Archive for Dezember 2013

Paul Lockhart: Mathematik als Kunst, und das Elend des Mathematikunterrichts

31. Dezember 2013

Vorwort des Übersetzers:

Vor einigen Jahren fand ich im Internet Paul Lockharts „A Mathematician’s Lament“ (Klage eines Mathematikers). Diese Schrift bestätige manche meiner eigenen Gedanken über den Mathematikunterricht an den Schulen, wie ich ihn während der letzten Jahre hauptsächlich aus der Perspektive meiner Nachhilfeschüler kennenlernte. Nachdem ich jahrelang in meiner Umgebung mit meinen Ideen über das Mathematiklernen nur auf Unverständnis stiess, und insbesondere alle Leute, die es eigentlich wissen müssten (d.h. Lehrer und Schulplaner) das Gegenteil vertreten, da begann ich mich allmählich zu fragen, ob wirklich die ganze Welt verrückt ist, oder ob vielleicht ich selber der Verrückte bin. Seit meiner „Entdeckung“ von Lockhart habe ich aber noch weitere solche „Verrückte“ gefunden. Schlechte Nachrichten für den Rest der Welt…
Nun ist Paul Lockhart nicht irgendwer. Er ist ein Berufsmathematiker mit Unterrichtserfahrung sowohl an Universitäten wie auch an Volksschulen in den USA. Er weiss also, wovon er spricht.

Ich habe Lockhart schon bei verschiedenen Gelegenheiten zitiert und möchte jetzt einen längeren Auszug aus seinen Gedanken wiedergeben – mit einigen Kommentaren meinerseits. In manchen Einzelheiten bin ich mit ihm nicht einverstanden, da er offenbar aus einer anderen weltanschaulichen Ecke kommt als ich. Aber in den Grundzügen finde ich seine Schrift gut, wichtig, bereichernd und in gutem Sinne herausfordernd. Ausserdem sind die konstruktiven Ideen, die er neben seiner Schulkritik bringt, auch für die Situation des Homeschooling anwendbar. Das Original ist etwas lang für einen Blog-Artikel (25 A4-Seiten), weshalb ich mich auf die wichtigsten Auszüge beschränke; ein ganzes Kapitel (über Beweisführung und Formalismus in der Geometrie) habe ich weggelassen.


Kommentierte auszugsweise Übersetzung aus „A Mathematician’s Lament“, von Paul Lockhart:

Der Alptraum eines Musikers

Ein Musiker erwacht aus einem schrecklichen Alptraum. In seinem Traum befindet er sich in einer Gesellschaft, wo der Musikunterricht obligatorisch gemacht wurde. „Wir helfen unseren Schülern, konkurrenzfähiger zu werden in einer immer mehr mit Geräuschen erfüllten Welt.“ Erzieher, Schulsysteme und der Staat werden für dieses wichtige Projekt verantwortlich gemacht. Untersuchungen werden in Auftrag gegeben, Kommissionen werden gebildet, und Entscheidungen werden getroffen – alles ohne den Rat oder die Mitwirkung auch nur eines einzigen ausübenden Musikers oder Komponisten.

Da Musiker ihre Ideen in der Form von Musiknoten ausdrücken, müssen diese seltsamen Linien und Punkte als „die Sprache der Musik“ angesehen werden. Es ist notwendig, dass die Schüler diese Sprache beherrschen, wenn sie irgendeinen Grad musikalischer Fähigkeit erreichen sollen. Ja, es wäre einfach lächerlich, von einem Kind zu erwarten, dass es ein Lied singt oder ein Instrument spielt, ohne zuerst gründlich in Notenschrift und Musiktheorie geschult zu sein. Musik zu spielen und zu hören, und erst recht eigene Stücke zu komponieren, sind sehr fortgeschrittene Themen, die erst auf Gymnasial- und Hochschulstufe behandelt werden können.

Primar- und Sekundarschule hingegen haben die Aufgabe, die Schüler in diese Musiksprache einzuführen. „Im Musikunterricht nehmen wir unser Notenpapier und schreiben Noten von der Tafel ab oder transponieren sie in eine andere Tonart. Wir müssen die Notenschlüssel und Vorzeichen richtig schreiben und anwenden, und unser Lehrer kontrolliert streng, dass wir die Viertelnoten vollständig ausfüllen. Einmal hatten wir ein schwieriges Problem über chromatische Tonleitern, und ich hatte es richtig gelöst, aber mein Lehrer gab mir eine schlechte Note, weil die Notenhälse auf die falsche Seite zeigten.“

(…)
In den höheren Schuljahren nimmt der Druck erst recht zu. Um ans Gymnasium zu kommen, müssen die Schüler Rhythmus- und Harmonielehre und den Kontrapunkt beherrschen. „Es ist eine Menge Lernstoff; aber wenn sie dann am Gymnasium endlich richtige Musik zu hören bekommen, dann werden sie diese Arbeit der früheren Schuljahre wertschätzen.“ – Natürlich werden sich nur wenige Schüler auf Musik spezialisieren, sodass nur wenige überhaupt die Töne zu hören bekommen werden, die durch die schwarzen Notenköpfe dargestellt werden. „Um die Wahrheit zu sagen: die meisten Schüler sind nicht besonders gut in Musik. Die Schulstunden langweilen sie, und ihre Hausaufgaben sind kaum lesbar. Es scheint sie gar nicht zu interessieren, wie wichtig die Musik in der heutigen Welt ist.“ (…)

Der Musiker wacht schweissgebadet auf und wird sich dankbar bewusst, dass es nur ein verrückter Traum war. „Natürlich!“ ruft er aus. „Keine Gesellschaft würde je eine so schöne und sinnreiche Kunst auf so etwas Geistloses und Triviales reduzieren. Keine Kultur kann so grausam zu ihren Kindern sein, dass sie ihnen auf solche Weise ein natürliches, befriedigendes Mittel menschlichen Ausdrucks vorenthielte. Wie absurd!“

(…)

Aber leider ist unser gegenwärtiger Mathematikunterricht genau ein solcher Alptraum. Wenn ich eine Strategie entwickeln müsste, um die natürliche Neugier eines Kindes und seine Liebe zum Erfinden von Mustern zu zerstören, dann könnte ich keine bessere Lösung dafür finden als die gegenwärtige Schule. Ich könnte gar nicht auf derartige sinnlose und seelenzerstörerische Ideen kommen, wie sie den gegenwärtigen Mathematikunterricht prägen.
Jedermann weiss, dass etwas falsch läuft. Die Politiker sagen: „Wir brauchen höhere Anforderungen.“ Die Schulen sagen: „Wir brauchen mehr Geld und Ausrüstung.“ Die Pädagogikexperten sagen das eine, und die Lehrer das andere. Aber sie haben alle unrecht. Die einzigen, die verstehen, was vorgeht, sind jene, die meistens beschuldigt und nie um ihre Meinung gefragt werden: die Schüler. Sie sagen: „Die Mathematikstunden sind dumm und langweilig“, und sie haben recht.


