Freikirchen als „Biotop“ für Verbrecher?

Der Fall ist schon länger her, aber die Kommentare, die er ausgelöst hat, sind weiterhin aktuell. Vor einigen Jahren wurde ein Mitarbeiter einer freikirchlichen Kinderkrippe wegen wiederholten sexuellen Missbrauchs festgenommen. Dieses Jahr nun ist der Mann verurteilt worden. Der Zürcher „Tages-Anzeiger“ hat seinerzeit (25.März 2011) in einem Interview mit dem Sektenforscher Georg Otto Schmid nahegelegt, evangelikale Freikirchen könnten ähnlich wie die katholische Kirche ein „Biotop“ für Pädophile darstellen.

Freikirchliche Medien haben sich begreiflicherweise darüber aufgeregt. Ihre „Verteidigung“ läuft aber einzig darauf hinaus, dass sie betonen, in Freikirchen bestehe durchaus eine sachgemässe Auseinandersetzung und Beratung im Bereich sexueller Probleme. So schreibt z.B. Fritz Imhof auf „Livenet“:
„Hätte Schmid sich informiert, hätte er erfahren, dass sich sowohl die Krippe in Volketswil wie auch das ICF rechtzeitig mit den Gefahren auseinandergesetzt haben, welche in der Kinderbetreuung und Jugendarbeit auf sexuellem Gebiet lauern. Beide hatten die Beratungsstelle «Mira» beigezogen.“

Das mag ja sein, trifft aber den Kern der Sache nicht. Freikirchen stehen tatsächlich in Gefahr, zu einem „Biotop“ nicht nur für Pädophile zu werden, sondern auch für Leute, die in anderer Hinsicht krumme Dinge drehen. Nicht unbedingt wegen ihres Umgangs mit der Sexualität, sondern wegen der freikirchlichen internen Gruppendynamik. Dazu sagt Schmid im TA-Interview:
„Die Freikirchen empfinden sich als zusammengehörig. (…) Die Szene ist sehr gut vernetzt, man hält zusammen und grenzt sich gegen aussen ab. (…) Viele Evangelikale können sich nicht vorstellen, dass Leute ihres Glaubens massivst sündigen können. „
Diese Aussagen beschreiben zumindest die eine Seite dieser Gruppendynamik zutreffend. Es gibt dazu allerdings noch eine Kehrseite, die ich unten unter Punkt 2 beleuchten werde. – Aus meiner zwanzigjährigen Insider-Erfahrung in evangelikalen Kirchen und Organisationen muss ich leider sagen: Es besteht in diesen Kreisen wenig bis keine Bereitschaft, eigenes Fehlverhalten aufzuarbeiten und zu berichtigen. Man mag nach aussen hin „stimmige“ Strukturen errichten; aber die interne Dynamik wird nicht unter die Lupe genommen.

Schmid hat ja nicht gesagt, dass Freikirchenmitglieder „schlechter“ seien als andere Menschen. Deren Grund-Neigung zu Verbrechen und Unredlichkeit dürfte etwa im selben Rahmen liegen wie in der Gesamtbevölkerung. (Das ist natürlich auch schon bedenklich angesichts der Tatsache, dass die Freikirchen ja behaupten, aus wiedergeborenen Christen zu bestehen.) Nun schafft aber leider die freikirchliche Dynamik ein Klima, welches das straflose Ausleben solcher Neigungen begünstigt – zumindest für gewisse Kategorien von Mitgliedern. Drei Aspekte insbesondere tragen dazu bei:

1. Eine falsche Lehre und Praxis über Gnade und Vergebung.
(Siehe „Von der unbarmherzigen Gnade“.)

Haben schon die reformierten Landeskirchen mit ihrer „billigen Gnade“ (Bonhoeffer) eine Erlösung ohne Umkehr von der Sünde versprochen, so haben die heutigen Freikirchen diese Entwicklung nicht nur nicht aufgehalten, sondern sie haben sogar noch eine weitere Verdrehung hinzugefügt: In vielen Freikirchen wird regelrecht Druck ausgeübt auf die Opfer von Übergriffen und Verbrechen, den Tätern zu „vergeben“, auch wenn diese ihre Taten gar nicht bereuen. Unter „Vergebung“ wird dabei nicht nur verstanden, auf eine Strafverfolgung zu verzichten, sondern auch überhaupt darauf zu verzichten, den Täter zu konfrontieren und/oder mit Drittpersonen über das Vorgefallene zu sprechen. Dies insbesondere dann, wenn der Täter zu den leitenden kirchlichen Mitarbeitern gehört. Da die Opfer freikirchlicher Täter in der Regel andere Freikirchenmitglieder sind, stehen diese unter einem fast unvorstellbaren psychischen Druck, das Geschehene zu „vergeben, verschweigen und vergessen“. Zusätzlich zu der erlittenen Schädigung werden sie also auch noch massivem geistlichem Missbrauch unterworfen.

