John Wesley und die Methodisten – Teil 10: Aussergewöhnliche Manifestationen

Wesley berichtet mehrmals in seinem Tagebuch über aussergewöhnliche Manifestationen, die während seines Dienstes geschahen, oder im Leben von Menschen, die sich durch seinen Dienst bekehrt hatten. Dies ist ein Beispiel:

„Ich sprach lange Zeit mit Anna Thorn und zwei weiteren, die mehrmals in Trance gewesen waren. Alle stimmten darin überein, dass: 1) wenn sie ‚weg waren‘, wie sie es nannten, war es immer in Momenten, wo sie am erfülltesten waren mit der Liebe zu Gott; 2) das kam in einem Moment über sie, ohne Vorwarnung, und nahm alle ihre Sinne und Kräfte in Anspruch; 3) im allgemeinen – mit ein paar Ausnahmen – waren sie von diesem Moment an in einer anderen Welt und wussten nichts mehr davon, was die Menschen um sie herum taten oder sagten.
(…) Herr B. kam auf mich zu und sagte, die fünfzehnjährige Alice Miller sei in Trance gefallen. Ich ging sofort hinunter und fand sie auf einem Schemel sitzend, an die Wand angelehnt, mit offenen Augen nach oben schauend. Ich machte eine Bewegung, als ob ich sie schlagen wollte, aber sie bewegte sich überhaupt nicht. Ihr Gesicht drückte eine unbeschreibliche Mischung aus Ehrfurcht und Liebe aus, während ein paar Tränen über ihre Wangen rollten. (…) Nach einer halben Stunde sah ich, dass sich ihr Gesichtsausdruck in Furcht, Mitleid und Verzweiflung wandelte; dann brach sie in ein Meer von Tränen aus und rief aus: ‚Lieber Herr, sie werden verdammt werden! Sie alle werden verdammt werden!‘ Aber fünf Minuten später kam ihr Lächeln zurück, und da war reine Liebe und Freude in ihrem Gesicht. (…) Später sagte sie: ‚Rufe laut! Halte nichts zurück!‘ Dann sagte sie: ‚Gebt Gott die Ehre.‘ – Um sieben Uhr kehrten ihre Sinne zurück. Ich fragte sie: ‚Wo warst du?‘ – ‚Ich war bei meinem Erlöser.‘ – ‚Im Himmel oder auf der Erde?‘ – ‚Ich weiss es nicht; aber ich war in der Herrlichkeit.‘ – ‚Und warum hast du geweint?‘ – ‚Nicht um mich, aber um die Welt; denn ich sah, dass sie sich am Rand der Hölle befinden.‘ – ‚Und zu wem sagtest du, sie sollten Gott die Ehre geben?‘ – ‚Zu den Predigern, dass sie laut zur Welt rufen sollen; denn wenn sie es nicht tun, werden sie stolz werden, und dann wird Gott sie verlassen, und sie werden ihre eigenen Seelen verlieren.'“

Wesley gibt auch das folgende Zeugnis von einem gewissen John Pearce wieder:

„Während er in Helstone wohnte, rief während einer Versammlung seiner (methodistischen) Klasse eine Frau in einem ungewöhnlichen Tonfall: ‚Lasst uns nicht hier bleiben; gehen wir nach …‘ (ein Haus in einem anderen Stadtteil). Alle standen sofort auf und gingen, obwohl niemand von ihnen – nicht einmal die Frau selber – wusste warum. Kurz nachdem sie gegangen waren, fiel ein Funke in ein Pulverfass, das sich in einem angrenzenden Raum befand, und das Haus explodierte. So beschützte Gott die auf ihn vertrauten …“

Wesley berichtet auch von verschiedenen Dämonenaustreibungen.

Anscheinend gab es auch viel Kritik an solchen Manifestationen. Als Antwort verwies Wesley auf die geistliche Frucht:

„Während jener Zeit wurde ich fast ständig gefragt (…): ‚Wie können diese Dinge sein?‘ Und ich erhielt unzählige Warnungen (normalerweise aufgrund schwerer Missverständnisse), den Visionen und Träumen keine Beachtung zu schenken, und mir auch nicht einzubilden, die Menschen erhielten Sündenvergebung aufgrung ihres Schreiens oder ihrer Tränen oder ihrer äusserlichen Zeugnisse. Meine Antwort an jemanden, der mir wiederholt deswegen schrieb, war zusammengefasst wie folgt:
Das Problem zwischen uns reduziert sich hauptsächlich auf eine Frage der Tatsachen. Sie leugnen, dass Gott heute solche Wirkungen schafft; oder zumindest, dass er sie auf diese Weise schafft. Ich sage, doch, denn ich habe diese Dinge mit meinen eigenen Ohren gehört und mit meinen eigenen Augen gesehen. Ich habe viele Menschen gesehen (so weit man das sehen kann), die in einem Moment von einem ängstlichen, erschreckten und verzweifelten Geist umgewandelt wurden zum Geist der Liebe, der Freude und des Friedens; und von einem sündigen Verlangen, das sie beherrschte, zu einem reinen Verlangen, den Willen Gottes zu tun. Das sind Tatsachen, wovon ich beinahe täglich Zeuge bin.
Was die Visionen und Träume betrifft, habe ich dies zu sagen: Ich kenne mehrere Personen, bei denen diese grosse Veränderung in einem Traum geschah, oder während eines starken Eindrucks vor ihrem geistigen Auge über Christus am Kreuz oder in der Herrlichkeit. Das ist die Tatsache; möge es jeder beurteilen wie er will. Und ich urteile nicht nur nach den Tränen, oder aufgrund einer Trance oder Schreiens (wie Sie anscheinend annehmen); sondern nach der Veränderung ihres ganzen Lebens: vorher böse auf vielerlei Weise; nachher heilig, gerecht und gut.
Ich will Ihnen den zeigen, der zuvor ein Löwe war und jetzt ein Lamm ist; den, der ein Trinker war und jetzt vorbildlich nüchtern ist; den, der ein Unzüchtiger war und jetzt sogar das vom Fleisch befleckte Kleid verabscheut. Das sind meine lebendigen Argumente für meine Versicherung: dass Gott heute genauso wie in den alten Zeiten uns und unseren Kindern die Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes gibt; und das in einem Augenblick, soweit ich weiss; und oft in Träumen oder Visionen von Gott. Wenn es nicht so ist, werde ich vor Gott als falscher Zeuge erfunden werden.“

Wir haben in einer früheren Folge gesehen, wie Wesley einige tiefsitzende Vorurteile überwinden musste, als Whitefield ihm zeigte, wie er unter freiem Himmel predigte. Jetzt, in dieser Sache der aussergewöhnlichen Manifestationen, scheint Whitefield derjenige gewesen zu sein, der mit Vorurteilen zu kämpfen hatte. Wesley berichtet:

„Ich hatte eine Gelegenheit, mit ihm (Whitefield) über diese äusseren Zeichen zu sprechen, die oft das innere Werk Gottes begleiteten. Ich fand, dass seine Einwände hauptsächlich auf schlimmen Verdrehungen der Tatsachen beruhten. Aber am nächsten Tag konnte er sich eines Besseren vergewissern; denn kaum begann ich (in der Predigt) alle Sünder einzuladen, auf Christus zu vertrauen, als vier Personen in seiner Nähe fast gleichzeitig ohnmächtig wurden. Einer von ihnen blieb bewusst- und bewegungslos liegen. Ein anderer zitterte überaus heftig. Der dritte hatte Krämpfe an seinem ganzen Körper, aber er gab keinen Laut von sich ausser einigen Seufzern. Der vierte, ebenfalls unter Krämpfen, schrie zu Gott mit lauter Stimme und unter Tränen. Von diesem Moment an vertraue ich, dass wir alle Gott erlauben werden, sein eigenes Werk in der Art zu tun, die ihm gefällt.“

Dennoch nahm Wesley diese Manifestationen nicht besonders wichtig. Er war sich bewusst, dass nicht alles Aussergewöhnliche von Gott ist, und dass Unterscheidungsvermögen nötig war. Bei einer anderen Gelegenheit schreibt er:

„Am Nachmittag war Gott auf besondere Weise unter uns gegenwärtig (…) Aber ich beobachtete einen bemerkenswerten Unterschied seit dem letzten Mal, als ich hier (in Everton) war. Jetzt war niemand in Trance, niemand schrie, niemand fiel zu Boden oder hatte Krämpfe; nur einige zitterten stark, man hörte ein leises Murmeln, und viele wurden mit einer Fülle des Friedens erfrischt.
Die Gefahr bestand darin, die aussergewöhnlichen Umstände zu wichtig zu nehmen, wie z.B. Schreien, Krämpfe, Visionen und Trancen; als ob diese wesentlich wären für das innere Werk (…) Eine andere Gefahr besteht darin, all dieses zu verurteilen und zu denken, nichts davon sei von Gott. Aber die Wahrheit ist:
1) Gott überführte viele augenblicklich und heftig davon, dass sie verlorene Sünder waren; und eine natürliche Folge davon waren die plötzlichen Schreie und die Krämpfe.
2) Um die Gläubigen zu stärken und zu ermutigen, und um sein Werk offensichtlicher zu machen, begnadete er mehrere von ihnen mit göttlichen Träumen, und andere mit Trancen und Visionen.
3) Bei einigen dieser Gelegenheiten mischte sich nach einiger Zeit die Natur unter die Gnade.
4) Ebenso ahmte satan dieses Werk Gottes nach, um das ganze Werk in Verruf zu bringen; dennoch ist es nicht weise, diesen Aspekt zu verwerfen, ebensowenig wie es weise wäre, das ganze Werk zu verwerfen. Anfangs war zweifellos alles von Gott. Jetzt ist es noch teilweise so, und er wird uns befähigen zu unterscheiden, inwieweit in jedem Fall das Werk rein ist, und wo es vermischt oder degeneriert ist.“

