Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 4

Leicht gekürzte Übersetzung

8. Zweifel nach der Bekehrung

Einige Bekehrte sind fast immer voll von Hoffnung und Zufriedenheit hinsichtlich ihrer eigenen Errettung; aber doch nicht so sehr, dass sie die Selbstprüfung als unnötig ansähen. Andererseits fallen die meisten ab und zu ein einen „toten“ Geisteszustand und haben dann häufige Skrupel und Furcht hinsichtlich ihres Zustandes.

Sie wissen, wie schrecklich eine falsche Hoffnung ist; und die meisten sind sehr vorsichtig, wenn sie von ihren Erfahrungen Zeugnis geben. Manche fürchteten danach, als Heuchler gehandelt zu haben, und sich stärker ausgedrückt zu haben, als es in ihrem Fall zulässig wäre; aber sie wussten nicht, wie sie sich korrigieren könnten.

Ich denke, der Hauptgrund für diese Zweifel und Furcht nach der Bekehrung besteht darin, dass sie noch so viel Verderbnis in ihren Herzen übrig finden. Anfangs schienen ihre Seelen völlig lebendig zu sein, ihre Herzen waren in Ordnung, und sie fanden wenig Schwierigkeiten in der Ausübung ihres Glaubens. Dann sind sie überrascht, wenn sie feststellen, dass sie ab und zu wieder in Gleichgültigkeit oder in ablenkende Gedanken fallen während den gemeinsamen oder persönlichen Anbetungszeiten, und diese Gedanken nicht aufhalten können. Oder sie finden wieder weltliche Haltungen in sich: Stolz, Neid, Rachsucht, und andere Werke der innewohnenden Sünde. Dann sinkt ihr Mut vor Enttäuschung, und sie beginnen zu denken, sie seien nur Heuchler.

Dann sagen sie, es sei so viel Verderbnis in ihren Herzen, dass da keine Güte wohne. Viele sind ihrer eigenen Verderbtheit gegenüber viel sensibler als vor ihrer Bekehrung, und es scheint ihnen, ihr Zustand würde schlimmer statt besser. Aber die Wahrheit ist, dass sie jetzt – im Gegensatz zu früher – ihrem eigenen Herzen gegenüber wachsam sind, und deshalb den Schmerz ihrer eigenen Wunde stärker fühlen. So sind sie sich ihrer eigenen Sünde viel stärker bewusst und kämpfen auch stärker dagegen.

Sie sind auch davon überrascht, dass sie so wenig der Vorstellung entsprechen, die sie zuvor von einem gottesfürchtigen Menschen gehabt hatten. Obwohl die Gnade tatsächlich noch viel herrlicher ist, als sie sich vorgestellt hatten, so haben doch die Gottesfürchtigen weniger davon, und mehr verbleibende Verderbnis, als sie gedacht hatten. Sie wussten nicht, dass Bekehrte mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Deshalb sind sie bei aller Selbstprüfung normalerweise nicht davon überzeugt, dass sie wirklich in der Gnade stehen, während sie durch diese „toten“ Zeiten gehen. Wenn sie von den Zeichen der Gnade hören, anhand derer sie sich selbst prüfen können, dann sind ihre Gedanken oft so umwölkt, dass sie nicht wissen, wie sie diese Zeichen anwenden sollen. Sie wissen kaum, ob sie dieses oder jenes haben oder nicht, und ob sie dieses oder jenes erfahren haben oder nicht. Sie können die Erinnerung an ihre besten, entzückendsten und herausragendsten Erfahrungen nicht wiedergewinnen. Aber wenn der Einfluss des Geistes Gottes zurückkehrt, bricht das Licht durch die Wolken, und die Zweifel und die Dunkelheit verschwinden.

Oft werden die Bekehrten neu belebt durch ein Gespräch über göttliche Dinge. Und wenn sie ihren christlichen Geschwistern ihre vergangenen Erfahrungen erzählen, lebt die Erinnerung wieder auf, und die Erfahrung selbst wird in gewissem Mass erneuert. Manchmal, wenn sie voll von Zweifeln sind, kommt ihnen eine Schriftstelle nach der andern in den Sinn, die ihre Schwierigkeiten beantwortet. Aber oft geht dem neuen Trost eine neue Demütigung voraus.

9. Innere Eindrücke und Bilder

Manche Menschen haben von diesem grossen Werk schlecht gedacht, nachdem sie von den (geistlichen) Eindrücken hörten, die die Menschen hier in ihrer Vorstellung empfangen hatten. Es gab viele Missverständnisse und falsche Berichte darüber. Soweit ich weiss, ist niemand hier in der Stadt der Meinung, es solle irgendwelches Gewicht gelegt werden auf Visionen, die jemand mit seinen körperlichen Augen gesehen hätte. Das Gegenteil ist unser Prinzip. Es gab zwar Menschen, die zu sehr von nichtigen und nutzlosen Vorstellungen beeinflusst wurden; aber diese wurden mit Leichtigkeit zurechtgewiesen. Man soll sich nicht darüber verwundern, dass eine Gemeinde in solchen Fällen Hilfe braucht, um zwischen Weizen und Spreu zu unterscheiden. Aber jene Eindrücke, die für gewöhnlich auftraten, scheinen mir keine anderen zu sein als jene, die von der menschlichen Natur unter solchen Umständen zu erwarten sind, als natürliches Ergebnis der starken Konzentration des Sinnes und der Eindrücke des Herzens.

Kaum jemand denkt, er hätte etwas mit seinen körperlichen Augen gesehen; sie werden einfach innerlich von gewissen Ideen und von Bildern in ihrem Geist stark beeindruckt. Einige sahen z.B, wenn sie in starker Furcht vor der Hölle waren, höchst lebendige Bilder von einem brennenden Ofen. Einige, wenn sie stark beeindruckt wurden von der Schönheit und Herrlichkeit Christi, erhielten in ihrem Sinn eine Idee von jemandem von herrlicher Majestät und gütigem Aussehen. Einige, die vom Tod Jesu stark berührt wurden, hatten gleichzeitig eine lebendige Idee von Christus, der am Kreuz hängt, während Blut aus seinen Wunden strömt. Wenn man weiss, wie sehr schon jeglicher starker Eindruck über Dinge dieser Welt geistige Bilder hervorruft, wird man sich über solche Dinge nicht verwundern.

Es gab tatsächlich einige wenige Fälle von Eindrücken, die mir ein Geheimnis bleiben, welche von einem viel grösseren Bewusstsein von der geistlichen Vollkommenheit göttlicher Dinge begleitet wurden. Aber ich konnte nicht herausfinden, ob die Eindrücke jener Menschen mehr waren als das, was natürlicherweise aus ihrem geistlichen Bewusstsein hervorgehen könnte. Ich bin in solchen Fällen immer äusserst vorsichtig gewesen und bemühte mich sehr, die Leute den Unterschied zu lehren zwischen dem, was geistlich ist, und dem, was nur Einbildung ist.

Man wird aus diesem Bericht ersehen haben, dass die Menschen hier die Gewohnheit haben, freimütig miteinander über ihre geistlichen Erfahrungen zu sprechen. Manche (Aussenstehende) fühlten sich davon abgestossen. Aber wenn auch unsere Leute in gewisser Hinsicht darin in Extreme gegangen sind, so ist es doch zweifellos eine Gewohnheit, die natürlicherweise durch die Umstände dieser Stadt und ihrer Nachbarstädte entstanden ist. Wo immer Menschen sich so sehr mit derselben Sache beschäftigen, dass diese Sache in ihren Gedanken zuvorderst ist, da werden sie diese Sache natürlicherweise zu ihrem Gesprächsthema machen, wenn sie zusammenkommen, und darin immer freimütiger werden. Ihre Hemmungen verschwinden, und sie werden nicht voreinander verbergen, was sie erlebt haben. Und im allgemeinen hat diese Gewohnheit viele gute Wirkungen hervorgebracht, und Gott hat sie gesegnet. Ich gebe zu, dass es auch einige schlechte Folgen gab, die aber eher einem indiskreten Umgang damit zuzuschreiben sind als der Gewohnheit selbst. Niemanden wird es verwundern, dass unter einer so grossen Menge auch einige sind, die in der Wahl der Zeit, der Gelegenheit und der Art und Weise solcher Gespräche unvorsichtig sind.

(Anm:  Punkt 9 gehört nicht mehr direkt zum Thema der Bekehrung. Ich habe diesen Abschnitt dennoch zum Nutzen des Lesers in gekürzter Form beibehalten. Es hat mich beeindruckt – v.a. angesichts der z.T. sehr heftigen Auseinandersetzungen um charismatische Erscheinungen während der letzten hundert Jahre, insbesondere im deutschen Sprachraum -, dass Edwards um diese Dinge überhaupt kein grosses Tamtam macht, weder im zustimmenden noch im ablehnenden Sinn. (Obwohl, wie aus dem Text hervorgeht, es auch damals Auseinandersetzungen darum gab.) Er beschreibt sie einfach als natürlicherweise auftretende Begleiterscheinungen, wo immer eine grössere Anzahl Menschen sich über längere Zeit und intensiv auf geistliche Dinge konzentriert. Würde Edwards heute leben, dann wäre er kaum ein Charismatiker. Aber ebensowenig würde er ständig im Sinne der Berliner Erklärung „Von unten, von unten!“ rufen und einen Skandal daraus machen. Solch ausgeglichene Persönlichkeiten hätten auch die deutschsprachigen Evangelikalen und Pfingstler der letzten hundert Jahre in grösserer Zahl nötig gehabt.)

Fortsetzung folgt

Advertisements

Schlagwörter: , , ,


%d Bloggern gefällt das: