Die Falschmünzer (1.Teil)

Ein Gleichnis

Ich erinnere mich noch an das erste Mal in meinem Leben, als ich bewusst über Geld nachdachte. Das war bald nachdem ich das Lesen gelernt hatte. Eines Tages fragte ich meine Mutter:

„Mama, was bedeutet das, was auf unseren Münzen steht: ‚Zur grösseren Ehre des Reiches‘?“

„Das bedeutet, dass wir alles, was wir mit dem Geld tun, dazu tun sollen, dass das Reich grösser und besser wird. Dass es den Menschen im Reich besser geht, und dass die Menschen ausserhalb des Reiches gut reden darüber.“

„Aber was oder wo ist dieses Reich?“

„Das Reich? Das ist doch hier, wo wir wohnen. Unser Städtchen gehört zum Reich, und die Menschen, die hier wohnen.“

Das verstand ich nicht so ganz, denn ich konnte keinen besonderen Unterschied sehen zwischen unserem Städtchen und anderen Teilen der Welt. Das mag auch daran gelegen haben, dass ich damals noch nicht viele andere Teile der Welt kennengelernt hatte. Aber ich muss doch Mama gegenüber auf irgendeine Weise meine Bedenken ausgedrückt haben, denn ich erinnere mich, dass sie bei einer anderen Gelegenheit sagte:

„Das Reich kann man nur mit den Augen des Glaubens sehen. Du musst einfach im Glauben annehmen, dass du ein Bürger des Reiches bist.“

Ein anderes Mal sprachen wir über Falschgeld. Ich hatte damals zum Spielen einen Kaufladen mit richtigen kleinen Münzen und Banknoten.

„Mama, kann ich nicht auch mit dem Geld von meinem Kaufladen im richtigen Laden einkaufen gehen?“

„Nein, das geht nicht, das ist ja kein richtiges Geld.“

„Nicht? Aber es steht auch darauf ‚Zur grösseren Ehre des Reiches‘, genauso wie auf den richtigen Münzen.“

„Ja, aber es sind nicht die richtigen, das kann doch jedermann sehen. Sie sind kleiner und aus einem minderwertigen Material, und auf den Banknoten steht ‚Spielgeld‘.“

„Aber der Verkäufer könnte ja gut sein zu mir und mir auch für dieses Geld etwas verkaufen.“

„Versuch das nur nicht! Das wäre ja Falschmünzerei. Es ist verboten, anderes Geld als das echte zu verwenden. Dafür kann man bestraft werden.“

„Warum denn? Wer hat bestimmt, was richtiges Geld ist und was nicht?“

„Das richtige Geld ist das, das die Krämer entgegennehmen. Es hat Wert, weil die Krämer es anerkennen und gegen Waren umtauschen.“

„Dann bestimmen die Krämer über das Geld?“

„Nicht genau so, aber sie haben etwas damit zu tun. Und natürlich der Münzmeister. Ganz genau weiss ich es auch nicht.“

Den Münzmeister kannte ich von ferne, nämlich von den wöchentlichen Versammlungen im Münztempel. Dort sprach er – oder einer seiner Funktionäre – jeweils über hochwichtige Dinge. Z.B. über den rechten Gebrauch und die rechte Verteilung des Geldes; oder darüber, was die „grössere Ehre des Reiches“ genau bedeutete. Das waren jeweils äusserst feierliche Veranstaltungen, denn jedermann war sich seiner Pflicht bewusst, zur grösseren Ehre des Reiches beizutragen.

So wuchs ich heran, wurde erwachsen und lernte einen Beruf, um mein Geld auf ehrliche Weise zu erwerben.

* * * * *

Eines Tages begann das Gerücht umzugehen, in einer Nachbarprovinz seien Falschmünzer aufgetaucht, und man solle auf der Hut sein. „Seht alle Münzen und Banknoten gut an, ob sie echt sind!“

Dann wurde ich Zeuge einer merkwürdigen Szene im Krämerladen. Ein Mann, den ich noch nie gesehen hatte, wollte seine Einkäufe bezahlen und wurde zurückgewiesen:

„Aber das ist Falschgeld, sehen Sie das denn nicht?“

„Das ist das echte Geld des Königs“, beharrte der Mann. „Ich habe das Recht, damit zu bezahlen.“

„Nein, das ist nicht unser Reichsgeld“, antwortete der Krämer. „Sehen Sie doch, das hier ist eine echte Münze.“

„Das mag eure eigene provinzielle Währung sein“, erwiderte der Kunde, „aber ich versichere Ihnen, in den Geschäften des Königs würde eine solche Münze nicht anerkannt. Dort gilt nur das Geld des Königs.“

„Ich weiss nicht, wer Sie sind und woher Sie kommen“, antwortete der Krämer, „ich weiss nur, dass ich noch nie in meinem Leben eine solche Münze gesehen habe, wie Sie sie hier in der Hand haben. Damit können Sie hier nichts kaufen.“

„Gut“, antwortete der Fremde, „dann gehe ich anderswo einkaufen. Aber ich versichere Ihnen, der König wird nicht erfreut sein, wenn er davon erfährt.“

„Sie werden nirgends mit dieser Münze einkaufen können!“, rief ihm der Krämer beim Hinausgehen noch nach.

Das kann kein Einzelfall gewesen sein, denn mit der Zeit kamen tatsächlich einige dieser fremden Münzen in Umlauf. Anscheinend hatten sich gewisse Geschäftsleute überreden lassen, sie anzunehmen. Eines Tages kam mir eine davon in die Hand. Sie hatte zwar dieselbe Grösse wie die echten Münzen, aber abgesehen davon sah sie ganz anders aus. Anstelle des Porträts einer berühmten Persönlichkeit zeigte sie nur eine Krone. Auch war nicht darauf geschrieben „Zur grösseren Ehre des Reiches“, sondern nur: „Der König“.
Ich wunderte mich darüber, dass die Falschmünzer auf eine so plumpe Weise vorgingen. Wäre ich Falschmünzer gewesen, dann hätte ich mich doch bemüht, das echte Geld so genau wie möglich nachzuahmen. Aber völlig anderes Geld zu fabrizieren und dann die Leute zu überreden versuchen, es anzunehmen – was war das für eine merkwürdige Strategie?

Natürlich kam die Geschichte zu Ohren des Münzmeisters. Bei einer der folgenden Versammlungen sprach er eine ernste Warnung aus:

„Es ist uns bekanntgeworden, dass sich Falschmünzer in unsere Stadt eingeschlichen haben. Natürlich haben die meisten aufrechten Bürger diesem Angriff auf unsere Integrität entschieden widerstanden. Dennoch haben wir Indizien, dass einige Personen diesem Betrug zum Opfer gefallen sind; und dass einige sogar bewusst gemeinsame Sache damit machen.
Wir machen Sie hiermit darauf aufmerksam, dass Sie der Falschmünzerei angeklagt werden können, nicht nur wenn Sie Falschgeld herstellen, sondern auch, wenn Sie wissentlich solches verbreiten oder entgegennehmen. Wenn Sie Falschgeld entgegennehmen, verhelfen Sie einem Betrüger oder seinem Komplizen zu unrechtem Gewinn, und schmälern damit die Ehre des Reiches. Wir werden Massnahmen dagegen ergreifen und rufen Sie hiermit auf, jeden anzuzeigen, der Falschgeld besitzt, verbreitet oder entgegennimmt, und sei es auch im privaten Rahmen seines eigenen Heims.“

Nachdem die Gefahr nun öffentlich ausgesprochen war, schien sie für eine Zeitlang gebannt zu sein. Aber gleichzeitig wurde ein immer stärkeres Misstrauen unter den Einwohnern unserer Kleinstadt spürbar. Jeder schaute jedem genau auf die Hände, wenn er mit Geld hantierte. Einige versuchten sogar heimlich die Geldbeutel anderer zu öffnen und hineinzublicken. Alle Geschäftsleute durchwühlten ängstlich ihre Geldvorräte und drehten jede Münze und Banknote dreimal um, um sicherzustellen, dass sich wirklich kein Falschgeld darunter befand und sie nicht unversehens angeklagt werden könnten. Verdächtigungen wurden ausgesprochen, und Freundschaften gingen auseinander.

Trotz aller Vorsichtsmassnahmen verbreitete sich das Falschgeld weiter. Es bildeten sich Gruppen von Geschäftsleuten, die vereinbarten, unter sich das „Königsgeld“ anzuerkennen und es voneinander anzunehmen. Obwohl sie diese Operationen vorerst geheimzuhalten versuchten, wurde es allmählich bekannt, und einige dieser Gruppen wuchsen schneller, als man ihnen Einhalt gebieten konnte. Manche ihrer Mitglieder begannen den Versammlungen im Münztempel fernzubleiben. Dafür hielten sie anscheinend Treffen in ihren eigenen Häusern ab.
Einige ihrer Vertreter wagten öffentlich zu behaupten, das Falschgeld sei rechtmässig, und wir seien alle vom Münzmeister betrogen worden. Es wurden erhitzte Diskussionen geführt über das Thema. Gerüchteweise wurde sogar gesagt, einige radikale Anhänger solcher Gruppen weigerten sich neuerdings, das echte Reichsgeld zu benützen. Sollte es den Falschmünzern gelungen sein, einen Keil in unsere festgefügte kleinstädtische Gemeinschaft zu treiben? Die Glaubens- und Vertrauenskrise wurde immer offensichtlicher.

Bitte keine vorschnellen Schlüsse ziehen – Fortsetzung folgt.

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