John Taylor Gatto: Eine kurze, zornige Geschichte der amerikanischen (und deutschen) Schulpflicht (Teil 2)

Rede vor der Homeschooling-Konferenz des Staates Vermont (Fortsetzung)

Das Geheimnis des amerikanischen Schulsystems besteht darin, dass es nicht so unterrichtet, wie Kinder lernen – und dass das von ihm auch nicht erwartet wird. Die Schulen wurden erfunden, um der Wirtschaft zu dienen, nicht den Kindern und Familien. Das ist der Grund, warum die Schule obligatorisch ist. Deshalb kann die Schule niemandem helfen, erwachsen zu werden. Ihre erste Anweisung ist, die Reife zu verzögern. Sie tut dies, indem sie lehrt, alles sei schwierig, andere Menschen bestimmten unser Leben, und unsere Nächsten seien nicht vertrauenswürdig und sogar gefährlich. Die Schule ist der erste Eindruck, den Kinder von der Gesellschaft erhalten. Da die ersten Eindrücke oft die entscheidenden sind, erfüllt die Schule unsere Kinder mit Angst, Misstrauen gegeneinander, und mit gewissen lebenslangen Süchten. Sie legt einen Hinterhalt gegen die natürliche Intuition, den Glauben, und die Liebe zum Abenteuer, und ersetzt diese Dinge durch ein „Evangelium“ des rationellen Vorgehens und rationellen Managements.

Die New York Times sandte einen Reporter in drei Kindertagesstätten in Houston, Texas: eine für weisse Kinder, eine für schwarze Kinder, und eine für spanischsprechende Kinder. Zu jedermanns Überraschung fand er, dass alle drei identisch waren. Es waren wunderbare Orte, gut eingerichtet, sauber, hell, bunt. Aber die einzelnen Kinder erhielten nur ein absolutes Minimum an persönlicher Aufmerksamkeit von seiten ihrer Betreuer, weil mehr einfach nicht möglich war. Die Kommunikation beschränkte sich auf heitere Ermahnungen wie: „Wilma, tu das nicht!“, und auf Aussagen, die sich an alle und niemanden richteten, wie: „Es ist Zeit, sich in die Reihe zu stellen!“ Die Betreuer hatten als Ziel eher, die Kinder zu verwalten, als mit ihnen in Kontakt zu treten. Die öffentliche Kinderbetreuung in Amerika ist Kinderverwaltung. Die Schulen sind ein Teil des professionellen Kinderverwaltungs-Imperiums, und Bildung hat nichts damit zu tun.

Eine Untersuchung von tausend Staatsschulen fand, dass die Lehrer im Durchschnitt 7 Minuten pro Tag im persönlichen Austausch mit Schülern verbrachten. Verteilt auf 30 Schüler, gibt das 14 Sekunden pro Kind. Im Schulzimmer herrscht ein ständiges Gerangel um Aufmerksamkeit und Status, die nur von einem einzigen Erwachsenen erteilt werden können, welcher weder die nötige Zeit noch die nötige Information dazu hat. Dies lehrt uns, einander zu hassen und zu misstrauen. Diese ständige „Auktion der Aufmerksamkeiten“ hat etwas zu tun mit dem Ärger und der Unfähigkeit, ehrlich und verantwortlich zu sein, die wir noch als Erwachsene spüren. Aber ironischerweise ist Verantwortungslosigkeit viel nützlicher für das Management als ehrbares Verhalten. Sie rechtfertigt die ständige Überwachung, die vielen Anwälte und Gerichte, die Polizei und die Schulen…

Betrachten wir die seltsame Möglichkeit, dass wir vielleicht absichtlich gelehrt worden sind, verantwortungslos zu sein und einander zu hassen. Ich sage das nicht sarkastisch. Ich habe 19 Jahre als Schüler/Student verbracht und 30 Jahre als Lehrer. In all dieser Zeit wurde höchst selten von mir verlangt, verantwortlich zu handeln – ausser Sie verwechseln blinden Gehorsam mit Verantwortlichkeit. Sei es als Schüler oder als Lehrer, gehorchte ich blind fremden Menschen während 49 Jahren. Wenn das kein Rezept für Verantwortungslosigkeit ist! In der Schule werden Sie dafür belohnt, Ihre persönliche Verantwortung aufzugeben und einfach zu tun, was Fremde von Ihnen verlangen, sogar wenn das die teuersten Prinzipien Ihrer Familie verletzt. Ich habe beobachtet, dass drei Jahre genug sind, um ein Kind zu zerbrechen, drei Jahre Eingesperrtsein in einer Umgebung von emotionaler Bedürftigkeit, Liedern, Lächeln, grellen Farben, Gruppenspielen – diese Dinge funktionieren viel besser als ärgerliche Worte und Strafen. Das ständige Betteln um Aufmerksamkeit produziert die charakteristischen Merkmale von Schulkindern: Weinerlichkeit, Verrat, Unehrlichkeit, versteckte Bosheit, Grausamkeit, und ähnliches. In 50 Jahren Zeitungslesen habe ich diese Dynamik noch nie in der Presse untersucht gesehen. Schulkinder werden wie Ratten im Käfig, die eine Taste drücken müssen, um Nahrung zu erhalten, und die gemäss einem Verstärkungsmechanismus exzentrische Verhaltensweisen entwickeln. Diejenigen unter Ihnen, die Rattenpsychologie studiert haben, werden wissen, von was ich rede. Das bizarre Verhalten von Schulkindern ist eine Funktion des Verstärkungsmechanismus, dem sie in der Schule ausgesetzt sind – ebenso wie das abnormale Verhalten von Versuchsratten.

