Ersetzt jeden Lehrer durch einen Computer und eine Grossmutter!

Der Softwareingenieur und Lehrer Sugata Mitra aus New Delhi hat in indischen Armenvierteln und entlegenen Dörfern ein äusserst interessantes Bildungsexperiment durchgeführt. Er wollte herausfinden, wie viel Kinder von sich aus lernen können, wenn man nicht viel anderes tut, als ihnen Zugang zu einem Computer mit vorbereiteten Inhalten zu verschaffen. Vereinfacht gesagt, hat sein Experiment gezeigt, dass die Kombination von einem Computer und einer Grossmutter einen viel grösseren Bildungserfolg verspricht als der Unterricht durch einen Lehrer.

Sugata Mitra, „Build a School in the Cloud“ (auf Englisch, deutsche Untertitel verfügbar)

Alternativpädagogen wissen das schon lange. Kinder sind Lerner von Natur aus, und die stärkste Antriebskraft zum Lernen ist ihre eigene Neugier. Wenn sie genügend interessante Materialien zum Untersuchen und Experimentieren zur Verfügung haben – sowie die Freiheit, diese gemäss ihren eigenen Interessengebieten zu nutzen -, dann lernen sie fast von selber. Das war die Erfahrung von Maria Montessori, John Holt, Raymond Moore, Rebeca Wild, und vielen anderen.

Nun fand ich es bemerkenswert, wie Mitra dieses Konzept des Selbst-Lernens ergänzt mit der Grossmutter, die die Kinder ermutigt, weiter voranzugehen, und sich echt für ihre Tätigkeiten interessiert, indem sie neugierige Fragen stellt, statt selber den Kindern erklären zu wollen, „wie man es macht“. Im Gegensatz zu einem Lehrer braucht die Grossmutter also selber gar nichts von Computern usw. zu verstehen. Allein ihre Anteilnahme, ihre Ermutigung und ihre Fragen tragen bereits wesentlich zum Lernerfolg bei.

Bedenken habe ich allerdings, wenn Mitra meint, es gehe genauso gut mit einer „virtuellen Grossmutter“, die Tausende von Kilometern entfernt wohnt und nur auf dem Computerbildschirm zu sehen ist. Meiner Meinung nach ist der nahe persönliche Kontakt zwischen Kindern und Erwachsenen unerlässlich. Wobei es anstelle der Grossmutter natürlich die Eltern sein können, oder evtl. auch ein anderer den Kindern nahestehender Erwachsener.

Falls diese und ähnliche Ideen für die Zukunft der Bildung richtungsweisend sind – und für den konstruktiven, nicht-bürokratischen Flügel der Pädagogen sind sie das bestimmt -, dann dürfte das insbesondere für berufsmässige Lehrer ein schwerverdauliches Thema darstellen. Manche Lehrer reagieren äusserst allergisch, wenn sie mit Untersuchungsergebnissen konfrontiert werden, die nahelegen, dass ihr eigener Berufsstand für den Lernerfolg der Kinder gar nicht so notwendig ist. Insbesondere sehen sie sich zwei grossen Schreckgespenstern gegenüber:
1. Die Möglichkeit, die Kontrolle zu verlieren,
und 2. Die Möglichkeit, ihre Arbeit zu verlieren.

Zu 1: Für mich persönlich war es eine grosse Befreiung, als ich entdeckte, dass ich gar nicht die Kontrolle zu behalten brauche über das Lernen meiner Kinder und meiner Nachhilfeschüler. Zum Lernen ist es keineswegs notwendig, dass Programme und Lektionenpläne eingehalten werden, oder dass alle Kinder zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort sein müssten und ein bestimmtes Thema auf bestimmte Weise lernen müssten. Im Gegenteil, Kinder können gerade dann spektakuläre Fortschritte machen, wenn ihnen erlaubt wird, selber zu entscheiden, wo, wann, was und wie sie lernen möchten. (Siehe z.B „Ein kleines Englisch-Wunder“.) Gerade die heutzutage über Internet verfügbare Informationsvielfalt bietet eine Chance, dass jeder Schüler sein eigenes Lernprogramm zusammenstellen und zu einem selbständigen Lerner werden kann.

Natürlich meine ich damit nicht, dass den Kindern jegliche Art von schlechtem Benehmen, Gewalttätigkeit, Unlauterkeit, etc. erlaubt sein solle. (Solches Benehmen wird ja gerade durch das Zwangsschulsystem indirekt gefördert.) Aber was den Inhalt, den Schwierigkeitsgrad und die Art und Weise ihres Lernens betrifft, da dürfen wir ihnen getrost ein weitgehendes Mitbestimmungsrecht einräumen. Der Erfolg wird einem solchen Vorgehen Recht geben.

