John Wesley und die Methodisten – Teil 9: Die Lehre von der christlichen Vollkommenheit

Wesley betonte, dass das Ziel eines christlichen Lebens die Vollkommenheit ist. Das ist wahrscheinlich die umstrittenste und die am meisten missverstandene Lehre Wesleys. Er betonte sehr die Verse 1.Johannes 3,6 und 9:
„Jeder, der in ihm bleibt, sündigt nicht; jeder, der sündigt, hat ihn nicht gesehen und hat ihn nicht gekannt. (…) Jeder, der aus Gott geboren ist, tut nicht die Sünde, denn der Same Gottes bleibt in ihm; und er kann nicht sündigen, weil er aus Gott geboren ist.“
Einige missbrauchten diese Lehre, um zu sagen, dann gäbe es für einen Christen auch keine Versuchungen mehr, und sie könnten sorglos leben, ohne sich gegen das Böse vorzusehen. Umgekehrt dachten andere, sie seien verdammt, sobald sie einen kleinen Fehler begingen, und sie seien keine wahren Christen, wenn sie es nicht fertigbrachten, ein vollkommenes Leben zu führen. So legten sie sich ein zu schweres Joch auf, und Wesley wurde eines unbiblischen „Perfektionismus“ bezichtigt.

Diese Extreme waren nicht im Sinne Wesleys. Er schrieb ein ausführliches Werk, „Ein freimütiger Bericht von der christlichen Vollkommenheit“, um seinen Standpunkt zu erklären. Zugleich zeigt dieses Werk, dass Wesley nur mit grossen Schwierigkeiten definieren konnte, was er überhaupt unter „christlicher Vollkommenheit“ verstand. Einerseits stellte er klar, dass ein Christ nach der Schrift jemand ist, der „Gott von ganzem Herzen liebt“, sodass in seinem Herzen kein Raum mehr ist für irgendeine Bosheit (denn sonst würde er ja Gott nicht mehr von ganzem Herzen lieben). Aber andererseits betonte er, dass auch ein „vollkommener Christ“ noch versucht werden kann und Irrtümer sowie unbewusste Sünden begehen kann. Er sagte, es sei einem Christen möglich, „vollkommen“ zu sein; aber er wagte nie zu sagen, es sei möglich, „sündlos“ zu sein.

Eine andere Anklage gegen diese Lehre besagte, wenn jemand sich „vollkommen“ nannte, dann würde er ja die Notwendigkeit des Opfers Jesu leugnen. Aber Wesley antwortete: Im Gegenteil, die Vollkommenheit ist nur aufgrund dieses Opfers und aufgrund der Gnade Gottes überhaupt möglich. Der Sieg über die Sünde ist kein menschliches Werk oder Verdienst (siehe Johannes 15,4-5).

Die folgenden Abschnitte mögen einen Eindruck davon geben, wie Wesley um die Definitionen der Ausdrücke „Sünde“ und „sündlos“ rang:

„(…) Auch die besten Menschen benötigen weiterhin Christus in seinem priesterlichen Amt, um ihre Unterlassungen zu sühnen, ihre Begrenzungen, ihre Fehler im Urteil und in der Praxis, und ihre Mängel aller Art. Denn das alles sind Abweichungen vom vollkommenen Gesetz, und müssen deshalb gesühnt werden. Aber das sind keine Sünden im eigentlichen Sinn, wie aus den Worten des Paulus ersichtlich ist: ‚Wer liebt, hat das Gesetz erfüllt; denn die Liebe ist die Erfüllung des Gesetzes‘ (Röm.13,10). Aber die Fehler, und jegliche Schwäche, die sich notwendigerweise aus dem vergänglichen Zustand des Körpers ergibt, sind keineswegs der Liebe entgegengesetzt; deshalb sind sie keine Sünden im Sinne der Schrift.
Um mich über dieses Thema etwas genauer zu erklären:
1.) Nicht nur die Sünde im eigentlichen Sinn (d.h. eine willentliche Übertretung des Gesetzes) erfordert das sühnende Blut; sondern ebenso die Sünde im uneigentlichen Sinn (d.h. eine unfreiwillige Übertretung eines bekannten oder unbekannten göttlichen Gesetzes).
2.) Ich glaube, dass es in diesem Leben keine solche Vollkommenheit gibt, dass sie diese unfreiwilligen Übertretungen ausschlösse, welche natürliche Folgen der Unwissenheit und der Fehler sind, die untrennbar mit der Sterblichkeit verbunden sind.
3.) Deshalb gebrauche ich nie den Ausdruck „sündlose Vollkommenheit“, damit ich nicht mir selber zu widersprechen scheine.
4.) Ich glaube, dass ein Mensch, der voll von der Liebe Gottes ist, dennoch diesen unfreiwilligen Übertretungen unterworfen bleibt.
5.) Ihr könnt solche Übertretungen Sünde nennen, wenn ihr wollt; ich nenne sie nicht so, aus den erwähnten Gründen.

Frage: Was für einen Rat würden Sie jenen geben, die es Sünde nennen, und jenen, die es nicht so nennen?

