Kann jemand, der zuhause ausgebildet wurde, an einer Universität studieren?

Natürlich – warum nicht? In den USA gibt es bereits Tausende von Universitätsstudenten, die zuvor nie eine Schule besuchten. Nur in unaufgeklärten Ländern wird auch heute noch Homeschooling-Eltern der unberechtigte Vorwurf gemacht, sie würden damit ihren Kindern die berufliche Zukunft verbauen. – Da müsste natürlich zuerst nachgefragt werden, ob eine gute berufliche Zukunft wirklich von einem Universitätsabschluss abhängt; und ob umgekehrt ein Universitätsabschluss wirklich eine gute berufliche Zukunft garantiert. Doch davon ein anderes Mal; in diesem Artikel befasse ich mich spezifisch mit dem Thema „Universitätsstudium“.

Kritiker führen hier meistens die beiden folgenden Aspekte an:

1. Kann man das nötige akademische Niveau erreichen, ohne eine Schule zu besuchen?

Der „Fraser-Report“ führt verschiedene Untersuchungen aus den USA und Kanada an, wonach das akademische Niveau von zuhause ausgebildeten Studenten im Durchschnitt deutlich höher ist als dasjenige von gleichaltrigen Schülern. Das kann auf verschiedene Faktoren zurückgeführt werden, die dazu beitragen, dass „Homeschooling“ pädagogisch wertvoller und effizienter ist: persönliches und individuelles „Mentoring“; ein individueller, auf die Bedürfnisse des jeweiligen Kindes zugeschnittener Lehrplan; eine emotionell positive und ermutigende Umgebung; Abwesenheit von negativen Einflüssen der schulischen Umgebung (Unruhe und Disziplinlosigkeit in der Klasse; unpersönliche Lehrer-Schüler-Beziehung; Mobbing).

Nun gibt es in diesen unaufgeklärten Ländern Kritiker, die das trotz der statistisch erwiesenen Fakten einfach nicht glauben wollen: „Ein einzelnes Elternpaar kann doch unmöglich die nötigen Kenntnisse haben, um ihre Kinder bis zur Hochschulreife selber auszubilden!“ – Eine solche Aussage ist etwa so sinnvoll wie die folgende: „Ein Baum kann doch unmöglich höher als zehn Meter werden, weil Wasser in einer Röhre nicht höher als zehn Meter steigen kann!“ – Anstatt stur und blind darauf zu beharren, das sei unmöglich, täte dieser Kritiker besser daran, nachzuforschen, wie es denn die Bäume machen, um Höhen von vierzig Metern und mehr zu erreichen. Ebenso könnten Homeschool-Kritiker einiges lernen, wenn sie stattdessen nachfragten, wie es denn die Eltern gemacht haben, deren zuhause ausgebildete Kinder tatsächlich an einer Universität studieren oder bereits abgeschlossen haben.

Mein ältester Sohn hat dieses Jahr ein Beispiel gegeben. Er hat im ersten Anlauf die Aufnahmeprüfung an eine Universität bestanden, die als eine der anspruchsvollsten hier in Perú gilt. (Nur die allerwenigsten Bewerber schaffen das. Die meisten, die schlussendlich aufgenommen werden, mussten sich nach ihrem Schulabschluss noch während zwei, drei oder noch mehr Jahren speziell auf diese Prüfung vorbereiten.) Jetzt ist er im zweiten Semester seines Informatikstudiums.
– Zur Erklärung: Im hiesigen System gibt es keine Maturitäts- bzw. Abiturprüfungen. Jede Universität erstellt ihre eigenen Aufnahmeprüfungen, deren Niveau von einer Universität zur andern unterschiedlich sein kann. Zu diesen Prüfungen melden sich in der Regel rund zehnmal so viele Bewerber, als Studienplätze vorhanden sind. Es genügt also nicht, an der Prüfung eine genügende Note zu haben; sondern man muss mit seinem Notendurchschnitt zu den obersten 10% aller Bewerber gehören.

Nun, wie haben wir das gemacht, wir Eltern, die wir doch „unmöglich die nötigen Kenntnisse haben können“? – Das mögen Interessierte und Kritiker selber herausfinden. Hier einige Hinweise dazu.

