Archive for September 2015

Echte oder falsche Umkehr?

27. September 2015

„Kehrt um, und jeder von euch lasse sich taufen auf den Namen Jesu des Messias zur Vergebung der Sünden; und ihr werdet die Gabe des Heiligen Geistes erhalten.“
(Petrus an Pfingsten, Apostelgeschichte 2,38)

„Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch gelehrt, ihr könntet dem kommenden Zorn entfliehen? Bringt der Umkehr entsprechende Früchte, und denkt nicht daran, bei euch selbst zu sagen: ‚Wir haben Abraham zum Vater‘; denn ich sage euch: Gott kann sogar aus diesen Steinen Kinder Abrahams erwecken. Und die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt; deshalb wird jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, umgehauen und ins Feuer geworfen.“
(Johannes der Täufer, Matthäus 3,7-10)

Die Umkehr ist notwendig, um wiedergeboren zu werden und ein Christ zu werden. Ohne Umkehr gibt es keine Vergebung der Sünden und keine Erlösung. Wie wichtig ist es also zu verstehen, was Umkehr ist! – Leider haben die heutigen Gemeinden die Bedeutung dieses Wortes so verwässert, dass fast jeder Sünder sagen kann, er hätte sich „bekehrt“, und die Gemeinden glauben es ihm.

Was Umkehr NICHT ist

Ich möchte zuerst einige Handlungen aufzählen, die in gewissen Gemeinden als Umkehr gelten, es aber NICHT sind.

– Ein „Übergabegebet“ wiederholen und sagen: „Herr, vergib mir alle meine Sünden.“

Die Menschen, die das tun, tun es normalerweise, weil irgendein Leiter oder Prediger ihnen sagte, sie sollten es tun. Der Antrieb dazu kommt meistens nicht aus ihnen selbst. Frage irgendeine dieser Personen: „Von welchen Sünden genau möchtest du, dass Gott sie dir vergibt?“ – Viele werden keine einzige konkrete Sünde nennen können; in Wirklichkeit sind sie sich ihrer Sünden nicht bewusst. Und auch wenn sie z.B. sagen, dass sie gelogen oder gestohlen haben, nehmen viele es nicht so ernst: morgen könnten sie ohne weiteres dieselbe Sünde wieder begehen. Das ist keine Umkehr.

– Dasselbe, aber mit lautem Wehklagen und unter Tränen.

Einige liebe Geschwister denken, Tränen seien ein sicheres Zeichen der Umkehr. Leider irren sie sich hierin oft. In gewissen Kreisen vergiessen viele Menschen Tränen aufgrund eines Nachahmungseffektes: sie haben andere weinen gesehen, als diese ihre Sünden bereuten, und denken deshalb, sie müssten dasselbe tun. – Ich hatte selber mehrere Begegnungen mit Menschen, die eine Sünde begangen hatten, unter Tränen um Vergebung baten und versicherten: „Ich werde Ihnen jetzt die ganze Wahrheit sagen“ – aber die Dinge, die sie mit dieser Versicherung erzählten, waren lauter Lügen.

– Im Gottesdienst nach vorne gehen, niederknien und ein Übergabegebet sprechen.

Wie die vorhergehenden, ist auch das einfach ein äusserliches Ritual. Aber wirkliche Umkehr hängt nicht daran, was wir äusserlich tun; es ist eine Angelegenheit des Herzens und des ganzen Lebens.

– Die Sünden bekennen, die man begangen hat, und dafür um Vergebung bitten.

Jetzt kommen wir schon einen Schritt näher. Da gesteht jemand ein, was er getan hat, und dass es Sünde war. Aber ist das schon Umkehr? – Ein Mörder vor Gericht wird dasselbe tun, wenn die Beweise gegen ihn genügendes Gewicht haben. Aber er wird es nur deshalb tun, weil er weiss, dass dann sein Urteil milder ausfallen wird. Nicht weil er wirklich bereut, sondern um einer grösseren Strafe zu entgehen. – Auf ähnliche Weise bekennen einige Sünder ihre Sünden, nachdem diese ans Licht kamen, weil sie wissen, dass sie so vielleicht eine Disziplinarmassnahme oder ein anderes Problem vermeiden können. Wenn das das Motiv ist, dann ist es keine Umkehr!

– Traurig sein, weil die Sünde ans Licht kam.

Trauer gehört wirklich zu einer echten Umkehr. Aber ist das genug? – Wir müssen fragen, warum jemand traurig ist. Weil er sich schämt, weil seine Sünde ans Licht kam, weil er ein schlechtes Gewissen hat? Natürlich verursacht das alles auch Trauer – aber es ist noch keine Umkehr. Frage dich: Würdest du dieselbe Trauer spüren, wenn niemand von deiner Sünde wüsste?
Das eigentliche Problem ist, dass deine Sünde Gott beleidigt und dich von ihm distanziert. Wegen Gott solltest du umkehren; nicht wegen der anderen Christen, und auch nicht wegen deines schlechten Gewissens. – Selbst wenn du entscheiden würdest, diese Sünde nicht mehr zu begehen: wenn es nur darum geht, dass du dich nicht mehr schlecht fühlst, dann ist es keine echte Umkehr. Solange du noch nicht verstanden hast, wie sehr deine Sünde deiner Beziehung zu Gott schadet, und wie wichtig Gottes Ehre ist, so lange bist du noch nicht wirklich umgekehrt.

Was ist dann Umkehr?

Im Griechischen des Neuen Testamentes gibt es zwei Wörter, die mit „umkehren“ oder „sich bekehren“ übersetzt werden, und jedes dieser Wörter lehrt uns etwas über die eigentliche Bedeutung:

„epistrefo“ = „zurückkehren, sich umwenden“.
Hier können wir uns eine Person vorstellen, die auf einen Abgrund zugeht. Sie schreitet auf einem bösen Weg voran, in Richtung auf die Verlorenheit. Wer einfach sagt „Herr, vergib mir alle meine Sünden“, der ist wie jemand, der auf diesem bösen Weg weitergeht, nur ab und zu sagt „Herr, vergib mir“, und dann in derselben Richtung weitergeht. Wer seine Sünden eingesteht und bekennt, der ist wie jemand, der stehenbleibt, aber sonst nichts weiter tut.
Die wirkliche Umkehr bedeutet, nicht nur stehenzubleiben, sondern in die entgegengesetzte Richtung zu gehen. Gott sagt: „Wer seine Sünden zudeckt, wird keinen Erfolg haben; aber wer sie bekennt und hinter sich lässt, wird Barmherzigkeit erlangen.“ (Sprüche 28,13) Nicht nur die Sünde bekennen, sondern sie hinter sich lassen.
Sehr wichtig in diesem Zusammenhang ist die Wiedergutmachung. Sieh, wie Zachäus seine Umkehr ausdrückte: „Die Hälfte meines Besitzes gebe ich den Armen; und wo ich jemanden betrogen habe, gebe ich es ihm vierfach zurück.“ (Lukas 19,8). Wenn ein Dieb wirklich umkehrt, dann wird er zurückgeben, was er gestohlen hat (und das freiwillig, ohne dass irgendein Gesetz oder irgendeine Autorität ihn dazu zwingen würde). Wenn ein Lügner umkehrt, wird er seine Lügen richtigstellen und die Wahrheit sagen.

„metanoeo“ = „den Sinn ändern“.
Ein reuiger Sünder wird nicht nur seine Handlungsweise ändern, sondern auch seine Art zu denken. Statt die Sünde zu lieben, wird er sie jetzt hassen. Er wird gegen die Versuchung angehen, nicht erst wenn er bereits dabei ist, eine Sünde zu begehen, sondern schon wenn er ans Sündigen denkt. „…indem wir jeden Gedanken gefangennehmen unter den Gehorsam Christi“ (2.Kor.10,5). Schon in seinem Sinn sagt er der Sünde ab und trennt sich von ihr.
Auch die Motivation, das Gute zu tun, muss sich ändern. Viele Menschen versuchen, das Gute zu tun, aber sie tun es aus Gründen, die Gott nicht gefallen. Sie tun es, um vor den anderen als „gut“ zu erscheinen. Sie tun es, weil ihre Eltern, ihre Gemeindeleiter, oder sonst jemand ihnen Vorwürfe machen wird, wenn sie sündigen. Sie tun es, weil die Folgen der Sünde unangenehm sind und sie nicht leiden wollen. – Ein reuiger Sünder denkt anders. Er beginnt Gott zu lieben, und aus Liebe zu Gott entscheidet er sich gegen die Sünde.
Stelle dir zwei Diebe vor, die gerade aus dem Gefängnis kommen. Der erste sagt: „Ich werde nicht mehr stehlen, weil ich nicht ins Gefängnis zurück will, und weil die Polizei überall kontrolliert.“ So stiehlt er nicht mehr; aber nur aus Angst vor der Strafe. Hätte er eine sichere Gelegenheit zu stehlen, ohne entdeckt zu werden, dann würde er es tun. – Der zweite Dieb sagt: „Ich habe verstanden, dass Stehlen böse ist, dass ich vielen Menschen Leiden zugefügt habe mit meinem Stehlen und dass damit Gott beleidigt wurde. Ich habe begonnen Gott zu lieben, und deshalb werde ich nicht mehr stehlen.“ Dieser zweite Dieb wird nie mehr stehlen, selbst wenn er die Sicherheit hätte, nicht entdeckt zu werden. – Äusserlich handeln beide gleich. Aber nur der zweite Dieb ist wirklich umgekehrt. Die Umkehr des ersten ist nicht echt; seine Motivation hat sich nicht geändert.

