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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 2

13. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers zum Teil II

Dies ist der theologisch-seelsorgerliche Hauptteil des Buches. Er setzt sich detailliert damit auseinander, wie Menschen im allgemeinen zur Bekehrung kommen. Der Autor stellt dabei klar, dass Gott nicht nach einem vorgegebenen Muster zu handeln braucht. Dennoch findet er viele Gemeinsamkeiten, die den biblischen Linien folgen: Überführung durch den Heiligen Geist, Demütigung und Zerbruch, Erkennen und vertrauendes Annehmen der Gnade Gottes in Jesus Christus, Heiligung.

Die ganze Atmosphäre moderner „Evangelisationsversammlungen“ und „Bekehrungsaufrufe“ müssen wir uns dabei wegdenken. Jonathan Edwards hielt zwar z.T. sehr strenge und überführende Predigten, und er sagte seinen Zuhörer auch sehr klar, sie müssten sich bekehren und wiedergeboren werden. Aber er erwartete nicht, dass dies als äusserliche Sofort-Antwort in Form eines gleich in der Versammlung durchzuführenden Rituals stattfinden müsse (wie heute z.B. das „Nach-Vorne-Kommen“ oder das Nachsprechen eines „Übergabegebets“). Im Gegenteil, aus den Beschreibungen Edwards‘ geht hervor, dass diese Bekehrungen eine ganz persönliche Angelegenheit zwischen jedem Menschen und Gott waren, und von jedem einzelnen persönlich „errungen“ werden mussten. Dabei liegt aber das Hauptgewicht der Handlung nicht beim „ringenden“ Menschen, sondern bei Gott, der den Menschen in seiner souveränen Gnade zu sich zieht.

Ist dann ein Mensch einmal zu diesem Durchbruch gekommen, dann ist es natürlich, dass er anderen bezeugt, was mit ihm geschehen ist. Das war der Weg, auf dem dann auch der Prediger selber von den stattgefundenen Bekehrungen erfuhr – meistens im persönlichen Seelsorgegespräch. Wie er berichtet, sah er sich dabei oft geführt, den Neubekehrten vom Wort Gottes her zuzusprechen, dass das, was sie erlebt hatten, tatsächlich eine Bekehrung war; denn wie er beobachtete, waren sich viele Neubekehrte dessen anfangs gar nicht bewusst (Punkt 6). – Durch die persönlichen Zeugnisse wurden diese Bekehrungen dann durchaus zu einer „öffentlichen“ Angelegenheit – aber erst nachdem sie stattgefunden hatten.

Wir sehen in den Schilderungen Edwards‘ auch, wie sehr er sich bemühte, die Menschen in ihrem Ringen vor Gott und auch nach der Bekehrung angemessen seelsorgerlich zu begleiten. Aus der folgenden Bemerkung (unter Punkt 4) geht hervor, als wie verantwortungsvoll Edwards diese Aufgabe ansah:
„So muss Überführung und Ermutigung, Furcht und Hoffnung in richtiger Weise gemischt und proportioniert werden, um ihren Geist in der Mitte zwischen den Extremen der Selbstüberhebung und der Verzagtheit zu halten…“
Diese Kombination von Seelsorger und Erweckungsprediger in einer Person ist übrigens m.W. einzigartig in der Kirchengeschichte. Die meisten Erweckungsprediger waren prophetische und „kantige“ Gestalten, die die Leute herausforderten und sogar schockierten, aber sich eher wenig um ihre inneren Empfindungen und um ihre seelsorgerliche Begleitung kümmerten – allenfalls noch um organisatorische Aspekte zur Weiterführung der Bekehrten. Bei Edwards hingegen sehen wir, wie er sich mit einer gewissen Strenge, aber doch sehr liebevoll, um jeden einzelnen kümmert.


II. Die Arten der Bekehrung sind vielfältig und haben doch grosse Gemeinsamkeiten.

Ich werde also darüber berichten, wie Gott in Menschen wirkt zu ihrer Bekehrung. Es gibt darin eine grosse Vielfalt, vielleicht so vielfältig wie es Einzelpersonen gibt; aber dennoch besteht zwischen allen eine grosse Analogie in vielen Dingen.

