Reformation – oder Sterben und Auferstehung?

Ich habe ab und zu über die Notwendigkeit einer neuen Reformation im Sinne einer Rückkehr zum Wort Gottes geschrieben; aber in der letzten Zeit musste ich darüber nachdenken, ob diese Idee wirklich im Sinne Gottes ist.

Unter jenen, die sich „Christen“ nennen, ist es heute tatsächlich nötiger denn je, zum Wort Gottes zurückzukehren. Nicht nur die Landeskirchen, auch die Freikirchen verleugnen weitgehend das Wort Gottes mit ihren Lehren und Taten, und sind z.T. sogar zu regelrechten „Räuberhöhlen“ geworden (Lukas 19,46). Aber ist „Reformation“ der richtige Begriff?

Dahinter steht ja die Idee, eine bestehende Struktur zu korrigieren und umzuformen. Das war es, was Luther im Sinn hatte: die römisch-katholische Kirche von unbiblischen Elementen zu reinigen, damit ihre Praxis wieder näher am Wort Gottes wäre. Aber wir müssen verstehen, dass von diesem Standpunkt aus Luthers Unternehmen scheiterte. Es gelang ihm nicht im geringsten, die katholische Kirche zu reformieren. Im Gegenteil, die Kirche exkommunizierte ihn. Damit sah sich Luther gezwungen, eine neue Kirche zu gründen. Somit ist „Reformation“ eigentlich nicht der richtige Ausdruck dafür, denn es war in Wirklichkeit keine Reformation, sondern ein Neubeginn. Nur war Luther derart fixiert auf die Idee, das Bestehende zu „reformieren“, dass die neue lutherische Kirche noch viele der Ideen und Praktiken des Katholizismus mit übernahm.
Unter den Gruppen, die von den Gedanken der Reformation beeinflusst wurden, waren die Täufer die konsequentesten. Ihnen war es von Anfang an klar, dass sie, wenn sie zu biblischen Prinzipien zurückkehren wollten, alle Verbindungen zur katholischen Kirche abschneiden mussten – und auch zu den reformierten Kirchen, nachdem diese sich geweigert hatten, konsequent die Prinzipien anzuwenden, die sie selber predigten. Die Täufer wiegten sich nicht in der Illusion, ein antibiblisches religiöses System „reformieren“ zu können. Sie mussten diesem System absterben – was für viele von ihnen den physischen Tod unter der Verfolgung durch Katholiken oder Reformierte bedeutete. Aber nur so konnte eine neue Kirche auferstehen, die dem, „was von Anfang an war“, besser entsprach.

Sehen wir, wie Gott in den Zeiten des Abfalls handelte, von denen die Bibel berichtet:

Nachdem die erste Menschheit aufs Äusserste verdorben war, liess Gott die Sintflut kommen. Jene abgefallene Menschheit musste sterben. Gott rettete nur acht Menschen aus ihnen heraus: Noah und seine Familie. Mit ihnen machte er einen Neuanfang. Nichts von den alten Strukturen und Gewohnheiten sollte diesen Neuanfang verunreinigen.

Später kam eine Zeit, wo die Menschheit sich von neuem gegen Gott auflehnte und den Turm von Babel baute. Gott versuchte nicht ihren Völkerzusammenschluss und ihre Weltregierung zu „reformieren“, die sie aufgerichtet hatten, um ihr Werk auszuführen. Im Gegenteil, er zerbrach ihre Vereinigung vollständig und zerstreute sie in alle Winde. Dann nahm er aus den Zerstreuten einen einzigen Menschen heraus, nämlich Abraham, um mit ihm einen Neuanfang zu machen. Und Abraham musste zuerst sein Land, seine Verwandtschaft und die Familie seines Vaters verlassen. Nur so konnte Gott ihn gebrauchen. So begann auch das erwählte Volk Gottes, Israel, mit einer einzigen Familie, der Familie Abrahams.

Aber auch Israel begann Gott zu vergessen, so weit, bis sie sich völlig dem Dienst heidnischer Götter hingaben. Auch da versuchte Gott nicht, Israel zu „reformieren“. Er schickte sie in die Gefangenschaft unter den Assyrern und Babyloniern. Sie verloren ihre Freiheit, ihr Land, ihre Unabhängikeit und nationale Souveränität. Sie wurden Gefangene in einem fremden Land. Israel als Nation musste sterben.
Im Zusammenhang mit diesem Gericht Gottes prophezeit Jesaja:
„Ein Rest wird umkehren, der Rest Jakobs zum starken Gott. Denn wenn dein Volk, o Israel, würde wie der Sand des Meeres, nur ein Rest davon wird umkehren; Vertilgung ist beschlossen, heranflutend die Gerechtigkeit.“ (Jesaja 10,21-22)
So handelt Gott, wenn sein Volk (oder die es früher waren) vollends von ihm abfällt. Er nimmt einen kleinen Überrest aus diesem System heraus, das unter sein Gericht gefallen ist. Dann macht er mit dem Überrest einen Neuanfang.

Einige Jahrhunderte nach der Rückkehr aus der Gefangenschaft begannen die Priester und Theologen Israels ein religiöses System zu errichten, das ihnen selber viele Vorteile brachte, anstatt Gott zu dienen. Sie dienten nicht mehr offen fremden Göttern; im Gegenteil: Ihr System hatte den Ruf strikter Treue zu Gottes Gesetz. Aber das war nur Schein; ihre Herzen waren fern von Gott.
Diese Situation hat vieles gemeinsam mit den heutigen Evangelikalen. Sie nehmen nicht am Götzendienst des Katholizismus teil. Sie haben den Ruf, sehr „bibeltreu“ zu sein. Aber die Herzen vieler Leiter sind falsch, fern von Gott, und mehr auf den eigenen Vorteil und das Wachstum der eigenen Organisation bedacht, als dem Herrn zu gefallen. Wenn wir in der Gegenwart diejenige religiöse Gruppe suchen, die am ehesten mit den „Schriftgelehrten und Pharisäern“ der Zeit Jesu zu vergleichen wären, dann sind es bestimmt die Evangelikalen.
Das war die historische Situation, in die Jesus hineinkam. Er deckte öffentlich die Heuchelei der religiösen Leiter auf. Er versuchte nicht einmal sie zu „reformieren“. Er konfrontierte sie direkt als „Schlangenbrut“, ohne auch nur zu berücksichtigen, dass sich unter ihnen doch auch noch einige aufrichtige und gottesfürchtige Männer befanden wie z.B. Nikodemus oder Joseph von Arimathäa. (So wie sicherlich auch einige Leser dieses Artikels protestieren werden, „man dürfe doch nicht so verallgemeinern, es seien doch längst nicht alle Leiter Heuchler“, usw. Aber wenn die dominanten Einflüsse in einer Gruppe oder deren Leiterschaft Abfall von Gott bedeuten, dann ist es gerechtfertigt, die ganze Gruppe als abgefallen zu bezeichnen, weil auch jene, die persönlich noch in einer rechten Beziehung zu Gott stehen, diese Einflüsse nicht mehr aufhalten können oder wollen.)
Damit war bereits vorprogrammiert, dass die Nachfolger Jesu sich früher oder später vom jüdischen System trennen mussten. Sie wurden zum neuen Überrest, von Gott berufen, „vor das Lager hinauszugehen“ (Hebräer 13,13). So erklärt auch Paulus: „So ist auch in der jetzigen Zeit ein Überrest gemäss der Auswahl durch die Gnade zustande gekommen.“ (Römer 11,5). Es war nicht der Plan Gottes, das System der Schriftgelehrten und Pharisäer zu „reformieren“, sondern es zu vernichten, und mit einem neuen treuen Überrest einen Neuanfang zu machen. Vierzig Jahre später geschah das endgültige Gericht Gottes über das Reich der Priester, Schriftgelehrten und Pharisäer, als die Römer Jerusalem und den Tempel zerstörten.

Betrachten wir auch die Art und Weise, wie Gott einen Einzelmenschen rettet: Er ruft uns nicht dazu auf, den sündigen alten Menschen zu „reformieren“. Nein, dieser alte Mensch muss sterben, und ein neuer Mensch muss auferstehen. (Siehe Römer 6.) Jesus sagte zu seinen Jüngern: „Wer sein Leben retten will, der wird es verlieren; und wer sein Leben verliert um meinetwillen, der wird es finden.“ (Matthäus 16,25) Das ist viel radikaler als eine „Reformation“. Mit dem Herrn zu leben bedeutet, einen radikalen Neuanfang zu machen. Das gilt sowohl für einen Einzelmenschen als auch für das ganze Volk Gottes.

Es ist also wohl illusorisch, die bestehenden Kirchen reformieren zu wollen. Der Überrest Gottes muss dem abgefallenen System „absterben“, und muss einen neuen Anfang machen, indem er zu dem zurückkehrt, „was von Anfang an war“. In diesem Prozess ist es noch der einfachste Schritt, aus einer Kirche hinauszugehen, die zu diesem abgefallenen System gehört. Viel schwieriger, aber viel wichtiger ist es, dass das System aus dir hinausgeht. Der Überrest Gottes muss sich trennen von den Gewohnheiten, Konzepten und Ansichten des abgefallenen Systems. Er muss diesem System „absterben“, das auf Sünde aufgebaut ist. Nur so wird es eine „Auferstehung“ der neutestamentlichen Gemeinde geben können – ein Neuanfang, der mehr ist als nur eine „Reformation“ des Bestehenden.

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