Mathematik und Kultur

Zuallererst müssen wir verstehen, dass Mathematik eine Kunst ist. Der Unterschied zwischen der Mathematik und anderen Künsten wie Musik oder Malerei besteht lediglich darin, dass unsere Kultur sie nicht als Kunst erkennt. Jedermann versteht, dass Dichter, Maler und Musiker Kunstwerke schaffen. Unsere Gesellschaft ist sogar recht grosszügig im Bereich der Kreativität: Architekten, Köche und sogar Fernsehdirektoren werden als Künstler bezeichnet. Warum also nicht auch die Mathematiker?

Ein Teil des Problems besteht darin, dass niemand weiss, was Mathematiker eigentlich tun. Nach der allgemeinen Auffassung scheinen sie irgendwie mit der Wissenschaft verbunden zu sein – vielleicht helfen sie den Wissenschaftern mit ihren Formeln, oder füttern Computer zu irgendeinem Zweck mit grossen Zahlen. Die meisten Menschen ordnen Mathematiker den „rationalen Denkern“ zu, im Gegensatz zu den „poetischen Träumern“.

In Wirklichkeit aber gibt es nichts Träumerischeres, Poetischeres, Radikaleres, Subversiveres und Psychedelischeres als die Mathematik. Sie ist ebenso überwältigend wie die Kosmologie und die Physik (die Mathematiker erfanden Schwarze Löcher lange bevor die Astronomen tatsächlich welche entdeckten), und erlaubt mehr Ausdrucksfreiheit als die Dichtung oder die Musik (welche stark von den Eigenschaften des physikalischen Universums abhängen). Mathematik ist die reinste aller Künste, und zugleich die am meisten missverstandene.

Ich möchte also zu erklären versuchen, was Mathematik ist, und was Mathematiker tun. Eine ausgezeichnete Beschreibung stammt von G.H.Hardy:

„Ein Mathematiker ist wie ein Maler oder ein Dichter ein Schöpfer von Mustern. Wenn seine Muster dauerhafter sind als Dichtung oder Musik, dann liegt das daran, dass sie aus Ideen bestehen.“

Mathematiker schaffen also Muster aus Ideen. Was für Ideen? Ideen über Nashörner? Nein, die überlassen wir den Biologen. Ideen über Sprache und Kultur? Nein, normalerweise nicht. Diese Dinge sind viel zu kompliziert für den Geschmack der meisten Mathematiker. Wenn es ein allgemeines ästhetisches Prinzip in der Mathematik gibt, dann dieses: Einfach ist schön. Die Mathematiker denken gerne über die einfachst möglichen Dinge nach, und die einfachst möglichen Dinge sind imaginär.

Anmerkung meinerseits: Diese Aussagen über Mathematik als Kunst und als entdeckerisch-kreativer Prozess mögen Lesern, deren Freude an der Mathematik durch langweilige Schulstunden verdorben wurde, als weit hergeholt erscheinen. Aber eben: das Problem liegt nicht bei der Mathematik, es liegt bei der Schule. Ich möchte dem Leser sehr ans Herz legen, das untenstehende Beispiel Lockharts mitzudenken und nachzuvollziehen, um zu verstehen, worum es beim „mathematischen Prozess“ eigentlich geht.
– Ich würde hier noch einen Schritt weitergehen und sagen: Mathematik, richtig verstanden, ist eine Form der Anbetung, die darin besteht, „Gottes Gedanken Ihm nachzudenken“ (wie Johannes Kepler sagte). So empfanden es grosse Wissenschafter der Vergangenheit wie Newton, Kepler oder Maxwell, angesichts der mathematischen Gesetze, die das Universum regieren. Sie sahen in der Mathematik einen Widerhall der „Dekrete Gottes“, welche die Welt aufrechterhalten.

Wenn ich z.B. Lust habe, über Formen nachzudenken – was oft vorkommt – , dann könnte ich mir ein Dreieck in einer rechteckigen Schachtel vorstellen:

Lockhart1

Ich frage mich, wieviel von dieser Schachtel das Dreieck ausfüllt? Vielleicht zwei Drittel?
Es ist hier wichtig zu verstehen, dass ich nicht über diese Zeichnung von einem Dreieck in einer Schachtel spreche. Ich spreche auch nicht von einem Metalldreieck als Teil einer Brückenverstrebung. Ich habe keinen praktischen Vorsatz; ich spiele einfach. Das ist Mathematik: Neugierig sein, spielen, mich mit meinen Vorstellungen unterhalten.
Die Frage, wieviel von der Schachtel das Dreieck ausfüllt, hat zunächst nicht einmal einen Sinn, wenn man sie auf tatsächliche physikalische Gegenstände bezieht. Sogar ein mit höchster Präzision hergestelltes wirkliches Dreieck ist eine hoffnungslos komplizierte Sammlung von umherschwingenden Atomen, die ständig ihre Form ändert. Ausser natürlich, wenn wir über irgendwie angenäherte Masse sprechen wollen. Aber da bekommen wir es mit aller Art von Einzelheiten der wirklichen Welt zu tun. Das überlassen wir den Wissenschaftern. Die mathematische Frage handelt von einem imaginären Dreieck in einer imaginären Schachtel. Seine Seiten sind vollkommen, weil ich sie so haben möchte. Das ist ein wichtiges Thema in der Mathematik: Die Dinge sind so, wie Sie sie haben möchten. Sie haben endlose Wahlmöglichkeiten; die Wirklichkeit kommt Ihnen nicht in die Quere.

Wenn Sie andererseits einmal eine Wahl getroffen haben (z.B. ob Ihr Dreieck symmetrisch sein soll oder nicht), dann tun Ihre Geschöpfe, was sie von sich aus tun, ob es Ihnen gefällt oder nicht. Das ist das Erstaunliche an den imaginären Mustern: sie geben Ihnen Antwort! Das Dreieck füllt einen bestimmten Anteil der Schachtel aus, und ich kann nicht darüber bestimmen, wie gross dieser Anteil ist. Es ist eine ganz bestimmte Zahl, und ich muss herausfinden, wie gross sie ist.