1. Die Anfänge der Überführung von der Sünde

– Menschen werden zuerst erweckt mit einem Gespür für ihren elenden Zustand von Natur aus, für die Gefahr, in der sie stehen, ins ewige Verderben zu gehen, und wie wichtig es ist, schnell zu entrinnen. Einige werden plötzlich von dieser Überführung erfasst – vielleicht durch die Nachricht von der Bekehrung einer anderen Person, oder durch etwas, was sie in der Öffentlichkeit hören, oder im persönlichen Gespräch -, und ihr Gewissen wird geschlagen, als ob ihr Herz von einem Pfeil durchbohrt würde. Andere erwachen allmählich, sie beginnen zuerst etwas ernsthafter und nachdenklicher zu werden, bis sie in ihrem Sinn zum Schluss kommen, das Beste und Weiseste sei nicht länger zu zögern, sondern die Gelegenheit zu ergreifen. Somit beschliessen sie, ernsthaft über Dinge zu meditieren, die erweckliche Wirkungen haben, um zu Überzeugungen zu kommen; und so erwachen sie mehr und mehr.

Die erste Wirkung dieses Erwachens bestand darin, dass die Menschen sofort ihre sündigen Gewohnheiten und Laster aufgaben und hassten. Als der Geist Gottes anfing so wunderbar auf die ganze Stadt ausgegossen zu werden, da hörten die Leute bald auf mit ihren alten Streitereien, Verleumdungen, und Einmischungen in die Angelegenheiten anderer. Die Kneipen blieben bald leer; niemand ging aus, ausser für notwendige Geschäfte; und es schien jeden Tag Sonntag zu sein.
Eine zweite Auswirkung war, dass die Menschen ernsthaft anfingen, nach ihrer Errettung zu suchen, indem sie sich dem Bibellesen, Beten, Meditieren, Gottesdienstbesuch, und privaten Versammlungen widmeten. Ihr Schrei war: „Was sollen wir tun, um errettet zu werden?“ Und ihr Zufluchtsort war nicht mehr die Kneipe, sondern das Pfarrhaus, das jetzt voller war, als es die Kneipen je waren.

Menschen erleben sehr unterschiedliche Grade von Furcht und Unruhe, bevor sie die Vergebung und Annahme von Gott erfahren. Einige werden von Anfang an mit sehr viel mehr Ermutigung und Hoffnung geführt als andere. Einige wurden über derselben Sache zehnmal weniger beunruhigt als andere. Einige fühlten das Missfallen Gottes und die grosse Gefahr, verlorenzugehen, so stark, dass sie nachts nicht schlafen konnten. Viele sagten, dass sie sich fürchteten, sich in einem solchen Zustand schlafen zu legen; und wenn sie doch einschliefen, erwachten sie mit derselben Furcht, Schwere und Seelennot auf ihrem Geist. Meistens nimmt dieses schreckliche Bewusstsein des eigenen Elends zu, je mehr sich jemand seiner Erlösung nähert.

Zusammen mit dieser wohlbegründeten Furcht mischten sich bei manchen die Auswirkungen eines melancholischen Temperaments, dessen sich der Versucher bedient, um eine unnötige Verzweiflung hervorzurufen und das Werk zu hindern. Man weiss nicht, wie man mit solchen Menschen umgehen soll, denn sie legen alles, was man ihnen sagt, falsch aus, und meistens zu ihrem eigenen Nachteil.
Aber in dieser Zeit aussergewöhnlichen Segens kam diese Mischung viel seltener vor als zu anderen Zeiten; denn viele, die früher unter dieser Schwierigkeit gelitten hatten, wurden jetzt davon befreit.
Einige, die früher lange Zeit in besondere Versuchungen der einen oder anderen Art verwickelt gewesen waren, überwanden nun die früheren Stolpersteine; sie wurden auf sanftere Weise überführt und fanden den Weg zum Leben. Und so schien satan zurückgebunden zu sein bis zum Ende dieser wunderbaren Zeit.

Oft waren Menschen, die erweckt wurden, besorgt, weil sie dachten, sie wären nicht erweckt, sondern immer noch elende, verhärtete, gefühllose Wesen, schlafend auf der Schwelle der Hölle. Je mehr sie erweckt werden, desto mehr werden sie sich ihrer Hartherzigkeit bewusst und der Notwendigkeit, noch mehr erweckt zu werden; sodass sie sich selber als äusserst gefühllos ansehen, wenn sie in Wirklichkeit äusserst feinfühlig geworden sind. Einige fühlten ihre Gefahr und ihr Elend bis zum Äussersten, was sie aushalten konnten; ein wenig mehr hätte sie wahrscheinlich zugrunde gerichtet; und dennoch erklärten sie sich äusserst besorgt über ihre eigene Gefühllosigkeit und Härte während einer so aussergewöhnlichen Zeit.

