Werden die evangelischen/evangelikalen Kirchen „sterben“?

Dies ist eine Klarstellung zum früheren Artikel: „Reformation – oder Sterben und Auferstehung?“ – In diesem Artikel habe ich erwähnt, wie Gott in Zeiten des Abfalls handelte, indem er einen Überrest herausrettete und das abgefallene System dem Gericht überliess. Einige der Gerichte Gottes über ein abgefallenes Volk hatten den physischen Tod der Betreffenden zur Folge. So geschah es in der Sintflut, und auch im Gericht Gottes über Jerusalem, nachdem sie Jesus abgelehnt hatten. Bei anderen Gelegenheiten überlebten die meisten, aber ihre Organisation und ihr „System“ lösten sich auf. So geschah es beim Turm von Babel, und bei der babylonischen Gefangenschaft Israels.

Wenn wir die Kirchengeschichte betrachten, dann mag es vor diesem Hintergrund seltsam erscheinen, dass in der Reformationszeit nicht dasselbe geschah. Kein sichtbares Gottesgericht kam über die katholische Kirche, ausser dem Verlust eines Teils ihrer Mitglieder. – Einige Historiker sehen zwar die Französische Revolution als ein spätes Gericht über die katholische Kirche an, insbesondere wegen ihrer blutigen und verräterischen Verfolgung der französischen Hugenotten. Damals verlor die katholische Kirche einen grossen Teil ihrer politischen Macht. Aber sie wurde nicht ausgelöscht, und ihre Organisation blieb erhalten. Warum? Bedeutet dies, dass die römische Kirche doch recht hätte?

Ich glaube, die Antwort liegt vielmehr in der ganz andersartigen Natur des neutestamentlichen Gottesvolkes, im Unterschied zum Alten Testament. Israel ist ein irdisches Volk, mit einem ihnen zugewiesenen Land auf dieser Erde, mit einem „mit Händen gemachten“ Tempel und mit sehr sichtbaren und materiellen Riten und Zeremonien. In der Ordnung des Alten Testamentes entschied Gott, sich durch materielle Ereignisse in einem irdischen Volk zu offenbaren, das auf dieser Erde klar lokalisiert ist. Aber das bedeutet auch, dass wenn Gott sie richten musste, diese materiellen Strukturen zerstört werden mussten, und sogar viele Mitglieder dieses Volkes körperlich sterben mussten.

Das Gottesvolk des Neuen Testaments ist dagegen ein geistliches Volk. Es zeichnet sich nicht durch Blutsverwandtschaft aus. Sein zugewiesenes Land ist im Himmel, nicht auf der Erde. Sein Tempel ist nicht ein Gebäude aus Steinen oder Beton, sondern ein „geistliches Haus“ aus „lebendigen Steinen“, nämlich den Gläubigen selber (1.Petrus 2,4-5). Sein Gottesdienst besteht nicht aus materiellen Tieropfern, sondern aus „geistlichen Opfern“. Nach alldem ist zu erwarten, dass wenn dieses Volk abgefallene Strukturen errichtet, Gottes Gericht darüber auch in erster Linie geistlich sein wird.

So begann die römische Kirche, in dem Mass wie sie sich von Gott und seinem Wort entfernte, ihr geistliches Leben zu verlieren – schon manche Jahrhunderte vor der Reformation. Ihre Leiter verloren ihre Glaubwürdigkeit vor dem Volk, und das Papsttum wurde allmählich zu einem Synonym für Korruption. Die meisten ihrer Mitglieder benutzten die Teilnahme an den religiösen Zeremonien nur, um dahinter ihre völlig weltliche Gesinnung zu verstecken; und die wenigen, die noch nach geistlichem Leben suchten, suchten es hauptsächlich ausserhalb der offiziellen Kirche: in einem individuellen Mystizismus, oder in Gruppen, die von der offiziellen Kirche verurteilt worden waren (Waldenser, Lollarden, Hussiten, usw.) So bestand die Kirche zwar noch als Institution, aber sie war zu einem praktisch toten Organismus geworden; die Herrlichkeit Gottes hatte den Tempel verlassen.

So denke ich, dass in ähnlicher Weise die evangelischen und evangelikalen Kirchen zwar nicht aufhören werden, als Institutionen zu existieren; aber sie werden ihr geistliches Leben fast völlig verlieren. Jene, die wirklich Gott suchen, werden diese Kirchen nicht mehr ernst nehmen. Die Kirchen werden fortfahren mit ihren äusserlichen Formen, ihren Zeremonien und öffentlichen Erklärungen; aber zusammen mit der römischen Kirche (und möglicherweise weiteren Gruppen) werden sie mehr und mehr zum „Babylon“ der Offenbarung werden, und werden sich gegen die echten Christen wenden. Wundern wir uns nicht, wenn wir in näherer Zukunft evangelikale Leiter die wahren Christen verfolgen sehen werden. In kleinerem Rahmen beginnt es bereits zu geschehen.

Nur wenn sich die Wiederkunft Jesu nähert, und damit die in Offenbarung 17 und 18 vorhergesagten Ereignisse, wird Gott die abgefallene Kirche auch physisch richten. „Dann werdet ihr wieder den Unterschied sehen zwischen dem Gerechten und dem Bösen, zwischen dem, der Gott dient, und dem, der ihm nicht dient“ (Maleachi 3,18). Solange dies nicht geschieht, werden die echten Christen weiterhin ertragen müssen, dass sie von den offiziellen Kirchen als „Rebellen“, „Häretiker“, „Fanatiker“ und weiss nicht was noch gebrandmarkt werden … aber der Herr hat uns bereits darauf vorbereitet:
„Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und wenn sie euch auschliessen und schmähen und euren Namen als einen bösen ächten um des Sohnes des Menschen willen. Freut euch an jenem Tag und frohlockt; denn siehe, euer Lohn wird gross sein im Himmel. Denn ebenso taten ihre Väter den Propheten. (…) Aber wehe, wenn alle Menschen gut von euch reden; denn ebenso taten ihre Väter den falschen Propheten.“ (Lukas 6,22-23.26)

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