien; und meistens kamen Tausende, um ihm zuzuhören. So erwies es sich als vorteilhaft, dass er aus den Kirchen ausgeschlossen worden war, denn er konnte ausserhalb der Kirchen viel mehr Menschen erreichen, als es ihm innerhalb möglich gewesen wäre. Bei einer Gelegenheit, als er schon 70 Jahre alt war, hatte er ein Publikum von über 30’000 Personen. Es wird geschätzt, dass Wesley im Lauf seines Lebens etwa 40’000 Predigten hielt.

Der Neid der Pastoren

Es war unter diesen Umständen nur zu erwarten, dass die Pastoren noch neidischer wurden auf Wesley. Abgesehen davon, dass sie mit dem Inhalt seiner Predigten nicht einverstanden waren, klagten sie ihn an, er hätte kein Recht, ihren Gemeindegliedern zu predigen. Das ist ganz ähnlich wie bei den gegenwärtigen Pastoren, die jeden als „Schafsdieb“ bezeichnen, der ohne ihre Erlaubnis zu ihren Gemeindegliedern über das Evangelium spricht. Damals wie heute denken die Pastoren, ein Eigentumsrecht zu haben über die Mitglieder ihrer Gemeinden; und sie vergessen, dass nicht sie es waren, sondern Jesus, der mit seinem Leben für ihre Erlösung bezahlte.

Wesley gab seinen Kritikern folgende Antwort:

„Ihr denkt, dass ich in der Zwischenzeit still sitzenbleiben sollte, da ich sonst in ein fremdes Amt eindränge, mich in die Geschäfte anderer Leute einmischte, und mit Seelen zu tun bekäme, die mir nicht gehören. Deshalb fragt ihr: Wie ist es, dass ich Christen versammle, die nicht unter meiner Fürsorge stehen, um Psalmen zu singen, zu beten, und die Auslegung der Schrift zu hören?, und ihr denkt, es sei aufgrund katholischer Prinzipien nicht zu rechtfertigen, dass ich dies in den Pfarreien anderer Leute tue? (Anm: Heute würden sie sagen: „evangelische“ oder „ökumenische“ Prinzipien; aber im Grunde kommt das auf dasselbe heraus…)
Erlaubt mir, frei heraus zu reden. Wenn ihr euch mit „katholische Prinzipien“ auf irgendein Prinzip bezieht, das nicht schriftgemäss ist, dann hat dies für mich keinerlei Gewicht. Ich lasse keine andere Regel für den Glauben oder für die Praxis zu, ausser der Heiligen Schrift. Aber aufgrund schriftgemässer Prinzipien scheint es mir nicht schwierig zu rechtfertigen, was ich tue. Gott gebietet mir in der Schrift, nach meinen Kräften die Unwissenden zu lehren, die Bösen zu reformieren, die Tugendhaften zu bestärken. Die Menschen verbieten mir dies in ihren Pfarreien zu tun; was in Tat und Wahrheit bedeutet, es mir überhaupt zu verbieten, da ich keine eigene Pfarrei habe und aller Wahrscheinlichkeit nach nie eine haben werde. Auf wen soll ich also hören, auf Gott oder auf die Menschen?
Ich betrachte die ganze Welt als meine Pfarrei; d.h. wo immer auf der Welt ich bin, betrachte ich es als angebracht, rechtmässig und meine auferlegte Pflicht, allen, die zuzuhören bereit sind, die gute Nachricht der Erlösung zu verkünden. Das ist die Arbeit, wovon ich weiss, dass Gott mich berufen hat sie zu tun; und ich bin sicher, dass sein Segen sie begleitet. Deshalb bin ich ausserordentlich dazu ermutigt, die Arbeit, die er mir zu tun gab, getreu zu erfüllen. Ich bin sein Diener, und als solcher bin ich gemäss der klaren Führung seines Wortes damit beschäftigt, ’soweit ich die Gelegenheit habe, allen Menschen Gutes zu tun‘; und seine Vorsehung stimmt klar mit seinem Wort überein, denn er befreite mich von allem anderen, damit ich mich einzig ebendieser Sache annehme, und damit fortfahre, das Gute zu tun.“

(Fortsetzung folgt)

Advertisements

Schlagwörter: , , , , , , , ,


%d Bloggern gefällt das: