John Wesley und die Methodisten – Schluss

Wesleys Sorge um die sozialen Bedingungen

Wir haben bereits gesehen, wie Wesley sich um die Armen innerhalb der methodistischen Gesellschaften kümmerte. Bei einigen Gelegenheiten äusserte er sich auch deutlich über die allgemeinen sozialen Bedingungen. Aber für Wesley war das keine Angelegenheit „sozialer Gerechtigkeit“ in dem Sinne, wie es heute verstanden wird. Für ihn handelte es sich um Angelegenheiten der christlichen Moral und Ethik. „Soziale Gerechtigkeit“ ist ein weltliches Konzept, das den Menschen über alles stellt. Die christliche Moral, wie Wesley sie predigte, legt dagegen das Hauptgewicht auf die Ehre Gottes.

Ein Beispiel ist die folgende Erfahrung, wie Wesley sie in seinem Tagebuch beschreibt:

„Ich ging nach Knowle, eine Meile von Bristol entfernt, um die französischen Gefangenen zu besuchen. Wie wir informiert wurden, waren etwa 1100 von ihnen an diesem kleinen Ort eingesperrt, ohne Schlafstätte ausser ein wenig schmutzigem Stroh, und ohne etwas um sich damit zuzudecken, ausser einigen wenigen dünnen und verfaulten Lumpen, sodass sie starben wie kranke Schafe. Ich wurde sehr berührt davon und predigte am Abend über 2.Mose 23,9: ‚Du sollst den Ausländer nicht bedrücken; denn du kennst das Herz eines Ausländers, denn ihr wart auch Ausländer im Land Ägypten.‘ – Sofort wurden achtzehn Pfund gespendet, und am nächsten Tag hatten wir vierundzwanzig. Damit kauften wir Leinen- und Wollstoff, um Hemden, Jacken und Hosen anzufertigen. Dazu kamen einige Dutzend Socken; und das alles verteilten wir, wo die Not am grössten war. Wenig später sandte die Korporation von Bristol eine grosse Anzahl Matratzen und Wolldecken. Und bald waren Beiträge aus London und aus verschiedenen Teilen des Landes unterwegs. So glaube ich, dass sie von da an ziemlich gut versorgt waren mit dem Lebensnotwendigsten.“

Eine Zeitlang befand sich Wesley in der Stadt Newcastle, die wegen unmittelbarer Kriegsgefahr unter militärischer Bewachung stand. Nachdem Wesley das Verhalten der Soldaten gesehen hatte, schrieb er dem Gouverneur folgenden Brief:

„Sehr geehrter Herr:
Die Furcht Gottes, die Liebe zu meinem Vaterland, und meine Wertschätzung für Seine Majestät den König George, zwingen mich dazu, einige offene Worte zu schreiben an jemanden, dem diese Handlungsprinzipien nicht fremd sind.
Meine Seele schmerzte Tag für Tag, wenn ich durch die Strassen von Newcastle ging, angesichts der Gefühlslosigkeit, der boshaften Schamlosigkeit, der unwissenden Weltlichkeit der armen Männer, denen unsere Leben anbefohlen sind. Die ständigen Flüche und Verwünschungen, die oberflächlichen Lästerungen der Soldaten im allgemeinen, müssen eine Folter sein für das nüchterne Ohr jedes Christen oder auch jedes aufrichtigen Ungläubigen. Kann jemand, der Gott fürchtet oder seine Nächsten liebt, dies ohne Besorgnis anhören? Insbesondere, wenn wir die Interessen unseres Landes, und dieser unglücklichen Männer selber in Betracht ziehen. Denn können wir erwarten, dass Gott sich auf die Seite jener stellt, die ihn täglich ins Angesicht beleidigen? Und wenn Gott nicht auf ihrer Seite steht, wie wenig hilft uns dann ihre Anzahl, oder ihr Mut, oder ihre Kraft?
Gibt es niemanden, der sich um diese Seelen sorgt? Zweifellos sollten einige es tun. Aber viele von diesen, wenn ich richtig informiert bin, erhalten grosse Löhne, aber tun einfach nichts. Ich wünschte, bei Gott, es stünde in meinem Vermögen, auf irgendeine Weise ihren Mangel an Dienst auszufüllen. Ich bin bereit zu tun, was ich kann, um diese armen Sünder zur Umkehr zu rufen, ein- oder zweimal am Tag (solange ich in dieser Gegend bleibe), egal zu welcher Stunde und an welchem Ort. Und ich wünsche keinerlei Bezahlung dafür, ausser was mir mein Herr bei seiner Wiederkunft geben wird.“

