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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren? (2.Teil)

31. März 2016

Weil sie sich gar nie mit Entschiedenheit von der römisch-katholischen Denkweise losgesagt haben! – Einige Symptome davon habe ich in der vorherigen Folge erwähnt und fahre nun fort damit.

Denominationalismus

Dieser Punkt hängt eng mit den vorherigen zusammen. Wenn man glaubt, die Kirche sei ein Mittel zum Heil, dann setzt sich die Kirche selber an die Stelle Gottes. D.h. die Kirche wird zu einem Götzen.

In der römischen Kirche ist das offensichtlich. Wenn ein Christ die römische Kirche verlässt, wird er als abgefallen betrachtet, auch wenn sein Austritt aus christlichen und biblischen Gründen geschah. – Aber viele evangelikale Kirchen behandeln ein Mitglied, das zu einer anderen Denomination wechseln will, ganz ähnlich: „Aber du bist hier bei uns geistlich geboren, du gehörst zu uns, du musst deiner Gemeinde treu bleiben, du kannst uns doch nicht so verraten …“ Ich kannte sogar jemanden, der von seinen Gemeindeleitern mit bitteren Vorwürfen überhäuft und als Feind betrachtet wurde, weil er zu einer anderen örtlichen Gemeinde desselben Gemeindeverbandes übertreten wollte!

Evangelikale Leiter, die sich als Erben der Reformation betrachten, die sich einst von der römischen Kirche getrennt hatten, sagen jetzt also ihren Gemeindeglieder, Gott würde ihnen nie, nie erlauben, das zu tun, was die ersten Reformatoren taten: der Denomination zu widersprechen, in der sie „geboren“ wurden, oder gar aus ihr auszutreten. Sie lehren die „Treue zur Denomination“. Das ist genau die Denkweise, die sie auf direktem Weg dazu bringt, die Reformation zu verleugnen. Ich habe das schon vor manchen Jahren vorhergesagt, und jetzt geschieht es tatsächlich.

Sakramente und Rituale

Die Sakramente sind ein weiterer Grundpfeiler des Katholizismus. Von den sieben Sakramenten der römischen Kirche anerkannte Luther nur die Taufe, das Abendmahl und die Beichte; und später stellte er auch die Beichte in Frage. Viele Evangelikale verwerfen auch den Ausdruck „Sakrament“ und sprechen von „Verordnungen“ o.ä.

Aber der springende Punkt ist nicht, ob wir sieben Sakramente oder zwei haben, oder mit welchem Namen wir sie benennen. Viel wichtiger ist, was für eine Vorstellung wir von ihrem Wirken haben.

Nach dem katholischen Konzept wirken die Sakramente „aus sich selbst heraus“: Die Taufe bewirkt, dass jemand von neuem geboren wird; die Firmung bewirkt, dass jemand vom Heiligen Geist versiegelt wird; die Absolution bewirkt, dass Sünde vergeben wird, usw. D.h. nach dieser Vorstellung ist ein Sakrament eine äusserliche Handlung, die eine geistliche Realität bewirkt.

Um diese Idee zu widerlegen, wäre es ausreichend, auf die grosse Zahl von Getauften hinzuweisen, die täglich mit ihrem Leben zeigen, dass sie nicht wiedergeboren sind. Dennoch übertragen viele Evangelikale im Grunde dieselbe sakramentalistische Mentalität auf ihre eigenen Riten.

Z.B. haben sie das „Übergabegebet“. Wenn ich einen Evangelikalen bitte, mir zu erzählen, wie er von neuem geboren wurde, dann erzählen fast alle von dem Moment, als sie „das Gebet sprachen“. D.h. sie verrichteten einen äusserlichen Ritus und glauben, dieser Ritus hätte bewirkt, dass sie wiedergeboren wurden. Aber die Wiedergeburt ist ein innerlicher und geistlicher Vorgang. War diese geistliche Realität wirklich gegenwärtig in dem Übergabegebet, oder nicht?
– In einigen Fällen mag das „Übergabegebet“ tatsächlich eine geistliche Realität ausgedrückt haben: dass die Person vom Heiligen Geist von ihrer Sünde überführt wurde; dass sie ihr Verlorensein erkannte; dass sie sich von der Sünde abwandte; dass sie begann, auf Jesus zu vertrauen und für ihn und durch ihn zu leben. Aber in vielen anderen Fällen ist dieses Gebet ein ebenso leeres Ritual wie so und so viele katholische Säuglingstaufen.

