James Dobson: Ein Vater blickt zurück (2.Teil)

Dies ist die Fortsetzung eines Vortrags von Dr.James Dobson über Vaterschaft, „Midlife crisis“ und den Sinn des Lebens.


Und ich möchte euch etwas sehr Persönliches sagen. Damit sage ich vielleicht mehr über mich selber, als ich möchte, dass ihr wisst. Aber wenn ich nicht zulasse, dass ihr seht, wer ich wirklich bin, dann werde ich euch nicht helfen können: Ich bin nicht einmal sicher, ob ich meinen Kindern viel hinterlassen möchte; denn man muss eine sehr sichere Hand haben, um einen vollen Becher halten zu können. Es gibt keinen schnelleren Weg, die Kinder zu verderben, als ihnen die Notwendigkeit vorzuenthalten, diszipliniert zu sein und zu sparen und zu reifen und sich verantwortungsvoll einer Aufgabe zu widmen. Heute sind wir so sehr damit beschäftigt, unseren Kindern Dinge zu geben, die wir selber in unserer Kindheit nicht hatten, dass wir vergessen, ihnen das zu geben, was wir sehr wohl hatten.

Damit komme ich zu der zweiten Schlussfolgerung, zu der ich während meiner persönlichen Auswertungszeit gelangte, und das ist die wichtigere: Nichts im Leben ist von Belang, ausser der Liebe zu Gott und zu seinem Sohn Jesus Christus, und der Liebe zu den Menschen, angefangen bei meiner eigenen Familie. Das ist der Grund, warum ich die letzten sieben Jahre zuhause verbrachte. Die Jahre vergehen so schnell, und ich wollte dasein, um Einfluss zu haben im Leben meiner Kinder, und um sie heranwachsen zu sehen und in ihnen die Werte aufzubauen, die mir wichtig sind. Danae ist jetzt an der Universität, Brian in der Sekundarschule, und die Jahre sind so schnell vorbeigegangen. Die Rollschuhe stehen verlassen in einer Garagenecke, aus den Fahrradreifen ist die Luft raus, und die Schaukel ist bereits verschwunden. Ich akzeptiere das, ich versuche meine Kinder nicht zurückzuhalten; ich möchte, dass sie wachsen und unabhängig werden und ihr eigenes Leben leben. Aber wenn meine Kinder dereinst aus dem Haus sind, dann wird etwas Wertvolles aus meinem Leben verschwunden sein, weil ich jene Jahre mit meinen Kindern so sehr wertschätzte.

Da ich sieben Jahre lang zuhause blieb, habe ich die Kindheit meiner Kinder wie eine Filmaufnahme in meinem Gedächtnis. Ich kann diesen gedanklichen „Film“ einschalten und sehe einen fünfjährigen Jungen, der sich mir nähert. Ich sitze im Wohnzimmer und sehe fern. Dieser Junge nähert sich mir und sagt: „Ich werde auf deine Kniee steigen.“ Ich sage: „Keinesfalls.“ Er sagt: „Aber ich werde kommen.“ Ich sage: „Weisst du, ich muss gut aufpassen, wen ich auf meinen Knieen sitzen lasse.“ – „Und wer darf auf deine Kniee steigen?“ – „Jemand, den du nicht kennst.“ – „Doch, ich kenne ihn!“ – „Gut, es ist ein Junge mit blondem Haar.“ – „Ich habe blondes Haar!“ – „Ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen.“ – „Ich habe blaue Augen!“ – „Ja, ich weiss, aber es ist ein Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst.“ – „Das ist mein Name!“ – „Ja, aber du verstehst nicht. Du kennst diesen Jungen nicht. Dieser Junge mit blondem Haar und blauen Augen, der Brian heisst, ist mein Sohn. Der einzige Sohn, den ich je hatte. Er ist der einzige Junge in der Welt, der jederzeit und ohne um Erlaubnis zu bitten auf meine Kniee steigen darf.“ – „Ich habe blondes Haar und blaue Augen und heisse Brian und bin dein Sohn und du hast mich lieb, und so oder so werde ich hinaufsteigen!“ – Während vier Jahren pflegten wir dieses Spiel zu spielen, fünfhundertmal, und es gefiel ihm. Deshalb erzähle ich es auch euch. Dieses Spiel sagte Brian, dass er jemand Besonderer war für mich. Und ich habe es in meinem Gedächtnis aufgezeichnet.

Ich schalte einen anderen „Film“ ein und sehe ein sechsjähriges Mädchen, das von der Schule nach Hause kommt. Ihr Haar ist ziemlich durcheinander, ihr Kleid ist zerknittert, und eine ihrer Socken ist hinuntergerutscht und hat sich um den Schuh geringelt. Sie tritt ins Haus und ist so glücklich, uns zu sehen, dass sie ihre Mutter und mich umarmt und sich an den Tisch setzt, und Shirley bringt ihr einige Brötchen und Milch, und sie isst, und ich sehe ihr zu, ohne dass sie es weiss. Sie weiss noch nicht wirklich, wie sehr ich sie liebe. Vielleicht wird sie es eines Tages verstehen, aber mit sechs Jahren versteht sie es noch nicht. Das ist nur ein kleiner vergänglicher Augenblick des Lebens, aber ich habe ihn in meinem Gedächtnis festgehalten, und niemand kann ihn mir wegnehmen. Ich habe ihn festgehalten, weil ich zuhause war, um ihn mitzuerleben, und dafür bin ich dankbar.

