Archive for Juli 2017

Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (5.Teil)

31. Juli 2017

Sie blieben im Brotbrechen und gemeinsamem Essen.

Das „Brotbrechen“ war ein so wichtiger Aspekt der christlichen Gemeinschaft, dass es in unserem kurzen Abschnitt (Apg.2,42-47) gleich zweimal erwähnt wird. Der Text sagt es hier nicht ausdrücklich, aber vom Gesamtzusammenhang des Neuen Testamentes her können wir mit ziemlicher Sicherheit annehmen, dass dieses „Brotbrechen“ gemäss der Anweisung des Herrn „zu seiner Erinnerung“ geschah (Lukas 22,19; 1.Korinther 11,24-25). D.h. es handelt sich um das, was Paulus auch „das Mahl des Herrn“ nennt (1.Korinther 11,20). Wir stellen aber fest, dass die Urgemeinde dies auf ganz andere Weise tat als die meisten heutigen Kirchen.

Erstens einmal lesen wir hier von keinem „Ritual“ und von keiner formellen Zusammenkunft. Das „Brotbrechen“ war gleichbedeutend mit „zusammen essen“. Die Christen kamen zusammen, um ihr Essen miteinander zu teilen, und im Rahmen dieses Essens erinnerten sie sich auch an den Tod und die Auferstehung des Herrn, so wie er es ihnen geboten hatte. Das „Mahl des Herrn“ war also eine wirkliche Mahlzeit, nicht ein Ritual mit einem kleinen symbolischen Stück Keks.

Wir stellen auch fest, dass dieses Brotbrechen in der Privatsphäre des eigenen Heims geschah. Es war ein normaler Teil der koinonía und der familiären Gemeinschaft in den Häusern, wie in den vorhergehenden Artikeln beschrieben.

Jesus setzte dieses Mahl im Zusammenhang mit dem jüdischen Passahfest ein (Lukas 22,7-20 und Parallelen). D.h. das Mahl des Herrn ist die natürliche Fortsetzung des Passah. Nun ist auch das Passah eine sehr familiäre Feier. Es versammeln sich eine, zwei, oder vielleicht drei Familien; gerade die Anzahl Personen, die gemeinsam ein Lamm aufessen können (2.Mose 12,3-4). Sie versammeln sich zuhause, und der Familienvater leitet die Feier, im Gespräch mit seinen Kindern (2.Mose 12,25-27). Kein Priester, Rabbiner, oder sonst eine „besondere Person“ muss dabei zugegen sein.

Infolgedessen feierte auch die neutestamentliche Gemeinde das Mahl des Herrn in den Häusern, in einem familiären Rahmen, und ohne irgendeinen „Pfarrer“, „Pastor“ oder „Priester“. Solche Ämter gab es in der neutestamentlichen Gemeinde gar nicht. Die Jerusalemer Gemeinde wurde zuerst von den Aposteln geleitet, und später lesen wir auch von Ältesten (Apg.11,30; 15,2). Aber bei der grossen Anzahl der Jünger war es ganz unmöglich, dass jedes Mal ein Apostel zugegen gewesen wäre. Da die ersten Christen alle Juden waren, ist die natürliche Schlussfolgerung, dass es auch bei ihnen die Familienväter waren, die bei diesem gemeinsamen Essen Verantwortung übernahmen, wo es nötig war.