Einige geraten an den Rand der Verzweiflung, und alles scheint ihnen schwarz wie die dunkelste Nacht, kurz bevor der Tag in ihren Seelen anbricht. Einige schrieen auf unter dem überwältigenden Bewusstsein ihrer Sünde, erstaunt darüber, dass Gott eine derart schuldige Kreatur überhaupt noch am Leben liess, statt sie direkt zur Hölle zu schicken.
Andere fühlten keine derartige Verzweiflung, aber hatten in ihren Herzen ein tieferes Bewusstsein ihrer eigenen vollständigen Verderbtheit und Leblosigkeit in Sünde.

Viele, die sich in solchen Umständen befanden, fühlten eine grosse Eifersucht gegen die Frommen, besonders gegen jene, die sich kürzlich bekehrt hatten, und unter diesen insbesondere gegen ihre eigenen Bekannten. Einige waren sehr verärgert über Gott und murrten gegen sein Handeln an der Menschheit, und insbesondere an ihnen persönlich. Es musste oft darauf hingewiesen werden, dass solch eifersüchtige Gedanken aufs äusserste verabscheut werden sollen, denn wenn sie zugelassen werden, dämpfen sie Gottes Geist oder fordern ihn sogar dazu heraus, eine Person aufzugeben. Wo Menschen nicht ernsthaft gegen einen solchen Geist ankämpften, wurde dies zu einem grossen Hindernis gegen ihr Seelenheil. – Aber in anderen Fällen, wo Menschen sich dieser Bosheit ihrer Herzen bewusst wurden, wendete Gott das Böse zum Guten und machte daraus ein Mittel, sie von ihrer eigenen Sündhaftigkeit zu überführen und sie von aller Zuversicht auf sich selbst zu befreien.

Es scheint die Tendenz des Wirkens des Heiligen Geistes im Menschen zu sein, ihn von seiner völligen Abhängigkeit von Gottes souveräner Macht und Gnade zu überführen, und von der allgemeinen Notwendigkeit eines Mittlers. Er zeigt ihnen, wie ungenügend ihre eigene Gerechtigkeit ist; dass sie sich in keiner Weise selbst helfen können; und dass Gott völlig gerecht wäre darin, sie und alle ihre Taten zu verwerfen und sie für immer zu verstossen. Aber die Art und Weise, wie diese Überführung geschieht, kann äusserst unterschiedlich sein.

2. Die Überführung vertieft sich, wenn der Sünder versucht sich zu bekehren, und feststellt, dass er es nicht kann.

Wenn Menschen erweckt werden, reagiert ihr Gewissen anfangs hauptsächlich auf ihre äusseren Laster und sichtbaren Sünden. Aber später fühlen sie vielmehr die Last der Herzenssünden, die Verderbtheit ihrer Natur, ihre Feindschaft gegen Gott, den Stolz ihrer Herzen, ihren Unglauben, ihre Ablehnung Christi, ihre Eigenwilligkeit und Halsstarrigkeit, und ähnliches. In vielen gebraucht Gott ihre eigene Erfahrung beim Suchen nach der Errettung, um sie von ihrer eigenen Leere und Verderbtheit zu überführen.

Am Anfang des Erwecktwerdens, wenn sie über die Sünden ihres vergangenen Lebens nachdenken, beschliessen sie oft, aufrechter zu leben, ihre Sünden zu bekennen, und viele religiöse Pflichten zu erfüllen, in der geheimen Hoffnung, den Zorn Gottes zu beschwichtigen und für vergangene Sünden Ersatz zu leisten. In diesen ersten Anstrengungen werden oft ihre Gefühle so bewegt, dass sie bei ihren Gebeten und Bekenntnissen in Tränen ausbrechen und diese als eine Art Opfer ansehen, das die Macht hätte, in Gott selber entsprechende Gefühle hervorzurufen. So hegen sie eine Zeitlang grosse Erwartungen dessen, was Gott für sie tun würde, und stellen sich vor, sie besserten sich und wären bald vollständig bekehrt. Aber diese Gefühle sind kurzlebig: bald entdecken sie, dass sie versagen, und dann denken sie, sie seien wieder schlechter geworden. Sie finden, dass sie nicht so schnell bekehrt werden können, wie sie gerne möchten: statt näherzukommen, scheinen sie jetzt weiter weg vom Ziel zu sein; ihre Herzen fühlen sich härter an, und ihre Furcht vor dem Verlorensein nimmt zu. Je mehr sie sich anstrengen, desto mehr wächst ihre Verzweiflung; und sie sehen keinerlei Anzeichen, dass Gott ihnen sein Herz zugewandt hätte.

