Die Falschmünzer (3.Teil – Schluss)

Fortsetzung der Gleichnisgeschichte in den letzten beiden Beiträgen

Der Fremde verabschiedete sich und liess mich allein mit meinem inneren Aufruhr. Ich beschloss, alles daran zu setzen, die Wahrheit herauszufinden.

Doch meine Nachforschungen wurden jäh unterbrochen, noch bevor sie richtig begonnen hatten. In der Stadt wurde nämlich bekanntgemacht, die Anführer der Falschmünzerbande seien ausfindig gemacht und gefasst worden. Sie würden am nächsten Morgen auf dem Stadtplatz öffentlich hingerichtet.

Hingerichtet?? Das hatte ich nun doch nicht erwartet. Am nächsten Morgen trieb ich mich am Rand des Stadtplatzes herum, ohne jegliche Lust, einer öffentlichen Hinrichtung beizuwohnen; aber ich wollte doch wenigstens etwas über die Hintergründe erfahren. Ich sah die drei Angeklagten am anderen Ende des Platzes stehen; unter ihnen den Fremden, mit dem ich einige Tage zuvor gesprochen hatte.
In diesem Moment sah ich einen der Knechte des Münzmeisters in meiner Nähe durch die Menge der Schaulustigen gehen. Ich sprach ihn an:

„Entschuldigen Sie. Warum werden diese Männer hingerichtet?“

„Wissen Sie das nicht? Das sind doch die Falschmünzer, die seit Monaten unsere Stadt durcheinanderbringen. Das sind Verräter am Reich.“

„Ich habe noch nie gehört, dass auf Falschmünzerei die Todesstrafe steht.“

„Was diese Männer tun, ist Hochverrat! Sie tun das auf eine so systematische Weise, dass sie die Leute abtrünnig machen. Die Leute, die ihr Geld angenommen haben, haben damit ihre Rebellion gegen das Reich ausgedrückt. Sie sind zu Separatisten geworden! Sie haben die Ehre des Reichs geschändet! Sie …“

Er begann sich zu ereifern. Ich unterbrach ihn:

„Entschuldigen Sie, aber wann hat denn der Prozess stattgefunden? Wenn die Todesstrafe gefordert wird, dann muss es doch einen öffentlichen Prozess geben.“

„Was? Wollen Sie etwa diese Schurken in Schutz nehmen??“

„Nein, das nicht, ich meine nur – die Verurteilung muss doch auf rechtmässige Weise geschehen, und …“

„Hau ab, oder ich lasse dich als Komplizen verhaften!!“

Erschrocken über diese heftige Reaktion, verliess ich den Platz. Eigentlich war ich ja froh, dem schrecklichen Schauspiel nicht beiwohnen zu müssen.

* * * * *

Die Hinrichtung war natürlich einige Tage lang in aller Munde. Aber mit der Zeit kehrte Ruhe ein, und bald ging alles wieder seinen gewohnten Lauf wie zuvor.

Es vergingen etwa drei Jahre. Von den Falschmünzern wurde kaum noch gesprochen. Von jenen, die sich auf ihre Seite geschlagen hatten, hatten einige wenige ihre Verfehlung bekannt und wurden nach Auferlegung einer Geldstrafe wieder in ihre frühere ehrenhafte Stellung eingesetzt. Die übrigen waren anscheinend in eine andere Gegend gezogen; jedenfalls wurden sie nicht mehr gesehen.

Da wurde ich eines Tages plötzlich durch einen lauten Lärm und Aufruhr aufgeschreckt. Er schien vom Stadtplatz her zu kommen. Neugierig machte ich mich auf den Weg. Dabei traf ich auf viele andere Menschen, die in dieselbe Richtung gingen.

In der Mitte des Stadtplatzes stand auf einem Podest ein Ausrufer, der an seiner Uniform sofort als königlicher Bote zu erkennen war. Er hatte ein Papier mit dem königlichen Siegel in der Hand und war umringt von vier Reihen bewaffneter Soldaten. Das war ein ganz aussergewöhliches Ereignis. Seit ich mich erinnern konnte, war noch nie ein Gesandter des Königs bis zu unserem Städtchen gelangt.

