Archive for November 2015

Themen, über die ich lieber nicht streiten möchte (3)

30. November 2015

3. Gaben des Heiligen Geistes

Bei dieser Streitfrage scheint es sich hauptsächlich um ein deutsches Problem zu handeln. Ich meine damit nicht die Diskussionen um Auswüchse und Extremerscheinungen wie z.B. die „Toronto-Phänomene“, „Lakeland“, oder gewisse abstruse Prophetien. Diese sind überall umstritten, berechtigterweise. Was ich aber meine, ist, dass mir kaum je ein Autor aus einem anderen Land begegnet ist, der derart dogmatisch wie gewisse deutsche Autoren davon ausgeht, dass alles sichtbar-Übernatürliche seit dem Jahr 100 n.Chr. vom Teufel gewirkt sei, oder dass jeder, der den Begriff „Geistestaufe“ in positivem Sinn verwendet, ein Irrlehrer sei.

Es fällt mir deshalb nicht leicht, über dieses Thema in einem Blog zu schreiben, das mehrheitlich von deutschen Lesern gelesen wird. Da gibt es wahrscheinlich manche, die mir sogleich das Etikett „Schwarmgeist“ anhängen werden, wenn ich behaupte, dass es auch heute noch übernatürliche Gaben des Heiligen Geistes gibt. (Der sogenannte „Schwarmgeist“ entstammt meines Wissens der Polemik Luthers gegen die Täufer, und geistert seither in den Köpfen deutscher Theologen umher, ohne dass seine Existenz je aus der Bibel bewiesen worden wäre.)
Andererseits werden vielleicht manche deutschen Pfingstler argwöhnen, ich sei selber im weiter oben erwähnten Sinn dogmatisch festgefahren, wenn ich Vorbehalte gegenüber ihren Geistesgaben anmelde. Wie ich einmal einem Kritiker aus Deutschland schreiben musste: Wenn mir – wie in Deutschland üblich – nur ein charismatischer Stuhl und eine anticharismatische Bank angeboten wird, dann bleibt mir keine andere Wahl, als mich zwischen alle Stühle und Bänke zu setzen.

Ich würde deutschen Lesern einfach raten, einmal über den Grenzzaun hinauszublicken und zu sehen, wie viel entspannter dieses Thema in anderen Ländern angegangen wird. Schon in der Schweiz stelle ich bei Autoren, die über das Thema schreiben, in der Regel eine viel ausgewogenere Haltung fest. Z.B. schreibt Erich Mauerhofer über den neutestamentlichen Prophetendienst folgendes:

„Im übrigen NT ist soviel von der Prophetie (= dem Weissagen) die Rede, vgl. vor allem 1.Kor.12 und 14, als einer Gabe, nach der in besonderer Weise gestrebt werden soll (1.Kor.14,11), sodass es uns nicht schwerfällt, die Gabe der Prophetie und den Propheten-Dienst als bleibende Gabe und bleibenden Auftrag für die Gemeinde und in der Gemeinde zu sehen und zwar, bis der Herr wiederkommt, d.h. ‚bis das Vollkommene (to teleion) kommt.‘ (1.Kor.13,8-10). – Allerdings muss ganz deutlich differenziert werden zwischen der Unfehlbarkeit der AT-Propheten und NT-Propheten, die im Auftrag Gottes geredet und geschrieben haben und zwar inspiriert durch den Heiligen Geist (2.Petr.1,20.21).
Dass diese Unfehlbarkeit nicht automatisch auf den späteren Propheten-Dienst übertragen worden ist, zeigt uns z.B. die Mahnung in 1.Kor.14,29-32. (…) Kein sog. ‚Apostel‘ oder ‚Prophet‘ aus späterer Zeit hat das Recht, noch eine weitere Schrift dem Kanon hinzufügen zu wollen, sonst fällt er unter Gottes Gerichts-Urteil, ein falscher Prophet zu sein.
Im übrigen finde ich die Angaben von Prof.Nicole so hilfreich, dass ich sie hier anfügen möchte:
‚(…) Beim Weissagen handelt es sich nicht um Worte, die in einem Zustand der Ekstase ausgesprochen werden (‚Die Geister der Propheten sind den Propheten untertan‘, 1.Kor.14,32), noch handelt es sich um unfehlbare Botschaften. Es muss geprüft werden, was gesagt ist und nichts soll behalten werden, als was gut ist (1.Kor.14,29; 1.Thess.5,19-21).
Zu Zeiten kann ein Prophet – wie Agabus – ein zukünftiges Ereignis ankündigen (Apg.11,28, 21,10.11); aber seine hauptsächliche Aufgabe ist es, ein Wort der Erbauung, der Ermahnung und des Trostes zu bringen (1.Kor.14,3).
Es wäre unvorsichtig schlusszufolgern, dass jede christliche Predigt eine Prophetie (Weissagung) sei; allerdings kann die Predigt diesen Charakter bekleiden, da durch den Heiligen Geist eine übernatürliche Beziehung besteht zwischen den Bedürfnissen der Zuhörer und der dargebotenen Botschaft (1.Kor.14,24.25). Ich kenne persönlich Fälle, wo Prediger, die nicht ‚pfingstlich‘ sind, auf diese Weise Propheten waren.‘
(J.M.Nicole, Précis de Doctrine Chrétienne, Nogent-sur-Marne, 1983, S.254)“

Und über 1.Korinther 13:

„Die Gnadengaben sind der Stückwerk-Erkenntnis der Jetzt-Zeit (‚árti‘, V.12) als Hilfe zugeordnet (V.9-12), denn gerade jetzt brauche ich die Erleuchtung und den Beistand des Heiligen Geistes in besonderer Weise. Wenn ‚das Vollkommene‘ (V.10) kommen wird (nämlich die Wiederkunft des Herrn, vgl. Diss.EM, S.126 oben und Fussn.604), wird ‚was stückweise ist, weggetan werden‘ (V.10b).
(…) Wenn der Herr wiederkommt und mit seiner Epiphanie in ‚doxa‘ das ‚teleion‘ angebrochen ist, braucht es die Gnadengaben mit ihrem überbrückenden Charakter nicht mehr.“

(Beide Zitate aus einem mir vorliegenden Vorentwurf von 1992 zu Mauerhofers „Biblische Dogmatik“, Kapitel „Ekklesiologie“. Da ich die veröffentlichte Fassung nicht besitze, kann ich nicht nachprüfen, inwieweit diese Abschnitte evtl. seither überarbeitet wurden.)

Deutsche anticharismatische Streiter könnten angesichts solcher Aussagen bereits den Verdacht hegen, Mauerhofer und Nicole seien ins pfingstliche Lager hinübergewechselt. Dabei handelt es sich hier meines Erachtens einfach um ein differenziertes, ausgewogenes Schriftverständnis – eine Grundlage, auf der sich Vertreter beider Seiten friedlich begegnen können, wenn sie das Wort der Schrift über ihr eigenes dogmatisches Vorverständnis stellen.

Ich finde in meiner Bibel jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass diese Frage heilsentscheidend wäre. Kein Christ verliert sein Heil, weil er bestimmte Geistesgaben ausübt oder nicht ausübt, oder weil er in dieser Frage den einen oder den anderen Standpunkt einnimmt. Ermahnt uns nicht Paulus in 1.Korinther 12, uns gegenseitig als Glieder des einen Leibes Christi anzunehmen und zu respektieren, gerade in unserer Unterschiedlichkeit, was die uns anvertrauten Gaben des Geistes betrifft?

Wovor fürchten sich denn jene radikalen Antipfingstler, die alles Übernatürliche verteufeln? Dass ihre Gemeindeglieder von Dämonen besessen werden könnten? – Das wäre wie den Gebrauch von Geld zu verbieten, weil es auch Falschgeld gibt. (Und lehren nicht diese selben Kreise, ein wiedergeborener Christ könne gar keine Dämonen haben?)
Und warum möchten manche radikalen Charismatiker die ganze Christenheit mit ihren speziellen „Segnungen“ beglücken? Denken sie, Gott sei auf ihre besonderen Vermittlungsdienste angewiesen, um den Heiligen Geist verleihen zu können?