2. Verzerrte Kriterien über Recht und Unrecht.

In den meisten evangelikalen Kirchen und Missionswerken, die ich näher kennenlernte, wird „Rechtsprechung“ und „Gemeindezucht“ in völlig verzerrter, parteiischer Weise ausgeübt, und zwar nach folgendem Grundsatz: Wer mit der Leiterschaft konform geht, ist im Recht; wer der Leiterschaft widerspricht, ist im Unrecht.Deshalb können die Duckmäuser, die den Leitern immer nach dem Maul reden, sich so gut wie alles erlauben, und kommen innerhalb der Kirche straflos davon. Dasselbe gilt natürlich erst recht für die Leiter selber. Ich habe zuverlässige Kenntnis einer ganzen Anzahl strafbarer Delikte, die von evangelikalen Leitern verübt worden sind, ohne dass sie innerhalb ihrer Organisation je dafür zur Rechenschaft gezogen worden wären. In einigen Fällen haben Mitarbeiter dieser Leiter sogar mitgeholfen, die Dinge auch vor der weltlichen Gerichtsbarkeit zu verbergen.
Andererseits kenne ich eine Anzahl freikirchlicher Mitarbeiter, die von ihren Leitern gemassregelt, ausgeschlossen, mit Kontaktsperren und Flüchen belegt, und bei anderen evangelikalen Organisationen angeschwärzt worden sind, ohne dass sie irgendein Verbrechen oder eine Sünde im biblischen Sinn begangen hätten. Nur weil sie in irgendeinem Punkt nicht mit ihren Leitern konform gingen, oder gerade weil sie gewisse Vergehen von Leitern aufgedeckt und konfrontiert hatten.
Man kann sich leicht ausmalen, was eine derart verdrehte Sicht von Recht und Unrecht für Folgen hat.

Gewöhnliche Mitglieder begegnen diesen pervertierten Machtstrukturen selten. Nur wer auf Leiterschaftsebene mitarbeitet, erhält allmählich Einblick in das, was hinter den Kulissen vorgeht. Wer als Freikirchen-Mitglied einen Streitfall mit seinen übergeordneten Leitern hat, der kann vor den innerkirchlichen Instanzen nicht mit einem fairen Prozess rechnen. Und auch im „überdenominationellen Gefüge“ (z.B. Evangelische Allianz) besteht m.W. bis jetzt noch keine Anlaufstelle für derart Betroffene, und erst recht keine anerkannte unparteiische Schlichtungsstelle für solche Fälle. (Falls mir hier eine Information entgangen sein sollte und es solche Stellen doch gibt, dann wäre ich sehr dankbar, wenn mich jemand darüber aufklären würde.) Mit anderen Worten: Die inner-freikirchliche Rechtsprechung (von der man ja ein höheres Mass an Gerechtigkeit und Integrität erwarten würde, wenn es sich wirklich um das Volk Gottes handelte) ist weniger gerecht als die weltliche.

3. Unzulässige Eingriffe ins Privatleben der Mitglieder.

In manchen dieser Organisationen werden den Mitgliedern bzw. Mitarbeitern Vorschriften gemacht über Einzelheiten, die zum privaten Entscheidungsspielraum jedes Menschen gehören, wie z.B. Freizeitgestaltung, Wahl des Wohnortes oder Arbeitsplatzes, Familienleben, Wahl der Freunde, u.a.m. So werden sie einem Joch von Menschengeboten unterworfen wie zur Zeit der Pharisäer (Matthäus 15,7-9; 23,4).

Hier muss nun tatsächlich der Bereich der Sexualität näher betrachtet werden. Während Ehebrecher und Kinderschänder in einem freikirchlichen Umfeld u.U. mit keinerlei internen Konsequenzen zu rechnen haben, wurde ich von meinen seinerzeitigen Vorgesetzten in einer Missionsgesellschaft als „Rebell“ gebrandmarkt, nachdem ich arglos von der Möglichkeit sprach, auf ehrbare Weise meinem Wunsch nach Heirat nachzugehen, wobei ich mir (oh Schreck!) auch eine Peruanerin als Ehepartnerin vorstellen könnte. Umgehend wurde mir strengstens verboten, mit irgendeiner Frau unter vier Augen zu sprechen, mich im Gottesdienst neben eine Frau zu setzen, oder in irgendeiner persönlichen Angelegenheit einen peruanischen Pastor zu Rate zu ziehen! Alles unter Androhung der fristlosen Entlassung sowie Deportation in meine „Heimat“. (Inzwischen bin ich tatsächlich schon viele Jahre mit einer Peruanerin glücklich verheiratet, und die erwähnte Missionsgesellschaft besteht zum Glück nicht mehr.)
In 1.Timotheus 4,1-3 steht geschrieben, was von Menschen zu halten ist, die das Heiraten verbieten.

