John Wesley und die Methodisten – Teil 4: Die Organisation der frühen Methodisten

Die „religiösen Gesellschaften“

Schon vor Wesley gab es „religiöse Gesellschaften“ innerhalb der anglikanischen Kirche. Das waren kleine Gruppen, meist von Jugendlichen, die sich verpflichteten, wöchentlich zusammenzukommen zur gegenseitigen Auferbauung. Sie erzählten einander ihre Erfahrungen mit Gott, und sammelten Geld, um den Armen zu helfen, die Schulden von Gefangenen zu bezahlen, und Kinder zu erziehen. Später bemühten sie sich auch, neue Mitglieder zu gewinnen; aber sie nahmen nur solche auf, die dieselbe Hingabe an den Herrn bewiesen. Diese „Gesellschaften“ waren anscheinend so etwas wie ein „englischer Pietismus“ (aber sie hatten sich unabhängig vom deutschen Pietismus entwickelt).

Wesley selber gründete noch vor seiner Wiedergeburt eine solche Gesellschaft mit einigen Studienkollegen in Oxford. Nach seiner Rückkehr aus Amerika gründete er eine weitere mit der Mithilfe von Peter Böhler. Aber diese Gesellschaft schloss sich der Gemeinde der Herrnhuter an. Da verliess Wesley sie und gründete eine andere, die in Gemeinschaft mit der anglikanischen Kirche blieb.

Wesley fand bald, dass diese Gesellschaften das beste Hilfsmittel darstellten, um Personen zusammenzuführen, die durch seine Predigten „aufgeweckt“ worden waren und nun Gott suchten. Wenn eine Gesellschaft zu gross wurde, dann wurde sie in kleine „Klassen“ von je etwa zwölf Mitgliedern aufgeteilt. Der jeweils Reifste einer solchen Klasse wurde zu ihrem Leiter gemacht und war verantwortlich, jedes Mitglied wöchentlich zu besuchen und/oder sie gemeinsam zu versammeln, um sie über ihren geistlichen Zustand zu befragen und ihnen nach seinem Vermögen Rat zu geben. So wurde eine fortwährende persönliche Gemeinschaft unter den Mitgliedern der Gesellschaften sichergestellt. Wesley selber (und später seine Mitarbeiter) versammelte regelmässig die Leiter, um sie zu lehren und zu beraten.
Der hauptsächliche Rat Wesleys an die Gesellschaften war: „Stärkt einander. Sprecht zusammen so oft ihr könnt. Und betet ernsthaft füreinander, damit ihr ‚ausharren könnt bis zum Ende und gerettet werdet‘.“ – Es wurde auch ein recht strenges Reglement aufgestellt für die Gesellschaften. Aufgrund ihrer „methodischen“ Organisation wurden sie bald mit dem Übernamen „Methodisten“ bedacht.

Unter den Mitgliedern herrschte strenge Gemeindezucht. Zum Beispiel konnte kein Dieb, Steuerhinterzieher, oder Käufer oder Verkäufer von Schmuggelware Mitglied sein.
Über dieses Thema schrieb Wesley 1767 ein Traktat mit dem Titel: „Ein Wort an einen Schmuggler“. Darin bewies er, dass der Käufer von Schmuggelware ebenso schuldig ist wie der Schmuggler selber. Seinem Urteil entzogen sich auch jene nicht, die sich rechtfertigten: „Aber ich wusste nicht, dass es Schmuggelware war.“ – „Nein! Sagte dir der Verkäufer nicht, dass es Schmuggelware war? Wenn er sie dir billiger als gewöhnlich verkaufte, dann sagte er es dir. Der niedrige Preis sagte dir: ‚Das ist geschmuggelt.'“ – Wesley zeigte auch, dass der Handel mit Schmuggelware die Steuerlast auf allen ehrlichen Menschen erhöhte. „Deshalb ist jeder Verkäufer und Käufer von Schmuggelware ein allgemeiner Dieb, der sowohl aus den Taschen des Königs wie auch seiner Nächsten stiehlt.“
(Nach J.Telford, „The Life of John Wesley“.)