Der Heilige Geist ist souverän in der Zuteilung seiner Gaben. „Alles dies aber wirkt ein und derselbe Geist, der jedem für sich zuteilt, wie er will.“ (1.Korinther 12,11) Anscheinend fällt es beiden Seiten der Kontroverse schwer, dies zu respektieren. Antipfingstler scheinen dem Heiligen Geist zu sagen: „Gib mir nur nichts Aussergewöhnliches, nichts Aufsehenerregendes.“ Und Pfingstler scheinen zu sagen: „Gib mir gerade das Aussergewöhnliche, das Aufsehenerregende, sonst bin ich nicht zufrieden.“

Ein weitere biblische Anweisung, die von beiden Seiten häufig missachtet wird, ist 1.Thessalonicher 5,19-21:
„Löscht den Geist nicht aus; verachtet prophetisches Reden nicht! Prüft alles, behaltet das Gute!“
Da scheinen viele Pfingstler stattdessen zu sagen: „Prüft nicht, behaltet alles“. Während die Antipfingstler sagen: „Verwerft alles, ist sowieso alles vom Teufel.“

Leider ist es im Verlauf der Auseinandersetzung auf beiden Seiten zu dogmatischen Festlegungen gekommen, welche die Fronten weiter verhärtet haben – besonders in Deutschland, wo die Pfingstbewegung einen sehr unglücklichen Anfang nahm.
Auf der pfingstlichen Seite betrifft das v.a. die Behauptung, das „Zungenreden“ sei der (notwendige) Erweis der Taufe mit dem Heiligen Geist. Dabei sollte von 1.Kor.12,29-30 her eigentlich klar sein, dass zumindest nicht alle Geistgetauften „in Zungen reden“. Eine solche unbegründbare Festlegung kann dazu führen, dass Nicht-Pfingstler geringgeschätzt werden und mancher Pfingstler insgeheim bezweifelt, dass es in nicht-pfingstlichen Kreisen überhaupt ein lebendiges Christenleben geben könne.
Eine zweite dogmatische Festlegung auf pfingstlicher Seite besteht darin, dass viele die Notwendigkeit einer „Geistestaufe“ als spätere „zweite Erfahrung“ nach der Wiedergeburt betonen. Der Streit um diese Frage beruht aber zu einem grossen Teil auf einer begrifflichen Ungenauigkeit: Im 19.Jahrhundert war es üblich (besonders bei Autoren, welche die persönliche Heiligung betonten), den Begriff „Taufe im Heiligen Geist“ für jene Erfahrung zu verwenden, die im Neuen Testament „Erfüllung mit dem Heiligen Geist“ genannt wird (Apg.4,8, Apg.4,31, Apg.7,55, Eph.4,18, u.a.) – also eine „zweite (oder dritte, vierte, fünfte …) Erfahrung“ nach der Wiedergeburt, die es gemäss den angeführten Stellen tatsächlich gibt. Die Pfingstbewegung hat diesen Sprachgebrauch bedenkenlos übernommen und so für eine gewisse Begriffsverwirrung gesorgt. Das hat dann auf der anderen Seite wiederum dazu geführt, dass viele nicht-pfingstliche Christen überhaupt nicht mehr daran interessiert sind, vom Heiligen Geist erfüllt zu werden.

Auf der anti-pfingstlichen Seite ist die verbreitete Ansicht sehr problematisch, es gäbe heute grundsätzlich keine sichtbar-übernatürlichen Gaben des Heiligen Geistes mehr. Es gibt keinen biblischen Beweis für diese Ansicht. Im Gegenteil, Markus 16,17 spricht von „Zeichen“, die „den Gläubigen folgen werden“ – im Zusammenhang mit dem Missionsbefehl (Vers 15), sodass Vers 17 offenbar für denselben Zeitraum gilt wie dieser. – Dagegen wird oft eine aus der Luft gegriffene Auslegung von 1.Kor.13,10 angeführt, wonach „das Vollkommene“ bedeuten solle: „der Abschluss des neutestamentlichen Kanons“. Es gibt keinerlei biblische Grundlage für diese Auslegung:
– Nirgends in der Bibel wird „der Abschluss des neutestamentlichen Kanons“ als ein heilsgeschichtlich bedeutsames Ereignis erwähnt oder vorausgesagt, oder ein Unterschied zwischen der Zeit „vorher“ und „nachher“ gemacht.
– Dafür erklärt der Zusammenhang von selbst, was mit dem „Vollkommenen“ gemeint ist: die Zeit, wo wir „von Angesicht zu Angesicht“ sehen werden (V.12), nämlich den Herrn. Möchte jemand behaupten, durch das Lesen des Neuen Testamentes sähen wir den Herrn „von Angesicht zu Angesicht“, klarer, als ihn der Apostel Paulus sehen konnte? – Vgl. dazu 1.Joh.2,28-3,3: „Und jetzt, Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er sich offenbaren wird, Zuversicht haben und nicht zuschanden werden vor ihm bei seiner Wiederkunft! (…) Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und noch ist nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir, wenn es offenbar geworden ist, ihm gleich sein werden; denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung auf ihn hat, reinigt sich, wie er rein ist.“ – Dieser Abschnitt ist der beste Kommentar zu 1.Kor.13,8-10.
– Historische Forschungen haben gezeigt, dass die „antipfingstliche“ Auslegung von 1.Kor.13,10 erst lange nach dem Aufkommen der Pfingstbewegung überhaupt in Bibelkommentaren vertreten wurde. (Siehe Fussnote.) Es handelt sich also um eine nachträgliche Rechtfertigung des antipfingstlichen Standpunktes.

