Themen, über die ich lieber nicht streiten möchte (2)

2. Calvinismus gegen Arminianismus (Die Frage der Prädestination)

Dies ist eine Auseinandersetzung, die wirklich tiefe Wahrheiten des christlichen Glaubens berührt. Ich möchte diese nicht als „nebensächlich“ abtun. Als problematisch sehe ich aber, dass Streitgespräche geführt werden, in welchen gewisse Wahrheiten derart überbetont werden, dass andere, ebenso wichtige Wahrheiten daneben nicht mehr wahrgenommen oder gar verleugnet werden. Auch musste ich schon öfters Stellungnahmen zu diesem Thema lesen, deren Autoren anscheinend gar nicht verstanden hatten, worum es ihren jeweiligen Kontrahenten überhaupt ging.

Ich sehe auf beiden Seiten der Auseinandersetzung berechtigte Anliegen. Dem Calvinisten ist es wichtig, die Souveränität Gottes zu betonen: Gott ist allmächtig. Er kennt nicht nur die Weltereignisse und die Menschenherzen, sondern er behält auch die Kontrolle darüber. Nichts und niemand könnte Gott dazu zwingen oder verführen, etwas gegen seinen Willen zu tun. Das ist eine ganz wichtige Grundlage für unser Vertrauen Gott gegenüber: Wie könnten wir einem wankelmütigen Gott vertrauen, einem Gott, der von der Entwicklung der Dinge überrascht wird, einem Gott, der seine Versprechen nicht einlöst, wenn „etwas dazwischenkommt“? – Und wäre es nicht schrecklich, wenn wir jederzeit fürchten müssten, unsere ewige Erlösung zu verwirken durch eine kleine menschliche Schwäche, die wir vielleicht nicht mehr rechtzeitig erkennen und bekennen können? – Solchen Fragen und Zweifeln gegenüber ist die Wahrheit von der Souveränität Gottes wie ein mächtiger Fels, auf den wir uns fest gründen können. Es gibt viele Bibelstellen, die davon sprechen; ich denke, ich brauche sie nicht anzuführen.

Der Arminianer betont demgegenüber unsere Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit. Gott zwingt sich uns nicht auf; er wartet darauf, dass wir ihn freiwillig lieben und uns ihm freiwillig unterordnen. Er möchte nicht den mechanischen „Gehorsam“ eines programmierten Roboters, sondern die freiwillige Entscheidung eines Menschen, der erkannt hat, was Gott für ihn getan hat, und von Herzen dankbar ist dafür. Er ist aber auch der gerechte Richter, der uns für unsere Entscheidungen und deren Folgen verantwortlich macht. Deshalb die vielen biblischen Aufforderungen, von der Sünde umzukehren, das Gute zu wählen und das Böse zu verwerfen, Gott wohlgefällig zu leben, usw. Auch das ist eine wichtige Wahrheit und ein berechtigtes Anliegen.

Jemand hat diese beiden Seiten einmal als den Unterschied zwischen „Affen- oder Katzentheologie“ beschrieben. Affenbabies klammern sich an ihren Eltern fest, während sie von diesen im Urwald umhergetragen werden. Katzen dagegen halten ihre Kleinen mit ihrem Maul fest und tragen sie so herum. Welches von den beiden ist die zutreffendere Illustration für unser Verhältnis zu Gott? Müssen wir uns mit aller Kraft an Gott festhalten wie Affenbabies an ihren Eltern, um nicht von ihm abzufallen? Oder werden wir von Gott souverän getragen in unserem Glauben wie kleine Katzen?
Ich denke, man darf die beiden Bilder nicht gegeneinander ausspielen. Wir sind weder Affen noch Katzen. Die Bibel enthält Belege für beide Anschauungen. Da heisst es einerseits:
„Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist grösser als alle, und niemand kann sie aus der Hand des Vaters reissen.“ (Johannes 10,29)
Und andererseits:
„Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle!“ (1.Korinther 10,12)
Interessant ist in diesem Zusammenhang Philipper 2,12-13:
„So müht euch (…) um euer Heil mit Furcht und Zittern! Denn Gott ist es, der in euch sowohl das Wollen als das Vollbringen wirkt um seines Wohlgefallens willen.“
Hier finden wir die beiden gegensätzlichen Ansichten direkt (und scheinbar paradox) nebeneinandergestellt: Einerseits sollen wir uns um unser Heil „mühen“; andererseits ist es Gott, der in uns alles wirkt. Paulus sieht darin anscheinend keinen Gegensatz, denn er sagt nicht einmal „aber Gott ist es…“, sondern er sagt: „Denn Gott ist es…“. D.h. Gottes Allmacht und souveränes Wirken ist der Grund für unser eigenes Bemühen und unsere eigene Verantwortung!
Ich stelle mir vor, Paulus würde es sehr befremdlich finden, wie heutige Christen je nach theologischem Hintergrund die eine oder die andere Hälfte dieser Aussage aus dem Zusammenhang nehmen und gegeneinander ins Feld führen.