Es gibt Bibelschulen und ähnliche Organisationen, die in ihrer „Hausordnung“ ihren Schülern zum vornherein verbieten, während der Ausbildungszeit eine Paarbeziehung einzugehen. Das ist zwar ehrlicher, weil das Verbot offen mitgeteilt wird und nicht als ungeschriebenes Gesetz im Hintergrund lauert; aber es ist dennoch nicht viel besser. Nach meiner Beobachtung führt das dazu, dass die ledigen Schüler sich in ihren Gedanken hauptsächlich damit beschäftigen, wie sie dieses Verbot umgehen können.

Es ist leider eine nicht unbekannte Erscheinung, dass es Mitgliedern bzw. Mitarbeitern in sektenhaften Gruppierungen verboten oder verunmöglicht wird, ihre Sexualität auf gottgewollte Weise in der Ehe auszuleben. Das führt dann oft dazu, dass diese Menschen fast zwangsläufig in abartige sexuelle Handlungen getrieben werden. Das ist ein weiterer Grund, warum in gewissen Kreisen sexuelle Übergriffe häufiger vorkommen.

Nachbemerkungen

Ich möchte nun diese Ausführungen nicht dahingehend verstanden wissen, als ob die genannten Verirrungen ein notwendiger Ausfluss eines sogenannten „fundamentalistischen“ (d.h. bibeltreuen) christlichen Glaubens wären. Im Gegenteil, diese Praktiken wären höchstens unter äussersten Verrenkungen biblisch zu begründen. Sie zeigen daher vielmehr symptomatisch, wie weit sich auch die Freikirchen von einem echten biblischen Glauben entfernt haben.
Leider geben sie damit der Welt einen Anlass, das Christentum an sich in den Dreck zu ziehen. „Euretwegen wird der Name Gottes gelästert unter den Völkern“(Römer 2,23-24). Wenn Journalisten und Sektenexperten über die Freikirchen herziehen, dann ist das oft nicht einfach Bosheit, sondern ist im unchristlichen Verhalten allzu vieler Freikirchenvertreter begründet.

Ich füge jetzt bewusst nicht die üblichen Einschränkungen an wie „es gebe natürlich auch Ausnahmen“ usw. Erstens, weil ich gar nicht weiss, ob es solche Ausnahmen überhaupt (noch) gibt. Zweitens, weil Jesus seiner Kritik an den Pharisäern (Matth.23) auch keine solchen Einschränkungen angefügt hat, obwohl er doch mit Sicherheit wusste, dass es Ausnahmen gab. Und drittens, weil die redliche und aufrichtige Minderheit (so es sie gibt) nichts öffentlich Sichtbares tut, um dem Treiben der verdorbenen Mehrheit Einhalt zu gebieten, und sich somit durch ihr Schweigen mitschuldig macht.
Ich habe viele Jahre lang den Standpunkt vertreten, wenn ein Christ in einer Freikirche geschädigt und misshandelt worden sei, dann handle es sich um eine ausnahmsweise „böse“ Gruppierung, und es gäbe daneben noch genügend „gesunde“ Freikirchen, denen er sich anschliessen könne. Aber nachdem ich in zwanzig Jahren keine Kirche kennengelernt habe, die sich auch bei näherem Hinsehen als in dieser Hinsicht „gesund“ erwiesen hätte, musste ich in diesem Punkt meine Meinung ändern.
Wenn Sie ein freikirchlicher Leiter sind und der Ansicht sind, meine Beschreibung treffe auf Ihre Kirche überhaupt nicht zu, dann beklagen Sie sich also bitte nicht über „unzulässige Verallgemeinerungen“, sondern widerlegen Sie diesen Artikel mit Ihrem eigenen leuchtenden Gegenbeispiel. Pflegen Sie in Ihrer eigenen Kirche eine Kultur der Redlichkeit, Transparenz, Integrität und Gerechtigkeit. Setzen Sie sich ein für die Opfer von Delikten und Machtmissbrauch (Sprüche 24,11-12; 31,8-9) in jenen vielen Kirchen, die tatsächlich so funktionieren wie hier beschrieben. Konfrontieren Sie Ihre Pastorenkollegen in anderen Kirchen, die durch ihr unredliches Verhalten das Evangelium von Jesus Christus in Verruf bringen.
Ich werde hier gerne die Namen von evangelikalen Persönlichkeiten veröffentlichen, die sich bereit erklären, die Scharte auszuwetzen, indem sie freikirchengeschädigten Menschen beistehen und die Täter zur Rechenschaft ziehen. Noch erfreulicher wäre es natürlich, wenn ich hier positive Berichte von Betroffenen veröffentlichen könnte, wie ihnen der Gemeindeleiter X, der Theologe Y oder der evangelikale Journalist Z tatsächlich im erwähnten Sinn beigestanden sind.

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