Wir müssen verstehen, dass die geistliche Realität vorrangig ist. Ein äusserliches Ritual hat nur dann irgendeinen Wert, wenn es eine geistliche Realität ausdrückt, die tatsächlich existiert. Wenn jemand wirklich durch den Heiligen Geist von neuem geboren wird, dann wird das legitimerweise durch die Taufe ausgedrückt. Aber wo diese geistliche Realität nicht vorhanden ist, da hat alles Wasser der Welt keine Macht, diese Person von neuem geboren werden zu lassen.

Ähnliches müssen wir zu dem Ritual von „Lobpreis und Anbetung“ sagen. Viele glauben, der Herr freue sich mehr, oder seine Gegenwart werde stärker, umso mehr sie singen und musizieren und ihm mit ihren Worten schmeicheln. Das mag dann zutreffen, wenn der Lobpreis ein echter Ausdruck eines wirklich dankbaren Herzens ist, und eines Gott wohlgefälligen Lebens. Aber wo das nicht der Fall ist, da sagt der Herr:
„Ich hasse, ich verschmähe eure Feste und mag eure Feiern nicht riechen. … Hinweg von mir mit dem Lärm deiner Lieder! Das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören! Aber es ströme wie Wasser das Recht, und die Gerechtigkeit wie ein unversieglicher Bach!“ (Amos 5,21-24)

Wir könnten weiterfahren mit dem Ritual der „Kollekte“ (in manchen Kirchen gar „Opfer“ genannt), das nichts gemeinsam hat mit der freiwilligen Grosszügigkeit der ersten Christen; dem Ritual der „Versöhnung“ (das oft nur äusserliche Show ist, ohne dass echte Umkehr oder Wiedergutmachung geschieht); dem Ritual des gemeinsamen Gebets (wo viele der äusseren Haltung oder den „richtigen Worten“ mehr Gewicht geben als dem Suchen des Herrn und der richtigen Herzenshaltung); usw. Ja, es gibt einen evangelikalen Sakramentalismus, der sie dafür anfällig macht, mit der Zeit auch die katholischen Sakramente zu suchen.

Konstantinismus

Mit dem römischen Kaiser Konstantin begann die Vermischung von Kirche und Staat, die so charakteristisch ist für die ganze Geschichte der römischen Kirche bis heute. Konstantin zeigte sich als grosser Beschützer und Wohltäter der Kirche, und die Kirche nahm das bereitwillig an, ohne ihr Unterscheidungsvermögen auszuüben. Im Gegenzug masste sich Konstantin das Recht an, in kirchliche Angelegenheiten einzugreifen. Z.B. berief er das Konzil von Nicäa (325) und führte dort auch den Vorsitz, obwohl er keinerlei Leiterschaftsstellung in der Kirche innehatte; er war noch nicht einmal getauft.
Fünfzig Jahre später erklärte Kaiser Theodosius das (römische) Christentum zur einzig erlaubten Staatsreligion. Und bereits begannen die ersten Verfolgungen gegen jene, die mit den Lehren Roms nicht einverstanden waren. So schnell wurden die Verfolgten zu Verfolgern!

Diese konstantinische Einstellung lässt sich bis heute beobachten:

– Von seiten der Staatsregierung, Einmischung in die Kirche, indem Kirchen staatliche Bevorzugung erhalten, Regierungsstellen über kirchliche Angelegenheiten entscheiden, und sogar Verurteilungen in Glaubensfragen aussprechen.
– Von seiten der kirchlichen Leiter, ein Suchen nach solchen staatlichen Einmischungen und Hilfeleistungen; Gebrauch der Regierung als Machtinstrument, um kirchliche Entscheidungen mit Gewalt durchzusetzen (so z.B. bei der Aburteilung von „Ketzern“); und ein Streben nach politischer Macht für die Kirchenführer selber.

Die Reformatoren legten dieselbe Haltung an den Tag, was bis heute in fast allen reformierten Ländern nachwirkt. Zur Reformationszeit waren die Täufer die einzige Ausnahme: Sie verzichteten auf jeden staatlichen Schutz, um ihre Unabhängigkeit und geistliche Reinheit zu bewahren.

Auch die heutigen evangelikalen Freikirchen sind eifrig darum bemüht, vom Staat „anerkannt“ zu werden, staatliche Subventionen und „religiöse Gleichberechtigung“ zu erhalten. Sie nehmen in Kauf, dass dafür ihr Glaube kompromittiert wird. Hier in Perú z.B. kann sich eine Freikirche der „religiösen Gleichberechtigung“ nur dann erfreuen, wenn sie dem ökumenischen Nationalen Kirchenrat angeschlossen ist (der hierzulande anstelle der Evangelischen Allianz steht).

Auch viele heutige evangelikale Leiter streben nach politischer Macht. Das ist eine Katastrophe für das Evangelium, weil sich herausstellte, dass viele evangelikale Politiker ebenso korrupt waren wie die weltlichen.

Nur wenige Evangelikale haben gelernt zu unterscheiden, was des Kaisers ist und was Gottes. Auch in dieser Hinsicht haben allzuviele von ihnen eine katholische Mentalität.

Schluss

Die evangelikalen Leiter sind anfällig dafür, zum Katholizismus zurückzukehren, weil sie ihn nie ganz verlassen haben. Statt die Reformation nach biblischen Prinzipien weiterzuführen, blieben sie grösstenteils dort stehen, wo Luther aufgehört hatte, und gingen in einigen Punkten sogar hinter ihn zurück. Deshalb haben auch heute die meisten Evangelikalen eine Mentalität, die dem Katholizismus näher steht als dem neutestamentlichen Christentum. Das ist der tiefere Grund dafür, warum sie sich nun so leicht nach Rom zurückführen lassen.

In früheren Zeiten herrschte immerhin noch eine weitverbreitete Gottesfurcht, und sogar das öffentliche Leben in den reformierten Ländern war stark auf die Bibel abgestützt. So konnte Gott damals als Werkzeuge für Erweckungen auch Menschen gebrauchen, die stark mit diesem „evangelikatholischen“ System verbunden waren, wie z.B. den Lutheraner Zinzendorf, oder den anglikanischen Pfarrer Wesley. Aber heute sind die evangelikalen Kirchen geistlich schwach, moralisch verdorben, und mehr um den äusseren Anschein bemüht als um ihren Herzenszustand. So ist es nur natürlich, wenn sie jetzt allmählich überwunden werden durch die Rückstände des Katholizismus, die sich immer noch in ihrer Mitte befinden. Wenn sie jetzt eine „vollständige und sichtbare Einheit“ mit der römischen Kirche anstreben (so Geoff Tunnicliffe, Präsident der Weltweiten Evangelischen Allianz, und andere weltbekannte evangelikale Leiter), so ist das nur die letzte Konsequenz davon, dass sie sich nie mit der nötigen Entschiedenheit auf das Fundament der Heiligen Schrift gestellt haben.

„… weil sie die Liebe zur Wahrheit nicht angenommen haben, damit sie gerettet würden; deshalb sendet ihnen Gott eine wirksame Kraft der Verführung, damit sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht geglaubt, sondern Wohlgefallen an der Ungerechtigkeit gehabt haben.“
(2.Thessalonicher 2,10-12)

Ich hoffe, dass wenigstens einige wenige die Zeichen der Zeit verstehen, die Liebe zur Wahrheit aufnehmen, und sich auf die Seite Gottes stellen.

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Warum sind die evangelikalen Leiter nun so schnell bereit, nach Rom zurückzukehren?

24. März 2016

In einem früheren Artikel habe ich dokumentiert, wie evangelische und evangelikale Kirchenführer weltweit nun auf höchster Ebene Vorbereitungen treffen, um sich mit der römisch-katholischen Kirche wiederzuvereinigen. Aber wie konnte in relativ kurzer Zeit eine so drastische Kursänderung geschehen?