Antwort: – Dass jene, die es nicht Sünde nennen, niemals denken sollen, sie oder irgendein anderer Mensch würden je einen Zustand erreichen, in welchem sie ohne einen Mittler vor der unendlichen Gerechtigkeit bestehen könnten. So etwas zu behaupten, wäre tiefste Unwissenheit, oder höchste Überheblichkeit und Anmassung.
Dass jene, die es Sünde nennen, aufpassen sollen, dass sie diese Mängel nicht mit der Sünde im eigentlichen Sinn verwechseln. Aber wie sollen sie es anstellen, es nicht zu verwechseln, wenn sie alles ohne Unterschied Sünde nennen? Ich fürchte, wenn wir zulassen, dass die Sünde mit der Vollkommenheit vereinbar sei, dann würden nur wenige diese Idee nur auf jene Mängel beschränken, die keine Sünden im eigentlichen Sinn sind.“

Das grösste Problem in dieser Lehre Wesleys besteht darin, dass er Heiligung und Rechtfertigung auseinanderriss. Er lehrte, die „völlige Heiligung“ sei ein „zweites Werk“ des Heiligen Geistes, das in einem einzigen Moment geschehen kann und den Christen von allen bösen Gedanken und Haltungen befreit. Infolgedessen gab Wesley zu, dass er selber diese „völlige Heiligung“ noch nicht erfahren hatte, und dass es überhaupt nur sehr wenige Christen gab, die sie erreicht hatten. Dieser Aspekt ist natürlich problematisch und kann nur sehr begrenzt biblisch begründet werden. Meines Erachtens hätte es vollauf genügt, wenn Wesley versichert hätte, es sei einem Christen möglich, durch die Gnade und Kraft Gottes, keine vorsätzliche Sünde zu begehen (wie tatsächlich aus seiner Lieblingsstelle 1.Johannes 3,6-9 geschlossen werden kann). Schon das ist in der gegenwärtigen Situation der Gemeinde eine höchst umstrittene Behauptung, aber sie ist schriftgemäss. Wesley dagegen wollte eine im Detail ausgearbeitete „Lehre“ von der christlichen Vollkommenheit darlegen, und damit ging er „über das hinaus, was geschrieben steht“.

Aber statt über lehrmässige Fehler Wesleys zu debattieren, möchte ich einen wichtigeren Punkt hervorheben: Warum fand Wesley es überhaupt nötig, über die „christliche Vollkommenheit“ zu predigen? War es nicht deshalb, weil die Christenheit seiner Zeit sich von dieser Vollkommenheit so weit entfernt hatte, dass kein Unterschied mehr zu sehen war zwischen den Christen und der Welt? Tatsächlich ist es ein gemeinsames Kennzeichen aller Erweckungen, dass sie die Heiligkeit neu betonen.
In Zeiten des Abfalls folgen die Gemeinden immer irgendeiner Variante der „billigen Gnade“. Sie predigen Vergebung der Sünden ohne Umkehr. Manchmal wird – wie in der katholischen Kirche – die Umkehr durch etwas anderes ersetzt: die Rituale und Sakramente der Kirche, der Kauf eines Ablasses, die Anpassung an die äusseren Gewohnheiten der Kirche, und ähnliches. In anderen Fällen – wie in vielen reformierten Kirchen – wird eine „automatische Vergebung“ gelehrt, als ob Gott einfach über die Sünde hinwegsehen würde. In allen diesen Fällen gibt es keine Umkehr von Herzen mehr, und die Kirche verdirbt.
Die Erweckungsprediger konfrontierten immer direkt diese Verderbnis der Kirche. Sie betonten neu, dass die Gemeinde des Herrn heilig ist; und dass deshalb eine unheilige Gemeinde nicht die Gemeinde des Herrn ist. Sie betonten, dass ein echter Christ „der Heiligung nachjagt, ohne die niemand den Herrn sehen wird“ (Hebräer 12,14). Um die Gemeinde von ihrem Abfall zurückzubringen, muss Heiligkeit gepredigt werden.

Das muss Wesleys Motiv gewesen sein, um über die „christliche Vollkommenheit“ zu lehren. Er wollte aus der Schrift zeigen, worin der Charakter eines echten Christen besteht, und so seinen Nachfolgern eine Zielvorgabe vorhalten, als Gegensatz zu den Namenschristen.
So sagt es Wesley in einem Brief von 1767:

„Vor 35 oder 36 Jahren bewunderte ich sehr den Charakter eines vollkommenen Christen, wie er von Clemens von Alexandrien beschrieben wird. Vor 25 oder 26 Jahren kam es mir in den Sinn, selber einen solchen Charakter zu beschreiben, nur auf schriftgemässere Weise, und hauptsächlich in den eigenen Worten der Schrift. Ich gab ihm den Titel: ‚Der Charakter eines Methodisten‘, und dachte, die Neugier würde mehr Menschen dazu verleiten, es zu lesen, und so würden einige naive Menschen von einigen Vorurteilen befreit werden. Aber damit niemand denke, ich hätte eine Verteidigung meiner selbst oder meiner Freunde im Sinn, versicherte ich mich dagegen schon auf der Titelseite, wo ich in meinem eigenen und ihrem Namen sagte: ‚Nicht dass ich es schon erreicht hätte, oder schon vollkommen wäre.‘ Dasselbe sagte ich am Schluss: ‚Dies sind die Prinzipien und Praktiken unserer Gruppe; dies sind die Kennzeichen eines wahren Methodisten‘; d.h. eines wahren Christen, wie ich gleich darauf erkläre: ‚und nur durch diese möchten sich jene, die Opfer von Schmähungen sind, von anderen Menschen auszeichnen‘. ‚Wir bemühen uns, uns durch diese Kennzeichen auszuzeichnen vor jenen, deren Sinne oder Leben nicht dem Evangelium von Christus entsprechen.'“

Angesichts der Verderbnis und Lauheit der Kirche war es nötig klarzustellen, was die Kennzeichen eines echten Christen sind. In diesem Sinn war es sehr notwendig, dass Wesley über Heiligkeit und Vollkommenheit predigte. Und dieselbe Notwendigkeit besteht auch in den heutigen Kirchen, seien es Landes- oder Freikirchen.

(Fortsetzung folgt)

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