Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 1

Leicht gekürzte Übersetzung

Vorwort des Übersetzers

Jonathan Edwards (1703-1758) war ein Pionier der „Ersten Grossen Erweckung“ in Nordamerika, während der sich grosse Mengen von Menschen zu Jesus Christus bekehrten.

Im Jahre 1736, als Edwards seinen „Getreuen Bericht“ schrieb, befand sich die Erweckung noch in ihren Anfängen, und er selber hätte sich das Ausmass des Wirkens Gottes in den folgenden Jahren nicht vorstellen können. Er beschreibt in seinem Bericht hauptsächlich, wie Gott in den Menschen wirkte, die sich in diesen Anfängen der Erweckung bekehrten. Darin liegt der besondere Wert dieser Schrift: Ihr Verfasser zeigt ein klares und tiefes Verständnis davon, was eine Bekehrung ist. Genau das ist es, was wir heutzutage brauchen: Viele Prediger (inbegriffen Evangelikale und „Bibeltreue“) wissen nicht mehr, was Überführung von der Sünde ist, was echte Umkehr ist, und was echter Glaube ist, der durch die Gnade Gottes gewirkt wird, nicht durch die eigene Vorstellungskraft. Eine Bekehrung ist kein „Ritual“, das man in einer Kirche nach einer festgeschriebenen Form durchführen könnte (wie z.B. die bekannten „Aufrufe“ und „Übergabegebete“). Im Gegenteil, eine Bekehrung ist ein souveränes Werk Gottes, das mit einer ernsthaften geistlichen Suche von seiten des Sünders einhergeht.

Wir können vieles lernen von diesem Mann Gottes, der vor fast dreihundert Jahren mächtig gebraucht wurde.

In der vorliegenden Übersetzung wurden einige Abschnitte beiseitegelassen, die nicht direkt das Thema der Bekehrung ansprechen, oder die bereits Gesagtes allzu weitschweifig ausführen.
Die Einteilung in drei grosse Teile (I, II, III) ist ursprünglich vom Verfasser; die Untereinteilung in kleinere Abschnitte (1, 2, 3…) wurde vom Übersetzer hinzugefügt, um den Überblick zu erleichtern.


I. Allgemeine Einleitung

1. Vorgeschichte der Erweckung

Das Städtchen Northampton besteht seit etwa 82 Jahren, und hat jetzt etwa 200 Familien.
Ich bin der dritte Pfarrer, der sich in diesem Ort niedergelassen hat. Der erste war Eleazer Mather, der im Juli 1669 ordiniert wurde. Er liebte sein Volk sehr und wurde mit nicht geringem Erfolg gesegnet. Ihm folgte mein Grossvater Stoddard, der fast 60 Jahre lang an diesem Ort diente. Sein Dienst wurde mit der Bekehrung vieler Seelen gesegnet. Er hatte fünf „Ernten“, wie er es nannte. Die erste war vor 57 Jahren, die fünfte und letzte vor 18 Jahren. Er sagte, dass während jeder dieser „Ernten“ die Mehrheit der jungen Leute des Städtchens hauptsächlich um ihre ewige Errettung besorgt waren.

Nach der letzten „Ernte“ kam eine Zeit derart starken Niedergangs, zumindest unter den Jungen, wie nie zuvor. Etwa zwei Jahre vor seinem Tod trat ich meinem Grossvater im geistlichen Dienst zur Seite. Während dieser zwei Jahre gab es gegen zwanzig Menschen, von denen Herr Stoddard hoffte, sie hätten sich bekehrt zur Erlösung; aber es gab keine Anzeichen einer allgemeinen Erweckung. Unmittelbar nach dem Tod meines Grossvaters herrschte eine aussergewöhnliche Gleichgültigkeit der Religion gegenüber. Viele Jugendliche waren dem nächtlichen Ausgehen ergeben, dem Kneipenbesuch und der Ausschweifung. Oft verbrachten sie den grössten Teil der Nacht an ihren Parties, ohne die Ordnungen ihrer elterlichen Familien zu beachten; und tatsächlich versagte die Führung der Familien allzusehr.
Zudem herrschte in dem Ort seit längerem ein streitsüchtiger Geist zwischen zwei Parteien, in die sie seit vielen Jahren gespalten waren; sodass sie aufeinander eifersüchtig waren und einander in allen öffentlichen Angelegenheiten widersprachen.