Wir fangen also an zu spielen und uns vorzustellen, was wir wollen, und bilden Muster und stellen Fragen darüber. Aber wie beantworten wir die Fragen? Das ist nicht wie in der Wissenschaft. Ich kann kein Experiment mit Reagenzgläsern und Maschinen machen, das mir die Wahrheit über ein Gebilde meiner Vorstellung sagt. Fragen über unsere Vorstellungen können nur mit Hilfe unserer Vorstellungen beantwortet werden, und das ist harte Arbeit.

In dem Beispiel mit dem Dreieck sehe ich etwas Einfaches und Schönes:

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Wenn ich das Rechteck auf diese Weise in zwei Rechtecke zerschneide, dann sehe ich, dass jeder Teil seinerseits von einer Dreiecksseite diagonal in zwei Hälften zerschnitten wird. Innerhalb des Dreiecks ist also genauso viel Platz vorhanden wie ausserhalb. Das bedeutet, dass das Dreieck genau die Hälfte der Schachtel ausfüllt!

So sieht und fühlt sich ein Stück Mathematik an. Die Kunst des Mathematikers besteht darin, einfache und elegante Fragen zu stellen über unsere imaginären Geschöpfe, und befriedigende und schöne Erklärungen zu finden. Dieser Bereich der reinen Ideen ist faszinierend, macht Spass und kostet nichts!

Woher kam nun diese meine Idee? Wie kam ich darauf, diese zusätzliche Linie zu zeichnen? Wie weiss ein Maler, wo er seinen Pinsel ansetzen soll? Inspiration, Erfahrung, Versuch und Irrtum, oder einfach Glück. Das ist die ganze Kunst; eine Kunst, die Dinge in andere umwandelt. Das Verhältnis zwischen dem Rechteck und dem Dreieck war ein Geheimnis, und dann machte eine einzige kleine Linie es offenbar. Zuerst konnte ich es nicht sehen, und dann sah ich es plötzlich. Irgendwie konnte ich aus dem Nichts eine tiefgründige, einfache Schönheit schaffen, und ich selber wurde in dem Prozess verändert. Ist es nicht das, worum es bei aller Kunst geht?

Deshalb ist es so herzzerreissend zu sehen, was der Mathematik in der Schule angetan wird. Dieses reichhaltige und faszinierende Abenteuer der Vorstellungskraft wird reduziert auf eine sterile Sammlung von „Daten“, die auswendiggelernt werden müssen, und Prozeduren, die angewandt werden müssen. Anstelle einer einfachen und natürlichen Frage über Formen, und eines kreativen und lohnenden Prozesses von Erfindung und Entdeckung, wird den Schülern Folgendes vorgesetzt:

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Flächenformel des Dreiecks: F = 1/2 b h

„Die Fläche eines Dreiecks ist gleich des halben Produktes aus dessen Grundlinie und dessen Höhe.“ Die Schüler müssen diese Formel auswendiglernen und sie dann in unzähligen Übungen „anwenden“. Damit ist jede Spannung und jede Freude weg, und sogar die Anstrengung und Frustration des kreativen Prozesses. Es gibt hier nicht einmal mehr ein Problem. Die Frage wurde im selben Atemzug gestellt und beantwortet – dem Schüler bleibt nichts mehr zu tun übrig.

Lassen Sie mich klarstellen, wogegen ich mich ausspreche. Ich bin nicht gegen Formeln, noch gegen das Lernen interessanter Tatsachen. Das alles ist in seinem Zusammenhang gut, und hat seinen Platz, so wie das Wörterlernen in einer Fremdsprache seinen Platz hat: Es hilft einem, reichere und detailliertere Kunstwerke zu schaffen. Aber das Entscheidende hier ist nicht die Tatsache, dass das Dreieck die Hälfte der Schachtel ausfüllt. Das Entscheidende ist die schöne Idee, es mit dieser Linie zu unterteilen. Das kann andere schöne Ideen inspirieren und zu kreativen Durchbrüchen in anderen Problemen führen. Eine reine Darstellung der Tatsache kann das nicht.

Wenn wir den kreativen Prozess weglassen und nur dessen Ergebnis übriglassen, dann wird niemand innerlich daran beteiligt sein. Es ist wie wenn man mir sagt, Michelangelo hätte eine schöne Skulptur geschaffen, mich aber die Skulptur selber nicht sehen lässt. Wie soll ich davon inspiriert werden? (In Wirklichkeit ist es sogar noch schlimmer. Wenn man von Michelangelo spricht, dann verstehe ich zumindest, dass es die Kunst der Skulptur gibt, und dass man es mir nicht erlaubt, sie zu bewundern.)

Wenn man sich nur auf das Was konzentriert und das Warum ausser acht lässt, dann wird die Mathematik auf eine leere Hülle reduziert. Die Kunst liegt nicht in der „Wahrheit“, sondern in deren Erklärung, in der Argumentation. (…) Mathematik ist die Kunst des Erklärens. Wenn wir den Schülern die Gelegenheit vorenthalten, an dieser Kunst mitzuwirken – ihre eigenen Probleme zu stellen, ihre eigenen Vermutungen anzustellen und Entdeckungen zu machen, sich dabei zu irren, kreativ frustriert zu sein, eine Inspiration zu haben, und ihre eigenen Erklärungen und Beweise zusammenzuschustern – dann berauben wir sie der Mathematik selber.

Ich beklage mich also nicht über das Vorkommen von Tatsachen und Formeln im Mathematikunterricht. Ich beklage mich über die Abwesenheit der Mathematik in unserem Mathematikunterricht.

(…)

Wenn Ihr Mathematiklehrer Ihnen die Vorstellung vermittelt (ausdrücklich oder durch sein Beispiel), in der Mathematik ginge es um das Auswendiglernen von Formeln und Definitionen und Algorithmen, wer wird diese Vorstellung berichtigen?
Dieses kulturelle Problem ist ein Monster, das sich selber fortpflanzt: die Schüler lernen von ihren Lehrern, was Mathematik sei, und diese haben es wiederum von ihren Lehrern gelernt, sodass dieser Mangel an Verständnis und Wertschätzung der Mathematik sich von Generation zu Generation wiederholt. Noch schlimmer: Diese Weiterverbreitung von „Pseudo-Mathematik“, diese Betonung auf der richtigen, aber sinnlosen Manipulation von Symbolen, schafft ihre eigene Kultur und ihre eigenen Wertvorstellungen. Jene, die sie beherrschen, bilden sich auf ihren Erfolg etwas ein. Das Letzte, was sie hören wollen, ist, dass es bei der Mathematik um reine Kreativität und ästhetisches Gefühl gehe. Manch ein Universitätsstudent hat mit Betrübnis entdeckt, nachdem man ihm zehn Jahre lang gesagt hatte, er sei „gut in Mathematik“, dass er in Wirklichkeit keinerlei mathematisches Talent hatte und lediglich gut darin war, den Anweisungen anderer zu folgen. In der Mathematik geht es aber nicht darum, den Richtungsweisungen anderer zu folgen; es geht darum, neue Richtungen einzuschlagen.

