Archive for August 2013

John Wesley und die Methodisten – Teil 6: Wesley und die offizielle Kirche

24. August 2013

Wir haben in der vorhergehenden Folge gesehen, wie Wesley grundlegende Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde wiederentdeckte und wiedereinführte. Es erhebt sich jetzt die Frage nach seiner Beziehung zur offiziellen Kirche. Wesley war in der anglikanischen Kirche geboren und aufgewachsen, und war zum Pfarrer dieser Kirche ordiniert worden. Zeit seines Lebens blieb er der anglikanischen Kirche treu. Wie konnte Wesley diese Treue zur offiziellen Kirche mit seinem Wunsch vereinbaren, zur Urgemeinde zurückzukehren?

Gewiss muss er selber diese Spannung in seinem eigenen Leben zutiefst verspürt haben, und noch mehr innerhalb der methodistischen Gesellschaften. Immer wieder brach in diesen Gesellschaften die Kontroverse darüber aus, ob sie sich von der Kirche trennen sollten oder nicht. In dieser Kontroverse vertrat Wesley immer kategorisch die Meinung, sie könnten sich nicht von der Kirche trennen, und die Methodisten müssten weiterhin die anglikanischen Gottesdienste besuchen. Anscheinend war er sich nicht darüber im Klaren, dass die Trennung von der Kirche eine logische Konsequenz des Weges war, den er selber eingeschlagen hatte. Und tatsächlich verliessen die Methodisten kurz nach Wesleys Tod die anglikanische Kirche und konstituierten sich als eigenständige Denomination.

Bei einer einzigen Gelegenheit, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Wesley zu, dass er nicht verhindern konnte, dass seine Nachfolger diesem Weg bis zu seiner letzten Konsequenz folgen würden. Er schrieb in seinem Tagebuch über seinen Geburtsort:

„Was kann dann getan werden? Ich würde gerne verhindern, dass die Mitglieder hier die Kirche verlassen; aber ich kann es nicht. Da Herr C. (der Pfarrer) kein gottesfürchtiger Mann ist, sondern im Gegenteil ein Feind der Gottesfurcht, und oft gegen die Wahrheit predigt und gegen jene, die sie festhalten und lieben, kann ich mit all meinem Einfluss sie nicht davon überzeugen, ihm zuzuhören oder an dem Sakrament teilzunehmen, das er verwaltet. Wenn ich nicht auf diesem Punkt bestehen kann, solange ich lebe, wer kann es dann tun, wenn ich tot bin? Und was in Epworth der Fall ist, das ist in jeder Kirche der Fall, wo der Pfarrer das Evangelium weder liebt noch predigt. Die Methodisten werden an ihren Gottesdiensten nicht teilnehmen. Was kann dann getan werden?“

Es ging hier nicht so sehr um eine lehrmässige Frage, als vielmehr um ein sehr praktisches Problem. Das wird durch den folgenden Tagebucheintrag illustriert, der etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurde und von einer landesweiten Konferenz der Methodisten handelt:

„Einer der wichtigsten Punkte, die an dieser Konferenz behandelt wurden, war die Frage des Verlassens der Kirche. Das Ergebnis einer langen Diskussion war:
1) Dass wir in unserem fünfzigjährigen Bestehen niemals auch nur von einem einzigen Artikel der Lehre oder der Disziplin der Kirche bewusst abgewichen waren.
2) Dass wir nichts davon wussten, in irgendeinem Lehrpunkt mit der Kirche uneins zu sein.
3) Dass wir im Lauf der Jahre, aus Notwendigkeit und nicht weil wir es gewollt hätten, in einigen Punkten allmählich von der Disziplin abgewichen waren, indem wir auf freiem Feld predigten, spontan beteten, Laienprediger aussandten, Gesellschaften bildeten und reglementierten, und jährliche Konferenzen durchführten. Aber wir taten nichts von all diesen Dingen, solange wir nicht davon überzeugt waren, dass wir sie nicht länger lassen konnten, ohne unsere eigenen Seelen in Gefahr zu bringen.“

Wesley bemühte sich immer, so weit es möglich war, gute Beziehungen zu den anglikanischen Pfarrern zu unterhalten. Und gegen das Ende seines Lebens scheint er damit tatsächlich Erfolg gehabt zu haben, denn bei einer Gelegenheit schrieb er: „Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt habe ich mehr Einladungen, in Kirchen zu predigen, als ich annehmen kann.“
Andererseits hatte Wesley bereits 1746 seine Überzeugungen über die richtige Art der Gemeindeleitung geändert, und war zu einer Position gelangt, die der Urgemeinde viel näher stand. Seine früheren Überzeugungen beschreibt er als ein „vehementes Vorurteil meiner Ausbildung“:

„Ich reiste ab nach Bristol. Auf dem Weg las ich die ‚Chronik der Urgemeinde‘ von Lord King. Trotz des vehementen Vorurteils meiner Ausbildung war ich bereit zu glauben, dass dies ein ausgeglichener und unparteiischer Bericht war. Aber wenn es so war, dann musste ich schliessen, dass Bischöfe und Älteste im wesentlichen von derselben Ordnung waren, und dass ursprünglich jede christliche Versammlung eine Kirche unabhängig von allen anderen war!“

Warum hielt dann Wesley derart an der anglikanischen Kirche fest? Unterhielt er vielleicht eine ähnliche Hoffnung wie Luther in seinen ersten Jahren, die Kirche von innen her reformieren zu können, ohne sich von ihr zu trennen? – Vielleicht dachte er, mehr Grund für eine solche Hoffnung zu haben, da es sich in seinem Fall ja nicht mehr um die römische Kirche handelte. Es handelte sich jetzt um eine Kirche, die sich zu den Prinzipien der Reformation bekannte. Aber das Rad von Erweckung und Abfall hatte inzwischen eine neue Umdrehung ausgeführt; und jetzt waren es die reformierten Kirchen, die sich weit vom Evangelium entfernt hatten. Wesleys Kommentar über die Pastoren, „die das Evangelium weder lieben noch predigen“, ist Beweis genug dafür.

Es ist schwierig, diesen Widerspruch im Handeln Wesleys zu erklären. Einerseits ermahnte er seine Nachfolger ständig, die Kirche nicht zu verlassen. (Möglicherweise dachte er, viele evangelistische Gelegenheiten zu verlieren, wenn sie sich von der Kirche trennten.) Aber andererseits tat er Schritte, die unweigerlich zu einer Trennung zwischen Methodisten und Anglikanern führen mussten. Er sandte nicht anerkannte Prediger aus, und ordinierte sogar Pastoren für die Arbeit in Amerika, ohne von der Kirche dazu autorisiert zu sein. Er gründete eine ganze von der Kirche unabhängige Organisationsstruktur.

Der Biograph John Telford gibt folgende Erklärung:

„Das Glaubensbekenntnis Wesleys, seine Ordinationen, und die Lizensierung seiner Kapellen und Prediger (…) beweisen, dass es ihm mehr am Fortbestand der Arbeit gelegen war, als an der formellen Verbindung mit der Kirche von England. (…) Wesley traf alle möglichen Vorkehrungen, damit der Methodismus nicht nach seinem Tod zugrunde ginge. Die Verbindung zur Kirche lockerte sich allmählich, und die Gesellschaften wurden allmählich zu einer eigenen vollständigen Organisation. Der Tod Wesleys beseitigte die letzte Schranke gegen die völlige Unabhängigkeit. Bestimmt war es besser, im Interesse der Religion, dass die Methodisten die Sakramente ordnungsgemäss von ihren eigenen Predigern erhielten, anstelle des unbefriedigenden Abkommens, das am Ende von Wesleys Leben bestand, nur um eine Trennung zu vermeiden.“

Wenn diese Beurteilung zutrifft, dann war in Wesley die Loyalität zur anglikanischen Kirche sehr stark; aber noch stärker sein Wunsch, dass die begonnene Arbeit fortdauern möge. Bis zu seinem Lebensende versuchte er, diese beiden widersprüchlichen Prinzipien zusammenzuhalten. Aber nach seinem Tod obsiegte die Fortdauer der Arbeit als das wichtigere Prinzip, womit die Trennung von der Kirche unvermeidlich wurde.

– Trotz seiner starken Bindung an die offizielle Kirche hatte Wesley keine Vorurteile gegen andere Konfessionen, wie die folgende Begegnung zeigt:

„Als ich zu einem Dorf namens Sticklepath ritt, hielt mich jemand auf der Strasse auf und fragte abrupt: ‚Ist dein Name nicht John Wesley?‘ Sofort erschienen zwei oder drei weitere und sagten mir, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich tat es, und bevor wir viele Worte gewechselt hatten, verbanden sich unsere Seelen freundschaftlich. Ich entdeckte, dass sie Quäker waren; aber das störte mich nicht, da ich sah, dass die Liebe Gottes in ihren Herzen war.“

(Fortsetzung folgt)

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John Wesley und die Methodisten – Teil 5: Erweckung bedeutet, zu urgemeindlichen Zuständen zurückzukehren

17. August 2013

Jede Erweckung bedeutet eine neuerliche Annäherung an die Urgemeinde. In Zeiten des Abfalls entfernt sich die Gemeinde von den Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde. In Erweckungszeiten kehrt sie um „zu dem, was im Anfang war“. (Siehe „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.) So erschienen auch in der methodistischen Erweckung wieder einige Kennzeichen der Urgemeinde:

  • Zuerst und vor allem die Betonung der Wiedergeburt. Eine abgefallene Kirche begnügt sich damit, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten oder neue dazuzugewinnen, seien es auch blosse Namenschristen. Aber eine erweckte Gemeinde betont, dass nur jene wahre Christen sind, die eine Wiedergeburt erlebt haben und deren Leben dies bezeugt.
  • Die Predigten im Freien. Die Urgemeinde schloss sich nicht hinter vier Wänden ein und kannte keine „heiligen Gebäude“. Die Apostel, und Jesus selber, predigten oft in der Öffentlichkeit und im Freien. Wir haben bereits gesehen, wie Wesley anfangs grosse Vorurteile hatte gegen diese Art des Predigens; aber die Not zwang ihn dazu, und dann fand er, dass es auch biblisch war.
  • Die persönliche Gemeinschaft in kleinen Gruppen, in den Häusern, und wo jeder etwas beiträgt, ohne zwischen „Klerikern“ und „Laien“ zu unterscheiden. Mehrere Stellen im Neuen Testament zeugen von dieser Art von Versammlungen:
    „Und sie verharrten … in der Gemeinschaft miteinander …“ (Apg.2,42)
    „… und sie brachen das Brot in den Häusern, und assen zusammen mit Freude und Schlichtheit des Herzens…“ (Apg.2,46)
    „Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprachenrede, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Erbauung.“ (1.Kor.14,26)
    Das war es, was die ersten Methodisten in ihren „Gesellschaften“ und „Klassen“ praktizierten. Wir haben gesehen, dass sie – dem Beispiel der Herrnhuter folgend – auch das urchristliche Liebesmahl wiederentdeckten.
  • Die Aussendung von „Laienpredigern“. Die Apostel selber sind ein Präzedenzfall dafür, denn sie waren von keiner religiösen Leiterschaft und von keiner Organisation anerkannt. Sie zogen aus, einzig aufgrund der Berufung durch Jesus selber. Ihre Qualifikationen bestanden nicht aus einem Theologiestudium oder einer kirchlichen Position, sondern aus ihrer persönlichen Bekanntschaft mit dem Herrn. Dieses selbe Kriterium wandte auch Wesley an bei der Auswahl und Aussendung seiner Prediger.
  • Ihre Sorge für die Armen, auf persönlicher Ebene und aus christlicher Liebe motiviert. Das war ebenfalls ein Kennzeichen der Urgemeinde:
    „So gab es unter ihnen keinen Bedürftigen; denn alle, die Grundstücke oder Häuser besassen, verkauften sie, und brachten den Erlöse des Verkauften, und legten es den Aposteln zu Füssen; und es wurde an jeden nach seinen Bedürfnissen verteilt.“ (Apg.4,34-35)
    „Nur baten sie uns, an die Armen zu denken; was ich mich auch fleissig bemühte zu tun.“ (Gal.2,10)

Der wesleyanische Autor Luke L.Keefer ist überzeugt, dass Wesley die Urgemeinde als Vorbild für die christliche Gemeinde aller Zeiten ansah:

„In den ersten Jahren der Erweckung kam Wesley zu einem neuen Gemeindeverständnis. (…) Seine fehlgeleitete Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde) von Oxford und Georgia rührte von einer statischen Sicht der alten Kirche her. Er hatte irrtümlich den Gemeindepraktiken, die lediglich Anpassungen an die kulturellen Gegebenheiten jener Zeit waren, universellen Wert zugeschrieben. Sein Studium der Gemeinde in der Apostelgeschichte offenbarte ein dynamisches Gemeindekonzept. Der Geist führte in seiner Vorsehung die Gemeinde zu Leitungs- und Dienstformen, die die Ausbreitung des Evangeliums förderten. Das passte genau zu den eigenen Erfahrungen Wesleys mit der Erweckung in Bristol und an anderen Orten, wo er zu Neuerungen geführt worden war, um die Erweckung auszubreiten.
Das bedeutete in erster Linie, dass die wahre Gemeinde eine missionarische Gemeinde war wie die Urgemeinde. Wesley sagte seinen Predigern, ihre Hauptaufgabe sei die Errettung von Seelen. Sie sollten sich nicht um die Pfarreigrenzen kümmern, die von jahrhundertelangen kirchlichen Traditionen errichtet worden waren. Wie die ersten Apostel sollten die methodistischen Prediger an jeden Ort hingehen, wohin der Geist sie führte, um die gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden. Noch mehr: Der Methodismus lehnte die sakramentale Theologie ab, wonach die Erlösung der gesamten Gemeinschaft durch die Riten der Kirche verliehen sei. Für die Methodisten war das Christsein nicht eine Frage des Territoriums oder der Zeremonien; es war eine Frage der persönlichen Bekehrung.
In zweiter Linie betrachtete Wesley jetzt die Leitung und die Praxis der Gemeinde lediglich als etwas Funktionales. (…) Die entscheidende Frage zur Gemeindepraxis war jetzt: Wie weit fördert oder hindert dies den missionarischen Auftrag der Gemeinde? Wesley drückte es auf die beste Weise aus in seiner Antwort an ‚John Smith‘:
‚Ich frage, was ist der Zweck jeder gemeindlichen Ordnung? Ist es nicht, Seelen aus der Gewalt des satans zu Gott zu bringen, und sie in Gottes Furcht und Liebe aufzuerbauen? Somit hat die Ordnung Wert, solange sie diesen Zwecken dient; und wenn sie nicht dazu dient, dann ist sie nichts wert.‘
Man fühlt die Auswirkungen dieser Worte, wenn man die phänomenalen Änderungen entdeckt, die Wesley in seiner Ekklesiologie während der 1740er Jahre vornahm. Er gab seinen früheren Glauben an die apostolische Sukzession auf, an die dreifache Ordnung des Dienstes (Bischöfe, Priester und Diakone), und an das göttliche Recht der bischöflichen Regierung in der Kirche. (…) Nach seiner Einschätzung gewann die offizielle Kirche (die diesen Angelegenheiten der Regierungsform höchstes Gewicht beimass) keine Seelen. Tatsächlich verhinderte ihr Bestehen auf diesen Strukturen die evangelistische Arbeit. Andererseits erfüllte die methodistische Predigt der Laien auf den Feldern und unterwegs den evangelistischen Auftrag der Gemeinde.“
(Luke L. Keefer, Jr: „John Wesley, Disciple of Early Christianity“)