Geht man aber einmal grundsätzlich und dogmatisch davon aus, Gott wolle oder könne heute nicht mehr auf sichtbar-übernatürliche Weise wirken, dann verfällt man bald in eine krankhafte Sucht, hinter jeder Krankenheilung und hinter jeder ungewöhnlichen Machtwirkung Dämonen zu wittern. Extreme Antipfingstler stehen deshalb tatsächlich in der Gefahr, den Heiligen Geist zu lästern und dem Teufel mehr Ehre zu geben als Gott, auch wenn sie das nicht wahrhaben möchten.

Ausserdem steht eine solche extrem antipfingstliche Haltung in einer gefährlichen Nähe zur rationalistischen Bibelkritik:
– Wie diese, stellt sie alles Übernatürliche zum vornherein unter Verdacht. (Obwohl die meisten Kritiker der Pfingstbewegung sich „bibeltreu“ geben in dem Sinne, dass sie die biblischen Wunderberichte als authentisch und historisch zuverlässig betrachten – ein merkwürdiger Widerspruch zu ihrer Einstellung gegenüber heutigen Wundern.)
– Wie diese, leugnet sie die Gültigkeit und Anwendbarkeit vieler neutestamentlicher Stellen für die heutige Zeit. Wenn auch aus anderen Gründen, aber das Endergebnis ist dasselbe: Die Autorität der Heiligen Schrift wird untergraben.

Ich denke, es wäre schon viel gewonnen, wenn beide Seiten anerkennen könnten, dass ihre jeweiligen dogmatischen Festlegungen nicht einem unvoreingenommenen Bibelstudium entspringen, sondern nachträglich zur Begründung des jeweiligen, zum voraus schon festgelegten Standpunktes dienen mussten.

Pfingstler neigen oft dazu, sich auf erlebte „Zeichen und Wunder“ abzustützen: „Wir haben das und das erlebt, also muss es von Gott sein.“ Zu Recht wird ihnen dann vorgeworfen, „Erfahrungstheologie“ zu betreiben. Das Kriterium zum „Prüfen“ sind nicht Zeichen und Wunder, sondern die Heilige Schrift.
Dazu kommt leider, dass anscheinend manche Pfingstler eher leichtgläubig als gläubig sind. Sie werden dann nicht einmal stutzig, wenn an einer Veranstaltung z.B. Hühnergegacker als eine Gabe des Heiligen Geistes ausgegeben wird. Sie machen benkenlos mit, wenn dubiose „Propheten“ sie dazu auffordern, Engel zu verehren. Manche unter ihnen sind anfällig dafür, sich autoritären, manipulierenden Leitern zu unterwerfen, die behaupten, als „Gesalbte des Herrn“ und „Sprachrohre Gottes“ jeder Kritik enthoben zu sein. (Siehe 2.Kor.11,3-4.19-20) Oder sie laufen einem Scharlatan hinterher, der Menschen mit Rückenproblemen auf einen Stuhl setzt, an ihren Füssen zieht, und dann behauptet, er hätte auf übernatürliche Weise ein verkürztes Bein nachwachsen lassen. Solche Dinge erleichtern das Gespräch mit andersdenkenden Christen nicht gerade.

