Themen, über die ich lieber nicht streiten möchte (1)

Ich habe in diesem Blog schon verschiedene kontroverse Artikel veröffentlicht über Themen, die mir wichtig sind; und ich werde das – so Gott will – weiterhin tun. Daneben gibt es aber verschiedenste Themen, über die in manchen Kreisen – wie ich meine – völlig unnötigerweise heftig gestritten wird. Themen, die manchmal zu Kriterien über die „Christlichkeit“ anderer Menschen erhoben werden, obwohl sie überhaupt nicht heilsentscheidend sind.

Paulus warnte Timotheus: „Aber die törichten und unziemlichen Streitfragen weise ab, weil du weisst, dass sie nur Streitigkeiten erzeugen.“ (2.Tim.2,23) Timotheus sollte auch andere Menschen zurechtweisen, die „auf Fabeln und endlose Geschlechtsregister achten, die vielmehr Streitfragen hervorbringen statt Dienstleistung im Haushalt Gottes“ (1.Tim.1,4), und die „sich zu nichtigem Geschwätz hinweggewendet haben, indem sie Gesetzeslehrer sein wollen, ohne doch zu verstehen, weder was sie sagen noch worüber sie zuversichtlich Behauptungen aufstellen“ (1.Tim.1,7).
– Das bedeutet gerade nicht, dass Timotheus seine eigene Bibelinterpretation durchsetzen solle und alle anderen Interpretationen als „Irrlehre“ brandmarken solle. Es bedeutet, dass er jene Menschen zurechtweisen sollte, welche gewisse Feinheiten in der Bibelinterpretation überhaupt zu einer Streitfrage machten; weil solche Streitfragen nur ablenken von den wirklich wichtigen grossen Wahrheiten, und von der „Dienstleistung im Haushalt Gottes“.

Ich möchte hier also einige der Themen nennen, die ich unter diese Kategorie einreihen würde.

– Dies ist nun der weiss-nicht-wievielte-schon Anlauf, diese Artikelserie zu schreiben. Ich musste nämlich feststellen, dass jedesmal, wenn ich begründen wollte, warum ich eines dieser Themen als nicht heilsentscheidend betrachte und die Streitgespräche darüber als schädlich, ich in die Gefahr gekam, verschiedenste mögliche Argumente für und gegen beide Seiten der Kontroverse anzuführen, und damit den Streitgesprächen gerade wieder neue Nahrung zuzuführen. Aber dieser Umstand ist vielleicht gerade die beste Begründung dafür, dass diese Themen wirklich nicht zu Streitfragen unter Christen gemacht werden sollten.
Ich werde jetzt also versuchen, die Für- und Gegen-Argumente auf ein Minimum zu beschränken. Es möge hier genügen zu sagen, dass ich in den genannten Themenbereichen für beide Seiten der Kontroverse ein gewisses Verständnis aufbringe; nicht aber für die gegenseitigen Anschuldigungen und Verurteilungen, die in diesen Zusammenhängen oft vorgebracht werden. Wem die von mir vorgebrachten Ausführungen nicht genügen sollten, der möge bitte zuerst selber ein durchschlagendes biblisches Argument suchen, warum die Ansicht einer Person zu der betreffenden Streitfrage über deren ewiges Heil oder Verdammnis entscheiden sollte.

1. Der „äusserliche Verhaltenskodex“

In gewissen Kreisen wird stundenlang über Fragen diskutiert wie:
„Darf ein Christ an einem Fest teilnehmen, wo getanzt wird?“
„Darf ein Christ Bier trinken?“
„Darf eine christliche Frau Ohrringe tragen?“
„Darf ein Christ ins öffentliche Schwimmbad gehen?“
„Darf ein Christ Börsengeschäfte machen?“
„Darf ein Christ weltliche Musik hören?“
„Darf ein Christ eine politische Partei unterstützen?“
„Darf ein Christ … ?“

Und oft sind die Fronten zum vornherein festgelegt: Wer mit „Nein“ antwortet, ist „gesetzlich“; wer mit „Ja“ antwortet, ist „liberal“ oder „verweltlicht“.

Da es zu diesen Fragen keine Bibelverse gibt, die sagen „Du darfst“ oder „Du darfst nicht“, wird dann meistens über ziemlich willkürliche Kriterien diskutiert. Z.B. Musik: Ist Mozart auch „weltliche Musik“? Johann Strauss? Wagner? Elvis Presley? Die Beatles? Wo setzen wir die Grenze an? – Oder Alkohol trinken: Ich bin ja auch dafür, dass wir mit unserem von Gott geschaffenen Körper sorgsam umgehen sollen. Aber wo ist die Grenze? Kaffee und Schwarztee enthalten auch Nervengifte. Insektizide, Konservierungsmittel und künstliche Lebensmittelfarbstoffe sind ebenfalls schädlich. Und wenn wir von der psychischen Abhängigkeit als Kriterium ausgehen, da gibt es auch Leute, die sind von Schokolade oder Coca-Cola abhängig. – Andererseits schreibt Paulus über die Nahrungsmittel: „Denn alles von Gott Geschaffene ist gut, und nichts ist verwerflich, wenn es mit Danksagung empfangen wird; denn es wird durch Gottes Wort und Gebet geheiligt.“ (1. Timotheus 4,4-5).

