Jonathan Edwards: Ein getreuer Bericht vom überraschenden Wirken Gottes – Teil 6

Leicht gekürzte Übersetzung

2. Ein vierjähriges Mädchen

Aber ich gehe jetzt zu einem anderen Beispiel über, von dem Mädchen, das ich bereits erwähnte. Ihr Name ist Phebe Bartlet. [Sie war im Jahre 1789 noch am Leben und zeigte weiterhin den Charakter einer wahrhaft bekehrten Person.] Ich gebe den Bericht wieder, wie ich ihn von ihren Eltern hörte, an deren Wahrhaftigkeit niemand zweifelt, der sie kennt.

Sie wurde im März 1731 geboren. Ende April oder anfangs Mai 1735 wurde sie sehr beeindruckt durch ein Gespräch mit ihrem Bruder, der sich kurz zuvor im Alter von elf Jahren bekehrt hatte. Ihre Eltern wussten nichts davon, und waren sich nicht gewohnt, ihr direkt Rat zu geben, weil sie dachten, sie könnte es noch nicht verstehen. Aber nachdem ihr Bruder mit ihr gesprochen hatte, stellten sie fest, dass sie sehr ernsthaft zuhörte, wenn sie ihren anderen Kindern Ratschläge gaben; und mehrmals täglich zog sie sich zurück, um im Stillen zu beten. Nichts konnte sie von diesen festen Gebetszeiten abhalten.

Einmal sagte sie von sich aus, sie hätte keinen Erfolg darin, Gott zu finden. Aber Ende Juli, an einem Mittag, hörte ihre Mutter sie in ihrem Zimmer laut beten (was unüblich war; sie hatte zuvor nie mit lauter Stimme gebetet). Ihr Stimme drückte äusserste Dringlichkeit aus, und ihre Mutter konnte deutlich die Worte hören: „Bitte, guter Herr, gib mir Erlösung! Ich bitte dich, vergib mir alle meine Sünden!“ Dann kam das Mädchen aus ihrem Zimmer, setzte sich neben die Mutter und weinte laut. Ihre Mutter fragte sie mehrmals, warum sie weinte, aber sie antwortete nicht. Schliesslich fragte ihre Mutter, ob sie fürchtete, Gott würde ihr die Erlösung nicht geben. Das Mädchen antwortete: „Ja, ich fürchte, ich müsse zur Hölle gehen!“ Ihre Mutter versuchte sie zu beruhigen, und sagte, sie müsse nicht weinen, sie solle nur ein gutes Kind sein und jeden Tag beten, und sie hoffte, Gott werde ihr die Erlösung geben. Aber das beruhigte sie gar nicht; sie weinte noch eine längere Zeit heftig. Dann hörte sie plötzlich auf zu weinen, und sagte schliesslich lächelnd: „Mami, das Himmelreich ist zu mir gekommen!“ Ihre Mutter war überrascht über die plötzliche Veränderung und über diese Worte, aber sie sagte nichts. Dann sprach das Mädchen wieder und sagte: „Es ist noch eins zu mir gekommen, und noch eins, es sind drei. Eines ist: Dein Wille geschehe; und ein anderes: Freut euch in ihm für immer.“ Es scheint, dass sie damit meinte, drei Worte aus dem Katechismus seien ihr in den Sinn gekommen.

Danach zog sich das Kind wieder in ihr Zimmer zurück, und die Mutter ging zu ihrem Bruder, der sein Zimmer nebenan hatte. Als sie zurückkam, wurde sie von dem Mädchen freudig empfangen: „Jetzt kann ich Gott finden!“ (womit sie sich auf das früher Gesagte bezog, dass sie Gott nicht finden könne). Dann sagte sie: „Ich liebe Gott!“ Ihre Mutter fragte sie, wie sehr sie Gott liebte: mehr als Vater und Mutter? Sie sagte: „Ja.“ „Und mehr als deine kleine Schwester Rachel?“ Sie antwortete: „Ja, mehr als alles!“ Dann fragte ihre ältere Schwester sie, wo sie denn Gott finden könne. „Im Himmel“, antwortete Phebe. „Wie“, fragte ihre Schwester, „bist du im Himmel gewesen?“ „Nein“, sagte das Mädchen. So scheint es, dass es nicht nur eine Einbildung war, die sie Gott nannte. Ihre Mutter fragte sie, ob sie Angst gehabt hätte, zur Hölle gehen zu müssen, und deshalb geweint hätte. „Ja“, sagte sie, „aber jetzt habe ich keine Angst mehr.“ Ihre Mutter fragte sie, ob sie dächte, Gott hätte ihr die Erlösung gegeben. „Ja“, sagte sie. „Wann?“ fragte die Mutter. „Heute.“

Den ganzen Nachmittag war sie äusserst fröhlich. Ein Nachbar fragte sie, wie sie sich fühlte. Sie antwortete: „Ich fühle mich besser als je.“ Der Nachbar fragte warum, und sie antwortete: „Gott hat es gemacht.“ Beim Zubettgehen rief sie einen ihrer kleinen Cousins zu sich, der im Zimmer war, und sagte zu ihm: „Der Himmel ist besser als die Erde.“ Am nächsten Tag fragte ihre Mutter sie, wozu Gott sie gemacht hätte. Sie antwortete: „Um ihm zu dienen“, und fügte hinzu: „Alle sollten Gott dienen, und sich für Christus interessieren.“

An jenem Tag schien es, dass die älteren Kinder sehr beeindruckt waren von der aussergewöhnlichen Veränderung, die in Phebe vorgegangen war. Während ihre Schwester Abigail bei ihr war, ergriff ihre Mutter die Gelegenheit, ihr zu raten, die Zeit auszunützen und sich für die andere Welt vorzubereiten. Damit brach Phebe in Tränen aus und rief: „Arme Nabby!“ Ihre Mutter sagte ihr, sie müsse nicht weinen; sie hoffte, dass Gott auch Nabby die Erlösung geben werde; aber das beruhigte sie nicht, sie weinte noch längere Zeit. Etwas später kam ihre Schwester Eunice, und Phebe begann wieder zu weinen: „Arme Eunice!“ Dann ging sie in ein anderes Zimmer und sah dort ihre Schwester Naomi; und von neuem brach sie in Tränen aus: „Arme Amy!“ Ihre Mutter fühlte sich sehr berührt von diesem Verhalten, und wusste nicht, was sie dazu sagen sollte. Etwas später kam ein Nachbar und fragte Phebe, warum sie geweint hätte. Sie wollte zuerst nicht antworten. Ihre Mutter sagte, sie dürfe es dieser Person ruhig sagen; worauf Phebe sagte, sie hätte geweint, weil sie Angst gehabt hätte, ihre Schwestern würden zur Hölle gehen.

Von da an war eine bleibende Veränderung in dem Kind festzustellen. Sie sehnt sich jedesmal nach dem Sonntag und fragt oft während der Woche, wieviele Tage noch fehlen bis zum Sonntag, und gibt sich nicht zufrieden, bis man ihr die Tage einzeln vorzählt. Sie liebt es sehr, sich mit dem Volk Gottes zu versammeln. Ihre Mutter fragte sie einmal, warum sie so sehr dorthin gehen wollte; ob sie gerne mit liebenswürdigen Leuten zusammen sei? „Nein“, sagte sie, „um Herrn Edwards predigen zu hören.“ Wenn sie da ist, verhält sie sich nicht wie andere Kinder ihres Alters, sondern zeigt eine aussergewöhnliche Aufmerksamkeit. Sie geht auch sehr gerne zu privaten religiösen Versammlungen, und ist sehr aufmerksam während der häuslichen Gebetszeiten. Als ich einmal zusammen mit einigen Fremden bei ihr zuhause war und zu ihr etwas über Gott sagte, schien sie aufmerksamer als gewöhnlich; und nachdem wir gegangen waren, sah sie uns sehnsuchtsvoll nach, und sagte: „Ich wünschte, sie würden wieder kommen!“ Ihre Mutter fragte: „Warum?“ Sie sagte: „Ich höre sie so gern sprechen.“

