Zweifelhafte „Obhut“ des Staates: Wo kommen die Kinder dann hin?

Die Diskussion um die sogenannte „Inobhutnahme“ von Kindern durch den Staat (wie z.B. im Fall Wunderlich) dreht sich oft darum, inwieweit es statthaft oder den Kindern zumutbar sei, von Eltern erzogen zu werden, deren Überzeugungen und Erziehungsstil weit von den Vorstellungen der Gesellschaft im allgemeinen abweichen (so z.B. im Fall von überzeugten Christen!!). Oder auch – in anderen Fällen – von Eltern, die ihre Kinder tatsächlich vernachlässigen oder schlecht behandeln. Seltener wird in Erwägung gezogen, wo diese ihren Eltern entrissenen Kinder dann hinkommen. Auch wenn ein Kind tatsächlich von seinen Eltern nicht besonders gut behandelt würde: wird es in staatlichen Einrichtungen etwa besser behandelt? Ist der Staat zur Kindererziehung besser geeignet als die leiblichen Eltern?

Ich habe seinerzeit selber eine Zeitlang in einem Kinderheim gearbeitet. Damals war die Heimerziehung bereits ziemlich „modernisiert“ worden. Die Kinder wurden im allgemeinen nicht mehr geschlagen – und wenn einem Erzieher aus Überforderung die Hand ausrutschte, dann musste er u.U. damit rechnen, dass das Kind zurückschlug. (Ein Erzieher ist einmal von einem 15jährigen Jungen k.o. geschlagen worden.) Die Kinder waren in Wohngruppen von je acht bis zehn Kindern aufgeteilt, je unter der Leitung eines Erzieherehepaars zusammen mit einem oder mehreren Miterziehern und Praktikanten. Die Idee dahinter, das Betreuungsumfeld der Kinder so familienähnlich wie möglich zu gestalten, ist m.E. eines der bestmöglichen Konzepte in der Heimerziehung. Aber selbst dieses bestmögliche Konzept funktionierte in der Praxis nicht. Beredtes Zeugnis davon war die Tatsache, dass jene Erzieher, die eigene Kinder hatten, diese in ihrer eigenen Wohnung getrennt von den Heimkindern aufzogen. Es wäre ihnen wohl unverantwortlich erschienen (!), ihre Kinder zusammen mit den Heimkindern aufwachsen zu lassen.

Die auch nur annähernde Schaffung einer Familienatmosphäre wurde schon durch den häufigen Wechsel der Bezugspersonen verunmöglicht. Ein Erzieher sagte mir einmal: „Diese Arbeit kannst du höchstens fünf bis zehn Jahre lang tun, nachher bist du ausgebrannt.“ (Wobei auch diese fünf bis zehn Jahre in der Regel mehrere Stellen- oder zumindest Gruppenwechsel einschliessen.) Auf der Wohngruppe, wo ich arbeitete, gab es innerhalb eines Jahres vier Mitarbeiterwechsel.

Die Heimkinder verhielten sich im allgemeinen rebellisch und gewalttätig, logen und stahlen, waren verschiedensten Suchtverhalten ergeben – so hatten sie z.B. die raffiniertesten Methoden entwickelt, um Zigaretten ins Heim zu schmuggeln und dort zu verstecken. (Drogen waren damals noch kaum verbreitet; so spielten Zigaretten deren Rolle.) Möglicherweise hatten die älteren auch Sex untereinander; das kann ich zwar nicht direkt bezeugen, konnte es mir aber im Nachhinein aus bruchstückhaften Aussagen zusammenreimen.