(…)

Anmerkung meinerseits: Lockhart spricht hier ein wichtiges Problem an, das ich aus einer etwas anderen Perspektive auch schon angesprochen habe in „Mathematikunterricht – eine Frage der Bürokratie oder der Prinzipien?“: Der Schulunterricht zielt darauf ab, die Schüler in mechanischen Fertigkeiten zu trainieren, die genausogut von einem Taschenrechner ausgeführt werden könnten; aber wirkliche mathematische Prinzipien werden ihnen kaum vermittelt. Der Schüler erhält dadurch den Eindruck, es gehe bei der Mathematik darum, stur den (meistens uneinsichtigen) Anordnungen eines Lehrers zu folgen. Er wird nur das „Wie“ gelehrt, aber nicht das „Warum“. Die Einsicht wird ihm vorenthalten, dass mathematische Gesetze ein „Allgemeingut“ sind, das er auch von sich aus entdecken kann.
– Ob diese Beobachtungen auf die Schulsysteme aller Länder zutreffen, kann ich nicht beurteilen. Auf Perú, wo ich zur Zeit lebe, treffen sie mit Sicherheit zu. In der Schweiz, wo ich meine Schulzeit verbrachte, erlebte ich seinerzeit am Gymnasium noch einen Unterricht, der grossen Wert legte auf die „Kunst des Erklärens“, die Herleitung und Begründung der mathematischen Formeln und Tatsachen; und ab und zu gab es auch Aufgaben zum eigenen Forschen (wenn auch mit sehr eng umrissenen Themen und Fragestellungen). Aber eben erst am Gymnasium; und in der Schweiz kommt die Mehrheit der Schüler nicht dazu, ein Gymnasium zu besuchen – in der Regel nur jene, die zum vornherein vorhaben, nachher ein Universitätsstudium aufzunehmen. Auf den unteren Schuljahren wurden die mathematischen „Techniken“ zwar mit verschiedenen Materialien veranschaulicht; aber es ging eben doch vorwiegend um die „richtige, aber sinnlose Manipulation von Symbolen“. Während die Einsicht nicht vermittelt wurde, dass Mathematik auf (im Grunde wenigen und einfachen) Prinzipien und Gesetzen beruht, die man auch selber entdecken kann und mit denen man „spielen“ kann. – Die nächste Folge wird das Thema „Mathematik an der Schule“ vertiefen.

Fortsetzung folgt

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James Dobson: Ein Vater blickt zurück (2.Teil)

15. Dezember 2013

Dies ist die Fortsetzung eines Vortrags von Dr.James Dobson über Vaterschaft, „Midlife crisis“ und den Sinn des Lebens.


Und ich möchte euch etwas sehr Persönliches sagen. Damit sage ich vielleicht mehr über mich selber, als ich möchte, dass ihr wisst. Aber wenn ich nicht zulasse, dass ihr seht, wer ich wirklich bin, dann werde ich euch nicht helfen können: Ich bin nicht einmal sicher, ob ich meinen Kindern viel hinterlassen möchte; denn man muss eine sehr sichere Hand haben, um einen vollen Becher halten zu können. Es gibt keinen schnelleren Weg, die Kinder zu verderben, als ihnen die Notwendigkeit vorzuenthalten, diszipliniert zu sein und zu sparen und zu reifen und sich verantwortungsvoll einer Aufgabe zu widmen. Heute sind wir so sehr damit beschäftigt, unseren Kindern Dinge zu geben, die wir selber in unserer Kindheit nicht hatten, dass wir vergessen, ihnen das zu geben, was wir sehr wohl hatten.

Damit komme ich zu der zweiten Schlussfolgerung, zu der ich während meiner persönlichen Auswertungszeit gelangte, und das ist die wichtigere: Nichts im Leben ist von Belang, ausser der Liebe zu Gott und zu seinem Sohn Jesus Christus, und der Liebe zu den Menschen, angefangen bei meiner eigenen Familie. Das ist der Grund, warum ich die letzten sieben Jahre zuhause verbrachte. Die Jahre vergehen so schnell, und ich wollte dasein, um Einfluss zu haben im Leben meiner Kinder, und um sie heranwachsen zu sehen und in ihnen die Werte aufzubauen, die mir wichtig sind. Danae ist jetzt an der Universität, Brian in der Sekundarschule, und die Jahre sind so schnell vorbeigegangen. Die Rollschuhe stehen verlassen in einer Garagenecke, aus den Fahrradreifen ist die Luft raus, und die Schaukel ist bereits verschwunden. Ich akzeptiere das, ich versuche meine Kinder nicht zurückzuhalten; ich möchte, dass sie wachsen und unabhängig werden und ihr eigenes Leben leben. Aber wenn meine Kinder dereinst aus dem Haus sind, dann wird etwas Wertvolles aus meinem Leben verschwunden sein, weil ich jene Jahre mit meinen Kindern so sehr wertschätzte.

Da ich sieben Jahre lang zuhause blieb, habe ich die Kindheit meiner Kinder wie eine Filmaufnahme in meinem Gedächtnis. Ich kann diesen gedanklichen „Film“ einschalten und sehe einen fünfjährigen Jungen, der sich mir nähert. Ich sitze im Wohnzimmer und sehe fern. Dieser Junge nähert sich mir und sagt: „Ich werde auf deine Kniee steigen.“ Ich sage: „Keinesfalls.“ Er sagt: „Aber ich werde kommen.“ Ich sage: „Weisst du, ich muss gut aufpassen, wen ich auf meinen Knieen sitzen lasse.“ – „Und wer darf auf deine Kniee steigen?“ – „Jemand, den du nicht kennst.“ – „Doch, ich kenne ihn!“ – „Gut, es ist ein Junge mit blondem Haar.“ – „Ich habe blondes Haar!“ – „Ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen.“ – „Ich habe blaue Augen!“ – „Ja, ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst.“ – „Das ist mein Name!“ – „Ja, aber du verstehst nicht. Du kennst diesen Jungen nicht. Dieser Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst, ist mein Sohn. Der einzige Sohn, den ich je hatte. Er ist der einzige Junge in der Welt, der jederzeit und ohne um Erlaubnis zu bitten auf meine Kniee steigen darf.“ – „Ich habe blondes Haar und blaue Augen und heisse Brian und bin dein Sohn und du hast mich lieb, und so oder so werde ich hinaufsteigen!“ – Während vier Jahren pflegten wir dieses Spiel zu spielen, fünfhundertmal, und es gefiel ihm. Deshalb erzähle ich es auch euch. Dieses Spiel sagte Brian, dass er jemand Besonderer war für mich. Und ich habe es in meinem Gedächtnis aufgezeichnet.