In der Gegenwart herrscht eine grosse Auseinandersetzung über solche und ähnliche Manifestationen. Einerseits gibt es eine „Sucht“ nach immer aussergewöhnlicheren und seltsameren Manifestationen. Und andererseits gibt es Verdächtigungen und Ablehnung gegen alles, was ein wenig über das Gewöhnliche hinausgeht. Wesleys Anmerkungen können uns helfen, in dieser Sache ein wenig klarer zu sehen:

Erstens hat Gott oft durch Träume, Visionen, und andere „aussergewöhnliche“ Mittel gewirkt. Die Schrift bezeugt es, die Erfahrungen Wesleys bestätigen es, und nichts spricht dagegen, dass Gott in unserer Zeit ähnliche Dinge täte. Gewisse aussergewöhnliche Manifestationen – aber nicht alle – werden vollauf von der Bibel bestätigt. Ausser Träumen und Visionen erwähnt die Bibel auch verschiedene übernatürliche Gaben des Heiligen Geistes.

Zweitens, was das Umfallen, Zittern, Krämpfe, usw. betrifft, so bezeugt Wesley, dass diese Dinge geschahen; aber er sagte nie, diese Dinge seien „geistlich“. Im Gegenteil, er sagt, es handle sich um „natürliche Folgen“ einer heftigen Überführung von der Sünde. In anderen Worten, es handelte sich um Reaktionen der menschlichen Natur angesichts der Überführung durch den Heiligen Geist. Und wenn diese Sünder zum Frieden mit Gott gelangten, dann verschwand diese Art von Manifestationen, und an ihrer Stelle erlebten sie den Frieden und die Freude, erlöst zu sein.
Das ist ein bemerkenswerter Unterschied zu gegenwärtigen Bewegungen, wo Menschen ebenfalls massenweise umfallen. In diesen gegenwärtigen Bewegungen wird das Umfallen, Zittern, usw. als ein „geistlicher Segen“ angesehen. Dafür gibt es keine biblische Grundlage, und die Erfahrungen Wesleys widersprechen dieser Anschauung. Wenn Zuhörer Wesleys umfielen, sagten sie nicht, sie hätten „einen besonderen Segen Gottes“ empfangen. Im Gegenteil, sie waren erschreckt über ihre eigene Sündhaftigkeit, der sie sich plötzlich bewusst wurden; und über die Heiligkeit und Reinheit Gottes. Und sie wussten, dass sie von neuem geboren werden mussten, um vor Gott bestehen zu können. Die Erfahrungen Wesleys können also nicht als Präzedenzfall für das heutige „Umfallen im Geist“ herangezogen werden; im Gegenteil.
Ein weiteres Zitat von Wesley möge dies unterstreichen:

„Ich predigte über die Gerechtigkeit des Gesetzes und die Gerechtigkeit des Glaubens. Während ich sprach, fielen einige wie tot um, und unter den übrigen hörte man ein solches Schreien der Sünder, die um die Gerechtigkeit des Glaubens flehten, dass es meine Stimme beinahe übertönte. Aber viele von diesen erhoben bald ihre Häupter voll Freude und brachen in Lobpreis aus, weil sie die Sicherheit empfangen hatten, dass jetzt der Wunsch ihrer Seele, die Vergebung ihrer Sünden, erfüllt worden war.“

Wenn noch seltsamere und unbiblische Dinge geschahen – wie z.B. unkontrollierbares Lachen, tierisches Verhalten, usw. -, dann zögerte Wesley nicht, sie als Fälschungen des Teufels anzuprangern.

Drittens ist das Vorkommen von „seltsamen“ Manifestationen kein Grund, eine ganze Bewegung oder Erweckung zu verurteilen. Wesley sagt, dass in seiner eigenen Bewegung auch solche teuflischen „Fälschungen“ aufgetreten seien; und er rief seine Mitarbeiter dazu auf, Unterscheidung zu üben. – Wenn nun eine Bewegung sich auf solche „seltsamen“, unbiblischen Manifestationen gründet und diese aktiv fördert, dann muss sie als fehlgeleitet eingestuft werden. Aber wo eine echte, geistlich gesunde Erweckung stattfindet, da sollte nicht die gesamte Bewegung verworfen werden, nur weil auch einige seltsame oder „falsche“ Manifestationen auftreten. Vielmehr sollten die Leiter einer solchen Bewegung Vorsichtsmassnahmen ergreifen, damit die Bewegung nicht von solchen Manifestationen dominiert wird.

(Fortsetzung folgt)

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