Archive for Juni 2017

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (3.Teil)

30. Juni 2017

Sie blieben ausdauernd in der Gemeinschaft miteinander.

Das griechische Wort für „Gemeinschaft“ ist „koinonía“; und das ist ein sehr gewichtiges Wort. Unter anderem schliesst es die folgenden Aspekte ein:

Eine persönliche Beziehung tiefen gegenseitigen Verständnisses und Identifikation. – Zwischen zwei echten Christen ist ein gegenseitiges tiefes geistliches Verständnis möglich, weil es derselbe Heilige Geist ist, der in beiden lebt. Sie können sich gegenseitig in ihrem geistlichen Leben ermutigen, und einander helfen, die Dinge Gottes besser zu verstehen. Diese gegenseitige „Auferbauung“ ist keineswegs auf „religiöse Versammlungen“ beschränkt. Sie geschieht spontan, wo immer sich zwei echte Christen begegnen, sei es auf der Strasse, am Arbeitsplatz, oder wo auch immer.
Der Heilige Geist befähigt auch dazu, sich mit den Freuden, Problemen und Leiden anderer Christen zu identifizieren: „Und wenn ein Glied leidet, dann leiden alle Glieder mit ihm; und wenn ein Glied Ehre empfängt, dann freuen sich alle Glieder mit ihm.“ (1.Korinther 12,26). „Freut euch mit den Fröhlichen, und weint mit den Weinenden.“ (Römer 12,15).
Diese Art von Gemeinschaft erfordert Transparenz und Ehrlichkeit: „Aber wenn wir im Licht leben, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander …“ (1.Johannes 1,7). So heisst es auch von den ersten Christen, dass ihre Gemeinschaft „mit einfachen Herzen“ geschah (Apg.2,46). D.h. sie verstellten sich nicht in ihren Beziehungen untereinander. Sie dachten nicht etwas und sagten etwas anderes. Sie gaben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht waren.
Kennst du die Freuden, die Sehnsüchte, die Lebensziele, die Anstrengungen, die persönlichen Schwierigkeiten der Christen, mit denen du zusammenkommst? Und kennen sie dich auf diese Weise? Nimmst du Anteil am Leben deiner Glaubensgeschwister, um sie zu ermutigen, aufzubauen, für sie zu beten, ihnen zu helfen, ihnen Rat zu geben? Nehmen deine Glaubensgeschwister in derselben Weise an deinem Leben teil?
Wenn wir das geistliche Leben einer christlichen Gruppe messen wollen, dann ist die Qualität ihrer persönlichen Beziehungen untereinander eines der aufschlussreichsten Merkmale. Herrscht da diese transparente und aufrichtige Gemeinschaft, diese echte Identifikation mit dem Leben der Geschwister, diese gegenseitige geistliche Auferbauung? Oder herrschen die „institutionellen“ Beziehungen vor, die nur dazu da sind, die Zusammenarbeit für die Zwecke der religiösen Institution sicherzustellen, ohne dass eine echte Bruderliebe vorhanden wäre? (Siehe dazu auch: „Institution Kirche, Institution Schule – dieselben Probleme“, sowie „Das Tier, das Milgram-Experiment und die Kirchen“.)
– In manchen heutigen Kirchen reden die Mitglieder einander als „Geschwister“ an; aber in Wirklichkeit haben sie längst nicht dasselbe Vertrauen unter „Geschwistern“ wie unter den Mitgliedern ihrer natürlichen Familie. Sie sind Mitglieder derselben religiösen Institution, aber sie können nicht miteinander transparent kommunizieren, weil sie nicht wirklich Geschwister im Geist sind. Wo das der Fall ist, da ist es Heuchelei, die Bezeichnungen „Bruder“ und „Schwester“ zu verwenden, weil gar keine Wirklichkeit dahintersteht, und weil wahrscheinlich ein grosser Teil der Mitglieder dieser Kirchen gar nicht wiedergeboren sind.

Sie entspringt einer Beziehung derselben Qualität mit dem Herrn Jesus selber. – Jede geistliche koinonía unter Christen fliesst aus der persönlichen Beziehung, die jeder von ihnen mit Jesus hat. Ein Christ kann seinen Bruder lieben, weil der Herr ihn liebt (1.Johannes 4,10-11), und weil er den Herrn liebt, der in seinem Bruder lebt. Er kann seinen Bruder trösten, weil der Herr ihn bereits getröstet hat (2.Korinther 1,3-6). Er kann seinen Bruder geistlich auferbauen mit den Gaben, die der Herr ihm gegeben hat (1.Petrus 4,10-11).
Die Beziehung, die der Herr mit uns haben möchte, ist so tiefgehend, dass Paulus schreiben kann: „… (ich wünsche) ihn kennenzulernen, und die Kraft seiner Auferstehung, und die koinonía seiner Leiden, indem ich ihm ähnlich werde in seinem Tod, ob ich irgendwie zur Auferstehung aus den Toten gelangen möge.“ (Philipper 3,10-11). Paulus schreibt hier nicht davon, einfach etwas über die Leiden Jesu zu „wissen“, oder sich seine Leiden „vorzustellen“. Er spricht von seinen eigenen Leiden um Christi willen! Vergessen wir nicht, dass Paulus diesen Brief aus dem Gefängnis schrieb, wo er leiden musste, weil er das Evangelium verkündigt hatte. So schreibt er an die Philipper auch: „Denn euch wurde um Christi willen die Gnade gegeben, nicht nur an ihn zu glauben, sondern auch für ihn zu leiden, da ihr denselben Kampf habt, wie ihr ihn an mir gesehen habt…“ (Philipper 1,29-30). Die Identifikation mit Christus kann unser eigenes Leiden für ihn einschliessen. Und das war die Art von Identifikation, die auch die ersten Christen untereinander hatten. Hier ein weiteres Beispiel: „Grüsst Priszilla und Aquila, … die für mich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben …“ (Römer 16,3-4).
Wie weit geht deine koinonía mit Christus und mit deinen Glaubensgeschwistern?

Geistliche Gaben miteinander teilen, die jeder vom Herrn empfangen hat. – Wir haben schon die gegenseitige geistliche Auferbauung als einen wichtigen Aspekt der koinonía erwähnt. Darüber lesen wir z.B. in 1.Korinther 14,26, Epheser 5,18-19, Kolosser 3,16, 1.Petrus 4,10-11. Die Zusammenkünfte der ersten Christen bestanden nicht darin, passiv einer „Predigt“ zuzuhören. Im Gegenteil, ihre Zusammenkünfte lebten von den geistlichen Beiträgen aller Anwesenden.

Sie schliesst auch das Teilen des täglichen Lebens und materieller Güter mit ein. – Kehren wir zu Apostelgeschichte 2 zurück. Im Vers 46 lesen wir, dass die ersten Christen täglich in ihren Häusern zusammen waren und gemeinsam assen. Sie hatten also keine besonderen Versammlungen an einem besonders diesem Zweck gewidmeten Ort. Sie hatten Gemeinschaft inmitten ihres Alltagslebens, und sie teilten ihren Alltag miteinander. Auch das ist ein Ausdruck der transparenten Beziehungen, die die ersten Christen miteinander hatten. Wenn ich zu meinem Bruder eine Vertrauensbeziehung habe, dann brauche ich nicht vor ihm zu verstecken, wie ich zuhause mein Alltagsleben lebe.
In einer institutionalisierten Kirche, die sich zu besonderen Zeiten an einem besonderen Ort versammelt, ist es allzu einfach, eine Geistlichkeit vorzutäuschen, die in Wirklichkeit nicht da ist. Die Mitglieder lernen das Leben ihrer Geschwister nicht wirklich kennen. Insbesondere die Leiter können sich gut hinter einem „Kanzel-Image“ verstecken. So ist es allzu einfach für einen Heuchler, einen Lügner, einen Ehebrecher, einen Dieb, einen Betrüger, einen Ungläubigen, eine Leiterschaftsposition einzunehmen – und das ist es, was tatsächlich in vielen Kirchen geschieht. Eine Gruppe von Menschen, die in ihrem Alltagsleben keine koinonía haben untereinander und unter ihren Familien (inbegriffen die Familien der Leiter), wird bald sehr weit vom neutestamentlichen Weg abkommen.