Aber zwei oder drei Jahre nach Herrn Stoddards Tod wurden die Jugendlichen eher bereit, auf Ratschläge zu hören, und gaben allmählich ihre Parties auf, und mehr von ihnen als früher zeigten ein religiöses Interesse.

Am Ende des Jahres 1733 begann eine ungewöhnliche Offenheit unter den Jugendlichen. Sie hatten ihre Parties insbesondere an den Sonntagabenden gefeiert. Aber ich predigte jetzt über die schlechten Einflüsse dieser Gewohnheit, und ermahnte die Familienhäupter, ihre Familien zu regieren und ihre Kinder zu diesen Zeiten zuhause zu behalten. Aber die Eltern fanden kaum Anlass, Massnahmen in diesem Sinn zu ergreifen, denn die Jugendlichen selber zeigten sich überführt durch das, was sie von der Kanzel gehört hatten, und gehorchten aus eigenem Willen. Von da an besserte sich ihr unordentliches Verhalten, und das hielt an bis jetzt.

Nach diesem begann eine bemerkenswerte religiöse Sorge in einem kleinen Nachbardorf namens Pascommuck. Im April 1734 starb ein junger Mann plötzlich auf schreckliche Weise; und wenig später starb eine junge verheiratete Frau, die während ihrer Krankheit sehr um ihre Errettung besorgt war, aber vor ihrem Tod anscheinend zufriedenstellende Sicherheit über die Gnade Gottes ihr gegenüber erhielt, sodass sie sehr getröstet starb, während sie auf ernsthafte Weise andere warnte und beriet. Das trug anscheinend dazu bei, in vielen Jugendlichen eine ernsthafte Gesinnung zu wecken.

Im Herbst jenes Jahres schlug ich den Jugendlichen vor, sich an den Sonntagabenden unter sich zu versammeln, um über religiöse Dinge zu sprechen, und sich zu diesem Zweck in mehrere Gruppen in verschiedenen Stadtvierteln aufzuteilen. Das taten sie, und diese Versammlungen werden immer noch abgehalten, und auch ältere Leute ahmten ihr Beispiel nach.

Etwa um diese Zeit begann in diesem Landesteil der grosse Lärm um den Arminianismus. Die Freunde der Frömmigkeit fürchteten diese Angelegenheit; aber die Auseinandersetzung trug im Gegenteil zur Erweckung bei. Viele derer, die wussten, dass sie ohne Christus lebten, wurden davon aufgeweckt, denn sie fürchteten, Gott würde sich aus dem Land zurückziehen und uns den Irrlehren und dem Verderben überlassen, und dann wäre ihre Gelegenheit, errettet zu werden, vorbei. Andere begannen ein wenig zu zweifeln an den Lehren, die sie bisher gelehrt worden waren, und dann begannen sie sehr besorgt und fleissig nachzuforschen, worin wirklich der Weg besteht, von Gott angenommen zu werden.

2. Die Anfänge der Erweckung

Ende Dezember begann der Geist Gottes auf wunderbare Weise zu wirken. Plötzlich wurden fünf oder sechs Personen, eine nach der anderen, nach allen Anzeichen zur ewigen Errettung bekehrt, und in einigen von ihnen wirkte Gott in bemerkenswerter Weise.

Besonders der Fall einer jungen Frau überraschte mich, die eine der eifrigsten Partygängerinnen der ganzen Stadt gewesen war. Nie zuvor hatte ich gehört, dass sie auf irgendeine Weise ernsthaft gewesen wäre; aber als sie zu mir kam, berichtete sie mir von einem herrlichen Werk der unendlichen Macht und souveränen Gnade Gottes; und dass Gott ihr ein neues Herz gegeben hatte, das wirklich zerbrochen und geheiligt war. Ich konnte nicht daran zweifeln, und ich habe seither in meiner Bekanntschaft mit ihr vieles gesehen, was es bestätigt.

Dennoch sorgte ich mich um die möglichen Auswirkungen dieser Bekehrung auf andere. Ich schloss allzu voreilig, dass einige dadurch in ihrer unbekümmerten und losen Lebensführung bestärkt werden könnten, und die Religion lästern könnten. Aber wunderbarerweise war es umgekehrt: Gott machte daraus die grösste Gelegenheit, andere zu erwecken. Durch meine persönlichen Gespräche mit vielen hatte ich genügend Gelegenheit, die Auswirkungen kennenzulernen. Die Nachricht schien wie ein Blitz in die Herzen der Jugendlichen in der Stadt und ausserhalb einzuschlagen. Jene, die am weitesten von der Ernsthaftigkeit entfernt waren, wurden dadurch erweckt. Viele gingen zu der jungen Frau, um mit ihr über ihre Erfahrung zu sprechen; und was sie in ihr sahen, war zur Zufriedenheit aller, die sie kennenlernten.