Ich schalte einen anderen „Film“ ein und sehe ein sechsjähriges Mädchen, das von der Schule nach Hause kommt. Ihr Haar ist ziemlich durcheinander, ihr Kleid ist zerknittert, und eine ihrer Socken ist hinuntergerutscht und hat sich um den Schuh geringelt. Sie tritt ins Haus und ist so glücklich, uns zu sehen, dass sie ihre Mutter und mich umarmt und sich an den Tisch setzt, und Shirley bringt ihr einige Brötchen und Milch, und sie isst, und ich sehe ihr zu, ohne dass sie es weiss. Sie weiss noch nicht wirklich, wie sehr ich sie liebe. Vielleicht wird sie es eines Tages verstehen, aber mit sechs Jahren versteht sie es noch nicht. Das ist nur ein kleiner vergänglicher Augenblick des Lebens, aber ich habe ihn in meinem Gedächtnis festgehalten, und niemand kann ihn mir wegnehmen. Ich habe ihn festgehalten, weil ich zuhause war, um ihn mitzuerleben, und dafür bin ich dankbar.

Lasst mich noch etwas von Danae erzählen. Sie liebte ihre Kindheit sehr. Aber leider wurde sie eines Tages dreizehn Jahre alt. Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür, und stapelte alle ihre Schallplatten aufeinander und ihre gesammelten Spielsachen obendrauf, und trug sie zur anderen Tür und liess sie dort vor dem Schlafzimmer von Brian stehen, der bereits schlief, und legte einen Zettel darauf, auf dem stand: „Lieber Brian: Das alles gehört jetzt dir. Pass gut darauf auf, so wie ich es tat. In Liebe, Danae.“ – Shirley fand den Zettel und zeigte ihn mir (ich war in meinem Arbeitszimmer), und wir setzten uns und lasen ihn, und wir weinten beide, denn wir hörten aus dieser Notiz heraus, dass sich die Tür zur Kindheit leise geschlossen hatte. Und wenn sich diese Tür einmal schliesst, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen. Und wiederum bin ich dem Herrn dankbar, dass ich zuhause war, um Zeuge dieses Prozesses zu sein.

Aber ich bin kein vollkommener Vater, und habe keine vollkommenen Kinder, und auch Shirley ist keine vollkommene Mutter. Wir kämpfen ebenso wie ihr. Wir kämpften darum, Dinge zu finden, die wir als Familie gemeinsam tun konnten. Kennt ihr dieses Problem? Wir versuchten alles mögliche. Natürlich konnte jeder Erholung finden in dem, was er selber gerne tat. Aber wir suchten etwas, das wir gemeinsam als Familie geniessen konnten. Schliesslich, nach vielen Versuchen, fanden wir, dass es Skifahren war. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir es genossen, zusammen die Berge hinabzusausen mit dem Wind in unseren Gesichtern, in der wunderbaren Landschaft, die Gott geschaffen hat; das waren unsere schönsten Momente.

Aber wenn du kleine Kinder hast, dann kann das Skifahren anfangs die grösste Frustration des Lebens sein. Rate mal, wer die Skier tragen muss, wer jedermanns Skischuhe zubinden muss, wer die Skiliftkarten kaufen muss, wer dreimal nach Hause zurückfahren muss, um vergessene Sachen zu holen, wer die Kinder zur Toilette bringen muss … es ist eine riesige Aufgabe, und an jenem besonderen Tag machten mich meine Kinder verrückt. Sie hatten einen plötzlichen Anfall von kindlicher Verantwortungslosigkeit: sie verloren Skier, liessen Sachen fallen, vergassen ihre Handschuhe, und ich war die ganze Zeit hinter ihnen her. Das heisst, ich schrie sie an und stiess sie und vergass alles, was ich in meinen Büchern schreibe.
Schliesslich brachte ich sie zum Restaurant und liess sie dort mit Shirley, sagte: „Habt eine gute Zeit“, schlug die Tür zu und fuhr unseren Wagen nach unten, um ihn dort zu parkieren. Auf dem ganzen Weg sagte ich zum Herrn: „Was soll ich mit diesen Kindern tun, die du mir gegeben hast?“ Hast du ihm einmal diese Frage gestellt? Ich war nur ein wenig irritiert, weil er mir diese Kinder gegeben hatte. Er sagte nichts. Manchmal lässt er mich so reden (ich benahm mich nicht respektlos ihm gegenüber). Ich parkierte den Wagen, stieg aus und ging zu einer Haltestelle, wo ein kleiner Bus abfährt, der die Leute nach oben bringt. Etwa zehn Personen warteten dort, unter ihnen ein etwa 17jähriges Mädchen, das seltsame und sinnlose Dinge redete. Insbesondere wiederholte sie ständig die Worte: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Ich dachte, sie hätte wahrscheinlich Drogen genommen oder etwas ähnliches, und die Leute hatten von ihr Abstand genommen, sodass sie allein dastand und diese Worte wiederholte. Dann sah sie mich an, und ich erkannte in ihren Augen den charakteristischen Blick einer geistig Behinderten. In diesem Moment kam der Bus, wir stiegen alle ein, und sie stellte sich in die Mitte des Wagens und blickte bergauf, während sie fortfuhr zu sagen: „Wer auch immer…“ Es war deutlich sichtbar, dass die anderen Fahrgäste, mehrheitlich junge Leute, sie ablehnten. Sie sahen sie mit einem spöttischen Lächeln an, als ob sie sagen wollten: „Wer ist diese Verrückte?“ Dann erkannte ich, dass der grossgewachsene Mann, der neben ihr stand, ihr Vater war. Er tat etwas, was ich nie vergessen werde. Er trat drei Schritte vor, wie um seine Tochter zu beschützen, umarmte sie, und begann mit ihr zusammen zu wiederholen: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Er sprach nicht zu ihr, sondern zu uns. Er hatte das spöttische Lächeln auf vielen Gesichtern auch bemerkt. Er sagte: „Ja, es ist wahr, sie ist geistig behindert. Wir können es nicht verbergen; es zu versuchen wäre sinnlos. Ich weiss, dass sie nie ein Buch schreiben wird, sie wird nie schöne Lieder singen, vielleicht wird sie nicht viel erreichen. Sie geht nicht mehr zur Schule; wir taten unser Bestes. Aber ich möchte euch etwas sagen: Sie ist meine Tochter, und ich liebe sie, und ich schäme mich nicht, mit ihr identifiziert zu werden. Ja, mein Kind, wer auch immer…“ Die Liebe dieses Vaters zu seiner behinderten Tochter strömte aus seiner Seele und füllte die meinige, und floss von da zu meinen Kindern, und ich sagte: „Ja, Herr, ich verstehe die Botschaft.“