Antipfingstler sind sich in der Regel weniger bewusst, dass sie selber ebenfalls „Erfahrungstheologie“ betreiben. U.a. berufen sie sich auf die historische Gegebenheit (Erfahrung), dass die Wundergaben während des 2.Jahrhunderts allmählich abnahmen und später nur noch selten in Erscheinung traten. Manche antipfingstlichen Argumentationen sind nicht Bibelauslegung, sondern ein nachträglicher Versuch, diese historische Erfahrung biblisch zu begründen und zur Norm zu machen.
Oder es werden Schauergeschichten zum Besten gegeben, wie z.B. Menschen (wohl keine Christen) in einer pfingstlichen Versammlung von Dämonen bessesen worden seien. Diese Erfahrungen werden dann als Beweis für die Unrichtigkeit eines pfingstlich-charismatischen Bibelverständnisses angeführt. Solche Einzelerfahrungen haben aber ebensowenig Beweiskraft wie die Wundergeschichten der Pfingstler zugunsten ihrer Lehre.

Ich habe keine Probleme mit einem Pfingstler, der aussergewöhnliche Gaben des Heiligen Geistes sucht und ausübt; solange er sich und seine Praxis der Heiligen Schrift unterstellt und auch nicht verlangt, jeder Christ müsse „in Zungen sprechen“.

Ich habe auch keine Probleme mit einem Nicht-Pfingstler, der diese Gaben weder sucht noch ausübt, weil er davon ausgeht, sie hätten nach der apostolischen Zeit aufgehört; solange er nicht prinzipiell alles Übernatürliche dem Teufel zuschreibt, sondern Gott Gott sein lässt und ihm zugesteht, dass er auch heute noch übernatürlich wirken kann, wenn er das in seiner Souveränität für gut hält.

Ich habe auch keine Probleme damit, wenn vor Verführungen und klar unbiblischen Praktiken gewarnt wird. Ja, es gibt Verführungen im geistlich-charismatischen Gewand. Es gibt aber auch Verführungen, die in nüchtern-theologischem Gewand daherkommen; und diese sind nicht weniger gefährlich.

Probleme sehe ich da, wo un- und ausserbiblische Erfahrungen oder Eingebungen zur Norm gemacht und über das Wort der Bibel gestellt werden.
Probleme sehe ich auch da, wo aussergewöhnliche und übernatürliche Manifestationen – inbegriffen die in der Bibel selbst bezeugten Geistesgaben – aufgrund eines dogmatischen Vorurteils grundsätzlich abgelehnt und verteufelt werden.
Problematisch ist es, wenn die „charismatische Frage“ zum Prüfstein erhoben wird, an dem man die „echten“ oder „treuen“ Christen (je nachdem auf der einen oder auf der anderen Seite der Kontroverse) erkennen will. Damit wird dieser Frage ein Gewicht zugesprochen, das ihr nicht zukommt.

Deshalb möchte ich über diese Frage lieber nicht streiten. Ich habe in diesem Artikel bereits mehr diskutiert, als mir lieb ist. „Hinfort mache mir niemand weiter Mühe!“


(Fussnote zu 1.Kor.13,10):
Rodney J.Decker vom Central Baptist Theological Seminary in Minneapolis – alles andere als ein Verteidiger der Pfingst- oder charismatischen Bewegung – hat die Auslegungsgeschichte von 1.Kor.13,10 gründlich untersucht. In der Einleitung zu seiner Forschungsarbeit,
„Eine Geschichte der Auslegung des ‚Vollkommenen‘ (1.Kor.13,10), unter besonderer Beachtung des Ursprungs der ‚Kanon-Ansicht'“ (1994), schreibt er:

„Auf den folgenden Seiten wird es offensichtlich werden, dass es drei hauptsächliche Gruppen von Ansichten gibt. Einige beziehen ‚to téleion‘ auf die Parusie (Wiederkunft Jesu), andere auf die Reife der Kirche, und einige auf die Vervollständigung des Schriftkanons. Es wird ebenso offensichtlich werden, dass nur die erste dieser Auslegungen eine signifikante historische Herkunft für sich beanspruchen kann. Die anderen sind recht neue Erscheinungen.“

Und als Schlussfolgerung schreibt er dann (S.66):