Zuerst müssen wir verstehen, dass die evangelischen Kirchen die von Luther begonnene Reformation nie vollendet haben. Ein Wahlspruch der ersten Reformatoren war: „Ecclesia semper reformandum“ – d.h. etwa: „In der Kirche gibt es immer etwas zu reformieren“, oder: „Die Kirche sollte sich ständig weiter reformieren.“ Im Licht des reformatorischen Prinzips „sola Scriptura“ würde das bedeuten, dass die Kirche ständig ihre Lehren und Praktiken anhand der Heiligen Schrift überprüfen sollte, und alles korrigieren sollte, was nicht der Schrift gemäss ist. Aber das haben die Kirchen nicht getan.

Luther selber liess tausende von (fälschlich so genannten) „Wiedertäufern“ hinrichten, nur weil diese die Schrift auf zwei Punkte anwandten, wo Luther sich weigerte, das Wort der Bibel anzuerkennen: dass die Taufe nur für Bekehrte ist; und dass die Kirche sich nicht mit dem Staat vermischen sollte. Mit diesen Verfolgungen zeigte Luther, dass auch ihm der politische Opportunismus wichtiger war als sein eigenes Prinzip „Sola Scriptura“.

Und so schleppen die evangelischen und evangelikalen Kirchen bis heute noch viel katholischen Ballast mit sich herum. Sie sind wie Hühner, an deren Körper rundum noch die Schalen des Eis kleben, aus dem sie einst gekrochen sind. Statt diesen Ballast abzuwerfen, fügten sie sogar noch eigene Traditionen hinzu. Mit ihrer Inkonsequenz inbezug auf die reformatorischen Prinzipen säten die Reformationskirchen den Samen ihrer eigenen Vernichtung.

Ich möchte einige dieser katholischen Rückstände aufzählen.

Die Kindertaufe

Heute geben zwar die meisten evangelikalen Freikirchen in diesem Punkt den Täufern recht und praktizieren die Glaubenstaufe. Aber die ökumenische Bewegung wurde hauptsächlich von jenen Kirchen ins Leben gerufen, die weiterhin Säuglinge taufen (und die in vielen Ländern Staatskirchen sind, sodass wir hier auch die Vermischung von Kirche und Staat haben): Lutheraner, Calvinisten, Zwinglianer und Anglikaner. Dann schlossen sich ihnen die orthodoxen Kirchen und die Methodisten an, zwei weitere Denominationen, welche die Säuglingstaufe beibehalten haben. Es verwundert nicht, dass der Ökumenismus genau dort begann: Diese Kirchen haben, obwohl reformiert, noch den grössten Anteil an katholischer Mentalität beibehalten.

Aber die folgenden Punkte treffen auch auf die meisten Evangelikalen zu:

Priester- oder Pastorenzentriertheit

Ein Priester ist ein Vermittler zwischen dem Volk und Gott. Er bringt Gott die Opfer des Volkes dar; er tut Fürbitte vor Gott für das Volk; und er lehrt das Volk den Willen Gottes. Das Priestertum ist ein wichtiges Fundament des Katholizismus: Der katholische Gläubige kann sich nicht Gott nähern, noch gerettet werden, noch die Bibel verstehen, ohne priesterliche Vermittlung.

Im neutestamentlichen Christentum gab es kein solches Priestertum. Ein Christ braucht keinen Vermittler ausser Jesus:

„Denn es gibt einen Gott, und einen Mittler zwischen Gott und den Menschen, nämlich der Mensch Jesus Christus …“ (1.Timotheus 2,5)

Jeder wahre Christ hat direkten Zugang zu Gott durch Jesus Cristus. (Siehe Römer 8,14-16; Galater 4,6-7; Hebräer 4,16-16; 10,19-22.)

Infolgedessen schaffte Luther das katholische Priestertum ab und verkündigte das „allgemeine Priestertum aller Gläubigen“ (siehe 1.Petrus 2,5.9). Aber gleichzeitig – und entgegen seinen eigenen reformatorischen Prinzipien – führte er das „Pfarramt“ als Lehramt ein. So behielt das Luthertum die Idee bei, dass „die Laien die Bibel nicht selber verstehen können“. Das war immer noch die Grundidee des Katholizismus: dass es „Kleriker“ und „Laien“ gibt, und dass die „Laien“ von den „Klerikern“ abhängig sind, um mit Gott in eine Beziehung treten zu können.