Zwei Wochen später wurde ich im nationalen Fernsehen interviewt, und ich bekam viereinhalb Minuten, um auf Fragen zu antworten wie: „Wie ist die Familie in alle diese Probleme der Sünde geraten, und wie kommen wir da wieder heraus?“ Ich hätte die Frage nicht einmal in viereinhalb Wochen beantworten können, aber ich kann euch sagen: Ich kenne die Antwort. Sie hat zu tun mit dem, was jener Vater für seine behinderte Tochter fühlte. Das wird die Familien heilen; das wird die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern retten; und das wird sogar dazu beitragen, die Tragödie der geistigen Behinderung zu überwinden.

Eltern, die ihr hier seid, lasst diese Jahre nicht einfach vergehen; lasst die Kindheit eurer Kinder nicht unbemerkt vorübergehen. Am anderen Ende des Lebens, wenn wir zurückschauen, wird es keine Belohnung für unsere Leistung geben. Ich möchte jene nicht beleidigen, die sich bemühen, grosse Ziele zu erreichen. Du arbeitest hart und hast Erfolg aufgrund deiner Selbstdisziplin. Aber in gewissem Mass tat ich dasselbe. Und während der letzten sieben Jahre wiederholte sich eine Frage in meinem Sinn: „Aber was jetzt? Denn ‚der Wind bläst darüber, und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.‘ “ Der weiseste Mann, der je lebte (abgesehen von Jesus Christus), der König Salomo, besass alles. Er hatte Geld, Berühmtheit, Macht … alles, was man sich wünschen kann. Am Ende seines Lebens fasste er alles zusammen, im Buch Prediger. Wie nannte er es? „Eitelkeit“. „Alles ist eitel, es gibt nichts als Eitelkeit.“ Das entwertet alles Zeitliche. Eitelkeit.
Im Jahre 1970 veröffentlichte ich mein erstes Buch, „Dare to discipline“, mit meinem Namen auf dem vorderen Buchdeckel, meiner Foto auf dem hinteren Buchdeckel, alles schön gestaltet – ein guter Erfolg für einen jungen Mann von 33 Jahren. Vor wenigen Tagen kam Danae zu mir und sagte: „Du bist wirklich angekommen!“ – „Was willst du damit sagen?“ – „Ich fand ein Exemplar von ‚Dare to discipline‘ auf dem Flohmarkt, für 35 Cents.“ Das ist es, womit alles endet.

Gut, in gewissem Sinn habe ich euch ein wenig angeschwindelt. Ich tat so, als würde ich über die „Midlife crisis“ sprechen, aber das war nicht mein eigentliches Ziel. Ich spreche über etwas viel Wichtigeres: das Leben an sich. Das ist für jedermann wichtig. Ob du ein Christ oder ein Atheist oder ein Agnostiker bist, du wirst dich auf alle Fälle den Fragen stellen müssen, die ich erwähnte: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Und insbesondere: Worin werde ich die Jahre des Lebens investieren, die mir noch bleiben?
Die Erfahrung der vergangenen sieben Jahre sagte mir: Kehre zu deinen Wurzeln zurück, zu deinem Glauben, und in diesem Glauben finde ich Sinn und Ziel und Würde und Selbstwert, Selbstdisziplin, Identität. Ich weiss, wer ich bin, weil ich weiss, wessen ich bin. In dieser Etappe meines Lebens gelange ich zu lediglich zwei Zielen für die Zeit, die mir bleibt: Das erste ist meinen Nächsten zu dienen, angefangen bei meiner eigenen Familie; und das zweite ist vor dem Gott, der mich geschaffen hat, angenehm zu sein und jene Worte zu hören, nach denen ich mich so sehr sehne: „Gut gemacht, guter und getreuer Knecht.“ Und nichts anderes wird die Probe der Zeit überstehen.

James Dobson: Ein Vater blickt zurück

8. Dezember 2013

Der folgende Vortrag des Psychologen Dr.James Dobson wurde vor Jahren in dessen Radiosendung „Focus on the Family“ ausgestrahlt. Er scheint mir so wichtig und zeitlos, dass ich ihn schriftlich festhielt und ihn auch den Lesern meines Blogs zugänglich machen möchte.


Vor 7 Jahren arbeiteten meine Frau und ich an einer Filmserie über die Familie. Da beschloss ich, eine Entscheidung zu treffen in dem Konflikt zwischen meinem Dienst, der Welt eine Botschaft zu vermitteln, und der Notwendigkeit, zuhause bei meiner Familie zu sein. Ich habe in meinem Leben viele verschiedene Dinge getan, aber ich glaube, das Weiseste, was ich je tat, war, zuhause zu bleiben und zu sehen, wie meine Kinder heranwuchsen. Der heutige Tag ist so etwas wie die Feier jener Entscheidung. Während dieser 7 Jahre hatte ich nicht nur die Gelegenheit, viel Zeit mit meinen Kindern zu verbringen, sondern ich hatte auch Zeit zum Nachdenken. Heute abend möchte ich mit euch einige dieser Gedanken teilen, die ich hatte, während ich meine eigene Lebensmitte durchschritt.

Ich bin jetzt 48 Jahre alt Ich habe also alles Recht darauf, eine „Midlife crisis“ zu erleben. Ein Mann in dieser Krise trägt bis zum Bauchnabel offene Seidenhemden – ich weiss nicht warum, aber so ist es -, und zeigt viel angegrautes Brusthaar, das er mit dem Haartrockner getrocknet hat. Und er fährt schnelle Autos. Das hilft ihm irgendwie, ich weiss nicht warum, aber er muss es tun. Wahrscheinlich streitet er mit seiner Frau, weil ihr Alter ihn an das seinige erinnert, und das ärgert ihn.