„Sowohl die ‚Kanon-Ansicht‘ als auch die ‚Reife-Kirche-Ansicht‘ sind relativ neue Auslegungen, die sich aufgrund der Auseinandersetzung über gegenwärtige Manifestationen der Wundergaben entwickelt haben. Beide können nur bis zur Mitte oder der ersten Hälfte des 20.Jh. zurückverfolgt werden, obwohl es anscheinend einige Vorläufer* im 19.Jahrhundert gab.“
*(nur indirekt bezeugte)

Die „Kanon-Ansicht“ scheint heute – zumindest in Deutschland – zum „Standard-Zubehör“ dispensationalistischer Bibelauslegung zu zählen. Von daher scheint mir besonders erwähnenswert, dass weder Darby noch Scofield diese Ansicht vertreten haben.

In seiner Arbeit weist Decker nach, dass diese Auslegung erst 1951 von W.E.Vine in seinem „Expository Dictionary of New Testament Words“ erstmals in einem veröffentlichten Werk vertreten wurde, und zwar zusammen mit der Auslegung auf Jesu Wiederkunft, die nach Vine „ebenfalls richtig ist“.

Themen, über die ich lieber nicht streiten möchte (2)

17. November 2015

2. Calvinismus gegen Arminianismus (Die Frage der Prädestination)

Dies ist eine Auseinandersetzung, die wirklich tiefe Wahrheiten des christlichen Glaubens berührt. Ich möchte diese nicht als „nebensächlich“ abtun. Als problematisch sehe ich aber, dass Streitgespräche geführt werden, in welchen gewisse Wahrheiten derart überbetont werden, dass andere, ebenso wichtige Wahrheiten daneben nicht mehr wahrgenommen oder gar verleugnet werden. Auch musste ich schon öfters Stellungnahmen zu diesem Thema lesen, deren Autoren anscheinend gar nicht verstanden hatten, worum es ihren jeweiligen Kontrahenten überhaupt ging.

Ich sehe auf beiden Seiten der Auseinandersetzung berechtigte Anliegen. Dem Calvinisten ist es wichtig, die Souveränität Gottes zu betonen: Gott ist allmächtig. Er kennt nicht nur die Weltereignisse und die Menschenherzen, sondern er behält auch die Kontrolle darüber. Nichts und niemand könnte Gott dazu zwingen oder verführen, etwas gegen seinen Willen zu tun. Das ist eine ganz wichtige Grundlage für unser Vertrauen Gott gegenüber: Wie könnten wir einem wankelmütigen Gott vertrauen, einem Gott, der von der Entwicklung der Dinge überrascht wird, einem Gott, der seine Versprechen nicht einlöst, wenn „etwas dazwischenkommt“? – Und wäre es nicht schrecklich, wenn wir jederzeit fürchten müssten, unsere ewige Erlösung zu verwirken durch eine kleine menschliche Schwäche, die wir vielleicht nicht mehr rechtzeitig erkennen und bekennen können? – Solchen Fragen und Zweifeln gegenüber ist die Wahrheit von der Souveränität Gottes wie ein mächtiger Fels, auf den wir uns fest gründen können. Es gibt viele Bibelstellen, die davon sprechen; ich denke, ich brauche sie nicht anzuführen.

Der Arminianer betont demgegenüber unsere Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit. Gott zwingt sich uns nicht auf; er wartet darauf, dass wir ihn freiwillig lieben und uns ihm freiwillig unterordnen. Er möchte nicht den mechanischen „Gehorsam“ eines programmierten Roboters, sondern die freiwillige Entscheidung eines Menschen, der erkannt hat, was Gott für ihn getan hat, und von Herzen dankbar ist dafür. Er ist aber auch der gerechte Richter, der uns für unsere Entscheidungen und deren Folgen verantwortlich macht. Deshalb die vielen biblischen Aufforderungen, von der Sünde umzukehren, das Gute zu wählen und das Böse zu verwerfen, Gott wohlgefällig zu leben, usw. Auch das ist eine wichtige Wahrheit und ein berechtigtes Anliegen.

