John Wesley und die Methodisten – Teil 5: Erweckung bedeutet, zu urgemeindlichen Zuständen zurückzukehren

Jede Erweckung bedeutet eine neuerliche Annäherung an die Urgemeinde. In Zeiten des Abfalls entfernt sich die Gemeinde von den Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde. In Erweckungszeiten kehrt sie um „zu dem, was im Anfang war“. (Siehe „Der fortlaufende Zyklus von Erweckung und Abfall“.) So erschienen auch in der methodistischen Erweckung wieder einige Kennzeichen der Urgemeinde:

  • Zuerst und vor allem die Betonung der Wiedergeburt. Eine abgefallene Kirche begnügt sich damit, ihre Mitglieder bei der Stange zu halten oder neue dazuzugewinnen, seien es auch blosse Namenschristen. Aber eine erweckte Gemeinde betont, dass nur jene wahre Christen sind, die eine Wiedergeburt erlebt haben und deren Leben dies bezeugt.
  • Die Predigten im Freien. Die Urgemeinde schloss sich nicht hinter vier Wänden ein und kannte keine „heiligen Gebäude“. Die Apostel, und Jesus selber, predigten oft in der Öffentlichkeit und im Freien. Wir haben bereits gesehen, wie Wesley anfangs grosse Vorurteile hatte gegen diese Art des Predigens; aber die Not zwang ihn dazu, und dann fand er, dass es auch biblisch war.
  • Die persönliche Gemeinschaft in kleinen Gruppen, in den Häusern, und wo jeder etwas beiträgt, ohne zwischen „Klerikern“ und „Laien“ zu unterscheiden. Mehrere Stellen im Neuen Testament zeugen von dieser Art von Versammlungen:
    „Und sie verharrten … in der Gemeinschaft miteinander …“ (Apg.2,42)
    „… und sie brachen das Brot in den Häusern, und assen zusammen mit Freude und Schlichtheit des Herzens…“ (Apg.2,46)
    „Wie ist es nun, ihr Brüder? Wenn ihr zusammenkommt, hat jeder von euch einen Psalm, hat eine Lehre, hat eine Sprachenrede, hat eine Offenbarung, hat eine Auslegung. Alles geschehe zur Erbauung.“ (1.Kor.14,26)
    Das war es, was die ersten Methodisten in ihren „Gesellschaften“ und „Klassen“ praktizierten. Wir haben gesehen, dass sie – dem Beispiel der Herrnhuter folgend – auch das urchristliche Liebesmahl wiederentdeckten.
  • Die Aussendung von „Laienpredigern“. Die Apostel selber sind ein Präzedenzfall dafür, denn sie waren von keiner religiösen Leiterschaft und von keiner Organisation anerkannt. Sie zogen aus, einzig aufgrund der Berufung durch Jesus selber. Ihre Qualifikationen bestanden nicht aus einem Theologiestudium oder einer kirchlichen Position, sondern aus ihrer persönlichen Bekanntschaft mit dem Herrn. Dieses selbe Kriterium wandte auch Wesley an bei der Auswahl und Aussendung seiner Prediger.
  • Ihre Sorge für die Armen, auf persönlicher Ebene und aus christlicher Liebe motiviert. Das war ebenfalls ein Kennzeichen der Urgemeinde:
    „So gab es unter ihnen keinen Bedürftigen; denn alle, die Grundstücke oder Häuser besassen, verkauften sie, und brachten den Erlöse des Verkauften, und legten es den Aposteln zu Füssen; und es wurde an jeden nach seinen Bedürfnissen verteilt.“ (Apg.4,34-35)
    „Nur baten sie uns, an die Armen zu denken; was ich mich auch fleissig bemühte zu tun.“ (Gal.2,10)

Der wesleyanische Autor Luke L.Keefer ist überzeugt, dass Wesley die Urgemeinde als Vorbild für die christliche Gemeinde aller Zeiten ansah:

