Eine blosse Formsache

„In dem Masse, wie sich das Christentum (im Römischen Reich) verselbständigte, stiess es auf zwei grosse Schwierigkeiten: es war nicht als gesetzmässige Religion anerkannt, … und seine Gläubigen weigerten sich, an der Verehrung des Kaisers teilzunehmen, eine blosse Formsache von eher bürgerlichem als religiösem Charakter; aber (die Christen) betrachteten dies als Götzendienst. Ihre Weigerung, die verfasste Ordnung anzuerkennen … löste mehrere Verfolgungen aus, eher gegen die christlichen Leiter als gegen die gewöhnlichen Gläubigen, angesichts der grossen religiösen Toleranz, die in Rom herrschte …“
(Aus einem neueren Geschichtsbuch.)

Die Personen, Orte und Begebenheiten der nachfolgenden Geschichte sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit Ereignissen der jüngeren Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft können jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Stolz kündigte Claudio seiner Gemeinde am Sonntag die Neuigkeit an:
„Die Regierung hat das Gesetz über religiöse Gleichberechtigung in Kraft gesetzt. Danke, dass ihr euch für dieses wichtige Anliegen eingesetzt und mitgebetet habt. Ab jetzt können wir als Religionsgemeinschaft staatlich anerkannt werden, mit denselben Vorrechten wie die Landeskirchen. Jetzt wird uns niemand mehr ‚Sekte‘ nennen dürfen, und wir erhalten dieselben steuerlichen Vorteile und Subventionen wie die Landeskirchen.“
– Was er ihnen nicht sagte: Dieses neue Gesetz verschaffte auch ihm selber verschiedene Vorrechte. Er würde auch persönlich steuerliche Vorteile erhalten, und würde in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu einem ermässigten Tarif fahren dürfen – ein wichtiger Punkt für jemanden, der so oft unterwegs war wie er.

Claudio bemühte sich daher, die Papiere für die Registrierung seiner Gemeinde so bald wie möglich in Ordnung zu bringen. Pünktlich fand er sich im Büro des Regionalintendenten für Religionssachen ein und legte die verlangten Dokumente vor, unter denen sich ein genauer Plan seiner Kirche befand, sowie eine Liste der Namen und Adressen aller Mitglieder, und verschiedene andere. Nach Bezahlung der Registrationsgebühr reichte ihm der Regionalintendent ein Formular:
„Dies ist Ihre Loyalitätserklärung dem Staat gegenüber. Eine blosse Formsache. Unterschreiben Sie hier auf der gestrichelten Linie.“
Claudio unterschrieb, nachdem er einige der kleingedruckten Artikel überflogen hatte. Später erinnerte er sich nur noch an zwei davon, die lauteten:
– „Der Religionsdiener verpflichtet sich zu voller Loyalität dem Staat gegenüber, und zur harmonischen Zusammenarbeit mit den Beamten des Religionsministeriums bei der Wahrnehmung ihrer Verantwortungen.“
– „Der Religionsdiener verzichtet darauf, in die Funktionen staatlicher Stellen einzugreifen, und Stellungnahmen zu umstrittenen Themen der Staatspolitik abzugeben.“
Er dachte nicht weiter darüber nach. Es war ja eine blosse Formsache.
Der Sekretär sagte zu ihm: „Herzlichen Glückwunsch. Sie sind jetzt eine staatlich anerkannte Religionsgemeinschaft. Nächste Woche können Sie Ihre Registrierungsurkunde abholen.“ Und er erinnerte ihn: „Vergessen Sie nicht, uns jährlich Ihre aktuelle Mitgliederliste zu bringen.“

So erfreuten sich Claudio und seine Gemeinde ihrer neuen Vorrechte. Am Jahresende erschien Claudio wieder auf dem Regionalamt für Religionssachen mit der aktualisierten Mitgliederliste. Der Sekretär überflog die Liste und fragte dann:
„Sagen Sie, welche dieser Leute sind die aktivsten? Die eifrigsten Beter? Welche haben das Zeug zum Evangelisieren?“
Claudio konnte nicht sogleich antworten. Einmal, weil er überrascht war darüber, dass dieser Staatsfunktionär ein solches Interesse am geistlichen Wohlergehen seiner Gemeinde zeigte. Und zweitens, weil das nicht gerade die Punkte waren, auf die er selber das Jahr über besonders geachtet hätte. Nach einigem Nachdenken wies er auf drei Namen auf der Liste: Gottfried E, Theophilus D. und Peter J.