(Anm.d.Ü) Es scheint mir notwendig, hier eine Anmerkung einzufügen, wie verirrt und verwirrt wir heutzutage sind: Was Jonathan Edwards hier erwähnt, das Bekennen von Sünden und Erfüllen von religiösen Pflichten und Gebete unter Tränen, das sehen wir oft schon als eine Bekehrung an. Und wenn diese angeblichen Bekehrten wieder zurückfallen, dann sagen wir ihnen: „Macht nichts, Jesus vergibt alles.“ Nicht wahr? – Edwards sah hier klarer: das sind die unnützen Anstrengungen des Unbekehrten, den Zorn Gottes zu beschwichtigen. In der Folge wird er erklären, worin eine echte Bekehrung besteht.

3. Der Sünder muss zu einem Punkt des Zerbruchs kommen, wo er ans Ende aller seiner Möglichkeiten gelangt, damit er versteht, dass er überhaupt nichts tun kann, um sich zu bekehren.

Wenn dann der Heilige Geist mit seinem Werk der Überführung fortfährt – d.h. wenn er nicht herausgefordert wird, die Person ganz aufzugeben -, dann haben sie beklemmendere Vorstellungen vom Zorn Gottes gegen Menschen mit derart sündigen Herzen. Vielleicht fürchten sie sogar, sie hätten die unvergebbare Sünde begangen; oder dass Gott niemals Mitleid haben würde mit solchen Schlangen, wie sie es sind; und oft sind sie versucht zu verzweifeln und die ganze Suche aufzugeben. Aber dann lesen oder hören sie wieder etwas über die grenzenlose Gnade Gottes und die Allgenügsamkeit Christi für den grössten Sünder, und ihre Hoffnung wird erneuert; aber sie denken, sie seien noch nicht bereit, zu Christus zu kommen; sie seien so böse, dass er sie nie annehmen würde. So fahren sie vielleicht fort in ihren fruchtlosen Anstrengungen aus eigener Kraft, und werden doch immer wieder enttäuscht.

Sie wissen nicht, dass sie etwas ganz anderes tun müssen, um die Gnade der Bekehrung zu erlangen; etwas, was sie noch nie getan haben. Wenn ihnen jemand sagt, dass sie zu sehr auf ihre eigene Kraft und Gerechtigkeit vertrauen, dann können sie diese Gewohnheit nicht von einem Tag auf den andern verlernen. Alles erscheint ihnen wie die dunkelste Nacht, und sie wandern über Berge und Täler und suchen Ruhe und finden sie nicht, bis sie völlig geschwächt, zerbrochen und gedemütigt sind. Damit überführt Gott sie von ihrer eigenen äussersten Hilflosigkeit und ihrem Ungenügen, und offenbart ihnen das wahre Heilmittel in einer klareren Erkenntnis Christi und seines Evangeliums.

Wenn sie anfangen die Errettung zu suchen, dann kennen sie normalerweise sich selbst noch überhaupt nicht. Sie haben kein Gefühl dafür, wie blind sie sind, und wie wenig sie dazu beitragen können, geistliche Dinge richtig zu sehen, und ihre Seele auf Gottes Gnade auszurichten. Sie fühlen nicht, wie weit sie von der Liebe zu Gott entfernt sind, und wie tot sie in Sünde sind. Wenn sie unerwartete Befleckungen in ihren Herzen finden, dann beginnen sie diese wegzuwaschen, bis Gott ihnen zeigt, dass das vergeblich ist, und dass ihre Hilfe nicht da liegt, wo sie sie suchen.

Einige Menschen wandern in diesem Irrgarten zehnmal länger umher als andere. Es scheint also nicht diese Erfahrung allein zu sein, sondern der überführende Einfluss des Heiligen Geistes zusammen mit der Erfahrung, welcher sie zum Ziel bringt. Gott hat in letzter Zeit gezeigt, dass er nicht zu warten braucht, bis jemand diese fruchtlosen Bemühungen noch und noch wiederholt hat. Oft hat er die Gewissen von Menschen derart erweckt und überführt, und sie so sensibel gemacht für ihre eigene äusserste Verderbtheit, und ihnen ein solches Bewusstsein seines Zorns über die Sünde gegeben, dass ihr wertloses Selbstvertrauen schnell zunichte wurde und sie in den Staub gedemütigt wurden vor einem heiligen und gerechten Gott.