„In den ersten Jahren der Erweckung kam Wesley zu einem neuen Gemeindeverständnis. (…) Seine fehlgeleitete Ekklesiologie (Lehre von der Gemeinde) von Oxford und Georgia rührte von einer statischen Sicht der alten Kirche her. Er hatte irrtümlich den Gemeindepraktiken, die lediglich Anpassungen an die kulturellen Gegebenheiten jener Zeit waren, universellen Wert zugeschrieben. Sein Studium der Gemeinde in der Apostelgeschichte offenbarte ein dynamisches Gemeindekonzept. Der Geist führte in seiner Vorsehung die Gemeinde zu Leitungs- und Dienstformen, die die Ausbreitung des Evangeliums förderten. Das passte genau zu den eigenen Erfahrungen Wesleys mit der Erweckung in Bristol und an anderen Orten, wo er zu Neuerungen geführt worden war, um die Erweckung auszubreiten.
Das bedeutete in erster Linie, dass die wahre Gemeinde eine missionarische Gemeinde war wie die Urgemeinde. Wesley sagte seinen Predigern, ihre Hauptaufgabe sei die Errettung von Seelen. Sie sollten sich nicht um die Pfarreigrenzen kümmern, die von jahrhundertelangen kirchlichen Traditionen errichtet worden waren. Wie die ersten Apostel sollten die methodistischen Prediger an jeden Ort hingehen, wohin der Geist sie führte, um die gute Nachricht von der Erlösung zu verkünden. Noch mehr: Der Methodismus lehnte die sakramentale Theologie ab, wonach die Erlösung der gesamten Gemeinschaft durch die Riten der Kirche verliehen sei. Für die Methodisten war das Christsein nicht eine Frage des Territoriums oder der Zeremonien; es war eine Frage der persönlichen Bekehrung.
In zweiter Linie betrachtete Wesley jetzt die Leitung und die Praxis der Gemeinde lediglich als etwas Funktionales. (…) Die entscheidende Frage zur Gemeindepraxis war jetzt: Wie weit fördert oder hindert dies den missionarischen Auftrag der Gemeinde? Wesley drückte es auf die beste Weise aus in seiner Antwort an ‚John Smith‘:
‚Ich frage, was ist der Zweck jeder gemeindlichen Ordnung? Ist es nicht, Seelen aus der Gewalt des satans zu Gott zu bringen, und sie in Gottes Furcht und Liebe aufzuerbauen? Somit hat die Ordnung Wert, solange sie diesen Zwecken dient; und wenn sie nicht dazu dient, dann ist sie nichts wert.‘
Man fühlt die Auswirkungen dieser Worte, wenn man die phänomenalen Änderungen entdeckt, die Wesley in seiner Ekklesiologie während der 1740er Jahre vornahm. Er gab seinen früheren Glauben an die apostolische Sukzession auf, an die dreifache Ordnung des Dienstes (Bischöfe, Priester und Diakone), und an das göttliche Recht der bischöflichen Regierung in der Kirche. (…) Nach seiner Einschätzung gewann die offizielle Kirche (die diesen Angelegenheiten der Regierungsform höchstes Gewicht beimass) keine Seelen. Tatsächlich verhinderte ihr Bestehen auf diesen Strukturen die evangelistische Arbeit. Andererseits erfüllte die methodistische Predigt der Laien auf den Feldern und unterwegs den evangelistischen Auftrag der Gemeinde.“
(Luke L. Keefer, Jr: „John Wesley, Disciple of Early Christianity“)

Ebenso interessant sind die Beobachtungen desselben Autors über Wesleys historische Sicht der Gemeinde:

„Die christlichen ‚Primitivisten‘ teilen eine Geschichtsschau, welche die Zeit in drei Perioden einteilt: ein Goldenes Zeitalter, einen Fall, und eine Wiederherstellung. (…)
Für Wesley dauerte das Goldene Zeitalter von der Menschwerdung Christi bis zur Krönung Konstantins. Aber sein Goldenes Zeitalter bestand aus einer Reihe von konzentrischen Kreisen. Ein Vergleich mit dem biblischen Tempel kann diesen Gedanken veranschaulichen. Die nachapostolische Zeit war der Vorhof des Tempels. Die neutestamentliche Zeit war das Heiligtum, qualitativ verschieden vom zweiten und dritten Jahrhundert. Innerhalb der neutestamentlichen Zeit war die Gemeinde der ersten vier Kapitel der Apostelgeschichte das Allerheiligste. Die Jerusalemer Gemeinde war für Wesley das höchste Idealbild des Urchristentums.
Im Kern des Falles, wie ihn Wesley verstand, war „das Geheimnis der Gesetzlosigkeit“. Dieses existierte bereits im Neuen Testament und befleckte sogar die Gemeinde in Jerusalem. Die Habsucht (Apg.5), die Parteilichkeit (Apg.6) und die Vorurteile (Apg.15) stellten sogar im Goldenen Zeitalter Probleme dar. Die apostolischen Briefe widerspiegeln verschiedene Fehler in der Gemeinde. Wesley glaubte, dass diese Fehler während des zweiten und dritten Jahrhunderts mehr und mehr zunahmen – ab und zu von periodischen Erweckungen aufgehalten -, und in einem abgrundtiefen Fall gipfelten, als Konstantin versuchte, das Reich zu christianisieren.
Wesley glaubte, dass die Wiederherstellung der Gemeinde mit der protestantischen Reformation begonnen hatte. Aber dies war eine unangemessene und unvollständige Reformation. Wesley anerkannte, dass die Reformatoren die Lehre und die Anbetung in der Gemeinde gereinigt hatten; aber das war für ihn nicht das Wesentliche. Die Kirche vom Romanismus zu reinigen, beseitigte die Fehler des Konstantinismus noch nicht. Solange die Menschen nicht in ihren Herzen und in ihren Leben reformiert würden, war auch eine ‚weniger römische‘ Kirche noch immer nicht eine Gemeinde wie die Urgemeinde.“
(Keefer, a.a.O.)

(Fortsetzung folgt)

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