Stellen wie 1.Korinther 11,17-22 und Judas 12 weisen darauf hin, dass nach der ursprünglichen Idee dieses gemeinsame Essen auch zur Unterstützung der Bedürftigen diente: Wer viel besass, brachte viel Essen mit und teilte mit jenen, die wenig oder nichts hatten. Judas nennt diese Mahlzeiten „agapes“ (das griechische Wort für „Liebe“).
Aber die genannten Bibelstellen zeigen auch, dass schon in der apostolischen Zeit die fleischliche und eigensüchtige Gesinnung einiger Teilnehmer Probleme verursachte, zumindest an einigen Orten. Deshalb rät Paulus den Korinthern für den Fall, dass diese Probleme weiterbestünden, dass besser jeder zuhause für sich essen solle – oder zumindest jene, die eigensüchtigerweise in der Versammlung assen, ohne mit den Bedürftigen zu teilen.
Es scheint, dass dieser Brauch der „agape“-Mahlzeiten wie eine sehr zarte Blume ist, die nur unter ganz bestimmten vorteilhaften Bedingungen wachsen kann. In der ursprünglichen Gemeinde waren diese Voraussetzungen von Reinheit, Heiligkeit und Bruderliebe erfüllt; aber in den folgenden Jahrzehnten begannen sie bereits abzunehmen. Es überrascht deshalb nicht besonders, dass schon gegen Ende des ersten Jahrhunderts die meisten Gemeinden die „agape“-Mahlzeiten ganz aufgegeben hatten. Aber das war ein grosser Verlust, denn von da an begann das Mahl des Herrn zu dem sterilen Ritual zu werden, das es bis heute in fast allen Kirchen ist.

Zusammengefasst: Die ersten Christen assen täglich gemeinsam in den Häusern, und anlässlich dieser Mahlzeiten feierten sie auch die Erinnerung an den Tod und die Auferstehung des Herrn. Das waren familiäre Zusammenkünfte; es gab keine „Pfarrer“, „Pastoren“ oder „Priester“. Wenn jemand Verantwortung übernehmen musste für den guten Verlauf einer Zusammenkunft, dann taten das die Ältesten oder Familienväter, gemäss dem jüdischen Vorbild. Eine Kirche, die lehrt, die Feier des Herrenmahls hänge irgendwie von einem Priester- oder Pfarramt ab, ist vom neutestamentlichen Vorbild abgewichen.
Das gemeinsame Teilen des Essens (agape) ist nicht ausdrücklich vorgeschrieben, ist aber implizit enthalten in der Form, wie Jesus selber das Mahl des Herrn einsetzte. Wenn es einer christlichen Gruppe schwerfällt oder gar unmöglich ist, öfters zu „agapes“ zusammenzukommen, dann sollte sie dringend vor Gott ihr geistliches Leben überprüfen.

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Kennzeichen der Urgemeinde in Apostelgeschichte 2 (4.Teil)

20. Juli 2017

Sie waren täglich in den Häusern zusammen.

„Und sie blieben ausdauernd täglich auf dem heiligen Platz und im Brotbrechen von Haus zu Haus, und assen zusammen mit Freude und einfachem Herzen …“
(Apostelgeschichte 2,46)

„Auf dem heiligen Platz“ waren sie, um an der Lehre der Apostel teilzuhaben, wie in einer früheren Betrachtung schon erklärt. Aber sie waren auch „von Haus zu Haus“ zusammen. Das war der Ort, um koinonía und gegenseitige geistliche Auferbauung und Ermutigung zu praktizieren. Die Gemeinschaft in den Häusern war die Versammlungsform, die weiterbestand, als es nicht mehr möglich war, öffentlich auf dem heiligen Platz zu lehren; und es war die einzige regelmässige Versammlungsform ausserhalb von Jerusalem. (Ab dem 7.Kapitel der Apostelgeschichte, als in Jerusalem eine Verfolgung begann, lesen wir nichts mehr vom Lehren auf dem heiligen Platz.) Erinnern wir uns noch einmal daran, dass die neutestamentlichen Christen keinerlei synagogen-ähnliche Strukturen organisierten. Sie bauten auch keine Versammlungslokale.