Ich würde sagen, schon die Fragen sind falsch gestellt. Wer die Geistlichkeit eines Christen an solchen äusserlichen Kriterien festmachen will, der hat etwas ganz Entscheidendes am Christenleben nicht begriffen: Christsein bedeutet nicht, einen unpersönlichen Katalog von Geboten und Verboten einzuhalten. Es bedeutet auch nicht, einfach „frei“ tun zu können, worauf man gerade Lust hat. Christsein bedeutet „in Christus“ zu sein, d.h. in einer persönlichen engen Beziehung zu ihm. „Nicht mehr ich (lebe), sondern Christus lebt in mir.“ (Galater 2,20). Es bedeutet, „das Gesetz Gottes im Herzen geschrieben zu haben“ (Jeremia 31,33). „Da wird keiner mehr seinen Bruder belehren und sprechen ‚Erkennet en Herrn!‘, sondern sie werden mich alle erkennen, klein und gross …“ (Jeremia 31,34). (Dispensationalisten, die nicht an den Neuen Bund für Christen glauben, mögen stattdessen 1.Johannes 2,27 lesen…)

Deshalb muss in diesen Fragen, für die es in der Bibel keinen festgeschriebenen Verhaltenskodex gibt, jeder Christ für sich selbst vor Gott seine „Grenzen“ festsetzen, und vielleicht sogar in jeder neuen Situation wieder neu; je nachdem, wie es in seinem eigenen Herzen aussieht. Der eine kann unbekümmert ins Schwimmbad gehen, ohne durch den Anblick junger Frauen im Badeanzug Schaden zu nehmen; für den andern mag es schon eine Anfechtung sein, an einem Sommertag eine leichtbekleidete Frau auf der Strasse anzusehen. Der eine kann mit Reichtümern umgehen, ohne dadurch zu Habsucht und Geiz verführt zu werden; ein anderer muss ständig gegen diese Versuchung kämpfen, ob er viel oder wenig hat, Geschäfte macht oder nicht.

Das Neue Testament warnt uns davor, in diesen Bereichen des äusserlichen Verhaltens vorschnell zu urteilen:
„Wer bist du, der du einen fremden Knecht richtest? Er steht oder fällt seinem eigenen Herrn. Er wird aber stehenbleiben, denn der Herr vermag ihn aufrechtzuhalten.“ (Römer 14,4). Ebenso sollten wir aber nicht denken, wir „dürften“ jetzt einfach alles: „Wohl dem, der sich selbst nicht richten muss in dem, was er gutheisst! Wer dagegen zweifelt, wenn er isst, der ist verurteilt, weil es nicht aus Glauben geschieht; alles aber, was nicht aus Glauben geschieht, ist Sünde.“ (Römer 14,22-23)

Hüten wir uns also vor vorschnellen Antworten im Stil von „Ein Christ darf …“ oder „Ein Christ darf nicht …“ Fügen wir dem Wort Gottes keine Menschengebote hinzu, weder im einengend-gesetzlichen Sinn noch im Sinn einer billigen Gnade, die das Gewissen abstumpft. Das führt nur zu unnützen Streitfragen.

Und noch etwas: Wenn wir fragen „Darf ein Christ …?“, dann gehen wir eigentlich schon davon aus, dass unsere eigenen Wünsche dem Willen Gottes entgegenstehen: Wir möchten gerne etwas tun; aber entweder verbietet Gott es uns, weil er uns die Freude nehmen will; oder er erlaubt uns grosszügigerweise (aus „Gnade“) etwas, was er eigentlich nicht will oder woran wir selber im Grunde unseres Herzens zweifeln. So oder so drückt der Frager aus, dass er eigentlich nicht in einer richtigen Beziehung zu Gott steht: Sein Wille ist nicht im Einklang mit dem Willen Gottes. Er vertraut Gott nicht, dass er das Beste für uns will.
Wer „seine Wonne hat am Herrn“, dem „gibt er, was dein Herz begehrt“ (Psalm 37,4) – ohne Hintergedanken, und ohne den Verdacht, es könnte sich um eine nicht ganz rechtmässige „Ausnahmebewilligung“ handeln. Denn wer durch Gottes Geist wiedergeboren wurde, der wird von Gott im Innersten umgewandelt, sodass er von Herzen wünscht, was auch Gott wünscht. (Jeremia 31,33-34, Ezechiel 36,25-27, Römer 8,1-5). Wenn wir also wieder einmal versucht sind, über eine Frage im Stil von „Darf ein Christ …?“ zu streiten, dann sollten wir uns vielleicht zuerst fragen, was in unserem eigenen Herzen noch nicht in Ordnung ist, dass wir es für notwendig halten, über diese Frage zu diskutieren.

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