Lykophobie

Kürzlich wurde mir von einer nicht genannt werden wollenden Quelle die folgende Mitschrift einer öffentlichen Erklärung zugespielt:


Verehrte Pressevertretungspersonen und Lesepersonen, guten Tag. Schon das ist nur eine politisch korrekte Formel, die ich der Höflichkeit halber verwende, denn in Wirklichkeit ist es gar kein guter Tag. Aber ich möchte mich zuerst vorstellen. Ich bin der Pressesprecher der Schäfinnen (habe ich das jetzt richtig gesagt?) und Schafe von der Weide, und ich bin sehr erleichtert, dass ich vor unserer bevorstehenden völligen Ausrottung wenigstens noch diese Gelegenheit habe, mich an die Öffentlichkeit zu wenden.

Bis vor wenigen Jahren hat die Menschheit dankbar – wenn auch in den letzten Jahrzehnten allmählich immer weniger dankbar – von unserer Existenz profitiert, und Bedrohung kannten wir lediglich von unseren natürlichen Feinden. Aber in jüngerer Vergangenheit haben die einflussreichen Kräfte der Menschheit einen Ausrottungsfeldzug gegen uns begonnen. Nur weil wir an Lykophobie* leiden, und weil Lykophobie jetzt zu einem verabscheuungswürdigen Verbrechen erklärt worden ist!

*Lykophobie = Angst vor dem Wolf (von lykos = Wolf, und phobos = Angst).

Ich habe deshalb beschlossen, dass heute der Tag meines „Coming-Out“ sein soll: Ja, ich bin lykophob! Wenn ich einen Wolf sehe oder auch nur rieche, dann beginne ich zu zittern, mein ganzes Fell sträubt sich, und ich möchte so schnell wie möglich davonrennen, mich einschliessen oder in der Erde vergraben. Diese Eigenheit teile ich mit der überwältigenden Mehrheit meiner Mitschäfinnen und Mitschafe. Nach neuesten Statistiken sind über 99,4% aller Schäfinnen und Schafe lykophob. Wir fordern deshalb, dass unsere Lykophobie nicht länger psychiatrisiert oder kriminalisiert wird!

In diesem Zusammenhang sind einige Klarstellungen angebracht, weil wir Schäfinnen und Schafe gegenwärtig nämlich auf das Übelste verleumdet werden. Also:

Lykophobie hat nichts mit Hass zu tun.

Wie der Name schon sagt, ist Lykophobie in erster Linie eine Furcht, und zwar nicht einmal eine unbegründete, denn ein Wolf ist tatsächlich in der Lage, einer Schäfin oder einem Schaf ernsthaften Schaden zuzufügen. In der Presse wird aber immer wieder behauptet, wir Schafe hassten die Wölfe. Es wird sogar die Ansicht verbreitet, wir seien eine Gefahr für die Wölfe, und wir würden sie systematisch bekämpfen. Sehen Sie uns doch nur einmal an, dann verstehen Sie, dass wir das gar nicht tun könnten. Wir meiden nur die Wölfe. Wenn wir bemerken, dass sich Wölfe in der Nähe unseres Weideplatzes herumtreiben, dann suchen wir uns friedlich einen anderen Weideplatz. Wenn wir die Möglichkeit haben, dann bitten wir einen Vertreter der Menschheit, einen starken Schutzzaun um unsere Weide herum zu bauen, damit die Wölfe nicht eindringen können. Wir fordern die Öffentlichkeit auf, unser Recht zu respektieren, unter uns zu bleiben und von den Wölfen in Ruhe gelassen zu werden, weil wir es sind, die wir in Gefahr sind. Und bezeichnen Sie bitte diese unsere Lykophobie nicht mehr als „Hass.“

In Wirklichkeit sind wir Zielscheibe des Hasses.

Ich kenne eine grössere Anzahl von Mitschäfinnen und Mitschafen, die zwangsgeschoren wurden, weil sie ihre Herde darauf aufmerksam gemacht hatten, dass in der näheren Umgebung ihrer Weide ein Wolf hauste.
Ebenfalls eine grössere Anzahl Mitschäfinnen und Mitschafe wurden zur „Umerziehung“ ins Revier eines Wolfsrudels umgesiedelt. Bis heute hat uns niemand Auskunft gegeben darüber, was aus ihnen geworden ist.
Während des vergangenen Jahres sind die Schafe von 157 Weiden dazu gezwungen worden, ihre Zäune abzubrechen, um den Wölfen ungehinderten Zutritt zu lassen.
Im Vergleich zum Vorjahr haben die Übergriffe von Wölfen gegen Schafe um 276% zugenommen.

Ich bitte Sie, wann werden Sie die Konsequenzen aus diesen Fakten ziehen?

Lykophobie ist eine angeborene, unveränderliche Orientierung.

Lykophobie ist keine Krankheit, die zwangstherapiert werden sollte. Noch weniger ist sie ein Verbrechen, das bestraft werden sollte. Es ist die angeborene Orientierung der überwältigenden Mehrheit von uns Schäfinnen und Schafen. Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass sich Lykophobie schon im frühesten Lammesalter manifestiert, und dass sogenannte „Therapien“ nur in seltensten Fällen Erfolg haben. Wir haben es satt, ständig wegen dieser unserer angeborenen Orientierung diskriminiert zu werden!


So weit das Dokument. Darunter hatte jemand gekritzelt: „Was sind Schafe?“

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