Zu diesem Syndrom gehört auch, dass der Mann mit seiner Sekretärin durchbrennt. Ich habe hier einen Artikel aus der „Los Angeles Time“, wo es heisst: Ein Mann fand eine Anzeige in der Zeitung, wo ein Mercedes zu 57 Dollar zum Verkauf angeboten wurde. Er rief die angegebene Telefonnummer an, überzeugt, der Preis müsse ein Irrtum sein. Eine Frau antwortete ihm: „Nein, der Preis ist richtig.“ – „Ist der Wagen kaputt?“ – „Nein, er ist in tadellosem Zustand.“ – „Warum verkaufen Sie ihn dann zu so einem lächerlichen Preis?“ – „Nun, mein Mann hat mich aus Las Vegas angerufen. Er ist mit seiner Sekretärin dort, er sagte mir, er möchte mich verlassen und er ist bankrott, weil er sein Geld verspielt hat, und er bat mich, den Wagen zu verkaufen und ihm die Hälfte des Erlöses zu schicken.“

Nun, ich habe nicht diese Art von Krise. Shirley und ich sind seit 24 Jahren sehr glücklich verheiratet, und ich habe auch keine Seidenhemden. Das ist also nicht mein Problem. Aber ich werde Ihnen erzählen, wo ich mich in diesem Moment befinde, und das ist jetzt ganz im Ernst. Während der letzten 7 Jahre, und besonders in den letzten drei, ging ich durch eine Zeit der „Auswertung“. Ich dachte über den Sinn des Lebens nach und über die wichtigen Fragen wie: Wer bin ich wirklich? Und was tue ich wirklich hier? Und wohin gehe ich wirklich? Was werde ich mit dem Rest meines Erdenlebens tun? An den Vierzigern scheint etwas dran zu sein, was einem ständig diese Fragen entgegenschreit. Es scheint, dass du dich gezwungen siehst, dich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen, weil du siehst, wie der Sand in deiner Sanduhr allmählich zur Neige geht. Ich bin durch diese Phase gegangen und bin zu zwei Schlussfolgerungen gelangt. Sie sind nicht besonders tiefsinnig, aber sie beeinflussten mein Leben stark.

Die erste hat damit zu tun, wie schnell die Zeit vergeht. Vor wenigen Jahren musste ich den Schlag meines Lebens einstecken. Ich schrieb an einem Buch und musste es in kurzer Zeit fertigstellen. So ging ich in ein Hotel in Dallas, Texas, und schrieb dort während zehn Tagen, bis das Buch fertig war. Ich stand gewöhnlich früh auf, machte meine Andacht und schrieb dann den ganzen Tag bis um vier Uhr nachmittags. Dann war ich normalerweise erschöpft und ging ein wenig Sport treiben. Ich spiele gern Basketball, obwohl ich verstand, dass ein 48jähriger Mann auf einem Basketballfeld nichts verloren hat. Aber das Spiel gefällt mir. So ging ich spielen. Natürlich war niemand in meinem Alter dort, nur einige 16- bis 18jährige Jungen, die mich ansahen, als ob ich 105 Jahre alt wäre. Ich fragte sie, ob ich mit ihnen spielen könne, und schliesslich sagten sie Ja. Da war ein aussergewöhnlich gewandter schwarzer Junge, der mich ständig deckte. Dieser Konkurrenzdruck, und die Blicke all der Jungen ringsumher, die mich als einen alten Opa ansahen, liess mich zwanzig Jahre jünger werden; ich erinnerte mich an einige Tricks und Finten, strengte mich an, und warf drei Körbe hintereinander. Da sah mich dieser Junge an, trat einen Schritt zurück und sagte: „Mann, Sie müssen jemand sein in Ihrem Stolz!“ – Ich weinte auf dem ganzen Heimweg. Leider war ich überhaupt nichts in meinem Stolz, und das machte die Sache nur noch schlimmer.

Viele Autoren haben über das Vergehen der Zeit geschrieben, aber mir scheint, die Person, die es besser versteht als alle Philosophen, ist eine kleine Frau namens Erma Bombeck. Sie bringt uns zum Lachen mit ihren Geschichten über das Älterwerden, aber manchmal bringt sie uns auch zum Weinen. In ihrem Artikel „Wenn die Mutter zur Tochter wird und die Tochter zur Mutter“, beschreibt sie die Veränderungen in ihrer Beziehung zu ihrer Mutter, und den daraus resultierenden Stress. Sie sagt, ihre Mutter sei immer so stark gewesen, so stabil, so unabhängig; die Person, die sie bewunderte und die ihr ein Beispiel war. Aber allmählich veränderte sich diese Beziehung, bis die Mutter zur Tochter wurde, und Erma zu ihrer Mutter wurde. Wie sie sagt, begann es, als Erma das Auto fuhr und ihre Mutter neben ihr sass. Plötzlich gab es einen Stau, und Erma musste scharf bremsen, um nicht mit dem Wagen vor ihr zusammenzustossen, und instinktiv streckte sie den Arm aus, um ihre Mutter festzuhalten, damit sie nicht gegen die Windschutzscheibe schlug – statt dass ihre Mutter sie festgehalten hätte, damit sie nicht gegen das Steuerrad schlug. Sie sahen einander einen Moment an und realisierten, dass sich etwas verändert hatte in ihrer Beziehung.
Dann kam die Weihnacht, wo Erma die Weihnachtsgans zubereitete und ihre Mutter den Tisch deckte; und die Momente, wo Erma zu ihrer Mutter sagte: „Kommst du mit mir zum Einkaufen?“, oder: „Du siehst wirklich hübsch aus in diesem Kleid!“ – so wie ihre Mutter es früher tausendmal zu ihr gesagt hatte. Und immer mehr wird die Mutter zur Tochter und die Tochter zur Mutter, und es ist schwierig für Erma, und sie sagt: „Ich will das nicht! Ich will nicht zusehen müssen, wie meine Mutter von mir abhängig wird.“ Aber die Zeit schreitet unaufhaltsam vorwärts, und ihre Mutter wird alt, und jetzt ist es Erma, die sagt: „Mama, würdest du bitte nicht mehr davon sprechen, dass du gestern Papa gesehen hättest? Du weisst doch, dass er vor zehn Jahren von uns gegangen ist.“ Und die Mutter ist die Tochter, und die Tochter ist die Mutter.
Wenig später sass Erma im Auto neben ihrer Tochter, die am Steuer sass. Plötzlich gab es einen Stau, und ihre Tochter musste scharf bremsen und streckte instinktiv ihren Arm aus, um Erma davor zu beschützen, gegen die Windschutzscheibe zu schlagen. Und in der letzten Zeile heisst es: „Mein Gott, so bald …?“