Die Apostelgeschichte erwähnt an verschiedenen Stellen das „Haus“ als den Ort, wo sich die Gemeinden trafen: 2,2; 5,42; 8,3; 11,11-15; 12,12; 16,31-34; 16,40. In den Apostelbriefen lesen wir u.a. von der „Gemeinde im Haus von Priszilla und Aquilas“ (1.Korinther 16,19), von der „Gemeinde im Haus von Nymphas“ (Kolosser 4,15), von der „Gemeinde im Haus von Philemon“ (Philemon 2). Gayus wird „mein Gastgeber und der ganzen Gemeinde“ genannt (Römer 16,23). Johannes schreibt, wir sollen einen falschen Lehrer nicht „ins Haus“ aufnehmen (2.Johannes 10). – An keiner Stelle wird diese Gemeinschaft in den Häusern als eine Art von „Zellen“ oder „Hauskreisen“ beschrieben, die von einer grösseren „Gemeinde“ abhängig wären. Es handelt sich immer um vollgültige, unabhängige Gemeinden. Die Gemeinschaft in den Häusern war im Neuen Testament die normale Form, „Gemeinde zu leben“.

Das ist nicht einfach eine Frage des Versammlungsortes. In den biblischen Ursprachen ist „Haus“ gleichbedeutend mit „Familie“. Die Gemeinschaft der Urgemeinde geschah im Rahmen von familiären Beziehungen. Es handelte sich nicht um formelle Anlässe einer „Institution“.
Wir können sogar annehmen, dass die meisten Gemeinden jener Zeit mit einer Familie begannen, die sich als ganze zu Jesus bekehrt hatte. Bekehrungen ganzer Familien werden u.a. in Apg.10,24-28; 16,31-34, und 1.Korinther 16,15 beschrieben.
Infolgedessen waren in der Urgemeinde die Familien als ganze zusammen. Sie versammelten nicht Kinder gesondert oder Jugendliche gesondert; sie trennten auch nicht die Frauen von den Männern; sie schlossen auch die Sklaven nicht aus. Wir können das aus den apostolischen Briefen schliessen, die geschrieben wurden, um allen vorgelesen zu werden, die im Haus anwesend waren. Diese Briefe enthalten Stellen, die sich sowohl an Väter wie an Mütter richten, an Ehemänner und Ehefrauen, an Sklaven und Herren, und auch an Jugendliche und Kinder. (Z.B. Epheser 5,21-6,9; Kolosser 3,18-4,1; 1.Johannes 2,12-14.)

In der damaligen jüdischen Kultur war das das Normalste von der Welt; denn die ganze jüdische Gesellschaftsstruktur war auf den Familien aufgebaut. Das ganze Volk Israel hatte seinen Ursprung in Jakobs Familie. Die Leiter des Volkes (die Ältesten) waren die weisesten Väter der Familien, Sippen und Stämme.
Wenn eine Gemeinde diese Familienstruktur verliert und sich „institutionalisiert“, dann verliert sie ein wesentliches Element des neutestamentlichen Christentums. Es ist tragisch, dass die meisten heutigen Kirchen nicht einmal wissen, dass in die Urgemeinde diese Familienstruktur existierte; und so ist ihnen auch nicht bewusst, was sie im Lauf ihrer Geschichte verloren haben.

Ein anderer Aspekt der Gemeinschaft in den Häusern bestand darin, dass sich dort nicht zu viele Personen aufs Mal versammeln konnten. Das ist wichtig, um koinonía praktizieren zu können. Wenn mehr als zwanzig bis fünfundzwanzig Personen beisammen sind, dann wird es schwierig, zu jedem eine persönliche Beziehung aufzubauen; und es bekommt nicht mehr jeder Gelegenheit, zur gemeinsamen Auferbauung beizutragen. Aber damit koinonía funktioniert, kann es keine „Passivmitglieder“ geben. Wie Paulus sagt: „Wenn ihr zusammenkommt, dann hat jeder von euch ein Lied, hat eine Lehre, hat etwas, was Gott ihm gezeigt hat, hat eine [Botschaft in einer] Sprache, hat eine Auslegung …“ (1.Korinther 14,26). Diese Gemeinschaft war nicht wie die Versammlungen so vieler heutiger Kirchen, wo eine einzige Person „leitet“ oder lehrt, und die übrigen hören passiv zu. In der neutestamentlichen Gemeinde trugen alle Mitglieder etwas bei mit den Gaben, die Gott ihnen gegeben hatte. Das ist natürlich in einer Versammlung von mehreren hundert Personen nicht mehr möglich.