Beachten wir den feinen Unterschied zwischen „Gemeinschaft haben“ und „Versammlungen haben“. Tatsächlich kommt das Wort „Versammlung“ in Apostelgeschichte 2 gar nicht vor! Wenn wir von „Versammlungen“ sprechen, betonen wir den „Anlass“, also etwas Abstraktes. Aber wenn wir von „Gemeinschaft“ sprechen, betonen wir die Menschen: „Ich möchte zu Soundso nach Hause gehen, um Gemeinschaft mit ihm zu haben!“ Wenn wir zur neutestamentlichen Gemeinde zurückkehren wollen, dann müssen wir diese ganze institutionelle Mentalität von „Versammlungen haben“ ändern, und stattdessen in den Begriffen von „Gemeinschaft“ denken.

Wir lesen ausserdem, dass sie „alles gemeinsam hatten, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte.“ (Apg.2,44-45).
In den Apostelbriefen wird nichts mehr davon erwähnt, dass sie „alles gemeinsam hatten“; das scheint eine Besonderheit der Jerusalemer Urgemeinde gewesen zu sein. Aber in allen Gemeinden wurde die gegenseitige Hilfe wichtig genommen, die Grosszügigkeit, die Gastfreundschaft, und die Unterstützung der Armen in ihrer Mitte:

„An den Bedürfnissen der Heiligen nehmt Anteil (habt koinonía), pflegt die Gastfreundschaft.“ (Römer 12,13)
„Nur dass wir an die Armen denken sollen; was ich auch fleissig tat.“ (Galater 2,10)
„So wie wir Gelegenheit haben, lasst uns allen Gutes tun, und besonders den Gliedern der Familie des Glaubens.“ (Galater 6,10).
„Wer stahl, soll nicht mehr stehlen, sondern arbeiten und mit seinen Händen Gutes tun, damit er etwas zu teilen hat mit dem, der Not leidet.“ (Epheser 4,28)
„Nehmt einander gastfreundlich auf ohne Murren.“ (1.Petrus 4,9)
„Wer aber die Güter der Welt hat und sieht seinen Bruder Not leiden, und verschliesst sein Herz vor ihm, wie kann die Liebe Gottes in ihm bleiben?“ (1.Johannes 3,17)

Das waren keine institutionalisierten „Sozialhilfeprogramme“. Die ersten Christen waren nicht von einer Art „humanitären Verpflichtung“ oder von „Entwicklungshilfe“ motiviert. Ihre Motivation war das Bewusstsein, dass sie alle eine erweiterte Familie bildeten. Deshalb spricht Galater 6,10 von der „Familie des Glaubens“. In einer Familie ist es nur natürlich, dass die Mitglieder einander aushelfen, wo Not herrscht. Und in jenen Zeiten, als die Familien noch gesünder waren als heute, schloss diese gegenseitige Hilfe auch die erweiterte Familie mit ein (Grosseltern, Onkel und Tanten, Vettern und Basen, usw.) Wenn die ersten Christen einander „Brüder“ nannten, dann war das nicht einfach ein „Titel“ oder eine Höflichkeitsformel; es war Wirklichkeit. Diese Wirklichkeit drückte sich auch in der gegenseitigen materiellen Hilfe aus.
Wenn diese gegenseitige Hilfe als „Sozialhilfe“ institutionalisiert wird, dann geht dieser beziehungsmässige und familiäre Aspekt verloren, der die Stärke der Urgemeinde war. Es ist nicht dasselbe, ob ich meinen Bruder Soundso unterstütze, den ich persönlich kenne, oder ob ich eine „Spende“ an eine unpersönliche Institution gebe, damit diese damit (hoffentlich) einige mir fremde Menschen unterstützt.

Die Qualität einer aufrichtigen und transparenten „koinonia“ ist ein Mass dafür, wie viel oder wie wenig eine Gruppe von Christen mit der neutestamentlichen Gemeinde gemeinsam hat.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (2.Teil)

24. Juni 2017

Einige Anmerkungen über den „Tempel“:
Es heisst mehrmals im Neuen Testament, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“. Manche wollen hiervon die heutige Praxis kirchlicher „Gottesdienste“ und spezieller Kirchengebäude ableiten. (In einigen Sprachen, wie z.B. im Französischen und im Spanischen, werden Kirchengebäude bis heute „Tempel“ genannt.) Lasst uns die biblische Bedeutung des Wortes „Tempel“ untersuchen, um zu sehen, ob es wirklich einen Zusammenhang mit heutigen „Kirchen“ gibt.

Das 5.Buch Mose enthält viele Gesetze darüber, was die Israeliten tun sollten, wenn sie einmal im Gelobten Land lebten. Eines dieser Gesetze sagt, dass Gott einen einzigen Ort erwählen würde, wo sie ihre Opfer darbringen sollten. (5.Mose 12,4-7.11-14). Dieser Ort würde der Tempel in Jerusalem sein. (Siehe 1.Könige, Kapitel 8.) Das ist also er einzige Ort auf der ganzen Welt, der rechtmässigerweise „Tempel Gottes“ oder „Haus Gottes“ genannt werden darf. Gott selber hat gesagt, dass es keinen anderen geben wird oder darf.
Der Tempel bestand aus einem relativ kleinen Hauptgebäude und einem weiten Platz darum herum, dem „Vorhof“. (Um genau zu sein: In der Form, wie der Tempel zur Zeit Jesu existierte, hatte er mehrere Vorhöfe.) Im griechischen Urtext des Neuen Testamentes werden zwei verschiedene Wörter für „Tempel“ verwendet, welche in den meisten Bibelübersetzungen unterschiedslos als „Tempel“ übersetzt werden:

„Naós“ bedeutet das eigentliche „Haus“ des Tempels, also das Hauptgebäude. Dieses enthielt das „Heiligtum“ und das „Allerheiligste“ mit verschiedenen symbolischen Gegenständen wie z.B. den goldenen Leuchter, den Schaubrottisch, den Räucheraltar, und ursprünglich auch (im Allerheiligsten) die Bundeslade. (Siehe 2.Mose 40 über die „Stiftshütte“ in der Wüste, deren Anordnung als Vorbild für den Tempel diente.)
Der „naós“ war also kein Versammlungsgebäude. Sein einziger Zweck bestand darin, dass die Priester dort Gott dienten, indem sie regelmässig die Schaubrote erneuerten, das Licht des Leuchters unterhielten (3.Mose 24,1-9), Räucheropfer darbrachten (2.Mose 40,26-27), usw. – und manchmal dort Offenbarungen Gottes erhielten. Infolgedessen konnten nur die diensthabenden Priester in den „naós“ hineingehen und niemand sonst.

„Hierón“ ist abgeleitet von „hierós“ (heilig, geweiht) und bedeutet also wörtlich „Heiligtum“ oder „geweihter Ort“. Im Neuen Testament beschreibt dieses Wort das gesamte Tempelareal, und insbesondere die Vorhöfe. Es ist deshalb missverständlich, wenn „hierón“ mit „Tempel“ übersetzt wird. Zutreffender wäre ein Ausdruck wie „heiliger Platz“.
Dreimal im Jahr musste das ganze Volk Israel nach Jerusalem reisen zu den grossen Festtagen (3.Mose 23). An jenen Tagen war der heilige Platz voll von Pilgern und Opfertieren, die aus allen Gegenden des Landes gekommen waren. – Der heilige Platz diente auch als ständig offene Gebetsstätte, und ausserdem als Marktplatz (!).

Während vielen Jahrhunderten seiner Geschichte kannte das Volk Israel überhaupt keine örtlichen Lehr- oder Bibelversammlungen, wie sie die meisten heutigen Kirchen pflegen. Ihre religiösen Aktivitäten wie Gebet, Bibellese, Opfer, usw. konzentrierten sich auf zwei Orte: Der Privatbereich des eigenen Heims, und der heilige Platz in Jerusalem unter freiem Himmel.
Erst nach der Rückkehr aus der babylonischen Gefangenschaft begannen sie Synagogen als Versammlungsorte zu bauen, wo Rabbiner lehrten. Das ist die jüdische Institution, die am ehesten mit den heutigen christlichen Kirchen und ihren Pfarrern vergleichbar wäre. Aber wir müssen hier anmerken, dass die Synagogen und die Rabbiner nicht von Gott angeordnet waren und in keinem Vers des Alten Testamentes erwähnt werden. Sie sind eine menschliche Erfindung, die im Wort Gottes so nicht vorgesehen war.