Bis heute sind nur sehr, sehr wenige Evangelikale zu den biblischen Prinzipen der Gemeinde als „Familie Gottes“ (Epheser 2,19; Matthäus 23,8) zurückgekehrt, zur biblischen Ältestenschaft und zur pluralen Leiterschaft. (Siehe in „Das biblische Konzept der Familie“.) Die Mehrheit behält eine hierarchische Struktur bei, wo ein „Pastor“ über die übrigen Ältesten gesetzt wird und ein „Bischof“ (oder eine andere Form regionaler bzw. nationaler Leiterschaft) über die Pastoren. Diese Struktur wurde vom Katholizismus übernommen und hat nichts mit dem biblischen Hirtendienst gemeinsam. Und diese evangelikalen Hierarchien haben ihrerseits eigene kirchliche Traditionen geschaffen, denen in der Praxis grösseres Gewicht beigemessen wird als dem Wort der Bibel. Es gibt kaum evangelikale Leiter, die sich vom Wort Gottes her korrigieren oder zurechtweisen lassen, was ihre Kirchentraditionen oder auch persönliche Sünde betrifft. So haben sie das „Sola Scriptura“ und das allgemeine Priestertum aufgehoben.

Gerade als ich diesen Artikel vorbereitete, erhielt ich eine aufschlussreiche Illustration dieses evangelikalen Traditionalismus. Ein Leser meines (spanischsprachigen) Blogs kommentierte zu einem Artikel, in welchem ich einige biblische Prinzipien über Leiterschaft beschrieben hatte:
„Jeder Pastor, der dem Willen Gottes untergeordnet ist, ist eine Autorität, suchen Sie vom Alten Testament her die Definition eines Pastors (Hirten), und vegleichen Sie sie mit den Aussprüchen Jesu über den Pastor.“
(Damit wollte er ausdrücken, dass er mit mehreren Dingen, die ich von der Bibel her geschrieben hatte, nicht einverstanden war.)
Da jener Kommentator keine Bibelstellen anführte, bat ich ihn, die folgenden drei Fragen zu beantworten:
1. Welche alttestamentliche(n) Bibelstelle(n) betrachten Sie als „die Definition eines Pastors“?
2. Warum glauben Sie, ein „Pastor“ (Hirte) im Alten Testament sei dasselbe wie ein „Hirte“ im Neuen Testament?
3. In welchen Stellen des Neuen Testaments spricht Jesus von einem „Hirten“, abgesehen von den Stellen, die sich auf ihn selber beziehen?

Ich erhielt keine Antwort. (Ich kann bereits anmerken, dass es auf die Frage 3 gar keine Antwort gibt. Nirgends in den Worten Jesu können wir eine Stelle finden, wo er das Wort „Hirte“ auf jemand anderen als sich selber angewandt hätte.) Der oben zitierte Kommentar ist ein typisches Beispiel dafür, wie ein Gemeindeglied blindlings wiederholt, was ihn seine kirchliche Tradition gelehrt hat, und sogar glaubt, es handle sich um biblische Lehre; aber wenn er herausgefordert wird, die biblischen Grundlagen dieser Lehre zu identifizieren, dann stellt sich heraus, dass es keine solchen gibt.

(Nebenbemerkung: Es ist prinzipiell richtig, dass es in der christlichen Gemeinde „Autoritäten“ (im biblischen Sinn definiert) gibt, die als solche anerkannt werden, sofern sie von Gott beauftragt und seinem Willen unterstellt sind. Allerdings heissen diese im Neuen Testament nicht „Pastoren“, sondern „Älteste“. Das Hauptproblem besteht aber darin, dass viele sogenannte „Pastoren“ eine Stellung innehaben, die Gott nie für seine Gemeinde vorgesehen hat und für die es keine biblische Grundlage gibt. Somit ist ihre Leiterschaft von Anfang an nicht Gottes Willen gemäss, wie sehr sie sich auch (einige von ihnen) im übrigen um persönliche Integrität bemühen mögen.)