Ebenso interessant sind die Beobachtungen desselben Autors über Wesleys historische Sicht der Gemeinde:

„Die christlichen ‚Primitivisten‘ teilen eine Geschichtsschau, welche die Zeit in drei Perioden einteilt: ein Goldenes Zeitalter, einen Fall, und eine Wiederherstellung. (…)
Für Wesley dauerte das Goldene Zeitalter von der Menschwerdung Christi bis zur Krönung Konstantins. Aber sein Goldenes Zeitalter bestand aus einer Reihe von konzentrischen Kreisen. Ein Vergleich mit dem biblischen Tempel kann diesen Gedanken veranschaulichen. Die nachapostolische Zeit war der Vorhof des Tempels. Die neutestamentliche Zeit war das Heiligtum, qualitativ verschieden vom zweiten und dritten Jahrhundert. Innerhalb der neutestamentlichen Zeit war die Gemeinde der ersten vier Kapitel der Apostelgeschichte das Allerheiligste. Die Jerusalemer Gemeinde war für Wesley das höchste Idealbild des Urchristentums.
Im Kern des Falles, wie ihn Wesley verstand, war „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. Dieses existierte bereits im Neuen Testament und befleckte sogar die Gemeinde in Jerusalem. Die Habsucht (Apg.5), die Parteilichkeit (Apg.6) und die Vorurteile (Apg.15) stellten sogar im Goldenen Zeitalter Probleme dar. Die apostolischen Briefe widerspiegeln verschiedene Fehler in der Gemeinde. Wesley glaubte, dass diese Fehler während des zweiten und dritten Jahrhunderts mehr und mehr zunahmen – ab und zu von periodischen Erweckungen aufgehalten -, und in einem abgrundtiefen Fall gipfelten, als Konstantin versuchte, das Reich zu christianisieren.
Wesley glaubte, dass die Wiederherstellung der Gemeinde mit der protestantischen Reformation begonnen hatte. Aber dies war eine unangemessene und unvollständige Reformation. Wesley anerkannte, dass die Reformatoren die Lehre und die Anbetung in der Gemeinde gereinigt hatten; aber das war für ihn nicht das Wesentliche. Die Kirche vom Romanismus zu reinigen, beseitigte die Fehler des Konstantinismus noch nicht. Solange die Menschen nicht in ihren Herzen und in ihren Leben reformiert würden, war auch eine ‚weniger römische‘ Kirche noch immer nicht eine Gemeinde wie die Urgemeinde.“
(Keefer, a.a.O.)

(Fortsetzung folgt)

John Wesley und die Methodisten – Teil 4: Die Organisation der frühen Methodisten

10. August 2013

Die „religiösen Gesellschaften“

Schon vor Wesley gab es „religiöse Gesellschaften“ innerhalb der anglikanischen Kirche. Das waren kleine Gruppen, meist von Jugendlichen, die sich verpflichteten, wöchentlich zusammenzukommen zur gegenseitigen Auferbauung. Sie erzählten einander ihre Erfahrungen mit Gott, und sammelten Geld, um den Armen zu helfen, die Schulden von Gefangenen zu bezahlen, und Kinder zu erziehen. Später bemühten sie sich auch, neue Mitglieder zu gewinnen; aber sie nahmen nur solche auf, die dieselbe Hingabe an den Herrn bewiesen. Diese „Gesellschaften“ waren anscheinend so etwas wie ein „englischer Pietismus“ (aber sie hatten sich unabhängig vom deutschen Pietismus entwickelt).

Wesley selber gründete noch vor seiner Wiedergeburt eine solche Gesellschaft mit einigen Studienkollegen in Oxford. Nach seiner Rückkehr aus Amerika gründete er eine weitere mit der Mithilfe von Peter Böhler. Aber diese Gesellschaft schloss sich der Gemeinde der Herrnhuter an. Da verliess Wesley sie und gründete eine andere, die in Gemeinschaft mit der anglikanischen Kirche blieb.