Zu 2: Im Zuge einer solchen Bildungsrevolution wird tatsächlich in Zukunft eine geringere Nachfrage nach Lehrern bestehen. Und jene Lehrer, die Teil dieser Zukunft sein möchten, werden ihre eigene Arbeit auf radikale Weise neu erfinden müssen. Sie werden kaum noch „Wissensvermittler“ sein; sie werden aber auch keine „Raubtierdompteure“ mehr sein müssen, die mit allen Kräften eine wilde Bande von dreissig ungezogenen Kindern im Zaum halten müssen. Stattdessen wird ihre Arbeit wahrscheinlich aus Tätigkeiten wie den folgenden bestehen:

– Den Kindern einen Freiraum zum Lernen verschaffen, in welchem es keine Lehr- und Lektionenpläne mehr gibt, keine obligatorischen Aufgaben, und natürlich auch keine Pflicht zum Schulbesuch. Stattdessen werden Lehrer lernen müssen, in die Rolle der ermutigenden Grossmutter zu schlüpfen.

– Die Kinder in ihren eigenen Lernprojekten beraten, und ihnen dabei helfen, die dazu erforderlichen Materialien und Informationen zu finden. Ein Lehrer, der die Interessen und Talente sowie den persönlichen Lernstil eines Kindes kennt, kann ihm helfen, jene Materialien und Lernmethoden zu finden, die am besten zu seiner Eigenart passen.

Nach Bedarf der Kinder Fragen beantworten, beim Lösen von Problemen helfen, und neue Ideen vorschlagen. Das wird viel Flexibilität und ein grosses Verständnis für die Wesensart von Kindern erfordern.

– Informatives Material schaffen (z.B. für auf Internet abrufbare „Wissensbanken“ oder Fernkurse), welches das Lernen erleichtert; oder den Spezialisten in den verschiedenen Wissensgebieten dabei helfen, solches Material herzustellen. Diese Materialien sollten nicht ein „programmiertes Lernen“ darstellen (wie gewisse Computerprogramme, die vorprogrammierte Antworten auf vorprogrammierte Fragen abfragen), sondern im Gegenteil ein Angebot, aus dem die Lernenden auswählen können. Ein solches Vorgehen würde es dann auch ermöglichen, die Tauglichkeit der Materialien in der Praxis zu überprüfen: Wenn die Kinder Wahlfreiheit haben, werden sie häufiger jene Materialien auswählen, die ihren Bedürfnissen angemessen sind; und ein grösserer Prozentsatz wird die Lernziele dieser Materialien erreichen.

All dies wird ein grosses Mass an Erfindergeist, Originalität und Kreativität erfordern. Ich fürchte, dass die meisten Lehrer hierzu am wenigsten vorbereitet sind, da sie in ihrer Ausbildung eher dazu vorbereitet werden, systemkonform zu unterrichten und die obrigkeitlichen Richtlinien zu befolgen. Eine Bildung der Zukunft in der Richtung, wie Sugata Mitra sie andeutet, wird an Lehrer die grosse Herausforderung richten, die Beschränkungen zu überwinden, denen sie von ihrer eigenen Berufsausbildung unterworfen wurden.

Manche Lehrer und Schulplaner üben ihren Beruf nur aus, weil sie sich auf irgendeine Weise den Lebensunterhalt verdienen müssen, aber sie haben keine Berufung dazu. Diese Lehrer und Funktionäre würden der Gesellschaft einen grossen Dienst leisten, wenn sie abträten und Platz machten für echte Pädagogen. Das mag hart klingen; aber ich glaube, dass die meisten dieser Lehrer in ihrem Beruf gar nicht glücklich sind und sich deshalb sogar selber einen Dienst erweisen würden, wenn sie sich einen anderen Beruf suchten.

Andererseits wird ein Lehrer, der seine Arbeit aus echter Berufung heraus tut, auch die Anstrengung unternehmen, die erforderlichen Änderungen durchzuführen und „sich selber neu zu erfinden“. Hauptsächlich deshalb, weil er seine Schüler wirklich liebt und aus dieser Liebe heraus auch dazu bereit ist, neue und ungewohnte Wege zu gehen, um des Wohles der Kinder willen.

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