Viele Evangelikalen schreiben ihren „Pastoren“ sogar priesterliche Eigenschaften zu. Z.B. glauben sie, die Fürbitte oder „Segnung“ von seiten eines „Pastors“ habe grössere Vollmacht als das Gebet eines „Laien“, nur weil es sich um einen „Pastor“ handelt. Sie glauben, die Anordnungen eines „Pastors“ seien die Stimme Gottes für die gewöhnlichen Gläubigen, sogar wo es um ganz persönliche Privatangelegenheiten geht. Sie lehren, nur ein „ordinierter Pastor“ (was es im Neuen Testament nicht gibt) dürfe taufen oder das Abendmahl leiten. Es überrascht daher nicht, dass viele ihrer Leiter nun auch noch die letzte Konsequenz ziehen wollen, nämlich sich dem römisch-katholischen Priestertum zu unterwerfen.

Die Kirche als „heilsvermittelnde Institution“

Eine andere katholische Lehre lautet: „Ausserhalb der Kirche gibt es kein Heil.“ – Reformierte und Evangelikale sind etwas toleranter, aber im Grunde behalten sie die katholische Idee bei. Sie sagen: „Es gibt viele mögliche Kirchen, aber zu einer davon musst du gehen, um gerettet zu werden.“

Sie verstehen nicht, dass schon diese Vorstellung des Zur-Kirche-Gehens falsch ist und nicht dem Neuen Testament entspricht. Diese katholische Idee setzt voraus, dass „die Kirche“ eine abgesonderte, unpersönliche Institution ist, die ein vom individuellen Gläubigen unabhängiges Eigenleben führt, und die sogar ein Besitzrecht auf den Gläubigen hat. Gemäss diesem Konzept ist diese gesichtslose Institution, die sich „Kirche“ nennt, beauftragt, das Heil zu verwalten, und deshalb sei es nötig, „zur Kirche zu gehen“, um den Herrn kennenzulernen und gerettet zu werden.

Das Neue Testament beschreibt etwas ganz anderes: Die Kirche (Gemeinde) ist nicht eine separate Institution. Die Gemeinde ist die Versammlung aller Wiedergeborenen. Wenn du also wiedergeboren bist, dann bist du Teil der Gemeinde, wo immer du dich befindest. Und wenn du nicht wiedergeboren bist, dann gibt es keinen Ort auf der Erde, wohin du gehen könntest, um ein Mitglied der Gemeinde zu werden. Du musst von neuem geboren werden.

Deshalb luden die Verkünder des Evangeliums im Neuen Testament niemanden ein, „zur Kirche zu kommen“. Sie gingen dorthin, wo die Verlorenen waren, und dort verkündeten sie das Evangelium, und dort bekehrten sich „so viele zum ewigen Leben bestimmt waren“ (Apg.13,48) und wurden wiedergeboren. Das geschah auf den Strassen und öffentlichen Plätzen, oder in Privathäusern. Von jenem Moment an waren die Neubekehrten auch „Gemeinde“. Und überall, wo sich „zwei oder drei“ von ihnen versammelten (Matthäus 18,20), da war „Gemeinde“.

Und wer fügte neue Glieder zur Gemeinde hinzu? Der Priester, der „Pastor“? – Keineswegs. „Und der Herr tat täglich solche hinzu, die gerettet wurden.“ (Apg.2,47) – Zur Zeit der Urgemeinde wäre es sinnlos gewesen, einen Ungläubigen einzuladen, „zur Kirche zu kommen“: „Von den übrigen aber wagte niemand, sich ihnen anzuschliessen.“ (Apg.5,13)

Jesus sagt in Johannes 10,7-11:

„Ich bin die Tür zu den Schafen. … Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; und er wird ein und aus gehen, und Weide finden. … Ich bin der Gute Hirte.“

Was muss also jemand tun, um gerettet zu werden? – Nicht „zur Kirche gehen“, sondern „zur Tür hineingehen“, die Jesus ist. Wer zu dieser Tür hineingeht, wird ein Teil der Gemeinde. Er wird gerettet werden, wird Weide finden, und dort wird er auch die anderen Schafe finden, d.h. die Gemeinde. Der katholische Wahlspruch ist also verkehrt herum. Richtiger wäre: „Ausserhalb des Heils gibt es keine Kirche.“

Wenn wir glauben, die Kirche sei eine „Institution zur Verwaltung des Heils“, dann sind wir bereits auf dem Weg nach Rom. Es ist der Herr und niemand sonst, der „das Heil verwaltet“.

(Fortsetzung folgt)