Und einige hatten keine so tiefe Überführung von diesen Dingen vor ihrer Bekehrung, aber sie hatten umso mehr davon danach. Gott hat sich nicht auf eine bestimmte Methode zur Überführung von Sündern beschränkt. In einigen Fällen scheint es unserem Verstand einfach, die Methoden der göttlichen Weisheit in seinem Handeln an einer erweckten Person zu erkennen; in anderen Fällen können wir seine Schritte nicht nachvollziehen und seine Wege nicht herausfinden. Einige, in denen Gott weniger deutlich wirkte in ihrer Vorbereitung zum Empfang der Gnade, erlebten nachher die Gnade ebenso stark.
In keinem Bereich sind die Unterschiede zwischen verschiedenen Menschen grösser als in der Zeit, während der sie in Seelennot sind: einige nur wenige Tage, und andere während Monaten oder sogar Jahren. Viele in dieser Stadt waren vor dieser Ausgiessung des Geistes mehrere Jahre lang um ihre Errettung besorgt, aber hatten nie die Gewissheit erlangt, mit Gott im Reinen zu sein. Mehrere von ihnen sind jetzt zum Licht gekommen, aber viele von ihnen gehörten zu den Letzten. Zuerst sahen sie zu, wie Mengen anderer Menschen frohlockten, die zuvor völlig gleichgültig gewesen waren. Ja, einige von ihnen hatten bis kurz vor ihrer Bekehrung ein ausschweifendes Leben geführt, und gelangten dann bald zu einer heiligen Freude über die unendlichen Segnungen Gottes.

Fortsetzung folgt

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Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 1

4. April 2014

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers

Jonathan Edwards (1703-1758) war ein Pionier der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika, während der sich grosse Mengen von Menschen zu Jesus Christus bekehrten.

Im Jahre 1736, als Edwards seinen „Getreuen Bericht“ schrieb, befand sich die Erweckung noch in ihren Anfängen, und er selber hätte sich das Ausmass des Wirkens Gottes in den folgenden Jahren nicht vorstellen können. Er beschreibt in seinem Bericht hauptsächlich, wie Gott in den Menschen wirkte, die sich in diesen Anfängen der Erweckung bekehrten. Darin liegt der besondere Wert dieser Schrift: Ihr Verfasser zeigt ein klares und tiefes Verständnis davon, was eine Bekehrung ist. Genau das ist es, was wir heutzutage brauchen: Viele Prediger (inbegriffen Evangelikale und „Bibeltreue“) wissen nicht mehr, was Überführung von der Sünde ist, was echte Umkehr ist, und was echter Glaube ist, der durch die Gnade Gottes gewirkt wird, nicht durch die eigene Vorstellungskraft. Eine Bekehrung ist kein „Ritual“, das man in einer Kirche nach einer festgeschriebenen Form durchführen könnte (wie z.B. die bekannten „Aufrufe“ und „Übergabegebete“). Im Gegenteil, eine Bekehrung ist ein souveränes Werk Gottes, das mit einer ernsthaften geistlichen Suche von seiten des Sünders einhergeht.

Wir können vieles lernen von diesem Mann Gottes, der vor fast dreihundert Jahren mächtig gebraucht wurde.

In der vorliegenden Übersetzung wurden einige Abschnitte beiseitegelassen, die nicht direkt das Thema der Bekehrung ansprechen, oder die bereits Gesagtes allzu weitschweifig ausführen.
Die Einteilung in drei grosse Teile (I, II, III) ist ursprünglich vom Verfasser; die Untereinteilung in kleinere Abschnitte (1, 2, 3…) wurde vom Übersetzer hinzugefügt, um den Überblick zu erleichtern.


I. Allgemeine Einleitung

1. Vorgeschichte der Erweckung

Das Städtchen Northampton besteht seit etwa 82 Jahren, und hat jetzt etwa 200 Familien.
Ich bin der dritte Pfarrer, der sich in diesem Ort niedergelassen hat. Der erste war Eleazer Mather, der im Juli 1669 ordiniert wurde. Er liebte sein Volk sehr und wurde mit nicht geringem Erfolg gesegnet. Ihm folgte mein Grossvater Stoddard, der fast 60 Jahre lang an diesem Ort diente. Sein Dienst wurde mit der Bekehrung vieler Seelen gesegnet. Er hatte fünf „Ernten“, wie er es nannte. Die erste war vor 57 Jahren, die fünfte und letzte vor 18 Jahren. Er sagte, dass während jeder dieser „Ernten“ die Mehrheit der jungen Leute des Städtchens hauptsächlich um ihre ewige Errettung besorgt waren.

