John Wesley und die Methodisten – Teil 6: Wesley und die offizielle Kirche

Wir haben in der vorhergehenden Folge gesehen, wie Wesley grundlegende Prinzipien und Praktiken der Urgemeinde wiederentdeckte und wiedereinführte. Es erhebt sich jetzt die Frage nach seiner Beziehung zur offiziellen Kirche. Wesley war in der anglikanischen Kirche geboren und aufgewachsen, und war zum Pfarrer dieser Kirche ordiniert worden. Zeit seines Lebens blieb er der anglikanischen Kirche treu. Wie konnte Wesley diese Treue zur offiziellen Kirche mit seinem Wunsch vereinbaren, zur Urgemeinde zurückzukehren?

Gewiss muss er selber diese Spannung in seinem eigenen Leben zutiefst verspürt haben, und noch mehr innerhalb der methodistischen Gesellschaften. Immer wieder brach in diesen Gesellschaften die Kontroverse darüber aus, ob sie sich von der Kirche trennen sollten oder nicht. In dieser Kontroverse vertrat Wesley immer kategorisch die Meinung, sie könnten sich nicht von der Kirche trennen, und die Methodisten müssten weiterhin die anglikanischen Gottesdienste besuchen. Anscheinend war er sich nicht darüber im Klaren, dass die Trennung von der Kirche eine logische Konsequenz des Weges war, den er selber eingeschlagen hatte. Und tatsächlich verliessen die Methodisten kurz nach Wesleys Tod die anglikanische Kirche und konstituierten sich als eigenständige Denomination.

Bei einer einzigen Gelegenheit, wenige Jahre vor seinem Tod, gab Wesley zu, dass er nicht verhindern konnte, dass seine Nachfolger diesem Weg bis zu seiner letzten Konsequenz folgen würden. Er schrieb in seinem Tagebuch über seinen Geburtsort:

„Was kann dann getan werden? Ich würde gerne verhindern, dass die Mitglieder hier die Kirche verlassen; aber ich kann es nicht. Da Herr C. (der Pfarrer) kein gottesfürchtiger Mann ist, sondern im Gegenteil ein Feind der Gottesfurcht, und oft gegen die Wahrheit predigt und gegen jene, die sie festhalten und lieben, kann ich mit all meinem Einfluss sie nicht davon überzeugen, ihm zuzuhören oder an dem Sakrament teilzunehmen, das er verwaltet. Wenn ich nicht auf diesem Punkt bestehen kann, solange ich lebe, wer kann es dann tun, wenn ich tot bin? Und was in Epworth der Fall ist, das ist in jeder Kirche der Fall, wo der Pfarrer das Evangelium weder liebt noch predigt. Die Methodisten werden an ihren Gottesdiensten nicht teilnehmen. Was kann dann getan werden?“

Es ging hier nicht so sehr um eine lehrmässige Frage, als vielmehr um ein sehr praktisches Problem. Das wird durch den folgenden Tagebucheintrag illustriert, der etwa um dieselbe Zeit geschrieben wurde und von einer landesweiten Konferenz der Methodisten handelt:

„Einer der wichtigsten Punkte, die an dieser Konferenz behandelt wurden, war die Frage des Verlassens der Kirche. Das Ergebnis einer langen Diskussion war:
1) Dass wir in unserem fünfzigjährigen Bestehen niemals auch nur von einem einzigen Artikel der Lehre oder der Disziplin der Kirche bewusst abgewichen waren.
2) Dass wir nichts davon wussten, in irgendeinem Lehrpunkt mit der Kirche uneins zu sein.
3) Dass wir im Lauf der Jahre, aus Notwendigkeit und nicht weil wir es gewollt hätten, in einigen Punkten allmählich von der Disziplin abgewichen waren, indem wir auf freiem Feld predigten, spontan beteten, Laienprediger aussandten, Gesellschaften bildeten und reglementierten, und jährliche Konferenzen durchführten. Aber wir taten nichts von all diesen Dingen, solange wir nicht davon überzeugt waren, dass wir sie nicht länger lassen konnten, ohne unsere eigenen Seelen in Gefahr zu bringen.“

Wesley bemühte sich immer, so weit es möglich war, gute Beziehungen zu den anglikanischen Pfarrern zu unterhalten. Und gegen das Ende seines Lebens scheint er damit tatsächlich Erfolg gehabt zu haben, denn bei einer Gelegenheit schrieb er: „Die Zeiten haben sich geändert. Jetzt habe ich mehr Einladungen, in Kirchen zu predigen, als ich annehmen kann.“
Andererseits hatte Wesley bereits 1746 seine Überzeugungen über die richtige Art der Gemeindeleitung geändert, und war zu einer Position gelangt, die der Urgemeinde viel näher stand. Seine früheren Überzeugungen beschreibt er als ein „vehementes Vorurteil meiner Ausbildung“:

„Ich reiste ab nach Bristol. Auf dem Weg las ich die ‚Chronik der Urgemeinde‘ von Lord King. Trotz des vehementen Vorurteils meiner Ausbildung war ich bereit zu glauben, dass dies ein ausgeglichener und unparteiischer Bericht war. Aber wenn es so war, dann musste ich schliessen, dass Bischöfe und Älteste im wesentlichen von derselben Ordnung waren, und dass ursprünglich jede christliche Versammlung eine Kirche unabhängig von allen anderen war!“

Warum hielt dann Wesley derart an der anglikanischen Kirche fest? Unterhielt er vielleicht eine ähnliche Hoffnung wie Luther in seinen ersten Jahren, die Kirche von innen her reformieren zu können, ohne sich von ihr zu trennen? – Vielleicht dachte er, mehr Grund für eine solche Hoffnung zu haben, da es sich in seinem Fall ja nicht mehr um die römische Kirche handelte. Es handelte sich jetzt um eine Kirche, die sich zu den Prinzipien der Reformation bekannte. Aber das Rad von Erweckung und Abfall hatte inzwischen eine neue Umdrehung ausgeführt; und jetzt waren es die reformierten Kirchen, die sich weit vom Evangelium entfernt hatten. Wesleys Kommentar über die Pastoren, „die das Evangelium weder lieben noch predigen“, ist Beweis genug dafür.

Es ist schwierig, diesen Widerspruch im Handeln Wesleys zu erklären. Einerseits ermahnte er seine Nachfolger ständig, die Kirche nicht zu verlassen. (Möglicherweise dachte er, viele evangelistische Gelegenheiten zu verlieren, wenn sie sich von der Kirche trennten.) Aber andererseits tat er Schritte, die unweigerlich zu einer Trennung zwischen Methodisten und Anglikanern führen mussten. Er sandte nicht anerkannte Prediger aus, und ordinierte sogar Pastoren für die Arbeit in Amerika, ohne von der Kirche dazu autorisiert zu sein. Er gründete eine ganze von der Kirche unabhängige Organisationsstruktur.

Der Biograph John Telford gibt folgende Erklärung:

„Das Glaubensbekenntnis Wesleys, seine Ordinationen, und die Lizensierung seiner Kapellen und Prediger (…) beweisen, dass es ihm mehr am Fortbestand der Arbeit gelegen war, als an der formellen Verbindung mit der Kirche von England. (…) Wesley traf alle möglichen Vorkehrungen, damit der Methodismus nicht nach seinem Tod zugrunde ginge. Die Verbindung zur Kirche lockerte sich allmählich, und die Gesellschaften wurden allmählich zu einer eigenen vollständigen Organisation. Der Tod Wesleys beseitigte die letzte Schranke gegen die völlige Unabhängigkeit. Bestimmt war es besser, im Interesse der Religion, dass die Methodisten die Sakramente ordnungsgemäss von ihren eigenen Predigern erhielten, anstelle des unbefriedigenden Abkommens, das am Ende von Wesleys Leben bestand, nur um eine Trennung zu vermeiden.“

Wenn diese Beurteilung zutrifft, dann war in Wesley die Loyalität zur anglikanischen Kirche sehr stark; aber noch stärker sein Wunsch, dass die begonnene Arbeit fortdauern möge. Bis zu seinem Lebensende versuchte er, diese beiden widersprüchlichen Prinzipien zusammenzuhalten. Aber nach seinem Tod obsiegte die Fortdauer der Arbeit als das wichtigere Prinzip, womit die Trennung von der Kirche unvermeidlich wurde.

– Trotz seiner starken Bindung an die offizielle Kirche hatte Wesley keine Vorurteile gegen andere Konfessionen, wie die folgende Begegnung zeigt:

„Als ich zu einem Dorf namens Sticklepath ritt, hielt mich jemand auf der Strasse auf und fragte abrupt: ‚Ist dein Name nicht John Wesley?‘ Sofort erschienen zwei oder drei weitere und sagten mir, ich sollte bei ihnen bleiben. Ich tat es, und bevor wir viele Worte gewechselt hatten, verbanden sich unsere Seelen freundschaftlich. Ich entdeckte, dass sie Quäker waren; aber das störte mich nicht, da ich sah, dass die Liebe Gottes in ihren Herzen war.“

(Fortsetzung folgt)

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