Damit begann in allen Stadtteilen, und unter Menschen aller Schichten und allen Alters, eine grosse und ernsthafte Sorge um die grossen Dinge des Glaubens und der Ewigkeit. Es wurde über nichts anderes mehr gesprochen als über geistliche und ewige Dinge. Andere Gesprächsthemen wurden in Gesellschaft kaum noch toleriert. Die Sinne der Menschen wurden auf wunderbare Weise von den Dingen der Welt weg gelenkt, welche unter uns als Dinge von geringster Wichtigkeit behandelt wurden. Die grössere Versuchung schien nun darin zu bestehen, die Angelegenheiten dieser Welt zu sehr zu vernachlässigen und allzuviel Zeit mit religiösen Dingen zu verbringen. Das wurde in Nachrichten andernorts übertrieben und verzerrt dargestellt, als ob die Leute hier alle weltlichen Beschäftigungen überhaupt aufgegeben hätten und ihre Zeit nur noch mit Lesen und Beten verbrächten.

Aber obwohl die Leute normalerweise ihre weltlichen Geschäfte nicht vernachlässigten, so war doch die Religion zur Hauptsache geworden. Das einzige, worauf sie ihren Blick richteten, war, ins Himmelreich zu kommen, und jeder schien sich hineinzudrängen. Da war es unter uns ein schreckliches Ding, sich ausserhalb von Christus zu befinden und täglich in Gefahr zu stehen, in die Hölle zu fallen; und die Menschen richteten ihren Sinn darauf, um ihr Leben zu fliehen und dem kommenden Zorn zu entrinnen. Oft trafen sie sich in ihren Häusern zu religiösen Zwecken, und solche Versammlungen waren jeweils überfüllt.

In dem Mass, wie dieses Werk Gottes fortschritt und sich die Anzahl echter Heiliger vermehrte, änderte sich die Stadt auf herrliche Weise: Im Frühling und Sommer 1735 schien die Stadt erfüllt von der Gegenwart Gottes. Nie zuvor war sie so voll von Liebe und Freude gewesen, und doch so voll von Seelennot. In fast jedem Haus gab es Zeichen von Gottes Gegenwart. Es war eine Zeit der Freude in den Familien über die Errettung, die zu ihnen gekommen war: Eltern freuten sich über ihre wiedergeborenen Kinder, Männer über ihre Ehefrauen und Frauen über ihre Ehemänner. Unsere öffentlichen Versammlungen waren voll Schönheit: die Menschen waren lebendig im Dienst Gottes, jedermann ernsthaft darauf bedacht, Gott anzubeten, jeder Zuhörer trank fleissig die Worte des Predigers; die ganze Versammlung brach ab und zu in Tränen aus, während das Wort verkündigt wurde; einige weinten aus Sorge und Seelennot, andere aus Freude und Liebe, andere aus Mitleid und Besorgnis um die Seelen ihrer Nächsten.

Wenn unsere Jugendlichen zusammenkamen, verbrachten sie die Zeit mit Gesprächen über die Vorzüglichkeit und die opfernde Liebe Jesu, über die Herrlichkeit des Heilswegs, die wunderbare, freie und souveräne Gnade Gottes, sein herrliches Werk in der Bekehrung einer Seele, die Wahrheit und Gewissheit von Gottes Wort, die Lieblichkeit seiner Vollkommenheit, usw. Und sogar an Hochzeiten, die früher nur Gelegenheiten zu weltlichen Vergnügungen gewesen waren, wurde jetzt von nichts anderem gesprochen als von religiösen Dingen, und es gab keine andere Freude ausser der Freude im Geist.
Jene unter uns, die schon früher bekehrt worden waren, wurden mächtig belebt und erneuert mit einem frischen und aussergewöhnlichen Mass des Heiligen Geistes. Viele, die zuvor unter Schwierigkeiten über ihren eigenen Zustand gelitten hatten, sahen nun ihre Zweifel beseitigt durch eine befriedigendere Erfahrung und klarere Entdeckungen der Liebe Gottes.