Nach der letzten „Ernte“ kam eine Zeit derart starken Niedergangs, zumindest unter den Jungen, wie nie zuvor. Etwa zwei Jahre vor seinem Tod trat ich meinem Grossvater im geistlichen Dienst zur Seite. Während dieser zwei Jahre gab es gegen zwanzig Menschen, von denen Herr Stoddard hoffte, sie hätten sich bekehrt zur Erlösung; aber es gab keine Anzeichen einer allgemeinen Erweckung. Unmittelbar nach dem Tod meines Grossvaters herrschte eine aussergewöhnliche Gleichgültigkeit der Religion gegenüber. Viele Jugendliche waren dem nächtlichen Ausgehen ergeben, dem Kneipenbesuch und der Ausschweifung. Oft verbrachten sie den grössten Teil der Nacht an ihren Parties, ohne die Ordnungen ihrer elterlichen Familien zu beachten; und tatsächlich versagte die Führung der Familien allzusehr.
Zudem herrschte in dem Ort seit längerem ein streitsüchtiger Geist zwischen zwei Parteien, in die sie seit vielen Jahren gespalten waren; sodass sie aufeinander eifersüchtig waren und einander in allen öffentlichen Angelegenheiten widersprachen.

Aber zwei oder drei Jahre nach Herrn Stoddards Tod wurden die Jugendlichen eher bereit, auf Ratschläge zu hören, und gaben allmählich ihre Parties auf, und mehr von ihnen als früher zeigten ein religiöses Interesse.

Am Ende des Jahres 1733 begann eine ungewöhnliche Offenheit unter den Jugendlichen. Sie hatten ihre Parties insbesondere an den Sonntagabenden gefeiert. Aber ich predigte jetzt über die schlechten Einflüsse dieser Gewohnheit, und ermahnte die Familienhäupter, ihre Familien zu regieren und ihre Kinder zu diesen Zeiten zuhause zu behalten. Aber die Eltern fanden kaum Anlass, Massnahmen in diesem Sinn zu ergreifen, denn die Jugendlichen selber zeigten sich überführt durch das, was sie von der Kanzel gehört hatten, und gehorchten aus eigenem Willen. Von da an besserte sich ihr unordentliches Verhalten, und das hielt an bis jetzt.

Nach diesem begann eine bemerkenswerte religiöse Sorge in einem kleinen Nachbardorf namens Pascommuck. Im April 1734 starb ein junger Mann plötzlich auf schreckliche Weise; und wenig später starb eine junge verheiratete Frau, die während ihrer Krankheit sehr um ihre Errettung besorgt war, aber vor ihrem Tod anscheinend zufriedenstellende Sicherheit über die Gnade Gottes ihr gegenüber erhielt, sodass sie sehr getröstet starb, während sie auf ernsthafte Weise andere warnte und beriet. Das trug anscheinend dazu bei, in vielen Jugendlichen eine ernsthafte Gesinnung zu wecken.

Im Herbst jenes Jahres schlug ich den Jugendlichen vor, sich an den Sonntagabenden unter sich zu versammeln, um über religiöse Dinge zu sprechen, und sich zu diesem Zweck in mehrere Gruppen in verschiedenen Stadtvierteln aufzuteilen. Das taten sie, und diese Versammlungen werden immer noch abgehalten, und auch ältere Leute ahmten ihr Beispiel nach.

Etwa um diese Zeit begann in diesem Landesteil der grosse Lärm um den Arminianismus. Die Freunde der Frömmigkeit fürchteten diese Angelegenheit; aber die Auseinandersetzung trug im Gegenteil zur Erweckung bei. Viele derer, die wussten, dass sie ohne Christus lebten, wurden davon aufgeweckt, denn sie fürchteten, Gott würde sich aus dem Land zurückziehen und uns den Irrlehren und dem Verderben überlassen, und dann wäre ihre Gelegenheit, errettet zu werden, vorbei. Andere begannen ein wenig zu zweifeln an den Lehren, die sie bisher gelehrt worden waren, und dann begannen sie sehr besorgt und fleissig nachzuforschen, worin wirklich der Weg besteht, von Gott angenommen zu werden.

2. Die Anfänge der Erweckung

Ende Dezember begann der Geist Gottes auf wunderbare Weise zu wirken. Plötzlich wurden fünf oder sechs Personen, eine nach der anderen, nach allen Anzeichen zur ewigen Errettung bekehrt, und in einigen von ihnen wirkte Gott in bemerkenswerter Weise.

Besonders der Fall einer jungen Frau überraschte mich, die eine der eifrigsten Partygängerinnen der ganzen Stadt gewesen war. Nie zuvor hatte ich gehört, dass sie auf irgendeine Weise ernsthaft gewesen wäre; aber als sie zu mir kam, berichtete sie mir von einem herrlichen Werk der unendlichen Macht und souveränen Gnade Gottes; und dass Gott ihr ein neues Herz gegeben hatte, das wirklich zerbrochen und geheiligt war. Ich konnte nicht daran zweifeln, und ich habe seither in meiner Bekanntschaft mit ihr vieles gesehen, was es bestätigt.

