Der Studienanwärter

Wie alle Tage sass Nabal in seinem Büro am theologischen Seminar, wo er Direktor war, als sich ein neuer Anwärter für das Studium vorstellte. Er sah wie ein Bauer aus, oder ein einfacher Handwerker. Das war an sich nichts Aussergewöhnliches, da jenes Seminar sich in einer ländlichen Gegend des peruanischen Hochlandes befand, und oft interessierten sich Christen vom Land für das Studium. Nur hatten sie oft nicht das nötige Bildngsniveau dafür.

Der Bewerber brachte sein ausgefülltes Anmeldeformular mit, aber kein anderes Schriftstück. Das machte natürlich keinen vorteilhaften Eindruck.

– „Ihr Schulzeugnis bitte“, sagte Nabal.
Die Antwort überraschte ihn. Es hätte ihn nicht überrascht, wenn der Bewerber gesagt hätte, er hätte die Schule nicht beendet. Aber er fragte: „Was ist das?“
– „Wie? Sie kommen hierher um zu studieren, und wissen nicht einmal, was ein Schulzeugnis ist? Sind Sie überhaupt zur Schule gegangen?“
– „Ja, in meinem Dorf. Aber sagen Sie mir bitte, was ein Schulzeugnis ist.“

Nabal ärgerte sich ein wenig über seine Beharrlichkeit, aber er beschloss, Geduld mit ihm zu haben.
– „Das ist ein Dokument, das bezeugt, dass Sie die Schule zufriedenstellend abgeschlossen haben; oder falls Sie nicht abgeschlossen haben, eine Bestätigung der Schuljahre und der Fächer, die Sie besucht haben. Sie sollten dieses Dokument von Ihrer Schule verlangt haben, bevor Sie sich hier anmeldeten.“

Er schien die letzte Bemerkung zu überhören. Stattdessen fragte er:
– „Dann ist dies kein Ort der Vorbereitung zum Dienst Gottes?“
– „Natürlich ist es das. Gerade deshalb wünschen wir, dass die Studenten alle verlangten Dokumente mitbringen, damit alles ordentlich und im Sinne des Herrn geschieht.“
– „Und ein Schulzeugnis würde Sie davon überzeugen, dass ich ein Diener Gottes bin?“

Jetzt musste Nabal sich sehr beherrschen, um nicht die Geduld zu verlieren über diesen vorlauten Fragen.
– „Es ist nicht Ihre Sache, unsere Kriterien zur Beurteilung unserer Studenten zu kritisieren. Wir wissen, wie wir die Qualität unserer Institution zu bewahren haben. Zeigen Sie mir bitte das Empfehlungsschreiben Ihres Pfarrers.“
Nabal erlebte eine weitere Überraschung, als der Bewerber antwortete:
– „Gott, mein Vater, empfiehlt mich.“
– „Wollen Sie sagen, dass Sie kein Empfehlungsschreiben haben?“
– „Empfehlungen von Menschen nehme ich nicht an. Wie könnt ihr glauben, die ihr Empfehlungen voneinander annehmt, aber nicht die Empfehlung sucht, die von Gott kommt?“

Dieses Mal konnte Nabal einen ärgerlichen Tonfall in seiner Stimme nicht vermeiden, als er antwortete:
– „Mit dieser kritischen Haltung werden Sie nie Erfolg haben im Dienst. Sie sind noch nicht einmal als Student angenommen worden, und versuchen bereits, unsere Geistlichkeit zu beurteilen.“
– „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen“, antwortete er einfach.
Diese Bemerkung rief Nabal schmerzhaft die Nachricht in Erinnerung, die er vor kurzem gelesen hatte, dass ein Absolvent des Seminars schuldig befunden worden war, ein Mädchen aus seiner Gemeinde vergewaltigt zu haben. Zuvor hatte es einen Fall von Betrug und Veruntreuung an seinem eigenen Seminar gegeben, den er mit so wenig Aufsehen wie möglich in Ordnung zu bringen versucht hatte. Aber war es etwa Sache dieses Fremden, das Seminar in Frage zu stellen?

Nabal beschloss, ihm eine letzte Gelegenheit zu geben, und fragte:
– „Haben Sie irgendwelche Erfahrung im geistlichen Dienst?“
– „Vor drei Jahren begann ich zu predigen.“
– „Dann kann Ihre Gemeinde sicher die Qualität Ihrer Predigten bezeugen?“
– „Ich denke nicht, dass sie dies tun würden. Um die Wahrheit zu sagen, sie ärgerten sich sehr über die Dinge, die ich ihnen sagte; noch mehr als Sie sich jetzt gerade ärgern. Sie wünschten nicht, dass ich nochmals dort predigte.“

Nabal blieb der Mund offen stehen vor solcher Kühnheit und entwaffnender Ehrlichkeit. Schliesslich fragte er:
– „Was taten Sie dann, nachdem Ihre Gemeinde Sie abgelehnt hatte?“
– „Ich ging an anderen Orten predigen.“
– „Aha. Sie sind ein Rebell, der von einer Gemeinde zur anderen wechselt und den Frieden der Geschwister stört; und um den Konsequenzen in einer Gemeinde auszuweichen, gehen Sie einfach zu einer anderen. Es tut mir sehr leid, aber für diese Art Leute haben wir keinen Platz an unserem Seminar.“
– „Das sagen Sie wahrheitsgemäss, obwohl Sie sich der Bedeutung Ihrer Worte nicht bewusst sind. Ich kam zu den Meinen, aber die Meinen nahmen mich nicht auf. Sie, die Sie die Bibel studieren, sollten besser verstehen, was mit jenen geschieht, die mich nicht aufnehmen. Ich verabschiede mich also von Ihnen und von diesem Seminar.“
Mit diesen Worten drehte er sich um und ging.

Täuschte sich Nabal, oder glänzten wirklich Tränen in den Augen des Bewerbers, während er die letzten Worte sagte? Und er konnte sich des seltsamen Eindrucks nicht erwehren, dass diese Tränen nicht eine Trauer über die erfahrene Ablehnung ausdrückten, sondern einen tiefen und unerklärlichen Schmerz um ihn, Nabal selber.

Erst einige Minuten später wurde ihm bewusst, dass er ihn nicht einmal nach seinem Namen gefragt hatte. Aber er hatte sein Anmeldeformular auf Nabals Schreibtisch liegengelassen. Er begann seine Personalien zu erkunden.

Name: Jesus.
Nachname: Bar-Josef.
Wohnort: Nazareth.

Nabal fühlte kalte Schauer über seinen ganzen Körper laufen. Er wollte hinausstürzen, um dem geheimnisvollen Studienanwärter nachzurennen, aber er war schon ausser Sicht. Nabals Augen öffneten sich für die erschreckende Wahrheit: Indem er ihn disqualifizierte, hatte er in Wirklichkeit sich selber disqualifiziert, und die ganze Institution, die er vertrat. Die Gegenwart des Herrn am Seminar war verlorengegangen, vielleicht für immer.

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