Einige Monate später kam Theo D. besorgt und ratsuchend auf Claudio zu:
„Vor einigen Tagen erhielt ich Besuch von der Polizei. Irgendwoher hatten sie gehört, dass ich ab und zu einige Arbeitskollegen nach Hause einlade, um die Bibel zu lesen und zu beten. Der Beamte sagte mir, ich dürfe keine solchen ‚wilden‘ religiösen Versammlungen abhalten, da ich kein zugelassener Religionsdiener bin. Sag mir, was hat die Polizei damit zu tun? Und was könnte ich denn sonst tun, um meine Kollegen mit dem Evangelium zu erreichen?“
Claudio dachte eine Weile nach. Dann antwortete er mit dem besten Rat, der ihm einfiel: „Du weisst, dass wir der Obrigkeit untertan sein müssen, wie Paulus in Römer 13 sagt. Du hättest sowieso diese Versammlungen eingehender mit mir absprechen sollen. Ich empfehle dir, damit aufzuhören, und deine Kollegen stattdessen zu unserem Sonntagsgottesdienst zu bringen.“
„Aber sie fühlen sich nicht wohl in einer Kirche. Könntest du nicht zu mir nach Hause kommen, einmal in der Woche, und die Versammlungen leiten?“
„Es tut mir leid, aber meine Agenda ist schon übervoll. Überhaupt, wenn sie sich in einer Kirche nicht wohl fühlen, dann muss ich annehmen, dass es mit ihrem Interesse am Evangelium nicht weit her ist.“
„Aber Claudio, wenn du sie nur kennenlernen könntest … sie haben einen solchen Hunger nach dem Wort Gottes!“
Aber Claudio kannte seine bürgerlichen Pflichten. Und er kannte auch seine Agenda. Er konnte keine Unregelmässigkeiten zulassen.

Einige Zeit später begegnete Claudio seinem Amtskollegen Simon. Dieser sagte zu ihm: „Hast du schon gehört, dass die Kirchensteuer abgeschafft werden soll?“
„Wie gut! Endlich wird Schluss gemacht mit den ungerechten Vorrechten der Landeskirchen.“
„Ja, das ist wahr. Aber erinnerst du dich, dass wir unter dem Gesetz über religiöse Gleichberechtigung bereits dieselben Vorrechte haben wie die Landeskirchen?“
„Ach ja, das hatte ich vergessen. Aber jetzt werden die Landeskirchen ja sowieso keine Vorrechte mehr haben.“
„Das ist genau das Problem, das ich sehe.“
„Wie? Willst du sagen, dass …?“ – Claudio schwieg beim Gedanken daran, was dies möglicherweise für seine eigene Gemeinde bedeuten könnte.

An einem sonnigen Maitag erschien in allen grossen Tageszeitungen die folgende Nachricht:

„MUTIGE REGIERUNGSMASSNAHME GEGEN RELIGIÖSE PARALLELGESELLSCHAFTEN
Endlich hat es der Staat unternommen, in den chaotischen Zuständen der religiösen Organisationen Ordnung zu schaffen, in Übereinstimmung mit der Internationalen Konvention über Religionsfreiheit. Gemäss dem Regierungsdekret vom Montag werden alle Religionsdiener in die Kategorie von Staatsbeamten erhoben, und alle Liegenschaften der religiösen Organisationen werden in Staatseigentum übergehen. Das Religionsministerium wird Massnahmen ergreifen, damit sich keine religiöse Organisation der staatlichen Aufsicht und Ordnung entzieht in der möglichen Absicht, eine religiöse Parallelgesellschaft zu errichten.“

„Recht so“, dachte Claudio, „das wird jetzt zumindest den Machenschaften dieser Rebellen von der Freien Gemeinde ein Ende setzen.“ – Schon seit einiger Zeit verspürte Claudio eine gewisse Eifersucht gegen jene nichtregistrierte Gemeinde, die sich nur zweihundert Meter von seiner Kirche entfernt zu versammeln pflegte. Sie hatten vor wenigen Jahren als informelle Treffen in einem Privathaus begonnen; aber nach der Lautstärke zu schliessen und nach der Anzahl der Menschen, die ein und aus gingen, mussten sie bereits doppelt so viele Mitglieder haben wie Claudios Gemeinde. Und sie schienen nicht im Geringsten an den Vorrechten interessiert zu sein, die der Staat ihnen anbot gegen eine blosse Formsache.

Tatsächlich war zwei Wochen später während des Sonntagsgottesdienstes ein Aufruhr auf der Strasse zu hören, und sogar einige Schüsse fielen. Später erfuhren sie, dass die Polizei die Versammlung der Freien Gemeinde zerstreut und das Haus verschlossen hatte. Noch war nichts über den Verbleib ihrer Leiter bekannt. Claudio fühlte sich befriedigt, wenn auch ein wenig beunruhigt wegen der Schüsse. Aber er dachte: „Warum haben sie aber auch der Polizei Widerstand entgegengesetzt? Sie sollten doch wissen, dass sich ein Christ der staatlichen Autorität unterordnet.“

El selber erhielt jetzt ein festes Gehalt vom Staat. Freilich durfte er jetzt als Staatsangestellter keine Spenden oder persönlichen Geschenke von Gemeindegliedern mehr annehmen. Aber was machte das aus, wo doch der Staat seine finanzielle Situation sicherstellte?