Lasst mich noch etwas von Danae erzählen. Sie liebte ihre Kindheit sehr. Aber leider wurde sie eines Tages dreizehn Jahre alt. Sie ging in ihr Zimmer, schloss die Tür, und stapelte alle ihre Schallplatten aufeinander und ihre gesammelten Spielsachen obendrauf, und trug sie zur anderen Tür und liess sie dort vor dem Schlafzimmer von Brian stehen, der bereits schlief, und legte einen Zettel darauf, auf dem stand: „Lieber Brian: Das alles gehört jetzt dir. Pass gut darauf auf, so wie ich es tat. In Liebe, Danae.“ – Shirley fand den Zettel und zeigte ihn mir (ich war in meinem Arbeitszimmer), und wir setzten uns und lasen ihn, und wir weinten beide, denn wir hörten aus dieser Notiz heraus, dass sich die Tür zur Kindheit leise geschlossen hatte. Und wenn sich diese Tür einmal schliesst, dann kann keine Macht der Welt sie wieder öffnen. Und wiederum bin ich dem Herrn dankbar, dass ich zuhause war, um Zeuge dieses Prozesses zu sein.

Aber ich bin kein vollkommener Vater, und habe keine vollkommenen Kinder, und auch Shirley ist keine vollkommene Mutter. Wir kämpfen ebenso wie ihr. Wir kämpften darum, Dinge zu finden, die wir als Familie gemeinsam tun konnten. Kennt ihr dieses Problem? Wir versuchten alles mögliche. Natürlich konnte jeder Erholung finden in dem, was er selber gerne tat. Aber wir suchten etwas, das wir gemeinsam als Familie geniessen konnten. Schliesslich, nach vielen Versuchen, fanden wir, dass es Skifahren war. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr wir es genossen, zusammen die Berge hinabzusausen mit dem Wind in unseren Gesichtern, in der wunderbaren Landschaft, die Gott geschaffen hat; das waren unsere schönsten Momente.

Aber wenn du kleine Kinder hast, dann kann das Skifahren anfangs die grösste Frustration des Lebens sein. Rate mal, wer die Skier tragen muss, wer jedermanns Skischuhe zubinden muss, wer die Skiliftkarten kaufen muss, wer dreimal nach Hause zurückfahren muss, um vergessene Sachen zu holen, wer die Kinder zur Toilette bringen muss … es ist eine riesige Aufgabe, und an jenem besonderen Tag machten mich meine Kinder verrückt. Sie hatten einen plötzlichen Anfall von kindlicher Verantwortungslosigkeit: sie verloren Skier, liessen Sachen fallen, vergassen ihre Handschuhe, und ich war die ganze Zeit hinter ihnen her. Das heisst, ich schrie sie an und stiess sie und vergass alles, was ich in meinen Büchern schreibe.
Schliesslich brachte ich sie zum Restaurant und liess sie dort mit Shirley, sagte: „Habt eine gute Zeit“, schlug die Tür zu und fuhr unseren Wagen nach unten, um ihn dort zu parkieren. Auf dem ganzen Weg sagte ich zum Herrn: „Was soll ich mit diesen Kindern tun, die du mir gegeben hast?“ Hast du ihm einmal diese Frage gestellt? Ich war nur ein wenig irritiert, weil er mir diese Kinder gegeben hatte. Er sagte nichts. Manchmal lässt er mich so reden (ich benahm mich nicht respektlos ihm gegenüber). Ich parkierte den Wagen, stieg aus und ging zu einer Haltestelle, wo ein kleiner Bus abfährt, der die Leute nach oben bringt. Etwa zehn Personen warteten dort, unter ihnen ein etwa 17jähriges Mädchen, das seltsame und sinnlose Dinge redete. Insbesondere wiederholte sie ständig die Worte: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Ich dachte, sie hätte wahrscheinlich Drogen genommen oder etwas ähnliches, und die Leute hatten von ihr Abstand genommen, sodass sie allein dastand und diese Worte wiederholte. Dann sah sie mich an, und ich erkannte in ihren Augen den charakteristischen Blick einer geistig Behinderten. In diesem Moment kam der Bus, wir stiegen alle ein, und sie stellte sich in die Mitte des Wagens und blickte bergauf, während sie fortfuhr zu sagen: „Wer auch immer…“ Es war deutlich sichtbar, dass die anderen Fahrgäste, mehrheitlich junge Leute, sie ablehnten. Sie sahen sie mit einem spöttischen Lächeln an, als ob sie sagen wollten: „Wer ist diese Verrückte?“ Dann erkannte ich, dass der grossgewachsene Mann, der neben ihr stand, ihr Vater war. Er tat etwas, was ich nie vergessen werde. Er trat drei Schritte vor, wie um seine Tochter zu beschützen, umarmte sie, und begann mit ihr zusammen zu wiederholen: „Wer auch immer… Wer auch immer…“ Er sprach nicht zu ihr, sondern zu uns. Er hatte das spöttische Lächeln auf vielen Gesichtern auch bemerkt. Er sagte: „Ja, es ist wahr, sie ist geistig behindert. Wir können es nicht verbergen; es zu versuchen wäre sinnlos. Ich weiss, dass sie nie ein Buch schreiben wird, sie wird nie schöne Lieder singen, vielleicht wird sie nicht viel erreichen. Sie geht nicht mehr zur Schule; wir taten unser Bestes. Aber ich möchte euch etwas sagen: Sie ist meine Tochter, und ich liebe sie, und ich schäme mich nicht, mit ihr identifiziert zu werden. Ja, mein Kind, wer auch immer…“ Die Liebe dieses Vaters zu seiner behinderten Tochter strömte aus seiner Seele und füllte die meinige, und floss von da zu meinen Kindern, und ich sagte: „Ja, Herr, ich verstehe die Botschaft.“