Diese koinonía in der Familie und mit mehreren Familien ist wesentlich zum geistlichen Wachstum. Insbesondere ist es wichtig, dass jedes Mitglied lernt, aktiv zur geistlichen Auferbauung der anderen beizutragen. Eine Gruppe, die ihre Mitglieder zu passiven Zuhörern theologischer Lehrvorträge macht, verhindert ihre Reifung im Glauben. Die neutestamentliche Gemeinde ermutigt alle ihre Mitglieder und fordert sie heraus, ihren Glauben in die Praxis umzusetzen.
Die neutestamentliche Gemeinde respektiert und verteidigt auch die Familienstruktur. Sie trennt ihre Mitglieder nicht nach Alter oder anderen Kriterien. Stattdessen fördert sie die Einheit und Gemeinschaft der Familienmitglieder unter sich: die Ehebeziehung; die Beziehungen zwischen Eltern und Kindern; die Verantwortung der Eltern, selber ihre Kinder zu erziehen (statt diese Aufgabe mehrheitlich Vertretern von Schulen und Kirchen zu überlassen).

– Wir können uns fragen, warum die ersten Christen täglich beisammen waren. In den späteren Kapiteln der Apostelgeschichte und in den Briefen finden wir keinen Hinweis mehr auf die Häufigkeit des Zusammenseins, und erst recht kein „Gesetz“, täglich zusammenzukommen. Aber die ersten Christen liebten den Herrn und einander so sehr, dass sie jeden Tag zusammen sein wollten. Wenn diese innige Gemeinschaft mit dem Herrn abnimmt, dann nimmt auch das Verlangen ab, mit anderen Glaubensgeschwistern zusammenzusein.
Eine christliche Gruppe kann also ihr geistliches Leben nicht dadurch aufbessern, dass sie einfach zu häufigeren Versammlungen aufruft. Im Gegenteil, es zeugt von geistlicher Verarmung, wenn ein Leiter denkt, er müsse seine Geschwister ermahnen: „Ihr müsst an allen Versammlungen teilnehmen!“ Wenn das Verlangen, zusammen zu sein, nicht auf natürliche Weise aus den Herzen der Geschwister fliesst, dann zeigt das an, dass verschiedene Dinge nicht in Ordnung sind in ihrem geistlichen Leben, oder in der Art, wie die Gemeinde funktioniert. Es wäre in diesem Fall besser, wenn jeder (und ganz besonders die Leiter!) den Herrn suchte und sich selber prüfte: Was fehlt mir, um ein „neutestamentlicher Mensch“ zu sein? Und was fehlt unserer Gemeinde, um neutestamentliche Gemeinde zu sein?

Auf dem Weg zur Koinonía

13. Juli 2017

Dies ist ein persönlicher Nachtrag zur letzten Betrachtung über neutestamentliche Gemeinde. Gerne hätte ich als Titel geschrieben: „Wie Koinonía bei uns funktioniert.“ Doch es funktioniert noch nicht immer. Wir haben erste Schritte getan; weitere müssen folgen. Ich hoffe und wünsche, dass auch so unsere ersten Schritte dem einen oder anderen Leser als Ermutigung dienen mögen, einen ähnlichen Weg zu begehen und darauf w.m. weiter fortzuschreiten, als wir gekommen sind.