Ist die Sünde noch etwas Anziehendes in deinem Denken? Wenn ja, dann hast du deinen Sinn noch nicht geändert.
Bemühst du dich sehr, nicht zu sündigen, weil andere Christen dich schief ansehen könnten; empfindest aber in deinem Inneren, dass diese Bemühungen gegen deine eigene Natur gehen, und sehnst dich im Grunde danach, eine bestimmte Sünde begehen zu können, ohne dass es jemand erfahren könnte? Wenn ja, dann bist du noch nicht wirklich umgekehrt; du hast nur dein Handeln geändert, aber nicht deine Denkweise.

Um zu einer echten Umkehr zu kommen, ist ein übernatürliches Werk des Heiligen Geistes in deinem Herzen notwendig. „Und wenn er (der Heilige Geist) kommt, wird er die Welt überführen von Sünde, von Gerechtigkeit und vom Gericht.“ (Johannes 16,8). Diese göttliche Überführung von der Sünde kann dich zur echten Umkehr führen, wenn du es zulässt. Vielleicht ist deine jetzige Kenntnis über die Sünde blosse Theorie: „Ja, ich weiss, dass ich gesündigt habe und umkehren sollte.“ Aber es ist nötig, dass der Heilige Geist es dir ins Herz spricht. Er wird es tun, wenn du ihn ernsthaft suchst. Er ist es auch, der dich zu einer ganz neuen Person machen kann.

(Fortsetzung folgt)

 

 

Kann jemand, der zuhause ausgebildet wurde, an einer Universität studieren?

18. September 2015

Natürlich – warum nicht? In den USA gibt es bereits Tausende von Universitätsstudenten, die zuvor nie eine Schule besuchten. Nur in unaufgeklärten Ländern wird auch heute noch Homeschooling-Eltern der unberechtigte Vorwurf gemacht, sie würden damit ihren Kindern die berufliche Zukunft verbauen. – Da müsste natürlich zuerst nachgefragt werden, ob eine gute berufliche Zukunft wirklich von einem Universitätsabschluss abhängt; und ob umgekehrt ein Universitätsabschluss wirklich eine gute berufliche Zukunft garantiert. Doch davon ein anderes Mal; in diesem Artikel befasse ich mich spezifisch mit dem Thema „Universitätsstudium“.

Kritiker führen hier meistens die beiden folgenden Aspekte an:

1. Kann man das nötige akademische Niveau erreichen, ohne eine Schule zu besuchen?

Der „Fraser-Report“ führt verschiedene Untersuchungen aus den USA und Kanada an, wonach das akademische Niveau von zuhause ausgebildeten Studenten im Durchschnitt deutlich höher ist als dasjenige von gleichaltrigen Schülern. Das kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden, die dazu beitragen, dass „Homeschooling“ pädagogisch wertvoller und effizienter ist: persönliches und individuelles „Mentoring“; ein individueller, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes zugeschnittener Lehrplan; eine emotionell positive und ermutigende Umgebung; Abwesenheit von negativen Einflüssen der schulischen Umgebung (Unruhe und Disziplinlosigkeit in der Klasse; unpersönliche Lehrer-Schüler-Beziehung; Mobbing).