Sie scheint eine tiefe Gottesfurcht zu haben und fürchtet sich sehr davor, gegen Gott zu sündigen. Letztes Jahr im August ging sie mit einigen älteren Kindern Pflaumen pflücken auf dem Grundstück eines Nachbarn, ohne zu denken, dass etwas Schlechtes daran sein könnte. Aber als sie einige Pflaumen nach Hause brachte, sagte ihre Mutter, sie sollte nicht ohne Erlaubnis Pflaumen pflücken, das wäre soviel wie Stehlen. Das Mädchen schien sehr überrascht und brach in Tränen aus, und rief: „Ich möchte diese Pflaumen nicht!“ Dann wandte sie sich ihrer Schwester Eunice zu und sagte sehr ernst: „Warum hast du mir gesagt, ich solle zu diesem Pflaumenbaum gehen? Ich wäre nicht gegangen, wenn du es mir nicht gesagt hättest.“ Die anderen Kinder schienen sich nicht besonders betroffen zu fühlen; aber Phebe war nicht zu beruhigen. Ihre Mutter sagte ihr, sie könne den Nachbarn um Erlaubnis bitten, und dann wäre es keine Sünde, die Pflaumen zu essen; und sie schickte eines der Kinder zum Nachbarn deswegen. Nachdem das Kind zurückkam, sagte ihre Mutter, der Nachbar hätte es ihnen erlaubt, sie könne jetzt die Pflaumen essen, so sei es keine Sünde. Das beruhigte sie für eine Weile; aber dann brach sie wiederum in Tränen aus. Ihre Mutter fragte sie, warum sie jetzt weinte, der Nachbar hätte ihnen ja die Erlaubnis gegeben. Sie musste mehrere Male fragen, bis Phebe sagte: „Weil, weil es Sünde war.“ Sie weinte noch eine Zeitlang und sagte, sie würde nicht wieder dorthin gehen, auch wenn Eunice sie hundertmal darum bäte. Von da an wollte sie während längerer Zeit keine Pflaumen essen, weil sie sie an jene Sünde erinnerten.

Manchmal hat sie grosse Freude an Bibeltexten, die ihr in den Sinn kommen. Einmal erinnerte sie sich besonders an Offenbarung 3,20: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür öffnet, werde ich zu ihm hineingehen und mit ihm essen, und er mit mir.“ Sie sprach darüber mit der Familie voll Freude. Dann ging sie in ein anderes Zimmer, wo andere Kinder waren, und ihre Mutter hörte sie mehrmals mit ausserordentlicher Freude und Bewunderung sagen: „Stellt euch vor, es ist, um mit Gott essen zu gehen!“

Oft zeigte sie eine grosse Sorge um das Seelenheil anderer; und oft hat sie sehr liebevoll und eindringlich andere Kinder beraten. Letztes Jahr setzte sie sich einmal neben ihre Mutter an den Herd mit einem sehr ernsthaften und nachdenklichen Gesichtsausdruck. Schliesslich sagte sie: „Ich habe mit Nabby und Eunice gesprochen. Ich sagte ihnen, sie sollten beten, und sich auf das Sterben vorbereiten, denn wir haben nur kurze Zeit zu leben in dieser Welt, und sie sollten jederzeit bereit sein.“ Als Nabby herauskam, fragte sie ihre Mutter, ob Phebe das zu ihnen gesagt hätte. „Ja“, sagte sie, „das hat sie gesagt, und noch eine Menge mehr.“

Sie zeigte auch ein ungewöhnliches Mass an Nächstenliebe; insbesondere bei der folgenden Gelegenheit: Ein armer Mann, der im Wald wohnt, hatte eine Kuh verloren, die für den Unterhalt der Familie sehr wichtig war. Dieser Mann war bei Phebe zuhause gewesen und hatte von seinem Unglück erzählt, und von den Schwierigkeiten, in die seine Familie deswegen geraten war. Phebe fühlte grosses Mitleid mit ihm. Nachdem sie ihm aufmerksam zugehört hatte, ging sie zu ihrem Vater in die Werkstatt und bat ihn inständig, diesem Mann eine Kuh zu geben: „Dieser arme Mann hat keine Kuh mehr! Die Jäger, oder sonst etwas, haben seine Kuh getötet!“ Ihr Vater sagte ihr, sie hätten keine Kuh übrig. Dann bat sie ihn, doch diesen Mann und seine Familie bei sich zuhause aufzunehmen, und sprach noch vieles in ähnlichem Sinn, mit grossem Mitleid für die Armen.

(Schluss)

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