„Der König hat beschlossen, in dieser Stadt unverzüglich die Ordnung wiederherzustellen“, sagte er gerade. „Der königliche Gerichtsvollzieher ist bereits auf dem Weg hierher.
Der Münzmeister und der Vorsitzende der Krämervereinigung dieser Stadt sind schuldig befunden worden, ihre Untergebenen zum Mord an nicht weniger als fünfunddreissig königlichen Gesandten angestiftet zu haben, die in den vergangenen Jahren versuchten, diesen Ort zu erreichen. Mehrere der unmittelbaren Täter haben vor dem königlichen Gericht Geständnisse abgelegt. Nur dank der Unterstützung dieser Spezialtruppe“ (dabei deutete er auf die Soldaten) „war es uns möglich, die Macht dieser Verschwörung zu durchbrechen, um heute auf diesem Platz zu Ihnen sprechen zu können.
Die Verschwörer haben noch weitere Arten von Nachrichtensperren aufgerichtet. Deshalb dürfte den meisten unter Ihnen die Tatsache unbekannt sein, dass diese Stadt während der vergangenen Jahrzehnte von einer Bande von Verschwörern regiert worden ist, die schon lange vom König abtrünnig geworden sind.
Ausserdem haben die genannten Verschwörer die königlichen Münzbeauftragten, die vor drei Jahren hier ihre Mission ausführten, als Falschmünzer verleumdet und durch einen Justizmord hinrichten lassen. Sie werden deshalb ihrer gerechten Strafe zugeführt, sobald die königlichen Truppen ihren Aufenthaltsort ausfindig gemacht haben. Ihre Helfershelfer werden als blosse Befehlsempfänger in den königlichen Gefängnissen noch eine Gelegenheit zur Umkehr erhalten.
Der Truppenkommandant und ich selber danken Ihnen zum voraus für jeden sachdienlichen Hinweis, der zur Verhaftung des Münzmeisters und des Vorsitzenden der Krämervereinigung beiträgt. Wer ihren Aufenthaltsort kennt und verheimlicht, kann als Fluchthelfer selber unter Strafe gestellt werden.
Die gesamte Stadtregierung hat mit den Verschwörern gemeinsame Sache gemacht und ist deshalb hiermit unverzüglich abgesetzt. Der König hat einen Gouverneur eingesetzt, der zum nächstmöglichen Termin die Regierung dieser Stadt übernehmen wird. Ihm zur Seite werden einige königstreue Bürger dieser Stadt stehen, die von den königlichen Münzbeauftragten identifiziert worden sind. Sie dürften Ihnen bekannt sein, obwohl sie gegenwärtig an einem anderen Ort unter königlicher Obhut leben. In der Zwischenzeit wird diese Truppe unter ihrem Kommandanten die Ordnung aufrechterhalten.“

Ich blickte verstohlen auf dem Platz umher. Tatsächlich konnte ich weder den Münzmeister, noch den Vorsitzenden der Krämervereinigung, noch einen ihrer engsten Mitarbeiter, noch irgendein Mitglied der Stadtregierung entdecken. Normalerweise sassen sie bei offiziellen Anlässen alle gut sichtbar auf den Ehrenplätzen einer Tribüne. Aber anscheinend hatten sie sich aus dem Staub gemacht, sobald sie erkannt hatten, dass sie die Ankunft des königlichen Boten nicht mehr aufhalten konnten.

* * * * *

Der neue Gouverneur entpuppte sich als ein sehr zugänglicher, vor allem aber ein aufrichtiger und gerechter Mann. Er hatte ein offenes Ohr für alle Arten von Anliegen aus der Bevölkerung. Von einer Gewaltherrschaft – wie einige Kreise es befürchtet hatten – konnte keine Rede sein.

Einige Dinge änderten sich allerdings. Es wurde kaum noch von der „Ehre des Reiches“ gesprochen; dafür um so mehr vom König, seinen gerechten Beschlüssen, und was ihm wohlgefällig war. Die Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft unter den Einwohnern nahm allgemein zu. Manche Diebe und Betrüger brachten freiwillig gestohlenes Gut zu den rechtmässigen Eigentümern zurück und wurden rehabilitiert. Andererseits wurden manche einflussreiche und angesehene Bürger allgemein als die selbstsüchtigen Betrüger erkannt, die sie schon immer gewesen waren, und verloren allmählich ihren ganzen Einfluss.
Die Versammlungen im Münztempel wurden nur noch spärlich besucht. Keiner der noch verbliebenen ehemaligen Funktionäre war auch nur ein annähernd so hinreissender Redner, wie es der Münzmeister gewesen war. Ihre Klagen, die neue Regierung hätte durch die Anerkennung des „Falschgeldes“ die Ehre des Reiches geschmälert, fanden nicht allzu viel Gehör.
Manche Krämer mussten ihre Geschäfte schliessen. Nicht etwa, weil sie dazu gezwungen worden wären; aber ihre Geschäfte rentierten einfach nicht mehr. In manchen Fällen lag es schlicht daran, dass sie sich weiterhin weigerten, das Geld des Königs anzunehmen. Es wurde auch berichtet, in einigen Banken seien Münzen verrostet, und in Banknoten seien auf unerklärliche Weise Mottenlöcher erschienen, die sich vergrösserten, bis die Noten auseinanderfielen. Es wurde nicht viel darüber gesprochen, aber diese seltsamen Vorgänge trugen dazu bei, dass mehr Menschen bereit waren, das Geld des Königs zu akzeptieren.
Die führenden Geschäftsleute waren jetzt nicht mehr jene, die sich zuerst darum kümmerten, wie die Leute über sie sprachen; sondern jene, deren erstes Anliegen es war, die Gerechtigkeit des Königs zu erfüllen.