Dennoch sorgte ich mich um die möglichen Auswirkungen dieser Bekehrung auf andere. Ich schloss allzu voreilig, dass einige dadurch in ihrer unbekümmerten und losen Lebensführung bestärkt werden könnten, und die Religion lästern könnten. Aber wunderbarerweise war es umgekehrt: Gott machte daraus die grösste Gelegenheit, andere zu erwecken. Durch meine persönlichen Gespräche mit vielen hatte ich genügend Gelegenheit, die Auswirkungen kennenzulernen. Die Nachricht schien wie ein Blitz in die Herzen der Jugendlichen in der Stadt und ausserhalb einzuschlagen. Jene, die am weitesten von der Ernsthaftigkeit entfernt waren, wurden dadurch erweckt. Viele gingen zu der jungen Frau, um mit ihr über ihre Erfahrung zu sprechen; und was sie in ihr sahen, war zur Zufriedenheit aller, die sie kennenlernten.

Damit begann in allen Stadtteilen, und unter Menschen aller Schichten und allen Alters, eine grosse und ernsthafte Sorge um die grossen Dinge des Glaubens und der Ewigkeit. Es wurde über nichts anderes mehr gesprochen als über geistliche und ewige Dinge. Andere Gesprächsthemen wurden in Gesellschaft kaum noch toleriert. Die Sinne der Menschen wurden auf wunderbare Weise von den Dingen der Welt weg gelenkt, welche unter uns als Dinge von geringster Wichtigkeit behandelt wurden. Die grössere Versuchung schien nun darin zu bestehen, die Angelegenheiten dieser Welt zu sehr zu vernachlässigen und allzuviel Zeit mit religiösen Dingen zu verbringen. Das wurde in Nachrichten andernorts übertrieben und verzerrt dargestellt, als ob die Leute hier alle weltlichen Beschäftigungen überhaupt aufgegeben hätten und ihre Zeit nur noch mit Lesen und Beten verbrächten.

Aber obwohl die Leute normalerweise ihre weltlichen Geschäfte nicht vernachlässigten, so war doch die Religion zur Hauptsache geworden. Das einzige, worauf sie ihren Blick richteten, war, ins Himmelreich zu kommen, und jeder schien sich hineinzudrängen. Da war es unter uns ein schreckliches Ding, sich ausserhalb von Christus zu befinden und täglich in Gefahr zu stehen, in die Hölle zu fallen; und die Menschen richteten ihren Sinn darauf, um ihr Leben zu fliehen und dem kommenden Zorn zu entrinnen. Oft trafen sie sich in ihren Häusern zu religiösen Zwecken, und solche Versammlungen waren jeweils überfüllt.

In dem Mass, wie dieses Werk Gottes fortschritt und sich die Anzahl echter Heiliger vermehrte, änderte sich die Stadt auf herrliche Weise: Im Frühling und Sommer 1735 schien die Stadt erfüllt von der Gegenwart Gottes. Nie zuvor war sie so voll von Liebe und Freude gewesen, und doch so voll von Seelennot. In fast jedem Haus gab es Zeichen von Gottes Gegenwart. Es war eine Zeit der Freude in den Familien über die Errettung, die zu ihnen gekommen war: Eltern freuten sich über ihre wiedergeborenen Kinder, Männer über ihre Ehefrauen und Frauen über ihre Ehemänner. Unsere öffentlichen Versammlungen waren voll Schönheit: die Menschen waren lebendig im Dienst Gottes, jedermann ernsthaft darauf bedacht, Gott anzubeten, jeder Zuhörer trank fleissig die Worte des Predigers; die ganze Versammlung brach ab und zu in Tränen aus, während das Wort verkündigt wurde; einige weinten aus Sorge und Seelennot, andere aus Freude und Liebe, andere aus Mitleid und Besorgnis um die Seelen ihrer Nächsten.

Wenn unsere Jugendlichen zusammenkamen, verbrachten sie die Zeit mit Gesprächen über die Vorzüglichkeit und die opfernde Liebe Jesu, über die Herrlichkeit des Heilswegs, die wunderbare, freie und souveräne Gnade Gottes, sein herrliches Werk in der Bekehrung einer Seele, die Wahrheit und Gewissheit von Gottes Wort, die Lieblichkeit seiner Vollkommenheit, usw. Und sogar an Hochzeiten, die früher nur Gelegenheiten zu weltlichen Vergnügungen gewesen waren, wurde jetzt von nichts anderem gesprochen als von religiösen Dingen, und es gab keine andere Freude ausser der Freude im Geist.
Jene unter uns, die schon früher bekehrt worden waren, wurden mächtig belebt und erneuert mit einem frischen und aussergewöhnlichen Mass des Heiligen Geistes. Viele, die zuvor unter Schwierigkeiten über ihren eigenen Zustand gelitten hatten, sahen nun ihre Zweifel beseitigt durch eine befriedigendere Erfahrung und klarere Entdeckungen der Liebe Gottes.