Zwei Wochen später wurde ich im nationalen Fernsehen interviewt, und ich bekam viereinhalb Minuten, um auf Fragen zu antworten wie: „Wie ist die Familie in alle diese Probleme der Sünde geraten, und wie kommen wir da wieder heraus?“ Ich hätte die Frage nicht einmal in viereinhalb Wochen beantworten können, aber ich kann euch sagen: Ich kenne die Antwort. Sie hat zu tun mit dem, was jener Vater für seine behinderte Tochter fühlte. Das wird die Familien heilen; das wird die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern retten; und das wird sogar dazu beitragen, die Tragödie der geistigen Behinderung zu überwinden.

Eltern, die ihr hier seid, lasst diese Jahre nicht einfach vergehen; lasst die Kindheit eurer Kinder nicht unbemerkt vorübergehen. Am anderen Ende des Lebens, wenn wir zurückschauen, wird es keine Belohnung für unsere Leistung geben. Ich möchte jene nicht beleidigen, die sich bemühen, grosse Ziele zu erreichen. Du arbeitest hart und hast Erfolg aufgrund deiner Selbstdisziplin. Aber in gewissem Mass tat ich dasselbe. Und während der letzten sieben Jahre wiederholte sich eine Frage in meinem Sinn: „Aber was jetzt? Denn ‚der Wind bläst darüber, und sie vergeht, und ihr Ort kennt sie nicht mehr.‘ “ Der weiseste Mann, der je lebte (abgesehen von Jesus Christus), der König Salomo, besass alles. Er hatte Geld, Berühmtheit, Macht … alles, was man sich wünschen kann. Am Ende seines Lebens fasste er alles zusammen, im Buch Prediger. Wie nannte er es? „Eitelkeit“. „Alles ist eitel, es gibt nichts als Eitelkeit.“ Das entwertet alles Zeitliche. Eitelkeit.
Im Jahre 1970 veröffentlichte ich mein erstes Buch, „Dare to discipline“, mit meinem Namen auf dem vorderen Buchdeckel, meiner Foto auf dem hinteren Buchdeckel, alles schön gestaltet – ein guter Erfolg für einen jungen Mann von 33 Jahren. Vor wenigen Tagen kam Danae zu mir und sagte: „Du bist wirklich angekommen!“ – „Was willst du damit sagen?“ – „Ich fand ein Exemplar von ‚Dare to discipline‘ auf dem Flohmarkt, für 35 Cents.“ Das ist es, womit alles endet.

Gut, in gewissem Sinn habe ich euch ein wenig angeschwindelt. Ich tat so, als würde ich über die „Midlife crisis“ sprechen, aber das war nicht mein eigentliches Ziel. Ich spreche über etwas viel Wichtigeres: das Leben an sich. Das ist für jedermann wichtig. Ob du ein Christ oder ein Atheist oder ein Agnostiker bist, du wirst dich auf alle Fälle den Fragen stellen müssen, die ich erwähnte: Wer bin ich? Wohin gehe ich? Was ist der Sinn des Lebens? Und insbesondere: Worin werde ich die Jahre des Lebens investieren, die mir noch bleiben?
Die Erfahrung der vergangenen sieben Jahre sagte mir: Kehre zu deinen Wurzeln zurück, zu deinem Glauben, und in diesem Glauben finde ich Sinn und Ziel und Würde und Selbstwert, Selbstdisziplin, Identität. Ich weiss, wer ich bin, weil ich weiss, wessen ich bin. In dieser Etappe meines Lebens gelange ich zu lediglich zwei Zielen für die Zeit, die mir bleibt: Das erste ist meinen Nächsten zu dienen, angefangen bei meiner eigenen Familie; und das zweite ist vor dem Gott, der mich geschaffen hat, angenehm zu sein und jene Worte zu hören, nach denen ich mich so sehr sehne: „Gut gemacht, guter und getreuer Knecht.“ Und nichts anderes wird die Probe der Zeit überstehen.

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