Das Problem ist wohl, dass wir es nicht fertigbringen, die beiden Aspekte in eine logische Beziehung zueinander zu setzen: Gottes Souveränität auf der einen Seite, und unsere Entscheidungsfähigkeit und Verantwortlichkeit auf der anderen Seite. Unser menschliches Denken sieht da einen Widerspruch, den wir nicht auflösen können: Wenn Gott alles vorherbestimmt hat, ist dann nicht unsere Entscheidungsfähigkeit nur eine Illusion? – Wenn wir andererseits verantwortlich sind für unsere Erlösung und unsere Zukunft, was bleibt dann von der Vorherbestimmung Gottes noch übrig als ein blosses „Vorherwissen“?
So kommen Vertreter beider Seiten dazu, biblische Belegstellen für die jeweils andere Seite zu verharmlosen oder umzuinterpretieren. Man möchte ja ein stimmiges und „logisches“ Lehrgebäude vorführen können; man möchte ein „vollständiges Verständnis“ der biblischen Lehre zeigen; man möchte sich nicht dem Vorwurf aussetzen, inkonsequent oder widersprüchlich zu sein. Das Problem ist nur: Es gibt kein solches „widerspruchsfreies“ theologisches System. Zu jedem Entwurf eines solchen Systems wird man mehrere Bibelstellen finden, die ihm widersprechen.
Warum? Ist die Bibel widersprüchlich? Ist Gott unlogisch?

Ich denke, die Antwort besteht darin anzuerkennen, wie begrenzt und unvollständig unser Denkvermögen und unser Verständnis ist. Gott ist nicht „unlogisch“, aber er ist „über-logisch“: Seine Gedanken sind so weit über unseren Gedanken, wie der Himmel über der Erde ist (Jesaja 55,8-9). Deshalb lassen sich seine Gedanken nicht in ein Denkgebäude hineinzwängen, das für uns kleine Menschlein „logisch-stimmig“ wäre. Ich plädiere deshalb dafür, diese beiden so wichtigen Wahrheiten, Souveränität Gottes und Verantwortlichkeit des Menschen, einfach so stehen zu lassen, wie sie in der Bibel ausgesprochen werden, und nicht ein künstliches Lehrsystem darüber zu errichten. Vielleicht kommen wir dann wieder ganz neu ins Staunen über die unermessliche Grösse, Weisheit und Vielgestaltigkeit Gottes, der all unser Verstehen und Begreifen übersteigt. Gerade wenn es um Angelegenheiten der geheimen Ratschlüsse Gottes geht, steht uns die Haltung wohl an, die David im Psalm 131 ausspricht:

„Herr, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz.
Ich gehe nicht mit Dingen um, die mir zu hoch und zu wunderbar sind.
Fürwahr, ich habe meine Seele gestillt und beruhigt.
Wie ein entwöhntes Kind bei seiner Mutter, wie ein Entwöhnter ist stille in mir meine Seele.“

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