Die Menschen von ausserhalb der Stadt wussten anscheinend nicht, was sie davon halten sollten. Viele lachten darüber und verglichen unsere Bekehrungen mit gewissen Krankheiten. Aber viele, die gelegentlich in die Stadt kamen mit Verachtung in ihren Herzen, wurden von dieser Haltung geheilt durch das, was sie sahen. Fremde waren im allgemeinen überrascht, dass die Dinge noch viel wunderbarer waren, als sie gehört hatten, und sagten anderen, man könne sich den Zustand der Stadt gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hätte.
Viele, die in die Stadt kamen, wurden in ihrem Gewissen geschlagen und erweckt, und gingen mit verwundetem Herzen nach Hause, und mit diesen Eindrücken, die nicht weggingen, bis sie zur Errettung fanden. Viele Leute kamen von ausserhalb zu Besuch oder für Geschäfte, und bevor sie lange Zeit hier gewesen waren, wirkte Gott in ihnen zur Errettung, und sie nahmen teil an dem Segen, den Gott hier herabschüttete, und gingen frohlockend nach Hause; bis mit der Zeit dasselbe Werk auch in anderen Städten des Bezirks anfing.

Diese bemerkenswerte Ausgiessung des Heiligen Geistes geschah auch an vielen Orten in Connecticut. Z.B. wurde die erste Kirche in Windsor etwa zur gleichen Zeit wie wir in Northampton auf dieselbe Weise gesegnet, ohne dass wir voneinander wussten. Sehr viele Seelen wurden an jenem Ort zu Christus versammelt.

Es war auch aussergewöhnlich, dass der Geist Gottes seinen Einfluss zur Wiedergeburt auf alte und auf sehr junge Menschen ausgedehnt hat. Bisher hat man selten davon gehört, dass Menschen jenseits der Lebensmitte bekehrt worden seien; aber jetzt sind ebensoviele ältere wie jüngere Menschen errettet worden. Ich nehme an, dass mehr als fünfzig Personen über vierzig Jahren in dieser Stadt bekehrt worden sind; mehr als zwanzig Personen über fünfzig; etwa zehn Personen über sechzig; und zwei über siebzig Jahren.

Es ist bisher als etwas Seltsames angesehen worden, wenn jemand in seiner Kindheit errettet wurde und sich auf bemerkenswerte Weise veränderte. Aber jetzt sind rund dreissig Personen zwischen zehn und vierzehn Jahren errettet worden; zwei zwischen neun und zehn Jahren, und eine im Alter von vier Jahren. Da ich annehme, letzteres wird man mir nur mit grössten Schwierigkeiten glauben, so werde ich am Schluss einen besonderen Bericht davon geben.

Gott scheint auch inbezug auf die Schnelligkeit seines Werkes seine üblichen Wege verlassen zu haben. Es ist wunderbar, dass Menschen so plötzlich und so stark verändert wurden. Viele wurden aus einem losen und unbekümmerten Leben herausgenommen, von ihrer Schuld und ihrem Elend zutiefst überführt, und in sehr kurzer Zeit war das Alte vergangen, und alles in ihrem Leben wurde neu.
Wenn Gott das Werk auf so bemerkenswerte Weise in seine eigenen Hände nahm, dann geschah in einem oder zwei Tagen so viel, wie in gewöhnlichen Zeiten mit allen menschenmöglichen Anstrengungen in einem Jahr geschieht.

Ich bin mir sehr bewusst, dass viele Leser dieses Berichts denken werden, ich sei darauf aus, möglichst viele Bekehrte zu machen; und ich betrachtete aus Mangel an Urteilsvermögen jedes religiöse Weh und jede schwärmerische Einbildung als eine Bekehrung. Genau deswegen habe ich so lange damit zugewartet, einen Bericht über dieses grosse Werk Gottes zu veröffentlichen, obwohl ich oft darum gebeten wurde. Aber da ich nun einen besonderen Ruf habe, über dieses Werk Rechenschaft abzulegen, so dachte ich nach reiflicher Überlegung, es sei meine Pflicht, dieses erstaunliche Werk zu verkünden und nichts von seiner Herrlichkeit zu verschweigen. Ich überlasse es Gott, sich um die Ehre für sein eigenes Werk zu sorgen, und gehe das Risiko von verurteilenden Gedanken gegen meine Person ein. Damit Menschen in der Ferne so gut wie möglich selber über diese Sache urteilen können, werde ich länger und detaillierter schreiben.