Auch um „profanere“ Angelegenheiten sorgte sich Wesley, wie dieser Ausschnitt aus einem Brief beweist, den er an eine grosse Tageszeitung in Edinburgh schrieb:

„(…) Und die Hauptstrasse, so breit und fein gepflastert, mit den erhabenen Häusern auf jeder Seite (viele davon sieben- oder achtstöckig), ist besser als alle in Grossbritannien. Aber wie ist es auszuhalten, dass aller Art Unrat ständig auf diese selbe Hauptstrasse geworfen wird? Wo sind die Magistraten, die Regierung, der Adel des Landes? Kümmern sie sich nicht um die Ehre ihrer Nation? Wie lange soll die Hauptstadt Schottlands, und ihre Hauptstrasse, ärger stinken als eine gewöhnliche Kanalisation? Gibt es niemanden, der sein Land liebt, oder den Anstand und den gesunden Menschenverstand, sodass er ein Mittel dagegen fände?“

Jemand, der zutiefst beeindruckt wurde von der sozialen Sorge Wesleys, war der Parlamentarier William Wilberforce (1759-1833). Insbesondere zwei Menschen trugen zu seiner Bekehrung bei: seine methodistische Tante, und der Prediger John Newton, der vor seiner Bekehrung ein Sklavenhändler gewesen war. So beschloss Wilberforce, sein ganzes Leben dem Kampf gegen die Sklaverei zu widmen. Im Alter von nur 21 Jahren wurde er ins Parlament gewählt, und von da an legte er unermüdlich seine Gesetzesvorschläge gegen die Sklaverei vor, obwohl sie eins ums andere Mal abgelehnt wurden. Aber mit seiner Ausdauer errang er schliesslich den Erfolg: 1807 wurde der Sklavenhandel verboten, und 1833 (in seinem Todesjahr) schaffte England die Sklaverei ganz ab. Das war tatsächlich das ganze Lebenswerk Wilberforces.
Ausser diesem Kampf war Wilberforce auch einer der Leiter einer Gruppe christlicher Parlamentarier, die sich um eine christliche Politik in all ihren Aspekten bemühten. Und bei einer Gelegenheit sagte er, er hätte ein politisches Ziel, das ihm noch wichtiger sei als die Abschaffung der Sklaverei: Freiheit für die Missionsarbeit in Indien (das damals eine englische Kolonie war). Und auch in dieser Sache errang Wilberforce den Sieg.

Schluss

Die methodistische Erweckung – zusammen mit ihrem Gegenstück, der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika – ist eines der beeindruckendsten Beispiele, wie Gott in einer Erweckung handelt. Ich versuche die wichtigsten Punkte zusammenzufassen, die wir aus dieser Geschichte lernen können:

  • Eine Erweckung ist in erster Linie eine „Reinigung“ innerhalb der Gemeinde, mit einer „Überführung von der Sünde“, die von Gott kommt. Die Gemeindeglieder – und die Pastoren! – müssen zuerst erkennen, dass sie noch keine echten Christen sind und wiedergeboren werden müssen.
  • Deshalb ist eine Erweckung immer ein Skandal für die offizielle Kirche. Die bestehenden Gemeinden sind es, die sich einer Erweckung am stärksten widersetzen.
  • Jene Gemeindeglieder, die sich „erwecken“ lassen, beginnen mehr wie die Urchristen zu leben. So entsteht eine erneuerte, geheiligte Gemeinde, die mehr der Urgemeinde gleicht als den zeitgenössischen Gemeinden.
  • Mit einer so erneuerten Gemeinde kann Gott in grösserem Massstab handeln als normalerweise:
    – Grosse Mengen von Menschen beginnen sich für geistliche Dinge zu interessieren und bekehren sich zu Christus.
    – Übernatürliche und aussergewöhnliche Zeichen Gottes geschehen.
    – Die ganze Gesellschaft wird umgewandelt.
  • Vergessen wir aber nicht, dass die soeben genannten Auswirkungen nur „Nebeneffekte“ einer Erweckung sind. Das Wesentliche ist die Rückkehr der christlichen Gemeinde zu dem, „was im Anfang war“.

Die Geschichte der methodistischen Erweckung illustriert alle diese Prinzipien deutlich. Sie gibt uns damit ein Beispiel, in welche Richtung wir auch heute „zielen“ sollten.

Advertisements

Schlagwörter: , , , ,


%d Bloggern gefällt das: