Archive for Januar 2016

Werden die evangelischen/evangelikalen Kirchen „sterben“?

31. Januar 2016

Dies ist eine Klarstellung zum früheren Artikel: „Reformation – oder Sterben und Auferstehung?“ – In diesem Artikel habe ich erwähnt, wie Gott in Zeiten des Abfalls handelte, indem er einen Überrest herausrettete und das abgefallene System dem Gericht überliess. Einige der Gerichte Gottes über ein abgefallenes Volk hatten den physischen Tod der Betreffenden zur Folge. So geschah es in der Sintflut, und auch im Gericht Gottes über Jerusalem, nachdem sie Jesus abgelehnt hatten. Bei anderen Gelegenheiten überlebten die meisten, aber ihre Organisation und ihr „System“ lösten sich auf. So geschah es beim Turm von Babel, und bei der babylonischen Gefangenschaft Israels.

Wenn wir die Kirchengeschichte betrachten, dann mag es vor diesem Hintergrund seltsam erscheinen, dass in der Reformationszeit nicht dasselbe geschah. Kein sichtbares Gottesgericht kam über die katholische Kirche, ausser dem Verlust eines Teils ihrer Mitglieder. – Einige Historiker sehen zwar die Französische Revolution als ein spätes Gericht über die katholische Kirche an, insbesondere wegen ihrer blutigen und verräterischen Verfolgung der französischen Hugenotten. Damals verlor die katholische Kirche einen grossen Teil ihrer politischen Macht. Aber sie wurde nicht ausgelöscht, und ihre Organisation blieb erhalten. Warum? Bedeutet dies, dass die römische Kirche doch recht hätte?

Ich glaube, die Antwort liegt vielmehr in der ganz andersartigen Natur des neutestamentlichen Gottesvolkes, im Unterschied zum Alten Testament. Israel ist ein irdisches Volk, mit einem ihnen zugewiesenen Land auf dieser Erde, mit einem „mit Händen gemachten“ Tempel und mit sehr sichtbaren und materiellen Riten und Zeremonien. In der Ordnung des Alten Testamentes entschied Gott, sich durch materielle Ereignisse in einem irdischen Volk zu offenbaren, das auf dieser Erde klar lokalisiert ist. Aber das bedeutet auch, dass wenn Gott sie richten musste, diese materiellen Strukturen zerstört werden mussten, und sogar viele Mitglieder dieses Volkes körperlich sterben mussten.

Das Gottesvolk des Neuen Testaments ist dagegen ein geistliches Volk. Es zeichnet sich nicht durch Blutsverwandtschaft aus. Sein zugewiesenes Land ist im Himmel, nicht auf der Erde. Sein Tempel ist nicht ein Gebäude aus Steinen oder Beton, sondern ein „geistliches Haus“ aus „lebendigen Steinen“, nämlich den Gläubigen selber (1.Petrus 2,4-5). Sein Gottesdienst besteht nicht aus materiellen Tieropfern, sondern aus „geistlichen Opfern“. Nach alldem ist zu erwarten, dass wenn dieses Volk abgefallene Strukturen errichtet, Gottes Gericht darüber auch in erster Linie geistlich sein wird.

So begann die römische Kirche, in dem Mass wie sie sich von Gott und seinem Wort entfernte, ihr geistliches Leben zu verlieren – schon manche Jahrhunderte vor der Reformation. Ihre Leiter verloren ihre Glaubwürdigkeit vor dem Volk, und das Papsttum wurde allmählich zu einem Synonym für Korruption. Die meisten ihrer Mitglieder benutzten die Teilnahme an den religiösen Zeremonien nur, um dahinter ihre völlig weltliche Gesinnung zu verstecken; und die wenigen, die noch nach geistlichem Leben suchten, suchten es hauptsächlich ausserhalb der offiziellen Kirche: in einem individuellen Mystizismus, oder in Gruppen, die von der offiziellen Kirche verurteilt worden waren (Waldenser, Lollarden, Hussiten, usw.) So bestand die Kirche zwar noch als Institution, aber sie war zu einem praktisch toten Organismus geworden; die Herrlichkeit Gottes hatte den Tempel verlassen.

So denke ich, dass in ähnlicher Weise die evangelischen und evangelikalen Kirchen zwar nicht aufhören werden, als Institutionen zu existieren; aber sie werden ihr geistliches Leben fast völlig verlieren. Jene, die wirklich Gott suchen, werden diese Kirchen nicht mehr ernst nehmen. Die Kirchen werden fortfahren mit ihren äusserlichen Formen, ihren Zeremonien und öffentlichen Erklärungen; aber zusammen mit der römischen Kirche (und möglicherweise weiteren Gruppen) werden sie mehr und mehr zum „Babylon“ der Offenbarung werden, und werden sich gegen die echten Christen wenden. Wundern wir uns nicht, wenn wir in näherer Zukunft evangelikale Leiter die wahren Christen verfolgen sehen werden. In kleinerem Rahmen beginnt es bereits zu geschehen.

Nur wenn sich die Wiederkunft Jesu nähert, und damit die in Offenbarung 17 und 18 vorhergesagten Ereignisse, wird Gott die abgefallene Kirche auch physisch richten. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient“ (Maleachi 3,18). Solange dies nicht geschieht, werden die echten Christen weiterhin ertragen müssen, dass sie von den offiziellen Kirchen als „Rebellen“, „Häretiker“, „Fanatiker“ und weiss nicht was noch gebrandmarkt werden … aber der Herr hat uns bereits darauf vorbereitet:
„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch auschliessen und schmähen und euren Namen als einen bösen ächten um des Sohnes des Menschen willen. Freut euch an jenem Tag und frohlockt; denn siehe, euer Lohn wird gross sein im Himmel. Denn ebenso taten ihre Väter den Propheten. (…) Aber wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden; denn ebenso taten ihre Väter den falschen Propheten.“ (Lukas 6,22-23.26)

FIFA zensuriert Jesus

19. Januar 2016

Auf Französisch, Englisch, Italienisch und Spanisch kann man im Internet bereits jede Menge Meldungen und Kommentare zu der Affäre finden; in den deutschsprachigen Medien hat es anscheinend noch niemand zur Kenntnis genommen: Anlässlich der Verleihung des „Ballon d´Or 2016“ am 11.Januar in Zürich hat die FIFA ein Video des brasilianischen Fussballers Neymar kräftig retuschiert, weil dieser auf dem Original-Video ein Stirnband mit der Aufschrift „100% Jesus“ trug.

Auf Deutsch fand ich bisher einzig auf einer katholischen Webseite einen Bericht und Kommentar dazu.

„Ihr werdet von allen Völkern gehasst werden um meinetwillen“, hat Jesus einmal seinen Jüngern für die letzten Zeiten vorausgesagt. Aber wenn das eintrifft, dann ist auch der Untergang dieser Völker nicht mehr weit.

Reformation – oder Sterben und Auferstehung?

14. Januar 2016

Ich habe ab und zu über die Notwendigkeit einer neuen Reformation im Sinne einer Rückkehr zum Wort Gottes geschrieben; aber in der letzten Zeit musste ich darüber nachdenken, ob diese Idee wirklich im Sinne Gottes ist.

Unter jenen, die sich „Christen“ nennen, ist es heute tatsächlich nötiger denn je, zum Wort Gottes zurückzukehren. Nicht nur die Landeskirchen, auch die Freikirchen verleugnen weitgehend das Wort Gottes mit ihren Lehren und Taten, und sind z.T. sogar zu regelrechten „Räuberhöhlen“ geworden (Lukas 19,46). Aber ist „Reformation“ der richtige Begriff?

Dahinter steht ja die Idee, eine bestehende Struktur zu korrigieren und umzuformen. Das war es, was Luther im Sinn hatte: die römisch-katholische Kirche von unbiblischen Elementen zu reinigen, damit ihre Praxis wieder näher am Wort Gottes wäre. Aber wir müssen verstehen, dass von diesem Standpunkt aus Luthers Unternehmen scheiterte. Es gelang ihm nicht im geringsten, die katholische Kirche zu reformieren. Im Gegenteil, die Kirche exkommunizierte ihn. Damit sah sich Luther gezwungen, eine neue Kirche zu gründen. Somit ist „Reformation“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck dafür, denn es war in Wirklichkeit keine Reformation, sondern ein Neubeginn. Nur war Luther derart fixiert auf die Idee, das Bestehende zu „reformieren“, dass die neue lutherische Kirche noch viele der Ideen und Praktiken des Katholizismus mit übernahm.
Unter den Gruppen, die von den Gedanken der Reformation beeinflusst wurden, waren die Täufer die konsequentesten. Ihnen war es von Anfang an klar, dass sie, wenn sie zu biblischen Prinzipien zurückkehren wollten, alle Verbindungen zur katholischen Kirche abschneiden mussten – und auch zu den reformierten Kirchen, nachdem diese sich geweigert hatten, konsequent die Prinzipien anzuwenden, die sie selber predigten. Die Täufer wiegten sich nicht in der Illusion, ein antibiblisches religiöses System „reformieren“ zu können. Sie mussten diesem System absterben – was für viele von ihnen den physischen Tod unter der Verfolgung durch Katholiken oder Reformierte bedeutete. Aber nur so konnte eine neue Kirche auferstehen, die dem, „was von Anfang an war“, besser entsprach.

Sehen wir, wie Gott in den Zeiten des Abfalls handelte, von denen die Bibel berichtet:

Nachdem die erste Menschheit aufs Äusserste verdorben war, liess Gott die Sintflut kommen. Jene abgefallene Menschheit musste sterben. Gott rettete nur acht Menschen aus ihnen heraus: Noah und seine Familie. Mit ihnen machte er einen Neuanfang. Nichts von den alten Strukturen und Gewohnheiten sollte diesen Neuanfang verunreinigen.

Später kam eine Zeit, wo die Menschheit sich von neuem gegen Gott auflehnte und den Turm von Babel baute. Gott versuchte nicht ihren Völkerzusammenschluss und ihre Weltregierung zu „reformieren“, die sie aufgerichtet hatten, um ihr Werk auszuführen. Im Gegenteil, er zerbrach ihre Vereinigung vollständig und zerstreute sie in alle Winde. Dann nahm er aus den Zerstreuten einen einzigen Menschen heraus, nämlich Abraham, um mit ihm einen Neuanfang zu machen. Und Abraham musste zuerst sein Land, seine Verwandtschaft und die Familie seines Vaters verlassen. Nur so konnte Gott ihn gebrauchen. So begann auch das erwählte Volk Gottes, Israel, mit einer einzigen Familie, der Familie Abrahams.

Aber auch Israel begann Gott zu vergessen, so weit, bis sie sich völlig dem Dienst heidnischer Götter hingaben. Auch da versuchte Gott nicht, Israel zu „reformieren“. Er schickte sie in die Gefangenschaft unter den Assyrern und Babyloniern. Sie verloren ihre Freiheit, ihr Land, ihre Unabhängikeit und nationale Souveränität. Sie wurden Gefangene in einem fremden Land. Israel als Nation musste sterben.
Im Zusammenhang mit diesem Gericht Gottes prophezeit Jesaja:
„Ein Rest wird umkehren, der Rest Jakobs zum starken Gott. Denn wenn dein Volk, o Israel, würde wie der Sand des Meeres, nur ein Rest davon wird umkehren; Vertilgung ist beschlossen, heranflutend die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 10,21-22)
So handelt Gott, wenn sein Volk (oder die es früher waren) vollends von ihm abfällt. Er nimmt einen kleinen Überrest aus diesem System heraus, das unter sein Gericht gefallen ist. Dann macht er mit dem Überrest einen Neuanfang.

Einige Jahrhunderte nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begannen die Priester und Theologen Israels ein religiöses System zu errichten, das ihnen selber viele Vorteile brachte, anstatt Gott zu dienen. Sie dienten nicht mehr offen fremden Göttern; im Gegenteil: Ihr System hatte den Ruf strikter Treue zu Gottes Gesetz. Aber das war nur Schein; ihre Herzen waren fern von Gott.
Diese Situation hat vieles gemeinsam mit den heutigen Evangelikalen. Sie nehmen nicht am Götzendienst des Katholizismus teil. Sie haben den Ruf, sehr „bibeltreu“ zu sein. Aber die Herzen vieler Leiter sind falsch, fern von Gott, und mehr auf den eigenen Vorteil und das Wachstum der eigenen Organisation bedacht, als dem Herrn zu gefallen. Wenn wir in der Gegenwart diejenige religiöse Gruppe suchen, die am ehesten mit den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ der Zeit Jesu zu vergleichen wären, dann sind es bestimmt die Evangelikalen.
Das war die historische Situation, in die Jesus hineinkam. Er deckte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter auf. Er versuchte nicht einmal sie zu „reformieren“. Er konfrontierte sie direkt als „Schlangenbrut“, ohne auch nur zu berücksichtigen, dass sich unter ihnen doch auch noch einige aufrichtige und gottesfürchtige Männer befanden wie z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. (So wie sicherlich auch einige Leser dieses Artikels protestieren werden, „man dürfe doch nicht so verallgemeinern, es seien doch längst nicht alle Leiter Heuchler“, usw. Aber wenn die dominanten Einflüsse in einer Gruppe oder deren Leiterschaft Abfall von Gott bedeuten, dann ist es gerechtfertigt, die ganze Gruppe als abgefallen zu bezeichnen, weil auch jene, die persönlich noch in einer rechten Beziehung zu Gott stehen, diese Einflüsse nicht mehr aufhalten können oder wollen.)
Damit war bereits vorprogrammiert, dass die Nachfolger Jesu sich früher oder später vom jüdischen System trennen mussten. Sie wurden zum neuen Überrest, von Gott berufen, „vor das Lager hinauszugehen“ (Hebräer 13,13). So erklärt auch Paulus: „So ist auch in der jetzigen Zeit ein Überrest gemäss der Auswahl durch die Gnade zustande gekommen.“ (Römer 11,5). Es war nicht der Plan Gottes, das System der Schriftgelehrten und Pharisäer zu „reformieren“, sondern es zu vernichten, und mit einem neuen treuen Überrest einen Neuanfang zu machen. Vierzig Jahre später geschah das endgültige Gericht Gottes über das Reich der Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer, als die Römer Jerusalem und den Tempel zerstörten.

Betrachten wir auch die Art und Weise, wie Gott einen Einzelmenschen rettet: Er ruft uns nicht dazu auf, den sündigen alten Menschen zu „reformieren“. Nein, dieser alte Mensch muss sterben, und ein neuer Mensch muss auferstehen. (Siehe Römer 6.) Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ (Matthäus 16,25) Das ist viel radikaler als eine „Reformation“. Mit dem Herrn zu leben bedeutet, einen radikalen Neuanfang zu machen. Das gilt sowohl für einen Einzelmenschen als auch für das ganze Volk Gottes.

Es ist also wohl illusorisch, die bestehenden Kirchen reformieren zu wollen. Der Überrest Gottes muss dem abgefallenen System „absterben“, und muss einen neuen Anfang machen, indem er zu dem zurückkehrt, „was von Anfang an war“. In diesem Prozess ist es noch der einfachste Schritt, aus einer Kirche hinauszugehen, die zu diesem abgefallenen System gehört. Viel schwieriger, aber viel wichtiger ist es, dass das System aus dir hinausgeht. Der Überrest Gottes muss sich trennen von den Gewohnheiten, Konzepten und Ansichten des abgefallenen Systems. Er muss diesem System „absterben“, das auf Sünde aufgebaut ist. Nur so wird es eine „Auferstehung“ der neutestamentlichen Gemeinde geben können – ein Neuanfang, der mehr ist als nur eine „Reformation“ des Bestehenden.

Lykophobie

4. Januar 2016

Kürzlich wurde mir von einer nicht genannt werden wollenden Quelle die folgende Mitschrift einer öffentlichen Erklärung zugespielt:


Verehrte Pressevertretungspersonen und Lesepersonen, guten Tag. Schon das ist nur eine politisch korrekte Formel, die ich der Höflichkeit halber verwende, denn in Wirklichkeit ist es gar kein guter Tag. Aber ich möchte mich zuerst vorstellen. Ich bin der Pressesprecher der Schäfinnen (habe ich das jetzt richtig gesagt?) und Schafe von der Weide, und ich bin sehr erleichtert, dass ich vor unserer bevorstehenden völligen Ausrottung wenigstens noch diese Gelegenheit habe, mich an die Öffentlichkeit zu wenden.

Bis vor wenigen Jahren hat die Menschheit dankbar – wenn auch in den letzten Jahrzehnten allmählich immer weniger dankbar – von unserer Existenz profitiert, und Bedrohung kannten wir lediglich von unseren natürlichen Feinden. Aber in jüngerer Vergangenheit haben die einflussreichen Kräfte der Menschheit einen Ausrottungsfeldzug gegen uns begonnen. Nur weil wir an Lykophobie* leiden, und weil Lykophobie jetzt zu einem verabscheuungswürdigen Verbrechen erklärt worden ist!

*Lykophobie = Angst vor dem Wolf (von lykos = Wolf, und phobos = Angst).

Ich habe deshalb beschlossen, dass heute der Tag meines „Coming-Out“ sein soll: Ja, ich bin lykophob! Wenn ich einen Wolf sehe oder auch nur rieche, dann beginne ich zu zittern, mein ganzes Fell sträubt sich, und ich möchte so schnell wie möglich davonrennen, mich einschliessen oder in der Erde vergraben. Diese Eigenheit teile ich mit der überwältigenden Mehrheit meiner Mitschäfinnen und Mitschafe. Nach neuesten Statistiken sind über 99,4% aller Schäfinnen und Schafe lykophob. Wir fordern deshalb, dass unsere Lykophobie nicht länger psychiatrisiert oder kriminalisiert wird!

In diesem Zusammenhang sind einige Klarstellungen angebracht, weil wir Schäfinnen und Schafe gegenwärtig nämlich auf das Übelste verleumdet werden. Also:

Lykophobie hat nichts mit Hass zu tun.

Wie der Name schon sagt, ist Lykophobie in erster Linie eine Furcht, und zwar nicht einmal eine unbegründete, denn ein Wolf ist tatsächlich in der Lage, einer Schäfin oder einem Schaf ernsthaften Schaden zuzufügen. In der Presse wird aber immer wieder behauptet, wir Schafe hassten die Wölfe. Es wird sogar die Ansicht verbreitet, wir seien eine Gefahr für die Wölfe, und wir würden sie systematisch bekämpfen. Sehen Sie uns doch nur einmal an, dann verstehen Sie, dass wir das gar nicht tun könnten. Wir meiden nur die Wölfe. Wenn wir bemerken, dass sich Wölfe in der Nähe unseres Weideplatzes herumtreiben, dann suchen wir uns friedlich einen anderen Weideplatz. Wenn wir die Möglichkeit haben, dann bitten wir einen Vertreter der Menschheit, einen starken Schutzzaun um unsere Weide herum zu bauen, damit die Wölfe nicht eindringen können. Wir fordern die Öffentlichkeit auf, unser Recht zu respektieren, unter uns zu bleiben und von den Wölfen in Ruhe gelassen zu werden, weil wir es sind, die wir in Gefahr sind. Und bezeichnen Sie bitte diese unsere Lykophobie nicht mehr als „Hass.“

In Wirklichkeit sind wir Zielscheibe des Hasses.

Ich kenne eine grössere Anzahl von Mitschäfinnen und Mitschafen, die zwangsgeschoren wurden, weil sie ihre Herde darauf aufmerksam gemacht hatten, dass in der näheren Umgebung ihrer Weide ein Wolf hauste.
Ebenfalls eine grössere Anzahl Mitschäfinnen und Mitschafe wurden zur „Umerziehung“ ins Revier eines Wolfsrudels umgesiedelt. Bis heute hat uns niemand Auskunft gegeben darüber, was aus ihnen geworden ist.
Während des vergangenen Jahres sind die Schafe von 157 Weiden dazu gezwungen worden, ihre Zäune abzubrechen, um den Wölfen ungehinderten Zutritt zu lassen.
Im Vergleich zum Vorjahr haben die Übergriffe von Wölfen gegen Schafe um 276% zugenommen.

Ich bitte Sie, wann werden Sie die Konsequenzen aus diesen Fakten ziehen?

Lykophobie ist eine angeborene, unveränderliche Orientierung.

Lykophobie ist keine Krankheit, die zwangstherapiert werden sollte. Noch weniger ist sie ein Verbrechen, das bestraft werden sollte. Es ist die angeborene Orientierung der überwältigenden Mehrheit von uns Schäfinnen und Schafen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Lykophobie schon im frühesten Lammesalter manifestiert, und dass sogenannte „Therapien“ nur in seltensten Fällen Erfolg haben. Wir haben es satt, ständig wegen dieser unserer angeborenen Orientierung diskriminiert zu werden!


So weit das Dokument. Darunter hatte jemand gekritzelt: „Was sind Schafe?“