Jemand hat diese beiden Seiten einmal als den Unterschied zwischen „Affen- oder Katzentheologie“ beschrieben. Affenbabies klammern sich an ihren Eltern fest, während sie von diesen im Urwald umhergetragen werden. Katzen dagegen halten ihre Kleinen mit ihrem Maul fest und tragen sie so herum. Welches von den beiden ist die zutreffendere Illustration für unser Verhältnis zu Gott? Müssen wir uns mit aller Kraft an Gott festhalten wie Affenbabies an ihren Eltern, um nicht von ihm abzufallen? Oder werden wir von Gott souverän getragen in unserem Glauben wie kleine Katzen?
Ich denke, man darf die beiden Bilder nicht gegeneinander ausspielen. Wir sind weder Affen noch Katzen. Die Bibel enthält Belege für beide Anschauungen. Da heisst es einerseits:
„Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alle, und niemand kann sie aus der Hand des Vaters reissen.“ (Johannes 10,29)
Und andererseits:
„Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle!“ (1.Korinther 10,12)
Interessant ist in diesem Zusammenhang Philipper 2,12-13:
„So müht euch (…) um euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt um seines Wohlgefallens willen.“
Hier finden wir die beiden gegensätzlichen Ansichten direkt (und scheinbar paradox) nebeneinandergestellt: Einerseits sollen wir uns um unser Heil „mühen“; andererseits ist es Gott, der in uns alles wirkt. Paulus sieht darin anscheinend keinen Gegensatz, denn er sagt nicht einmal „aber Gott ist es…“, sondern er sagt: „Denn Gott ist es…“. D.h. Gottes Allmacht und souveränes Wirken ist der Grund für unser eigenes Bemühen und unsere eigene Verantwortung!
Ich stelle mir vor, Paulus würde es sehr befremdlich finden, wie heutige Christen je nach theologischem Hintergrund die eine oder die andere Hälfte dieser Aussage aus dem Zusammenhang nehmen und gegeneinander ins Feld führen.

Das Problem ist wohl, dass wir es nicht fertigbringen, die beiden Aspekte in eine logische Beziehung zueinander zu setzen: Gottes Souveränität auf der einen Seite, und unsere Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit auf der anderen Seite. Unser menschliches Denken sieht da einen Widerspruch, den wir nicht auflösen können: Wenn Gott alles vorherbestimmt hat, ist dann nicht unsere Entscheidungsfähigkeit nur eine Illusion? – Wenn wir andererseits verantwortlich sind für unsere Erlösung und unsere Zukunft, was bleibt dann von der Vorherbestimmung Gottes noch übrig als ein blosses „Vorherwissen“?
So kommen Vertreter beider Seiten dazu, biblische Belegstellen für die jeweils andere Seite zu verharmlosen oder umzuinterpretieren. Man möchte ja ein stimmiges und „logisches“ Lehrgebäude vorführen können; man möchte ein „vollständiges Verständnis“ der biblischen Lehre zeigen; man möchte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, inkonsequent oder widersprüchlich zu sein. Das Problem ist nur: Es gibt kein solches „widerspruchsfreies“ theologisches System. Zu jedem Entwurf eines solchen Systems wird man mehrere Bibelstellen finden, die ihm widersprechen.
Warum? Ist die Bibel widersprüchlich? Ist Gott unlogisch?

Ich denke, die Antwort besteht darin anzuerkennen, wie begrenzt und unvollständig unser Denkvermögen und unser Verständnis ist. Gott ist nicht „unlogisch“, aber er ist „über-logisch“: Seine Gedanken sind so weit über unseren Gedanken, wie der Himmel über der Erde ist (Jesaja 55,8-9). Deshalb lassen sich seine Gedanken nicht in ein Denkgebäude hineinzwängen, das für uns kleine Menschlein „logisch-stimmig“ wäre. Ich plädiere deshalb dafür, diese beiden so wichtigen Wahrheiten, Souveränität Gottes und Verantwortlichkeit des Menschen, einfach so stehen zu lassen, wie sie in der Bibel ausgesprochen werden, und nicht ein künstliches Lehrsystem darüber zu errichten. Vielleicht kommen wir dann wieder ganz neu ins Staunen über die unermessliche Grösse, Weisheit und Vielgestaltigkeit Gottes, der all unser Verstehen und Begreifen übersteigt. Gerade wenn es um Angelegenheiten der geheimen Ratschlüsse Gottes geht, steht uns die Haltung wohl an, die David im Psalm 131 ausspricht:

„Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz.
Ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu hoch und zu wunderbar sind.
Fürwahr, ich habe meine Seele gestillt und beruhigt.
Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein Entwöhnter ist stille in mir meine Seele.“