Die Menschen von ausserhalb der Stadt wussten anscheinend nicht, was sie davon halten sollten. Viele lachten darüber und verglichen unsere Bekehrungen mit gewissen Krankheiten. Aber viele, die gelegentlich in die Stadt kamen mit Verachtung in ihren Herzen, wurden von dieser Haltung geheilt durch das, was sie sahen. Fremde waren im allgemeinen überrascht, dass die Dinge noch viel wunderbarer waren, als sie gehört hatten, und sagten anderen, man könne sich den Zustand der Stadt gar nicht vorstellen, wenn man es nicht selbst gesehen hätte.
Viele, die in die Stadt kamen, wurden in ihrem Gewissen geschlagen und erweckt, und gingen mit verwundetem Herzen nach Hause, und mit diesen Eindrücken, die nicht weggingen, bis sie zur Errettung fanden. Viele Leute kamen von ausserhalb zu Besuch oder für Geschäfte, und bevor sie lange Zeit hier gewesen waren, wirkte Gott in ihnen zur Errettung, und sie nahmen teil an dem Segen, den Gott hier herabschüttete, und gingen frohlockend nach Hause; bis mit der Zeit dasselbe Werk auch in anderen Städten des Bezirks anfing.

Diese bemerkenswerte Ausgiessung des Heiligen Geistes geschah auch an vielen Orten in Connecticut. Z.B. wurde die erste Kirche in Windsor etwa zur gleichen Zeit wie wir in Northampton auf dieselbe Weise gesegnet, ohne dass wir voneinander wussten. Sehr viele Seelen wurden an jenem Ort zu Christus versammelt.

Es war auch aussergewöhnlich, dass der Geist Gottes seinen Einfluss zur Wiedergeburt auf alte und auf sehr junge Menschen ausgedehnt hat. Bisher hat man selten davon gehört, dass Menschen jenseits der Lebensmitte bekehrt worden seien; aber jetzt sind ebensoviele ältere wie jüngere Menschen errettet worden. Ich nehme an, dass mehr als fünfzig Personen über vierzig Jahren in dieser Stadt bekehrt worden sind; mehr als zwanzig Personen über fünfzig; etwa zehn Personen über sechzig; und zwei über siebzig Jahren.

Es ist bisher als etwas Seltsames angesehen worden, wenn jemand in seiner Kindheit errettet wurde und sich auf bemerkenswerte Weise veränderte. Aber jetzt sind rund dreissig Personen zwischen zehn und vierzehn Jahren errettet worden; zwei zwischen neun und zehn Jahren, und eine im Alter von vier Jahren. Da ich annehme, letzteres wird man mir nur mit grössten Schwierigkeiten glauben, so werde ich am Schluss einen besonderen Bericht davon geben.

Gott scheint auch inbezug auf die Schnelligkeit seines Werkes seine üblichen Wege verlassen zu haben. Es ist wunderbar, dass Menschen so plötzlich und so stark verändert wurden. Viele wurden aus einem losen und unbekümmerten Leben herausgenommen, von ihrer Schuld und ihrem Elend zutiefst überführt, und in sehr kurzer Zeit war das Alte vergangen, und alles in ihrem Leben wurde neu.
Wenn Gott das Werk auf so bemerkenswerte Weise in seine eigenen Hände nahm, dann geschah in einem oder zwei Tagen so viel, wie in gewöhnlichen Zeiten mit allen menschenmöglichen Anstrengungen in einem Jahr geschieht.

Ich bin mir sehr bewusst, dass viele Leser dieses Berichts denken werden, ich sei darauf aus, möglichst viele Bekehrte zu machen; und ich betrachtete aus Mangel an Urteilsvermögen jedes religiöse Weh und jede schwärmerische Einbildung als eine Bekehrung. Genau deswegen habe ich so lange damit zugewartet, einen Bericht über dieses grosse Werk Gottes zu veröffentlichen, obwohl ich oft darum gebeten wurde. Aber da ich nun einen besonderen Ruf habe, über dieses Werk Rechenschaft abzulegen, so dachte ich nach reiflicher Überlegung, es sei meine Pflicht, dieses erstaunliche Werk zu verkünden und nichts von seiner Herrlichkeit zu verschweigen. Ich überlasse es Gott, sich um die Ehre für sein eigenes Werk zu sorgen, und gehe das Risiko von verurteilenden Gedanken gegen meine Person ein. Damit Menschen in der Ferne so gut wie möglich selber über diese Sache urteilen können, werde ich länger und detaillierter schreiben.

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