Nun gibt es in diesen unaufgeklärten Ländern Kritiker, die das trotz der statistisch erwiesenen Fakten einfach nicht glauben wollen: „Ein einzelnes Elternpaar kann doch unmöglich die nötigen Kenntnisse haben, um ihre Kinder bis zur Hochschulreife selber auszubilden!“ – Eine solche Aussage ist etwa so sinnvoll wie die folgende: „Ein Baum kann doch unmöglich höher als zehn Meter werden, weil Wasser in einer Röhre nicht höher als zehn Meter steigen kann!“ – Anstatt stur und blind darauf zu beharren, das sei unmöglich, täte dieser Kritiker besser daran, nachzuforschen, wie es denn die Bäume machen, um Höhen von vierzig Metern und mehr zu erreichen. Ebenso könnten Homeschool-Kritiker einiges lernen, wenn sie stattdessen nachfragten, wie es denn die Eltern gemacht haben, deren zuhause ausgebildete Kinder tatsächlich an einer Universität studieren oder bereits abgeschlossen haben.

Mein ältester Sohn hat dieses Jahr ein Beispiel gegeben. Er hat im ersten Anlauf die Aufnahmeprüfung an eine Universität bestanden, die als eine der anspruchsvollsten hier in Perú gilt. (Nur die allerwenigsten Bewerber schaffen das. Die meisten, die schlussendlich aufgenommen werden, mussten sich nach ihrem Schulabschluss noch während zwei, drei oder noch mehr Jahren speziell auf diese Prüfung vorbereiten.) Jetzt ist er im zweiten Semester seines Informatikstudiums.
– Zur Erklärung: Im hiesigen System gibt es keine Maturitäts- bzw. Abiturprüfungen. Jede Universität erstellt ihre eigenen Aufnahmeprüfungen, deren Niveau von einer Universität zur andern unterschiedlich sein kann. Zu diesen Prüfungen melden sich in der Regel rund zehnmal so viele Bewerber, als Studienplätze vorhanden sind. Es genügt also nicht, an der Prüfung eine genügende Note zu haben; sondern man muss mit seinem Notendurchschnitt zu den obersten 10% aller Bewerber gehören.

Nun, wie haben wir das gemacht, wir Eltern, die wir doch „unmöglich die nötigen Kenntnisse haben können“? – Das mögen Interessierte und Kritiker selber herausfinden. Hier einige Hinweise dazu.

2. Kann man ohne Schulabschlusszeugnis an eine Universität aufgenommen werden?

Zuerst möchte ich erwähnen, dass auch zuhause ausgebildete Jugendliche ein Schulabschlusszeugnis erwerben können. In einigen Ländern durch Bestehen einer entsprechenden Prüfung; in anderen Ländern ist zusätzlich der Besuch des letzten Schuljahres an einer staatlich anerkannten Schule erforderlich. Das ist der Weg, für den sich unsere Kinder entschieden haben. An der Schule, wo sie ihre Zeugnisse erhielten, fragten wir nach, ob wir damit rechnen könnten, dass diese Möglichkeit auch in Zukunft bestehen würde. Wir erhielten zur Antwort: „Diese Möglichkeit muss bestehen bleiben, denn wir dürfen niemandem das Recht auf Bildung verweigern.“ – Staatliche Regierungen weltweit sind also verpflichtet, Jugendlichen (und Erwachsenen), die ihre Ausbildung auf einem anderen als dem offiziell vorgesehenen Weg erworben haben, die Möglichkeit zu bieten, ihre Ausbildung fortzusetzen auf dem Niveau, das ihrem Kenntnisstand entspricht – und natürlich die entsprechenden Zeugnisse zu erhalten.
Interessanterweise wird das sogar im unaufgeklärten Deutschland anerkannt. Während in diesem Land Eltern, die ihr Recht auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder geltend machen wollen, regelmässig schikaniert, bedroht, verfolgt, und vor Gericht verurteilt werden, so haben andererseits deutsche Gerichte festgestellt, dass auch in diesem Land zuhause ausgebildete Jugendliche das Recht haben, in derjenigen Klasse eingeschult zu werden, die ihrem Alter und Kenntnisstand entspricht, ohne zusätzliche Schuljahre absolvieren zu müssen. (Siehe z.B. hier .)