Telford (a.a.O.) schreibt auch über die Auswirkungen dieser methodistischen Gesellschaften auf die Gesellschaft im allgemeinen:
„Wo immer der Methodismus eingepflanzt wurde, trug er zu einer allgemeinen Reform des Verhaltens bei. Er machte aus seinen Mitgliedern bessere Staatsbürger, und erhöhte den moralischen Standard. Nie wurde mit der Sünde ein Waffenstillstand geschlossen. … Wesley predigte: ‚Wie gross könnte eine (methodistische) Gesellschaft sein, wenn wir irgendeine Sünde erlaubten! Ja, aber dann wäre alle unsere Arbeit vergeblich. Wenn wir ihnen eine einzige Sünde erlaubten, dann würde das den ganzen Segen aufhalten.'“

Bei einer anderen Gelegenheit sagte Wesley über die Wichtigkeit dieser Gesellschaften und Klassen:

„Mehr denn je wurde ich davon überzeugt, dass auch wenn ich wie ein Apostel predigte, aber ohne die Erweckten zu versammeln, um sie in den Wegen Gottes einzuüben, dann würde ich nur Kinder zeugen, damit sie nachher getötet würden. Wie viel ist während der letzten zwanzig Jahre in ganz Fembrokeshire gepredigt worden! Aber es gibt keine regelmässigen Gesellschaften, es gibt keine Disziplin, es gibt weder Ordnung noch Gemeinschaft; und die Folge davon ist, dass von den einmal Erweckten jetzt neun von zehn tiefer schlafen als zuvor.“

In Georgia hatte Wesley die „Liebesmahle“ der Herrnhuter kennengelernt (ein gemeinsames Essen zur Gemeinschaft und gleichzeitig Abendmahl, nach urchristlichem Vorbild). Er war davon so beeindruckt, dass er diese Gewohnheit auch in seinen Gesellschaften einführte.

Die Laienprediger

Von den ersten Jahren der Erweckung an begann Wesley „Helfer“ bzw. „Prediger“ zu ernennen, die wie er durch das Land reisten, predigten und die „Gesellschaften“ besuchten. Diese Prediger waren von der Kirche nicht anerkannt, und die meisten von ihnen hatten nicht Theologie studiert. Wesley wählte sie aus, weil sie mit ihrem Leben bewiesen, dass sie den Herrn liebten, und weil ihre Predigten Frucht brachten.

Telford schreibt über sie:
„Wesley neigte oft dazu, Männer von geringer oder gar keiner Bildung einzusetzen. Aber er tat das Beste, um in ihnen einen Wunsch nach Weiterbildung zu wecken. Im Jahre 1749 versammelte er in Kingswood alle Prediger, die sich dazu Zeit nehmen konnten, und unterrichtete sie, genauso wie er früher seine Studenten an der Universität unterrichtet hatte. (…) Im November 1764 schrieb er: ‚Ich hatte viele Studenten an der Universität, und ich bemühte mich um sie. Aber mit was für einem Ergebnis? Wie steht es jetzt um sie? Wie viele von ihnen erinnern sich nicht mehr an ihren Professor, noch an ihren Gott? Aber, gelobt sei Gott!, seither hatte ich einige Studenten, die mich wohl entschädigen für meine Arbeit. Jetzt ‚lebe ich, weil ihr fest steht im Herrn.'“

Natürlich waren diese Aussendungen von nicht anerkannten Predigern ein eklatanter Verstoss gegen alle Regeln, in den Augen der kirchlichen Leiter. Ein Pastor sagte über Wesley und seine Prediger: „… Er und seine ungeschickten Laien – seine zerlumpte Legion von Kesselflickern, Kutschern, Strassenwischern – schreiten voran und vergiften das Denken der Menschen.“

Wesley selber antwortete auf die Frage: „Wie sollen wir uns und unsere Helfer ansehen?“: – „Vielleicht als ausserordentliche Botschafter (im Unterschied zu den ordentlichen), die dazu bestimmt sind: 1) die ordentlichen Pfarrer zur Eifersucht zu reizen, 2) deren Mangel an Dienst auszufüllen für jene, die aus mangelnder Erkenntnis verlorengehen.“