Wenn die Bibel sagt, dass Jesus oder die Apostel „im Tempel lehrten“, dann verwendet sie immer das Wort „hierón“ (heiliger Platz oder Vorhof). Sie gingen nie in den „naós“, da sie keine levitischen Priester waren.
Und das geschah nur in Jerusalem, denn wie schon erwähnt, kann es an keinem anderen Ort ein „Haus Gottes“ geben. Der Jerusalemer Tempel war kein christliches Gebäude. Er war ein jüdisches Gebäude, und die ersten Christen versammelten sich dort und lehrten dort, weil sie alle Juden waren. Aber die Mehrheit der Juden folgten Jesus nicht. Die Mehrheit der Menschen, die sich dort auf dem heiligen Platz befanden, waren also keine Christen. Was die Apostel dort taten, kann nicht mit den „Gottesdiensten“ heutiger Kirchen verglichen werden. Viel eher ähnelte ihre Tätigkeit dort dem, was wir heute „Evangelisation unter freiem Himmel“ nennen würden.

Zudem müssen wir verstehen, dass der Tempel zur alttestamentlichen Ordnung gehörte. Im Jahr 70, etwa vierzig Jahre nach dem Tod und der Auferstehung Jesu, wurde er von den Römern vollständig zerstört. Das war ein klares Zeichen Gottes, dass die alttestamentliche Ordnung vorbei war. Bis heute ist der Tempel nicht wieder aufgebaut worden.
Die ersten Christen bauten keine „Tempel“ und auch keine „Synagogen“. Ausserhalb von Jerusalem versammelten sie sich immer in ihren eigenen Häusern, oder (solange sie nicht verfolgt wurden) auf öffentlichen Plätzen. Noch anfangs des 3.Jahrhunderts schreibt ein christlicher Verteidiger des Glaubens: „Wir haben weder Tempel noch Altäre.“ (Minucius Felix, „Octavius“, Kap.32).

Zusammengefasst: Die „Lehre der Apostel“ geschah nicht in formellen „Versammlungen“ oder „Gottesdiensten“, sondern öffentlich, unter freiem Himmel, zugänglich für jedermann. – Ausserdem gab es die Versammlungen in den Häusern, über die wir bei anderer Gelegenheit sprechen werden.

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (1.Teil)

17. Juni 2017

Wir haben gesehen, was für Menschen die erste Gemeinde bildeten: Durch den Heiligen Geist wiedergeborene Menschen, die eine tiefgehende Überführung von Sünde erlebt hatten, sich von der Sünde abgewandt und Jesus zugewandt hatten, ihren „alten Menschen“ in der Taufe begraben hatten und durch den Glauben den Heiligen Geist erhalten hatten, und so zu „neuen Menschen“ wurden.

Sehen wir nun, was die Versammlung solcher Menschen für ein Leben und für eine Gemeinschaft hervorbrachte:

„Und sie blieben ausdauernd in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und in den Gebeten. Und es kam Furcht über jede Seele, und viele Wunder und Zeichen geschahen durch die Apostel. Und alle, die gläubig geworden waren, waren zusammen und hatten alles gemeinsam, und verkauften ihren Besitz und ihre Güter und verteilten sie an alle, gemäss dem, was jeder nötig hatte. Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen; sie lobten Gott und hatten die Gunst des ganzen Volkes. Und der Herr tat täglich zur Versammlung hinzu, die gerettet wurden.“ (Apostelgeschichte 2,42-47)

Beachten wir, dass all das auf natürliche Weise aus dem neuen Leben in Christus hervorging, das die Glieder der Urgemeinde erhalten hatten. Wenn wir also zu dem zurückkehren wollen, „was am Anfang war“, dann hülfe es nicht viel, wenn wir versuchten, alles so zu machen, wie es die ersten Christen machten. Sie folgten nicht einem „Rezept“ mit Anweisungen, wie christliche Gemeinschaft gelebt werden soll. Sie lebten gemäss dem, was der Heilige Geist in ihnen wachsen liess. Es sollte also vielmehr unser Ziel sein, dasselbe geistliche Leben zu erlangen, das sie hatten. Das wird dann von selber eine christliche Gemeinschaft hervorbringen, die der Urgemeinde ähnlich ist.