Nehmen wir an, dass die Produktion von unvollständigen Menschen der Zweck der modernen Schule ist. Nehmen wir weiter an, es gebe einen vernünftigen Grund, so etwas zu tun. Nehmen wir an, vor hundert Jahren hätten weitsichtige Menschen gesehen, dass der Grossteil der Bevölkerung verdummt werden müsse, nicht um ihnen wehzutun, sondern um ein Volk von Produzenten in ein Volk von Konsumenten zu verwandeln. Um die Werktätigen so angepasst zu machen, dass sie die moderne Maschinenarbeit aushielten, die sich schnell weiterentwickeln musste. Das war das spezifische Problem, welches diese Schlüsselgruppe von Unternehmern und Philosophen anfangs des 20.Jahrhunderts beschäftigte: Wie kann eine stolze, freiheitsliebende Nation von unabhängigen Familien und Dörfern von ihrer historischen Tradition von Eigenverantwortung und Unabhängigkeit abgebracht werden? Erwachsene würden sich kaum derart manipulieren lassen. Die Praxis der örtlichen Schulen bot eine andere Möglichkeit an.
Während Jahrtausenden haben Denker darüber spekuliert, dass ein Staat, der mit Erfolg die Kontrolle über die Jugend übernähme, wirtschaftliche Wunder hervorbringen könnte. Diese Idee ist mindestens 2300 Jahre alt. Das einzige Instrument zu ihrer Verwirklichung, die allgemeine Schulpflicht, galt aber in der westlichen Welt als eine verrückte Idee. Nur an einem Ort war sie erfolgreich: in der preussischen Militärdiktatur des 19.Jahrhunderts. Horace Manns Pilgerreise nach Preussen im Jahr 1840 wurde ein Auslöser für die spätere Entwicklung. Das 20.Jahrhundert endet damit, dass die Massenschulung droht, auch das Kleinkindalter zu erobern. Und sogar nach einem Jahrhundert siegreicher Schulpflichtgesetze, von Preussen her inspiriert, gibt es immer noch keine Einigkeit darüber, was unter einem gebildeten Amerikaner zu verstehen sei. Am Ende des 20.Jahrhunderts ist Schule immer noch eine Polizeitätigkeit – genauso wie am Anfang.

Am Anfang des 20.Jahrhunderts entschied eine Gruppe berühmter Akademiker unter Edward Thorndike und John Dewey sowie ihre industriellen Verbündeten, die Schulen der Wirtschaft und dem politischen Staat zu unterwerfen, genau wie in Preussen. Ausserdem würde es einen höheren Auftrag geben. Die Schulen würden als „Instrumente einer verwalteten Evolution dienen, die Bedingungen für eine selektive Fortpflanzung aufstellten, bevor die Massen die Dinge in ihre eigenen Hände nähmen.“ (Das ist ein Zitat aus einem 1911 veröffentlichten Essay von Thorndike.) Standardisierte Prüfungen würden zwischen den Fortpflanzungs­fähigen, den Arbeitsfähigen und den Unfähigen trennen. Schon vor dem 1.Weltkrieg hatte die Erziehungspsychologie herausgefunden, dass gewisse Formen geistiger Ausbildung z.B. in Geschichte, Philosophie und Rhetorik die Schüler gegen Manipulation resistent machte, weil es den unabhängigen Intellekt ent­wickelte. Dieses Wissen war Motiv genug, um die Schulbildung zu verdummen.