Wesley fand bald, dass diese Gesellschaften das beste Hilfsmittel darstellten, um Personen zusammenzuführen, die durch seine Predigten „aufgeweckt“ worden waren und nun Gott suchten. Wenn eine Gesellschaft zu gross wurde, dann wurde sie in kleine „Klassen“ von je etwa zwölf Mitgliedern aufgeteilt. Der jeweils Reifste einer solchen Klasse wurde zu ihrem Leiter gemacht und war verantwortlich, jedes Mitglied wöchentlich zu besuchen und/oder sie gemeinsam zu versammeln, um sie über ihren geistlichen Zustand zu befragen und ihnen nach seinem Vermögen Rat zu geben. So wurde eine fortwährende persönliche Gemeinschaft unter den Mitgliedern der Gesellschaften sichergestellt. Wesley selber (und später seine Mitarbeiter) versammelte regelmässig die Leiter, um sie zu lehren und zu beraten.
Der hauptsächliche Rat Wesleys an die Gesellschaften war: „Stärkt einander. Sprecht zusammen so oft ihr könnt. Und betet ernsthaft füreinander, damit ihr ‚ausharren könnt bis zum Ende und gerettet werdet‘.“ – Es wurde auch ein recht strenges Reglement aufgestellt für die Gesellschaften. Aufgrund ihrer „methodischen“ Organisation wurden sie bald mit dem Übernamen „Methodisten“ bedacht.

Unter den Mitgliedern herrschte strenge Gemeindezucht. Zum Beispiel konnte kein Dieb, Steuerhinterzieher, oder Käufer oder Verkäufer von Schmuggelware Mitglied sein.
Über dieses Thema schrieb Wesley 1767 ein Traktat mit dem Titel: „Ein Wort an einen Schmuggler“. Darin bewies er, dass der Käufer von Schmuggelware ebenso schuldig ist wie der Schmuggler selber. Seinem Urteil entzogen sich auch jene nicht, die sich rechtfertigten: „Aber ich wusste nicht, dass es Schmuggelware war.“ – „Nein! Sagte dir der Verkäufer nicht, dass es Schmuggelware war? Wenn er sie dir billiger als gewöhnlich verkaufte, dann sagte er es dir. Der niedrige Preis sagte dir: ‚Das ist geschmuggelt.'“ – Wesley zeigte auch, dass der Handel mit Schmuggelware die Steuerlast auf allen ehrlichen Menschen erhöhte. „Deshalb ist jeder Verkäufer und Käufer von Schmuggelware ein allgemeiner Dieb, der sowohl aus den Taschen des Königs wie auch seiner Nächsten stiehlt.“
(Nach J.Telford, „The Life of John Wesley“.)

Telford (a.a.O.) schreibt auch über die Auswirkungen dieser methodistischen Gesellschaften auf die Gesellschaft im allgemeinen:
„Wo immer der Methodismus eingepflanzt wurde, trug er zu einer allgemeinen Reform des Verhaltens bei. Er machte aus seinen Mitgliedern bessere Staatsbürger, und erhöhte den moralischen Standard. Nie wurde mit der Sünde ein Waffenstillstand geschlossen. … Wesley predigte: ‚Wie gross könnte eine (methodistische) Gesellschaft sein, wenn wir irgendeine Sünde erlaubten! Ja, aber dann wäre alle unsere Arbeit vergeblich. Wenn wir ihnen eine einzige Sünde erlaubten, dann würde das den ganzen Segen aufhalten.'“

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley über die Wichtigkeit dieser Gesellschaften und Klassen:

„Mehr denn je wurde ich davon überzeugt, dass auch wenn ich wie ein Apostel predigte, aber ohne die Erweckten zu versammeln, um sie in den Wegen Gottes einzuüben, dann würde ich nur Kinder zeugen, damit sie nachher getötet würden. Wie viel ist während der letzten zwanzig Jahre in ganz Fembrokeshire gepredigt worden! Aber es gibt keine regelmässigen Gesellschaften, es gibt keine Disziplin, es gibt weder Ordnung noch Gemeinschaft; und die Folge davon ist, dass von den einmal Erweckten jetzt neun von zehn tiefer schlafen als zuvor.“

In Georgia hatte Wesley die „Liebesmahle“ der Herrnhuter kennengelernt (ein gemeinsames Essen zur Gemeinschaft und gleichzeitig Abendmahl, nach urchristlichem Vorbild). Er war davon so beeindruckt, dass er diese Gewohnheit auch in seinen Gesellschaften einführte.

Die Laienprediger

Von den ersten Jahren der Erweckung an begann Wesley „Helfer“ bzw. „Prediger“ zu ernennen, die wie er durch das Land reisten, predigten und die „Gesellschaften“ besuchten. Diese Prediger waren von der Kirche nicht anerkannt, und die meisten von ihnen hatten nicht Theologie studiert. Wesley wählte sie aus, weil sie mit ihrem Leben bewiesen, dass sie den Herrn liebten, und weil ihre Predigten Frucht brachten.