Einige Zeit später stand Theos Frau weinend bei Claudio vor der Tür: „Mein Mann ist verschwunden. Vorgestern ging er zur Arbeit wie immer, und seither ist er nicht zurückgekommen, und niemand hat ihn gesehen.“
„Haben Sie die Polizei verständigt?“
„Ja, aber bis jetzt haben sie nichts herausgefunden. Lediglich ein Beamter hat angedeutet, Theo könnte eventuell in illegale Aktivitäten verwickelt sein. Ich kann mir bei ihm nichts Derartiges vorstellen, aber es beunruhigt mich …“
Die Tage vergingen ohne irgendwelche Nachricht von Theo. Das einzige, was Claudio herausfinden konnte, war, dass Theo seinen früheren Rat nicht befolgt hatte. Er hatte weiterhin Arbeitskollegen nach Hause eingeladen, und diese Zusammenkünfte hatten sogar noch an Teilnehmern und Häufigkeit zugenommen.

Eines schönen Sonntags hatte Claudio die folgende Ankündigung zu machen: „Nach dem neusten Regierungsdekret haben alle religiösen Veranstaltungen mit dem obligatorischen Gruss an den Staatspräsidenten zu beginnen und zu enden. Das ist eine rein bürgerliche Formsache, an der wir alle als gute Staatsbürger teilnehmen werden.“
Damit kniete Claudio vor der Fahne nieder, die den Versammlungssaal zierte, erhob seine Hände und rief aus: „Ehre unserem Präsidenten!“ – Die ganze Gemeinde kniete mit ihm nieder und wiederholte den Ruf: „Ehre unserem Präsidenten!“
– Um genau zu sein, nicht die ganze Gemeinde. Aus den Augenwinkeln konnte Claudio sehen, dass auf der rechten Seite etwa fünf Personen schweigend stehenblieben, unter ihnen Gottfried E. und Peter J. Natürlich würde er über sie Bericht erstatten müssen. Eine blosse Formsache.

Von da an begannen und endeten alle Sonntagsgottesdienste mit dieser Bürgerpflicht. Nur mit der unbedeutenden Änderung, dass nach einiger Zeit die Fahne durch ein Porträt des Präsidenten ersetzt wurde. Die wenigen Leute, die anfangs während dieses Aktes stehengeblieben waren, kamen nicht mehr zum Gottesdienst, und niemand fragte nach ihnen.

Eines Sonntags wurde Claudio beim Verlassen der Kirche von zwei Polizisten erwartet. „Könnten Sie bitte mit uns kommen? Wir haben einige Fragen an Sie.“ – „Natürlich, selbstverständlich.“ – Und Claudio folgte ihnen zum Polizeiposten, wo einer der Beamten sagte:
„Wir haben gehört, dass Sie weiterhin Minderjährigen religiösen Unterricht erteilen. Auch in ihrem Sonntagsgottesdienst haben wir die Anwesenheit Minderjähriger beobachtet. Was sagen Sie uns dazu?“
„Das machen wir immer so, die Kirche ist offen für alle, warum?“
„Ist das alles, was Sie dazu zu sagen haben?“
„Gut, und – und dass Jesus gesagt hat: ‚Lasst die Kinder zu mir kommen.‘ “
„Das hat nichts mit der Sache zu tun, es geht hier um die Gesetze unseres Staates. Sicher kennen Sie das Reglement für Religionsbeamte“, und der Polizist deutete auf ein umfangreiches Buch auf seinem Schreibtisch.
„Ich habe es gelesen, aber ich besitze es selber nicht“, sagte Claudio.
„Dann rate ich Ihnen, sich schleunigst ein Exemplar zu beschaffen und sich mit dem Inhalt vertraut zu machen. Minderjährige zu indoktrinieren ist ein unentschuldbarer Eingriff in den Zuständigkeitsbereich des Bildungsministeriums. Das ist ein schwerwiegendes Fehlverhalten für einen Religionsbeamten und kann mit bis zu fünfzehn Jahren Gefängnis oder Zwangsarbeit geahndet werden.“
– Der zweite Beamte ergriff das Wort, als er Claudios erschrockenes Gesicht sah: „Da Sie, Herr Claudio, bisher einen unbefleckten Leumund haben und dies Ihre erste Zuwiderhandlung ist, können Sie noch mit einer Geldbusse davonkommen. Aber ich warne Sie: Sollten Sie wiederum straffällig werden, dann werden Sie unweigerlich vor Gericht kommen. Und Sie werden sicher verstehen, dass wir als Gegenleistung für unser jetziges Entgegenkommen eine verstärkte Zusammenarbeit Ihrerseits erwarten. Erstatten Sie uns regelmässig Bericht über die privaten Tätigkeiten und die politischen Ansichten Ihrer Gemeindeglieder. Eine blosse Formsache.“

Claudio war erleichtert, dass sich die Justiz ihm gegenüber noch einmal gnädig erwiesen hatte, und versprach, zuverlässig Bericht zu erstatten. Dann ging er seine Busse bezahlen und kaufte sein Reglement.
In der folgenden Zeit verursachte ihm ab und zu das rätselhafte Verschwinden des einen oder anderen Gemeindeglieds äusserste Besorgnis; insbesondere wenn er feststellte, dass es sich um eine Person handelte, über die er der Polizei Informationen gegeben hatte. Aber er beruhigte sich jeweils sofort mit dem tröstlichen Gedanken, dass er treu seine Pflicht als Bürger und Christ erfüllte.

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