Zwischen 1906 und 1920 investierte eine kleine Gruppe von weltberühmten Industriellen, Bankiers und Universitätsdirektoren mehr Geld und Aufmerksamkeit in die Schulpflicht als die Regierung. Allein Andrew Carnegie und John D.Rockefeller investierten zwischen 1900 und 1920 mehr Geld als die Bundesregierung. So wurde das moderne Schulsystem abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit und abseits der Volksvertreter aufgebaut. Dies ist die erste Auftragserklärung der Allgemeinen Bildungskomission von John D.Rockefeller:

In unseren Träumen ergeben sich die Menschen vollkommen fügsam in unsere formenden Hände. Die gegenwärtigen Vorstellungen von Bildung, im Sinne von Bildung des Intellekts und des Charakters, verschwinden aus ihrem Sinn; und ungehindert von der Tradition führen wir unseren eigenen guten Willen aus über ein dankbares und willfähriges Volk. Wir werden nicht versuchen, diese Leute oder irgendeines ihrer Kinder zu Gelehrten oder Philosophen oder Wissenschaftern zu machen. Wir sollen unter ihnen keine zu Schriftstellern, Erziehern oder Dichtern machen, auch nicht zu grossen Künstlern, Malern oder Musikern, noch zu Anwälten, Ärzten, Staatsmännern, Politikern, Geschöpfe, mit denen wir“ (wer auch immer mit dem „wir“ gemeint ist) „reichlich versorgt sind. Die Aufgabe ist einfach. Wir werden Kinder organisieren und sie auf vollkommene Weise die Dinge lehren, die ihre Eltern auf unvollkommene Weise tun.“

Vielleicht werden Sie sagen, dass ich ausserhalb des Zusammenhangs zitiere. Aber wenn Sie den ganzen Zusammenhang haben möchten, das Zitat ist aus dem „Gelegenheitsbrief Nr.1 der Allgemeinen Bildungskommission“ – von der ich bereits sagte, dass sie in das Schulwesen mehr Geld investierte als die Regierung.

Der wirkliche Zweck der modernen Schule wurde vom legendären Soziologen Edward Roth in seinem Manifest von 1906 angekündigt, unter dem Titel „Soziale Kontrolle“. Zitat: „Pläne sind unterwegs, um die Familie, Gemeinwesen und Kirche zu ersetzen durch Propaganda, Massenmedien und Bildung“ (er meint natürlich Verschulung) „…die Leute sind nur kleine formbare Teighäufchen.

…Der erste Lehrplan wurde verdummt, dann wurden landesweite Prüfungen eingeführt, dann wurde die Moral geschwächt, und schliesslich, zwischen 1970 und 1974, wurde die Lehrerbildung im geheimen vollständig verändert. 1971 gab die Erziehungsdirektion der USA – die sich jetzt darin engagiert, sich Zugang zu Ihrem Privatleben und zu Ihren Gedanken zu verschaffen – bei der Rand Corporation eine siebenbändige Studie über „Veränderungs-Agenten“ (change agents) in Auftrag. Die Ausbildung von „Veränderungs-Agenten“ wurde mit Regierungsgeldern unter dem „Gesetz zur Entwicklung der Erziehungsberufe“ in Gang gesetzt. Kurz darauf erschien ein Buch mit dem Titel: „Führer des Veränderungs-Agenten zur Innovation in der Erziehung“. …Machiavelli ist modernisiert worden.

Hindernisse wie Religion, Tradition, Familie, und die natürlichen Rechte, die in unseren Gründungsdokumenten garantiert sind, wurden beharrlich zurückgetrieben. Schon vor 1950 wurde der traditionelle Gott verbannt, um durch psychologische Missionare in einer Sozialarbeits-Priesterschaft ersetzt zu werden. Die Staatsschulen wurden zu sozialen Laboratorien umfunktioniert, ohne Wissen und Zustimmung der Öffentlichkeit. Das war wie eine zweite amerikanische Revolution, die diese Gründungsdokumente umstiess, welche gewöhnlichen Leuten Souveränität zusprachen.

Die Schule war von Anfang an eine Lüge, und ist es weiterhin. Man hört viel Unsinn heutzutage über die Notwendigkeit von gebildeten Menschen in einer hochtechnisierten Wirtschaft; aber in Wahrheit besteht keine solche Notwendigkeit. Unsere rationalisierte und globalisierte Wirtschaft wird mehr und mehr zu einem zentral gesteuerten System, das keine abweichenden Denkweisen zulassen kann. Gebildete Menschen sind dessen Feinde, und eine nicht-pragmatische Moral ist ebenfalls dessen Feind.
(…) Was wir errichtet haben, diese zwangsweise Massenschulung, kann nicht reformiert werden; sie muss niedergeschlagen werden. Sie wurde von Menschen geschaffen, und Menschen können sie auch wieder auseinandernehmen.


Nachbemerkung: Die in dieser Artikelserie angesprochenen Themen (und viele weitere) sind ausführlich behandelt und dokumentiert in Gattos Hauptwerk, „Underground History of American Education“. Frei zugänglich auf der Website des Autors, http://www.johntaylorgatto.com . Da das amerikanische System, wie erwähnt, auf dem preussischen basiert, sind Gattos Untersuchungen auch für Deutschland bedeutungsvoll.

Siehe auch vom selben Autor: „Warum Schulen nicht bilden“.

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