Telford schreibt über sie:
„Wesley neigte oft dazu, Männer von geringer oder gar keiner Bildung einzusetzen. Aber er tat das Beste, um in ihnen einen Wunsch nach Weiterbildung zu wecken. Im Jahre 1749 versammelte er in Kingswood alle Prediger, die sich dazu Zeit nehmen konnten, und unterrichtete sie, genauso wie er früher seine Studenten an der Universität unterrichtet hatte. (…) Im November 1764 schrieb er: ‚Ich hatte viele Studenten an der Universität, und ich bemühte mich um sie. Aber mit was für einem Ergebnis? Wie steht es jetzt um sie? Wie viele von ihnen erinnern sich nicht mehr an ihren Professor, noch an ihren Gott? Aber, gelobt sei Gott!, seither hatte ich einige Studenten, die mich wohl entschädigen für meine Arbeit. Jetzt ‚lebe ich, weil ihr fest steht im Herrn.'“

Natürlich waren diese Aussendungen von nicht anerkannten Predigern ein eklatanter Verstoss gegen alle Regeln, in den Augen der kirchlichen Leiter. Ein Pastor sagte über Wesley und seine Prediger: „… Er und seine ungeschickten Laien – seine zerlumpte Legion von Kesselflickern, Kutschern, Strassenwischern – schreiten voran und vergiften das Denken der Menschen.“

Wesley selber antwortete auf die Frage: „Wie sollen wir uns und unsere Helfer ansehen?“: – „Vielleicht als ausserordentliche Botschafter (im Unterschied zu den ordentlichen), die dazu bestimmt sind: 1) die ordentlichen Pfarrer zur Eifersucht zu reizen, 2) deren Mangel an Dienst auszufüllen für jene, die aus mangelnder Erkenntnis verlorengehen.“

Dieses Team von Laienpredigern diente auch dazu, Wesley selber Rat und Korrektur zu geben, und er war sich dieser Notwendigkeit bewusst. Telford berichtet:
„Henry Moore stand in dem Ruf, Wesley öfter widersprochen zu haben als irgendein anderer Mensch in England. Aber Wesley ermutigte ihn, offen zu sprechen, und schätzte ihn umso mehr für seine Offenheit. – Einer der Prediger störte sich daran, dass ein junger Prediger auf einen Fehler eines der älteren hingewiesen hatte. Aber Wesley antwortete ihm: ‚Ich werde dem Jüngsten unter euch dankbar sein, wenn er mich auf einen Fehler hinweist, den er an mir sieht; wenn er das tut, werde ich ihn als meinen besten Freund betrachten.'“

Solche Belehrbarkeit ist leider selten unter heutigen Pastoren …

Wesleys Sorge für die Armen

Ein Kennzeichen der Urgemeinde war ihre Sorge und praktische Hilfe für die Armen. Das war auch für Wesley eine wichtige Angelegenheit, wie dieser Eintrag vom 7.Mai 1741 in seinem Tagebuch zeigt:

„Ich erinnerte die vereinigte Gesellschaft daran, dass viele unserer Brüder und Schwestern nicht die nötigen Lebensmittel hatten; dass viele keine angemessene Kleidung hatten; dass viele ohne eigenes Verschulden arbeitslos waren, und viele krank; dass ich getan hatte, was ich konnte, um die Hungrigen zu speisen, die Nackten zu kleiden, den Armen Arbeit zu geben, und die Kranken zu besuchen; aber ich allein war nicht genug für diese Dinge; und deshalb wünschte ich, dass alle, die dasselbe Herz hatten wie ich:
1) alle Kleider brächten, die ihnen übrig waren, um sie an die Bedürftigsten zu verteilen;
2) wöchentlich einen Penny gäben, oder was sie aufbringen konnten, zur Erleichterung der Armen und Kranken.

Ich sagte ihnen, dass ich für den Anfang vorhatte, alle arbeitslosen Frauen, die dies wünschten, mit Stricken zu beschäftigen. Diesen würden wir zuerst den üblichen Preis bezahlen für die Arbeit, die sie taten, und würden dann je nach ihren Bedürfnissen dazutun. Zwölf Personen wurden dazu ernannt, diese zu beaufsichtigen, sowie die Kranken zu besuchen und mit dem Nötigsten zu versorgen. Jeder von ihnen sollte alle Kranken seines Bezirks alle zwei Tage besuchen; und jeden Dienstagnachmittag sollten sie sich versammeln, um darüber Rechenschaft abzulegen, was jeder von ihnen getan hatte, und um zusammen zu beraten, was darüber hinaus getan werden könnte.

(…) Am Nachmittag besuchte ich viele der Kranken; aber was für Szenen, wer könnte sie ansehen, ohne zum Mitleid bewegt zu werden? So etwas gibt es in den heidnischen Ländern nicht. Wenn einer der Indianer in Georgia erkrankte (was sehr selten vorkam, bevor sie von den Christen das Fressen und Saufen erlernten), dann gaben ihm die Nächsten um ihn herum alles, was er nötig hatte. Oh, wer wird die Engländer (auch nur) zu ehrlichen Heiden bekehren?“

Im Alter von 81 Jahren(!) schrieb Wesley Folgendes in seinem Tagebuch:

„Im Winter verteilten wir normalerweise Kohle und Brot an die Armen der Gesellschaft. Aber jetzt sah ich, dass sie auch Kleidung nötig hatten, nicht nur Nahrung. So ging ich an diesem Tag und an den vier folgenden Tagen durch die Stadt und sammelte Geld, bis ich zweihundert Pfund beisammen hatte, um die Bedürftigsten zu kleiden. Aber das war eine harte Arbeit, denn die meisten Strassen waren voll von schmelzendem Schnee, oft bis an die Knöchel, sodass meine Füsse fast von morgens bis abends von eiskaltem Wasser durchnässt waren.“

(Fortsetzung folgt)

Ersetzt jeden Lehrer durch einen Computer und eine Grossmutter!

4. August 2013

Der Softwareingenieur und Lehrer Sugata Mitra aus New Delhi hat in indischen Armenvierteln und entlegenen Dörfern ein äusserst interessantes Bildungsexperiment durchgeführt. Er wollte herausfinden, wie viel Kinder von sich aus lernen können, wenn man nicht viel anderes tut, als ihnen Zugang zu einem Computer mit vorbereiteten Inhalten zu verschaffen. Vereinfacht gesagt, hat sein Experiment gezeigt, dass die Kombination von einem Computer und einer Grossmutter einen viel grösseren Bildungserfolg verspricht als der Unterricht durch einen Lehrer.

Sugata Mitra, „Build a School in the Cloud“ (auf Englisch, deutsche Untertitel verfügbar)

Alternativpädagogen wissen das schon lange. Kinder sind Lerner von Natur aus, und die stärkste Antriebskraft zum Lernen ist ihre eigene Neugier. Wenn sie genügend interessante Materialien zum Untersuchen und Experimentieren zur Verfügung haben – sowie die Freiheit, diese gemäss ihren eigenen Interessengebieten zu nutzen -, dann lernen sie fast von selber. Das war die Erfahrung von Maria Montessori, John Holt, Raymond Moore, Rebeca Wild, und vielen anderen.

Nun fand ich es bemerkenswert, wie Mitra dieses Konzept des Selbst-Lernens ergänzt mit der Grossmutter, die die Kinder ermutigt, weiter voranzugehen, und sich echt für ihre Tätigkeiten interessiert, indem sie neugierige Fragen stellt, statt selber den Kindern erklären zu wollen, „wie man es macht“. Im Gegensatz zu einem Lehrer braucht die Grossmutter also selber gar nichts von Computern usw. zu verstehen. Allein ihre Anteilnahme, ihre Ermutigung und ihre Fragen tragen bereits wesentlich zum Lernerfolg bei.

Bedenken habe ich allerdings, wenn Mitra meint, es gehe genauso gut mit einer „virtuellen Grossmutter“, die Tausende von Kilometern entfernt wohnt und nur auf dem Computerbildschirm zu sehen ist. Meiner Meinung nach ist der nahe persönliche Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen unerlässlich. Wobei es anstelle der Grossmutter natürlich die Eltern sein können, oder evtl. auch ein anderer den Kindern nahestehender Erwachsener.

Falls diese und ähnliche Ideen für die Zukunft der Bildung richtungsweisend sind – und für den konstruktiven, nicht-bürokratischen Flügel der Pädagogen sind sie das bestimmt -, dann dürfte das insbesondere für berufsmässige Lehrer ein schwerverdauliches Thema darstellen. Manche Lehrer reagieren äusserst allergisch, wenn sie mit Untersuchungsergebnissen konfrontiert werden, die nahelegen, dass ihr eigener Berufsstand für den Lernerfolg der Kinder gar nicht so notwendig ist. Insbesondere sehen sie sich zwei grossen Schreckgespenstern gegenüber:
1. Die Möglichkeit, die Kontrolle zu verlieren,
und 2. Die Möglichkeit, ihre Arbeit zu verlieren.

Zu 1: Für mich persönlich war es eine grosse Befreiung, als ich entdeckte, dass ich gar nicht die Kontrolle zu behalten brauche über das Lernen meiner Kinder und meiner Nachhilfeschüler. Zum Lernen ist es keineswegs notwendig, dass Programme und Lektionenpläne eingehalten werden, oder dass alle Kinder zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssten und ein bestimmtes Thema auf bestimmte Weise lernen müssten. Im Gegenteil, Kinder können gerade dann spektakuläre Fortschritte machen, wenn ihnen erlaubt wird, selber zu entscheiden, wo, wann, was und wie sie lernen möchten. (Siehe z.B „Ein kleines Englisch-Wunder“.) Gerade die heutzutage über Internet verfügbare Informationsvielfalt bietet eine Chance, dass jeder Schüler sein eigenes Lernprogramm zusammenstellen und zu einem selbständigen Lerner werden kann.

Natürlich meine ich damit nicht, dass den Kindern jegliche Art von schlechtem Benehmen, Gewalttätigkeit, Unlauterkeit, etc. erlaubt sein solle. (Solches Benehmen wird ja gerade durch das Zwangsschulsystem indirekt gefördert.) Aber was den Inhalt, den Schwierigkeitsgrad und die Art und Weise ihres Lernens betrifft, da dürfen wir ihnen getrost ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht einräumen. Der Erfolg wird einem solchen Vorgehen Recht geben.

Zu 2: Im Zuge einer solchen Bildungsrevolution wird tatsächlich in Zukunft eine geringere Nachfrage nach Lehrern bestehen. Und jene Lehrer, die Teil dieser Zukunft sein möchten, werden ihre eigene Arbeit auf radikale Weise neu erfinden müssen. Sie werden kaum noch „Wissensvermittler“ sein; sie werden aber auch keine „Raubtierdompteure“ mehr sein müssen, die mit allen Kräften eine wilde Bande von dreissig ungezogenen Kindern im Zaum halten müssen. Stattdessen wird ihre Arbeit wahrscheinlich aus Tätigkeiten wie den folgenden bestehen:

– Den Kindern einen Freiraum zum Lernen verschaffen, in welchem es keine Lehr- und Lektionenpläne mehr gibt, keine obligatorischen Aufgaben, und natürlich auch keine Pflicht zum Schulbesuch. Stattdessen werden Lehrer lernen müssen, in die Rolle der ermutigenden Grossmutter zu schlüpfen.

– Die Kinder in ihren eigenen Lernprojekten beraten, und ihnen dabei helfen, die dazu erforderlichen Materialien und Informationen zu finden. Ein Lehrer, der die Interessen und Talente sowie den persönlichen Lernstil eines Kindes kennt, kann ihm helfen, jene Materialien und Lernmethoden zu finden, die am besten zu seiner Eigenart passen.

Nach Bedarf der Kinder Fragen beantworten, beim Lösen von Problemen helfen, und neue Ideen vorschlagen. Das wird viel Flexibilität und ein grosses Verständnis für die Wesensart von Kindern erfordern.

– Informatives Material schaffen (z.B. für auf Internet abrufbare „Wissensbanken“ oder Fernkurse), welches das Lernen erleichtert; oder den Spezialisten in den verschiedenen Wissensgebieten dabei helfen, solches Material herzustellen. Diese Materialien sollten nicht ein „programmiertes Lernen“ darstellen (wie gewisse Computerprogramme, die vorprogrammierte Antworten auf vorprogrammierte Fragen abfragen), sondern im Gegenteil ein Angebot, aus dem die Lernenden auswählen können. Ein solches Vorgehen würde es dann auch ermöglichen, die Tauglichkeit der Materialien in der Praxis zu überprüfen: Wenn die Kinder Wahlfreiheit haben, werden sie häufiger jene Materialien auswählen, die ihren Bedürfnissen angemessen sind; und ein grösserer Prozentsatz wird die Lernziele dieser Materialien erreichen.

All dies wird ein grosses Mass an Erfindergeist, Originalität und Kreativität erfordern. Ich fürchte, dass die meisten Lehrer hierzu am wenigsten vorbereitet sind, da sie in ihrer Ausbildung eher dazu vorbereitet werden, systemkonform zu unterrichten und die obrigkeitlichen Richtlinien zu befolgen. Eine Bildung der Zukunft in der Richtung, wie Sugata Mitra sie andeutet, wird an Lehrer die grosse Herausforderung richten, die Beschränkungen zu überwinden, denen sie von ihrer eigenen Berufsausbildung unterworfen wurden.

Manche Lehrer und Schulplaner üben ihren Beruf nur aus, weil sie sich auf irgendeine Weise den Lebensunterhalt verdienen müssen, aber sie haben keine Berufung dazu. Diese Lehrer und Funktionäre würden der Gesellschaft einen grossen Dienst leisten, wenn sie abträten und Platz machten für echte Pädagogen. Das mag hart klingen; aber ich glaube, dass die meisten dieser Lehrer in ihrem Beruf gar nicht glücklich sind und sich deshalb sogar selber einen Dienst erweisen würden, wenn sie sich einen anderen Beruf suchten.

Andererseits wird ein Lehrer, der seine Arbeit aus echter Berufung heraus tut, auch die Anstrengung unternehmen, die erforderlichen Änderungen durchzuführen und „sich selber neu zu erfinden“. Hauptsächlich deshalb, weil er seine Schüler wirklich liebt und aus dieser Liebe heraus auch dazu bereit ist, neue und ungewohnte Wege zu gehen, um des Wohles der Kinder willen.