Zum anderen verlangen viele Universitäten (darunter die weltweit rennomiertesten) von den Studienanwärtern gar keinen offiziellen Schulabschluss. In den USA haben die meisten Hochschulen inzwischen ein offizielles Aufnahmeverfahren für zuhause ausgebildete Bewerber. Dieses besteht in der Regel aus einer standardisierten Aufnahmeprüfung, sowie Einreichen eines „Portfolios“ von schriftlichen Arbeiten (Aufsätze, Zusammenfassungen von gelesenen Büchern, Forschungsarbeiten, usw.), die der Bewerber im Lauf seiner Ausbildung zuhause geschrieben hat.
Manche Universitäten ziehen sogar zuhause ausgebildete Studenten vor: Sie „bringen gewisse Fähigkeiten mit – Motivation; Neugier; die Fähigkeit, selber Verantwortung für ihre Ausbildung zu übernehmen -, die von den Schulen nicht sehr gut vermittelt werden.“ (Jon Reider, Aufnahmebeamter der Universität Stanford, zitiert im oben erwähnten „Fraser-Report“.)

Den Knüller habe ich mir bis zum Schluss aufgespart: Das geht sogar in Deutschland! Die Deutsch-Amerikanerin Carla Widman wurde letztes Jahr zum Masterstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zugelassen, obwohl sie nie eine Schule besucht hatte. Wie berichtet wird, verlangte die Universität anfangs zusätzlich zur Bachelor-Urkunde auch noch ein Schulzeugnis. Schliesslich gab sie sich mit einem von Widmans Mutter selber ausgestellten Abiturzeugnis zufrieden.
Ob Carla Widman der Einstieg in den Studienbetrieb schwergefallen ist? – Im Gegenteil! Der Bericht sagt darüber:

„Absolventen vom Gymnasium oder der High School, die über Jahre von den Lehrern den Stoff vorgekaut bekamen, fallen die ersten Semester an der Uni oft schwer. Sie sind es nicht gewohnt, plötzlich alles alleine zu organisieren. Widman dagegen schon: ‚Ich war meine gesamte Schulzeit auf mich allein gestellt. Im Uni-Alltag habe ich mich gerade am Anfang viel leichter getan als manche Kollegen.‘ “

Fazit: Kein Problem. Man kann und man darf an einer Universität studieren, ohne zur Schule gegangen zu sein. Sogar in Deutschland.

Der Studienanwärter

10. September 2015

Wie alle Tage sass Nabal in seinem Büro am theologischen Seminar, wo er Direktor war, als sich ein neuer Anwärter für das Studium vorstellte. Er sah wie ein Bauer aus, oder ein einfacher Handwerker. Das war an sich nichts Aussergewöhnliches, da jenes Seminar sich in einer ländlichen Gegend des peruanischen Hochlandes befand, und oft interessierten sich Christen vom Land für das Studium. Nur hatten sie oft nicht das nötige Bildngsniveau dafür.

Der Bewerber brachte sein ausgefülltes Anmeldeformular mit, aber kein anderes Schriftstück. Das machte natürlich keinen vorteilhaften Eindruck.

– „Ihr Schulzeugnis bitte“, sagte Nabal.
Die Antwort überraschte ihn. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn der Bewerber gesagt hätte, er hätte die Schule nicht beendet. Aber er fragte: „Was ist das?“
– „Wie? Sie kommen hierher um zu studieren, und wissen nicht einmal, was ein Schulzeugnis ist? Sind Sie überhaupt zur Schule gegangen?“
– „Ja, in meinem Dorf. Aber sagen Sie mir bitte, was ein Schulzeugnis ist.“

Nabal ärgerte sich ein wenig über seine Beharrlichkeit, aber er beschloss, Geduld mit ihm zu haben.
– „Das ist ein Dokument, das bezeugt, dass Sie die Schule zufriedenstellend abgeschlossen haben; oder falls Sie nicht abgeschlossen haben, eine Bestätigung der Schuljahre und der Fächer, die Sie besucht haben. Sie sollten dieses Dokument von Ihrer Schule verlangt haben, bevor Sie sich hier anmeldeten.“

Er schien die letzte Bemerkung zu überhören. Stattdessen fragte er:
– „Dann ist dies kein Ort der Vorbereitung zum Dienst Gottes?“
– „Natürlich ist es das. Gerade deshalb wünschen wir, dass die Studenten alle verlangten Dokumente mitbringen, damit alles ordentlich und im Sinne des Herrn geschieht.“
– „Und ein Schulzeugnis würde Sie davon überzeugen, dass ich ein Diener Gottes bin?“