Gemeinsame Mahlzeiten

Am Anfang stand eine ganz informelle Gemeinschaft mit einer zum Glauben gekommenen Nachbarin. Ab und zu luden wir sie spontan zu uns zum Essen ein, und mit der Zeit lud auch sie uns manchmal zu sich nach Hause ein. Dann stiess eine dritte Familie dazu, und wir beschlossen, mindestens einmal in der Woche gemeinsam zu Mittag zu essen. Doch da war es schon nicht mehr so einfach, eine geeignete Form zu finden. Wir begannen damit, dass jede Familie einige Lebensmittel mitbrachte und wir gemeinsam kochten. Jeder tat, was es gerade zu tun gab. Meistens ergab es sich so, dass die Frauen in der Küche kochten und miteinander plauderten, während wir Männer uns mit den Kindern abgaben. (Meistens sind wir nur zwei Männer, da in einer der Familien der Vater nicht gläubig ist und deshalb selten an diesen gemeinsamen Zeiten teilnimmt.) Nach dem Mittagessen hatten wir dann eine gemeinsame Zeit zum Austauschen, Bibellesen, Gebet, Singen, oder was sich gerade ergab. Aber so etwa nach einer Stunde schliefen meistens die kleineren Kinder ein. Ihre Eltern befanden sich dann in einem Dilemma: Sollten sie ihre Kinder bei uns auf einer Matratze betten (was dann manchmal zu einem kleinen Drama führte, wenn die Kinder zum Nachhausegehen aufgeweckt werden mussten)? Oder sollten sie nach Hause gehen, bevor die Kinder einschliefen, damit sie zuhause ruhig einschlafen konnten? – Wir merkten auch, dass die Zeit nach dem Mittagessen für ernsthafte Gespräche nicht ideal war, wie die Volksweisheit sagt: „Voller Bauch studiert nicht gern.“ Aber vor dem Essen war einfach keine Gelegenheit dazu, denn peruanische Küche ist arbeitsintensiv, das dauert seine zwei bis drei Stunden.
Dann hatte einmal jemand die Idee, wir könnten doch jeder ein fertig gekochtes Essen mitbringen. Dann könnten wir die Zeit vor dem Mittagessen zum gemeinsamen Gespräch und Gebet nutzen. Das ging eine Zeitlang gut; und es war jeweils ein interessanter Überraschungseffekt zu sehen, was da für Kombinationen von Menüs zusammenkamen… Doch allmählich wurde die Zeit vor dem Essen immer kürzer, weil der Morgen manchmal den Hausfrauen zu kurz war, und dann trafen sie erst gegen Mittag ein.
Es wurde dann der Vorschlag gemacht, wir könnten doch statt zum gemeinsamen Essen zum gemeinsamen Fasten zusammenkommen. Doch niemand konnte sich so richtig dafür erwärmen, und so wurde dieser Vorschlag fallengelassen. (Und für die Kinder hätte ja trotzdem jemand kochen müssen.)
So kehrten wir nach einiger Zeit wieder zum gemeinsamen Kochen zurück. Alle bemühten sich, etwas früher zu kommen, sodass zwischen Kochen und Mittagessen noch etwas Zeit blieb für Gemeinschaft mit allen. Und die Kinder waren mittlerweile etwas grösser und schliefen nicht mehr so oft nach dem Essen ein, sodass auch das Zusammensein nach dem Essen einfacher wurde.
Wir haben daraus gelernt, dass der einfache Vorsatz, „zusammen zu essen und Gemeinschaft zu haben“, nicht genügt. Wir mussten uns konstant darum bemühen, geeignete äussere Bedingungen dafür zu schaffen. Wie diese genau aussehen, dafür gibt es wohl kein Allgemeinrezept; das kann von Gruppe zu Gruppe und von Familie zu Familie ganz unterschiedlich sein, und es kann sich auch in ein und derselben Gruppe mit der Zeit ändern.

Und die Kinder?