Ich befinde mich jetzt an diesem Punkt. Meine Mutter wird zu meiner Tochter und ich werde zu ihrem Vater. Mein Vater starb 1977, und meine Eltern waren echte Freunde. Sie waren „ein Fleisch“ im biblischen Sinn, und als mein Vater starb, war es für meine Mutter, als ob sie entzweigeschnitten worden wäre. Sie war nie wieder dieselbe. Vor einigen Jahren musste sie zu einigen Unterleibsuntersuchungen gehen, und wenn eine Frau in ihren Siebzigern solche Probleme hat, dann denken alle an ein kleines Wort mit fünf Buchstaben. Gott sei Dank fiel die Diagnose negativ aus, und ich ging zu ihr nach Hause, um ihr die Nachricht zu überbringen und mit ihr zu sprechen. Ich sagte: „Mama, ist das nicht eine gute Nachricht? Du hast keinen Krebs, du wirst gesund werden.“ Sie lächelte und sagte: „Oh ja … ich bin dankbar und danke auch dem Herrn.“ Aber dann fügte sie hinzu: „Darf ich dir ehrlich etwas sagen? … Würdest du es verstehen, wenn ich dir sagte, dass ich dachte, vielleicht würde ich bald Papa wiedersehen? und dass ich nur ein klein wenig enttäuscht bin.“

Wenn du sehen möchtest, wie die Zeit vergeht, dann sieh nur die Personen an, die dir am nächsten stehen, in deiner eigenen Familie. Sieh, wie sich die Beziehung zu deinen eigenen Kindern verändert. Sieh deine Geschwister an, deine Onkel und Tanten, deine Eltern. Ich denke, das ist eine Ursache der „Midlife crisis“. Wenn ein Mann in seine Vierziger kommt, dann ist es nicht ungewöhnlich, dass er seinen Vater verliert, und das ist ein emotioneller Schlag. Es lässt ihn darüber nachdenken, wie kurz das Leben ist.

Ich erwähnte, dass Shirley und ich 24 Jahre verheiratet sind, und es fehlen nur noch 18 Jahre, bis ich das Alter erreichen werde, in dem mein Vater starb. Anders gesagt: Angenommen, ich werde so alt, wie mein Vater wurde, dann habe ich bereits 72% meines Lebens gelebt. Vor neun Jahren war ich noch in meinen Dreissigern! Verstehst du, was die „Midlife crisis“ ist? Erstens ist die Bezeichnung falsch. Die Lebensmitte ist in den Dreissigern! Wenn du in deinen Dreissigern bist und dich für jung hältst – nachdem du um die nächste Ecke biegst, bleiben dir nur noch 28% deines Lebens.

Einige denken vielleicht: Was für ein morbider Gedanke! Aber es ist ein sehr wichtiges und biblisches Konzept. Der König David schreibt darüber: „Der Mensch, wie das Gras sind seine Tage, er blüht wie die Blume des Feldes. Der Wind bläst darüber und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.“ (Psalm 103,15-16) Das ist ein wichtiges Konzept, weil es alles andere in die richtige Perspektive rückt. Der Materialismus wird aus dieser Perspektive leer und sinnlos, zumindest als Lebensgrundlage. Es muss etwas Wichtigeres geben.

Als wir heirateten, hatten wir überhaupt nichts – und es schien, dass es während der folgenden zehn Jahre dabei bleiben würde. Wir hatten keine Finanzprobleme, weil wir keine Finanzen hatten. Aber schliesslich ging es uns besser, und ich konnte meine enormen Ausbildungskosten bezahlen und im Medizinerkolleg der USA Mitglied werden und anfangen Bücher zu schreiben usw. Aber ein Teil der Analyse während der Vierziger hat mit dem Sinn des Lebens zu tun, und die materiellen Dinge haben nicht viel damit zu tun. Der Herr hatte interessante Wege, um mir diese Botschaft klarzumachen – sogar mittels eines Monopoly-Spiels.
In meiner Kindheit liebte ich dieses Spiel, aber ich hatte es 30 Jahre lang nicht gespielt, bis eines Tages meine Tochter – im Teenageralter – nach Hause kam und sagte: „Papa, es ist ein neues Spiel herausgekommen! Es heisst Monopoly. Es wird dir sicher gefallen.“ Ich sagte: „Ja, warum nicht?“ So setzten wir uns hin, um mein erstes Monopoly-Spiel seit 30 Jahren zu spielen, und die alten Verhaltensmuster kehrten zurück. Ich begann zu gewinnen und kaufte alle schönen Grundstücke, und begann überall grüne Häuschen zu bauen, die bald zu den grossen roten Hotels wurden, und ich nahm Geld ein wie verrückt, und verstaute es in meinen Taschen und unter dem Spielbrett, und ich hatte 500-Dollar-Noten in meinen Schuhen, und meine Familie wand sich und ich hatte meinen Spass. Die Habsucht war zurückgekehrt. Aber dann war plötzlich alles zu Ende. Meine Frau und meine Tochter warfen die Würfel gegen meine Hotels, die reihenweise umfielen, pam, pam, pam, und sie gingen schlafen, weil ich gewonnen hatte, und liessen mich allein das Spiel aufräumen. Da sass ich also um Mitternacht und räumte das Spiel auf, und begann mich sehr leer zu fühlen.
Dann sprach der Herr zu mir. Nicht mit einer hörbaren Stimme, aber du weisst es, wenn er es ist, der spricht. Er sagte: „James, pass auf, denn ich werde dich eine Lektion lehren. Das ist nicht nur ein Monopoly-Spiel, das du spielst. Das ist das Spiel des Lebens. Du schwitzt und strengst dich an und sparst und baust und vergrösserst und hast ein Bankkonto und Besitztümer und eine Pensionskasse und all das … und dann machst du eine falsche Bewegung, wendest deinen Wagen auf der Autobahn, wo du das nicht tun solltest, pam, pam, pam, und alles kehrt in die Spielschachtel zurück. Bis zum letzten Cent muss alles in die Schachtel zurück, jede Nacht. Der Leichenwagen hat keinen Anhänger mit einem Safe. Du kannst nichts mitnehmen.“

(Fortsetzung folgt)