Aufgrund dieser Entwicklung nahm das gegenseitige Vertrauen der Bürger ständig zu und war jetzt viel stärker, als es unter der früheren Regierung je gewesen war. Manche Leute schlossen nicht einmal mehr ihre Häuser ab, weil es kaum noch Diebe und Einbrecher gab. Während früher Verträge im Rahmen einer feierlichen Zeremonie schriftlich vor Zeugen und unter Berufung auf die Ehre des Reiches abgeschlossen worden waren, so genügte jetzt ein mündliches Versprechen und ein Handschlag.

Inmitten dieser Entwicklungen kam mir ein Ausspruch des Münzmeisters in den Sinn: „Wir müssen uns nun einmal damit abfinden, dass wir unvollkommene Menschen in einer unvollkommenen Welt sind.“ Damals hatte ich ihm das als eine Selbstverständlichkeit abgenommen. Aber nun, mit der neuen Wirklichkeit vor Augen, erkannte ich jenen Ausspruch als das, was er wirklich war: Eine Ausflucht, um nicht den Willen des Königs tun zu müssen.
Ja, wir waren immer noch unvollkommene Menschen. Aber wir standen jetzt unter einer gerechten und liebenden Regierung, und schon das trug viel dazu bei, dass die Gerechtigkeit und Nächstenliebe unter uns zunahmen. Wo die „Unvollkommenheiten“ zu Ungerechtigkeiten, Gewalttaten u.ä. auswuchsen, stellte die Regierung wieder Gerechtigkeit her; und wenn sich jemand aus der Regierung verfehlen sollte, konnte man sich jederzeit an den königlichen Ombudsmann wenden. – Auch der Gebrauch des Königsgeldes muss stark zu diesen Veränderungen beigetragen haben, obwohl ich mir noch nicht erklären konnte warum.

Es gab noch verschiedene Überraschungen. Bei Renovationsarbeiten am Rathaus wurde an der Wand der grossen Eingangshalle eine Inschrift und ein grosses königliches Siegel entdeckt, die mit Verputz überdeckt und übermalt worden waren. Es ging daraus hervor, dass der König selber nicht nur das Rathaus, sondern überhaupt grosse Teile unserer Stadt auf eigene Kosten hatte erbauen lassen. Noch manche anderen Wohltaten des Königs waren seinerzeit verheimlicht und der früheren Stadtregierung zugeschrieben worden. Das einzige Gebäude, das jene Regierung tatsächlich selber errichtet hatte – mit Hilfe harter Fronarbeit der Bevölkerung -, war der Münztempel.

* * * * *

Eines Tages machte Aquilas sein indirektes Versprechen wahr, mich wieder einmal einzuladen. Er gehörte zu jenen, die nach der Hinrichtung der königlichen Beauftragten aus der Stadt verschwunden waren und drei Jahre später als Mitarbeiter des Gouverneurs zurückkehrten. Ich erfuhr, dass er jene ganzen drei Jahre in der engeren Umgebung des Königs verbracht hatte und jetzt mit der königlichen Politik bestens vertraut war. Er konnte mir sehr einleuchtend erklären, was die wesentlichen Unterschiede zwischen der Politik der früheren Regierung und dem Willen des Königs waren. So begann ich zu verstehen, warum „die Gerechtigkeit des Königs“ seinen Willen viel besser beschrieb als „die Ehre des Reiches“.