Jetzt musste Nabal sich sehr beherrschen, um nicht die Geduld zu verlieren über diesen vorlauten Fragen.
– „Es ist nicht Ihre Sache, unsere Kriterien zur Beurteilung unserer Studenten zu kritisieren. Wir wissen, wie wir die Qualität unserer Institution zu bewahren haben. Zeigen Sie mir bitte das Empfehlungsschreiben Ihres Pfarrers.“
Nabal erlebte eine weitere Überraschung, als der Bewerber antwortete:
– „Gott, mein Vater, empfiehlt mich.“
– „Wollen Sie sagen, dass Sie kein Empfehlungsschreiben haben?“
– „Empfehlungen von Menschen nehme ich nicht an. Wie könnt ihr glauben, die ihr Empfehlungen voneinander annehmt, aber nicht die Empfehlung sucht, die von Gott kommt?“

Dieses Mal konnte Nabal einen ärgerlichen Tonfall in seiner Stimme nicht vermeiden, als er antwortete:
– „Mit dieser kritischen Haltung werden Sie nie Erfolg haben im Dienst. Sie sind noch nicht einmal als Student angenommen worden, und versuchen bereits, unsere Geistlichkeit zu beurteilen.“
– „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, antwortete er einfach.
Diese Bemerkung rief Nabal schmerzhaft die Nachricht in Erinnerung, die er vor kurzem gelesen hatte, dass ein Absolvent des Seminars schuldig befunden worden war, ein Mädchen aus seiner Gemeinde vergewaltigt zu haben. Zuvor hatte es einen Fall von Betrug und Veruntreuung an seinem eigenen Seminar gegeben, den er mit so wenig Aufsehen wie möglich in Ordnung zu bringen versucht hatte. Aber war es etwa Sache dieses Fremden, das Seminar in Frage zu stellen?

Nabal beschloss, ihm eine letzte Gelegenheit zu geben, und fragte:
– „Haben Sie irgendwelche Erfahrung im geistlichen Dienst?“
– „Vor drei Jahren begann ich zu predigen.“
– „Dann kann Ihre Gemeinde sicher die Qualität Ihrer Predigten bezeugen?“
– „Ich denke nicht, dass sie dies tun würden. Um die Wahrheit zu sagen, sie ärgerten sich sehr über die Dinge, die ich ihnen sagte; noch mehr als Sie sich jetzt gerade ärgern. Sie wünschten nicht, dass ich nochmals dort predigte.“

Nabal blieb der Mund offen stehen vor solcher Kühnheit und entwaffnender Ehrlichkeit. Schliesslich fragte er:
– „Was taten Sie dann, nachdem Ihre Gemeinde Sie abgelehnt hatte?“
– „Ich ging an anderen Orten predigen.“
– „Aha. Sie sind ein Rebell, der von einer Gemeinde zur anderen wechselt und den Frieden der Geschwister stört; und um den Konsequenzen in einer Gemeinde auszuweichen, gehen Sie einfach zu einer anderen. Es tut mir sehr leid, aber für diese Art Leute haben wir keinen Platz an unserem Seminar.“
– „Das sagen Sie wahrheitsgemäss, obwohl Sie sich der Bedeutung Ihrer Worte nicht bewusst sind. Ich kam zu den Meinen, aber die Meinen nahmen mich nicht auf. Sie, die Sie die Bibel studieren, sollten besser verstehen, was mit jenen geschieht, die mich nicht aufnehmen. Ich verabschiede mich also von Ihnen und von diesem Seminar.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging.

Täuschte sich Nabal, oder glänzten wirklich Tränen in den Augen des Bewerbers, während er die letzten Worte sagte? Und er konnte sich des seltsamen Eindrucks nicht erwehren, dass diese Tränen nicht eine Trauer über die erfahrene Ablehnung ausdrückten, sondern einen tiefen und unerklärlichen Schmerz um ihn, Nabal selber.

Erst einige Minuten später wurde ihm bewusst, dass er ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Aber er hatte sein Anmeldeformular auf Nabals Schreibtisch liegengelassen. Er begann seine Personalien zu erkunden.

Name: Jesus.
Nachname: Bar-Josef.
Wohnort: Nazareth.

Nabal fühlte kalte Schauer über seinen ganzen Körper laufen. Er wollte hinausstürzen, um dem geheimnisvollen Studienanwärter nachzurennen, aber er war schon ausser Sicht. Nabals Augen öffneten sich für die erschreckende Wahrheit: Indem er ihn disqualifizierte, hatte er in Wirklichkeit sich selber disqualifiziert, und die ganze Institution, die er vertrat. Die Gegenwart des Herrn am Seminar war verlorengegangen, vielleicht für immer.