2. Kann man ohne Schulabschlusszeugnis an eine Universität aufgenommen werden?

Zuerst möchte ich erwähnen, dass auch zuhause ausgebildete Jugendliche ein Schulabschlusszeugnis erwerben können. In einigen Ländern durch Bestehen einer entsprechenden Prüfung; in anderen Ländern ist zusätzlich der Besuch des letzten Schuljahres an einer staatlich anerkannten Schule erforderlich. Das ist der Weg, für den sich unsere Kinder entschieden haben. An der Schule, wo sie ihre Zeugnisse erhielten, fragten wir nach, ob wir damit rechnen könnten, dass diese Möglichkeit auch in Zukunft bestehen würde. Wir erhielten zur Antwort: „Diese Möglichkeit muss bestehen bleiben, denn wir dürfen niemandem das Recht auf Bildung verweigern.“ – Staatliche Regierungen weltweit sind also verpflichtet, Jugendlichen (und Erwachsenen), die ihre Ausbildung auf einem anderen als dem offiziell vorgesehenen Weg erworben haben, die Möglichkeit zu bieten, ihre Ausbildung fortzusetzen auf dem Niveau, das ihrem Kenntnisstand entspricht – und natürlich die entsprechenden Zeugnisse zu erhalten.
Interessanterweise wird das sogar im unaufgeklärten Deutschland anerkannt. Während in diesem Land Eltern, die ihr Recht auf die Erziehung ihrer eigenen Kinder geltend machen wollen, regelmässig schikaniert, bedroht, verfolgt, und vor Gericht verurteilt werden, so haben andererseits deutsche Gerichte festgestellt, dass auch in diesem Land zuhause ausgebildete Jugendliche das Recht haben, in derjenigen Klasse eingeschult zu werden, die ihrem Alter und Kenntnisstand entspricht, ohne zusätzliche Schuljahre absolvieren zu müssen. (Siehe z.B. hier .)

Zum anderen verlangen viele Universitäten (darunter die weltweit rennomiertesten) von den Studienanwärtern gar keinen offiziellen Schulabschluss. In den USA haben die meisten Hochschulen inzwischen ein offizielles Aufnahmeverfahren für zuhause ausgebildete Bewerber. Dieses besteht in der Regel aus einer standardisierten Aufnahmeprüfung, sowie Einreichen eines „Portfolios“ von schriftlichen Arbeiten (Aufsätze, Zusammenfassungen von gelesenen Büchern, Forschungsarbeiten, usw.), die der Bewerber im Lauf seiner Ausbildung zuhause geschrieben hat.
Manche Universitäten ziehen sogar zuhause ausgebildete Studenten vor: Sie „bringen gewisse Fähigkeiten mit – Motivation; Neugier; die Fähigkeit, selber Verantwortung für ihre Ausbildung zu übernehmen -, die von den Schulen nicht sehr gut vermittelt werden.“ (Jon Reider, Aufnahmebeamter der Universität Stanford, zitiert im oben erwähnten „Fraser-Report“.)

Den Knüller habe ich mir bis zum Schluss aufgespart: Das geht sogar in Deutschland! Die Deutsch-Amerikanerin Carla Widman wurde letztes Jahr zum Masterstudium an der Ludwig-Maximilians-Universität in München zugelassen, obwohl sie nie eine Schule besucht hatte. Wie berichtet wird, verlangte die Universität anfangs zusätzlich zur Bachelor-Urkunde auch noch ein Schulzeugnis. Schliesslich gab sie sich mit einem von Widmans Mutter selber ausgestellten Abiturzeugnis zufrieden.
Ob Carla Widman der Einstieg in den Studienbetrieb schwergefallen ist? – Im Gegenteil! Der Bericht sagt darüber:

„Absolventen vom Gymnasium oder der High School, die über Jahre von den Lehrern den Stoff vorgekaut bekamen, fallen die ersten Semester an der Uni oft schwer. Sie sind es nicht gewohnt, plötzlich alles alleine zu organisieren. Widman dagegen schon: ‚Ich war meine gesamte Schulzeit auf mich allein gestellt. Im Uni-Alltag habe ich mich gerade am Anfang viel leichter getan als manche Kollegen.‘ “

Fazit: Kein Problem. Man kann und man darf an einer Universität studieren, ohne zur Schule gegangen zu sein. Sogar in Deutschland.

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