Er erklärte mir auch einiges über die Bedeutung des Geldes des Königs:

„Es heisst ‚das Geld des Königs‘, weil es im wahrsten Sinne des Wortes Eigentum des Königs ist. Niemand kann es für sich selber besitzen. Wer Königsgeld hat oder gebraucht, drückt damit aus, dass sein Besitz und sogar er selber dem König gehört. Deshalb können mit Königsgeld nur solche Dienste bezahlt werden, die im Sinne des Königs sind; und man kann damit nur das tun, was dem König wohlgefällig ist.
Sogar das Wort ‚bezahlen‘ ist nicht ganz angebracht, wenn wir vom Geld des Königs sprechen. Es wäre richtiger, von ‚gegenseitigem Schenken‘ zu sprechen, so wie auch der König uns ursprünglich alles geschenkt hat, was wir sind und haben.“

Bisher war es mir ein Rätsel gewesen, warum ich gewisse Geschäfte nur mit dem alten Reichsgeld tätigen konnte, obwohl ich inzwischen die Rechtmässigkeit des Königsgeldes anerkannt hatte. Durch Aquilas‘ Erläuterungen wurde mir das nun klar. – Er fuhr fort:

„Deshalb können auf das Königsgeld auch keine Steuern erhoben werden. Für den König selber wäre es sinnlos, solche Steuern zu erheben, da ihm das Geld ja bereits gehört. Und jede untergeordnete Regierungsstelle, die eine solche Steuer einziehen wollte, würde sich damit unrechtmässig das Eigentum des Königs aneignen. Nur der König selber hat Macht darüber, was mit seinem Geld geschehen soll.“

Allmählich begann ich noch andere Dinge zu verstehen. Schon unter der alten Regierung wurde oft davon gesprochen, dass es einen angebrachten und einen unangebrachten Gebrauch des Geldes gibt, und dass wir verantwortliche Haushalter sein müssten. Dahinter erkannte ich nun den im Kern richtigen Gedanken, das Geld im Sinne des Königs zu verwenden. Nur war diese Idee bis zur Unkenntlichkeit entstellt worden, indem als Massstab die „Ehre des Reiches“ anstelle des königlichen Willens gesetzt worden war. Deshalb hatte es unter der alten Regierung als rechtmässig gegolten, zu lügen, zu betrügen, Arme zu bedrängen und um ihr Gut zu bringen, willkürliche Steuern einzuziehen, und anderes mehr, wenn es nur „zur grösseren Ehre des Reiches“ beitrug. Mit dem Geld des Königs konnte man nichts von alldem tun.

Aquilas kannte sich offenbar in diesen Dingen gut aus. Ich getraute mich deshalb, ihm eine Frage zu stellen, die mich schon länger umtrieb, und auf die ich keine befriedigende Antwort gefunden hatte:

„Warum haben sich eigentlich die Münzbeauftragten des Königs nicht offen als solche zu erkennen gegeben? Warum haben sie sich so klammheimlich eingeschlichen? So war es doch unvermeidlich, dass sie sich allen möglichen Verdächtigungen aussetzten.“

„Sie trugen das Geld des Königs. War das nicht Ausweis genug?“

„Aber wir wussten ja nicht, dass es das echte Geld war. Wir sind ja unser Leben lang belogen worden.“

„Hätten wir dann den königlichen Beauftragten geglaubt, wenn sie irgendeinen zusätzlichen Ausweis vorgelegt hätten? Oder wenn sie eine öffentliche Ankündigung auf dem Stadtplatz gemacht hätten? So belogen wie wir waren, hätten wir sie dann nicht erst recht als Verräter verschrieen und verhaftet?“

„Aber ich denke doch, dass sie als Vertreter des Reiches – des Königs“ (verbesserte ich mich) “ – sich wenigstens offen als solche hätten identifizieren sollen.“

„Das Reich ist nicht etwas, was man mit den natürlichen Augen sehen könnte. Nur wer Augen des Glaubens hat, kann es sehen.“

Das erinnerte mich an einen Ausspruch, der mir aus meiner Kindheit vertraut war. Er klang ganz ähnlich, aber doch irgendwie anders. In dem Moment verstand ich, was es in Wirklichkeit bedeutete. Und da geschah in mir die bedeutsamste Veränderung meines Lebens.
Ich widerrief meinen früheren Entschluss, mich „im Glauben“ als einen Bürger des Reiches zu betrachten. Oder besser gesagt, ich erkannte, dass dieser Entschluss in meinem Herzen bereits widerrufen war, da mir offenbar wurde, dass ich in Wirklichkeit noch kein treuer Untertan des Königs gewesen war. Auch nach dem Regierungswechsel war ich viel eher ein bloss passiver – und manchmal staunender – Zuschauer der Veränderungen gewesen, die in unserer Stadt geschahen; aber mein eigenes Inneres war bis zu diesem Moment von dieser Veränderung noch nicht erfasst worden. Ich erkannte, dass ich dem König alles verdankte, was ich war, konnte und besass; und dass der König meine ganze Liebe und Treue verdiente. Von dem Tag an begann ich dem König wahrhaftig zu gehorchen.

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