Dieses Team von Laienpredigern diente auch dazu, Wesley selber Rat und Korrektur zu geben, und er war sich dieser Notwendigkeit bewusst. Telford berichtet:
„Henry Moore stand in dem Ruf, Wesley öfter widersprochen zu haben als irgendein anderer Mensch in England. Aber Wesley ermutigte ihn, offen zu sprechen, und schätzte ihn umso mehr für seine Offenheit. – Einer der Prediger störte sich daran, dass ein junger Prediger auf einen Fehler eines der älteren hingewiesen hatte. Aber Wesley antwortete ihm: ‚Ich werde dem Jüngsten unter euch dankbar sein, wenn er mich auf einen Fehler hinweist, den er an mir sieht; wenn er das tut, werde ich ihn als meinen besten Freund betrachten.'“

Solche Belehrbarkeit ist leider selten unter heutigen Pastoren …

Wesleys Sorge für die Armen

Ein Kennzeichen der Urgemeinde war ihre Sorge und praktische Hilfe für die Armen. Das war auch für Wesley eine wichtige Angelegenheit, wie dieser Eintrag vom 7.Mai 1741 in seinem Tagebuch zeigt:

„Ich erinnerte die vereinigte Gesellschaft daran, dass viele unserer Brüder und Schwestern nicht die nötigen Lebensmittel hatten; dass viele keine angemessene Kleidung hatten; dass viele ohne eigenes Verschulden arbeitslos waren, und viele krank; dass ich getan hatte, was ich konnte, um die Hungrigen zu speisen, die Nackten zu kleiden, den Armen Arbeit zu geben, und die Kranken zu besuchen; aber ich allein war nicht genug für diese Dinge; und deshalb wünschte ich, dass alle, die dasselbe Herz hatten wie ich:
1) alle Kleider brächten, die ihnen übrig waren, um sie an die Bedürftigsten zu verteilen;
2) wöchentlich einen Penny gäben, oder was sie aufbringen konnten, zur Erleichterung der Armen und Kranken.

Ich sagte ihnen, dass ich für den Anfang vorhatte, alle arbeitslosen Frauen, die dies wünschten, mit Stricken zu beschäftigen. Diesen würden wir zuerst den üblichen Preis bezahlen für die Arbeit, die sie taten, und würden dann je nach ihren Bedürfnissen dazutun. Zwölf Personen wurden dazu ernannt, diese zu beaufsichtigen, sowie die Kranken zu besuchen und mit dem Nötigsten zu versorgen. Jeder von ihnen sollte alle Kranken seines Bezirks alle zwei Tage besuchen; und jeden Dienstagnachmittag sollten sie sich versammeln, um darüber Rechenschaft abzulegen, was jeder von ihnen getan hatte, und um zusammen zu beraten, was darüber hinaus getan werden könnte.

(…) Am Nachmittag besuchte ich viele der Kranken; aber was für Szenen, wer könnte sie ansehen, ohne zum Mitleid bewegt zu werden? So etwas gibt es in den heidnischen Ländern nicht. Wenn einer der Indianer in Georgia erkrankte (was sehr selten vorkam, bevor sie von den Christen das Fressen und Saufen erlernten), dann gaben ihm die Nächsten um ihn herum alles, was er nötig hatte. Oh, wer wird die Engländer (auch nur) zu ehrlichen Heiden bekehren?“

Im Alter von 81 Jahren(!) schrieb Wesley Folgendes in seinem Tagebuch:

„Im Winter verteilten wir normalerweise Kohle und Brot an die Armen der Gesellschaft. Aber jetzt sah ich, dass sie auch Kleidung nötig hatten, nicht nur Nahrung. So ging ich an diesem Tag und an den vier folgenden Tagen durch die Stadt und sammelte Geld, bis ich zweihundert Pfund beisammen hatte, um die Bedürftigsten zu kleiden. Aber das war eine harte Arbeit, denn die meisten Strassen waren voll von schmelzendem Schnee, oft bis an die Knöchel, sodass meine Füsse fast von morgens bis abends von eiskaltem Wasser durchnässt waren.“

(Fortsetzung folgt)

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