Allgemein herrschte das Klima eines ständigen „Kriegs“ zwischen Kindern und Erziehern. Letztere wurden von den Kindern hauptsächlich als Gefängniswärter erlebt – was von einigen Kindern unverblümt ausgesprochen wurde. Das erste, was ein Erzieher in der Praxis lernen musste, war den Kindern mit verschiedensten disziplinarischen Mitteln Herr zu werden. Umgekehrt lernten die Kinder von ihren ersten Tagen im Heim an, wie man Erzieher hintergeht, belügt und betrügt. Auch Kinder, die anfangs noch „normal“ waren, wurden bald von diesem Verhalten angesteckt. Ich muss annehmen, dass ein grosser Teil dieser Verhaltensweisen der Kinder durch die Heimeinweisung erst hervorgerufen oder zumindest verstärkt wurden. Es ist ein gravierender Einschnitt im Leben, wenn man in ein Heim gesteckt wird, um von Menschen erzogen zu werden, die man zuvor nie gesehen hat und die man sich nicht selbst ausgesucht hat; und wenn man nicht einmal mehr die Strasse überqueren darf, um ein Nachbarskind zu besuchen oder sich etwas zu kaufen. Es ist deshalb blanker Hohn, wenn christlichen Homeschooling-Familien vorgeworfen wird, ihre Kinder wüchsen isoliert auf – und dann steckt man sie in ein Heim, wo sie noch viel isolierter leben!
– Natürlich gab es im Heim auch Zeiten gemeinsamer Ausflüge, Spiele, Bastelarbeiten und anderer sinnvoller Tätigkeiten; aber selbst während diesen „harmonischeren“ Zeiten war allen klar, dass es sich nur um Zeiten des „Waffenstillstands“ handelte und nicht um einen echten Frieden. Es war illusorisch, unter solchen Bedingungen eine Vertrauensbeziehung zu den Kindern – die wichtigste Voraussetzung für eine echte „Erziehung“ – herstellen zu wollen. Ebenso illusorisch war es, unter diesen Umständen eine Besserung des Verhaltens der Kinder zu erwarten, oder ihnen Werte vermitteln zu wollen. Im Gegenteil, die Atmosphäre eines Kinderheims macht die Kinder zu Rebellen, und nicht wenige von ihnen zu Kriminellen.

Würde man das Verhalten von Heimkindern psychologisch analysieren und daraus Rückschlüsse ziehen auf die Fähigkeiten der Heimerzieher, dann müsste man diese als ebenso „erziehungsunfähig“ einstufen wie die Eltern, denen die Kinder weggenommen wurden.

Es muss also nicht nur gefragt werden, wo die Grenzlinie gezogen werden soll, ab der das Wohl eines Kindes tatsächlich gefährdet wäre, wenn es bei seinen Eltern verbleibt. (Bzw. ob ein solches Urteil überhaupt gefällt werden darf.) Es muss ebenso gefragt werden, ob die Alternative, die der Staat vorsieht (meistens die Einweisung in ein Heim) nicht das Wohl des Kindes noch viel stärker gefährdet.

Ein krasses Beispiel – aber leider kaum ein Einzelfall – wird in „Die Familie und ihre Zerstörer“ (Fassung vom 9.Sept.2013, S.485) dokumentiert:

„Vermutlich sind 99% der SOS-Kinderdorf Einsitzenden keine Waisenkinder, sondern Kinder mit lebenden Eltern oder Elternteilen. Jedes Kinderdorfkind bedeutet natürlich finanzielle Förderungen, Spendengelder und sonstige staatliche Unterstützungen. Auf jeden Fall bedeutet es Jobs für ErzieherInnen und SozialarbeiterInnen.
‚Ein Kind wurde mit 6 Jahren den Eltern entzogen. Der Vater wurde von den Behörden des sexuellen Missbrauchs verdächtigt (Grund der Kindeswegnahme). Es kam jedoch niemals zu einer Anklage seitens der Staatsanwaltschaft. Die Mutter wurde von SozialarbeiterInnen unter Druck gesetzt, sich vom Kindesvater scheiden zu lassen. Aber die Kindesmutter blieb dem Mann treu. Deshalb musste das Kind im Heim bzw. Kinderdorf bis ins Erwachsenenalter bleiben. Unter der Obsorge des Kinderdorfes wuchs die Kleine zu einer nunmehr drogensüchtigen teilentmündigten Prostituierten heran. Schlechter hätten es die leiblichen Eltern wohl auch nicht vermocht.'“

Eltern werden vom Staat daraufhin überwacht, ob sie ihre Kinder „richtig“ erziehen. Wer aber überwacht die staatlichen „Erzieher“? Im Jahr 2012 haben deutsche Jugendämter insgesamt 40’227 Kinder „in Obhut genommen“, das sind täglich 110 Kinder, die ihren Eltern weggenommen wurden. Wieviele Kinder sind im selben Zeitraum aus Kinderheimen freigelassen worden? Was für eine staatliche Stelle wacht mit demselben Eifer über der Erziehung, die Heimkindern zuteil wird? Würden Kinderheime mit denselben Methoden psychologisch analysiert wie Familien, dann würden zweifellos eine Menge „gestörter Beziehungen“ diagnostiziert, die unbedingt „therapiert“ werden müssten, oder die sogar das Kindeswohl derart gefährdeten, dass die Kinder aus dieser Umgebung entfernt werden müssten. Warum werden solche Massstäbe nur an Familien angelegt, nicht aber an Kinderheime? Wer hat dem Staat das Recht gegeben, die seiner „Obhut“ unterstehenden Kinder in Verhältnissen aufzuziehen, die schlimmer sind als sogenannt „gestörte“ Familien?

Fragen, die im heutigen Zeitalter staatlicher Kindererziehung unbedingt aufgearbeitet werden sollten.

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