Andererseits denke ich, dass wir die Beschreibung in Apostelgeschichte 2 sehr wohl als einen Beurteilungsmassstab verwenden können: Wie nahe oder wie weit enfernt sind wir vom Leben der ersten Christen? – Diese oder jene Gruppe, die sich „christliche Gemeinde“ nennt: wie viel oder wie wenig hat sie gemeinsam mit dem Vorbild der ersten Gemeinde im Neuen Testament? „An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“

Sie blieben ausdauernd in der Lehre der Apostel.

Das bedeutet zuallererst, dass sie häufig von den Aposteln gelehrt wurden. (Nach Vers 46 könnte das sogar täglich gewesen sein.) Sicher sehnten sich die ersten Christen danach, alles zu erfahren, was Jesus gesagt und getan hatte. Aber das stand noch in keinem Buch geschrieben. Deshalb war es sehr wichtig, es von den Aposteln zu hören und von anderen Jüngern, die Jesus nahe gewesen waren.
Es versteht sich dabei von selbst, dass die Apostel keine eigenen Lehren erfanden. Jesus hatte sie persönlich beauftragt: „… lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe…“ (Matthäus 28,20). – Auch der Heilige Geist würde sie lehren im Sinne dessen, was Jesus ihnen gesagt hatte: „Aber der Beistand, der Heilige Geist, den der Vater in meinem Namen senden wird, er wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe.“ (Johannes 14,26) – „… er wird von mir Zeugnis geben.“ (Johannes 15,26). – Die Apostel gaben also Zeugnis von dem, was Jesus getan und sie gelehrt hatte, und was der Heilige Geist sie weiterhin lehrte. Sie erfanden keine „Predigten“ nach eigenem Gutdünken.

Aber wenn es heisst, die ersten Christen „blieben ausdauernd in der Lehre“, dann bedeutet das auch: Sie praktizierten sie; und sie wichen nicht davon ab und veränderten sie auch nicht.

Später schrieben die Apostel (bzw. ihre Mitarbeiter wie z.B. Markus oder Lukas) ihre Lehren auf, geführt vom Heiligen Geist. Das sind die Bücher, die wir in unserem Neuen Testament haben. Mittels des Neuen Testamentes können Nachfolger Jesu aller Zeiten bis heute, fast zweitausend Jahre später, auf die Lehre der Apostel zurückgreifen.

Es ist hier nicht Raum, auf die Argumente der leider im deutschsprachigen Raum weitverbreiteten sog. „historisch-kritischen Methode“ und verwandten Strömungen einzugehen, welche behaupten, das Neue Testament sei nicht von den Aposteln geschrieben worden, und deren Lehre sei darin abgeändert und verfälscht worden. Wie einmal ein Theologe zutreffend sagte, ist diese Methode in Wirklichkeit weder historisch noch kritisch: Sie übernimmt unkritisch rationalistische Vorurteile und Spekulationen des 19.Jahrhunderts, welche sich mit keinem historischen Dokument belegen lassen.

Hier haben wir ein wichtiges Kriterum, um die neutestamentliche Gemeinde zu erkennen: Die neutestamentliche Gemeinde gründet sich auf die Lehre der Apostel, wie wir sie in den Schriften des Neuen Testamentes finden. Diese Lehre hat grössere Wichtigkeit und Autorität als die Worte oder Lehren aller späteren Christen oder religiösen Leiter. Wo Lehren und Praktiken einer bestimmten kirchlichen Tradition oder einer bestimmten Gruppe von Leitern wichtiger genommen werden als das Neue Testament, da ist nicht neutestamentliche Gemeinde. Eine Gruppe, die mit ihren Worten oder Taten der Lehre des Neuen Testaments widerspricht, ist nicht neutestamentliche Gemeinde.