Ältere Kinder können gut in eine informelle Zeit der Gemeinschaft einbezogen werden und können selber auch dazu beitragen. Mit Kleinkindern ist es schwieriger, da ihre Aufmerksamkeitsspanne kürzer ist und sie manches noch nicht verstehen können. Wir haben ein Zimmer neben dem Wohnzimmer als Spielzimmer für die Kinder eingerichtet, und eine andere Familie hat es bei sich zuhause ebenso gemacht. So können wir als Erwachsene Gespräche führen und gleichzeitig sehen, was die Kinder machen; und die Kinder können problemlos zu uns kommen, wenn sie an unserer Gemeinschaft teilhaben wollen oder wenn sie Hilfe brauchen. Manchmal geht auch ein Erwachsener ins Spielzimmer und spielt mit den Kindern oder erzählt ihnen eine biblische Geschichte. Beim Singen sind die Kinder gerne dabei, und die Fünfjährige trägt seit kurzem auch gerne aktiv zum gemeinsamen Gebet bei.
Manchmal wollen Kleinkinder gerne bei ihren Eltern auf dem Schoss sitzen. Auch das geht meistens gut, solange sie lernen können, leise zu sprechen, wenn sie ihren Eltern etwas sagen wollen.
Zur gegenseitigen Auferbauung gibt es keine Altersgrenze. Einmal war eine Familie bei uns, die aus einer anderen Gegend kam und noch kaum jemanden am Ort kannte. Sie hatten ein sechsjähriges Mädchen. Dieses vermisste offenbar ihre Freundinnen vom alten Wohnort. Während die Kinder zusammen spielten, begann sie plötzlich zu weinen, rannte nach draussen, und wollte nicht mehr hereinkommen. Schliesslich erklärte sie schluchzend: „Ich habe keine Freundinnen hier, und wenn mich die Kinder hier weinen sehen, dann wollen sie sicher erst recht nicht meine Freunde sein, und darum möchte ich lieber draussen bleiben.“ Meine Frau und ich versuchten ihr zuzureden; dann kam auch das fünfjährige Mädchen aus unserer Gruppe zu ihr und begann sie zu trösten: „Doch, ich habe dich lieb und möchte deine Freundin sein, und Gott hat dich auch lieb, und es macht nichts, wenn du weinst, ich muss auch manchmal weinen und Gott versteht das …“ und so weiter, bis sich das andere Mädchen beruhigen liess, und wir beteten dann auch gemeinsam für sie.

Das Leben miteinander teilen

Das ist der Aspekt, den man am wenigsten planen oder schematisieren kann. Wir sind noch am Lernen, was das in der Praxis bedeutet. Z.B. bereit zu sein, ohne vorherige Abmachung die Kinder einer anderen Familie oder das Haus einer anderen Familie zu hüten, wenn es nötig ist. Oder beim Essen plötzich zwei oder drei unangemeldete Gäste am Tisch zu haben. Oder plötzlich gerufen zu werden, um für einen Kranken zu beten oder in einem Ehestreit zu vermitteln. (Ich weiss, ein „Pfarrer“ muss diese Bereitschaft haben. Aber was bedeutet es dann, dass wir als Christen alle Priester sind?) Oder aber auch unvorhergesehenerweise zu einer Geburtstagsfeier „entführt“ zu werden…
Ich wusste, dass manches von dem Genannten ein Teil dessen ist, was traditionellerweise „Hirtendienst“ oder „vollzeitlicher Dienst“ genannt wird. Aber als normalen Bestandteil des Lebens von „gewöhnlichen Gläubigen“ habe ich das in den institutionellen Kirchen nie kennengelernt. Ich bin deshalb in dieser Hinsicht immer noch in einem Prozess des Umdenkens und „Um-Lebens“.
Wir sind selber auch froh und dankbar, einige Glaubensgeschwister zu kennen, die wir mit unseren Nöten behelligen dürfen. Das war insbesondere der Fall, als meine Frau einmal nachts notfallmässig in ein drei Stunden entferntes Spital gebracht werden musste, weil sie woanders nicht behandelt werden konnte. Dafür kann man hier keinen Krankenwagen bekommen! Aber ein Bruder in Christus war bereit, uns hinzufahren, und begleitete uns, bis wir alle notwendigen Formalitäten erledigt hatten und sicher sein konnten, dass meine Frau die benötigte Behandlung erhielt.

Geistliche Gaben miteinander teilen

Das Neue Testament nennt unter den Gaben des Heiligen Geistes nicht nur „Wort-Gaben“ zur gegenseitigen Auferbauung, sondern auch praktische Dinge wie Barmherzigkeit, Gastfreundschaft, usw. Mit letzteren hat uns Gott ziemlich reich gesegnet, wie oben berichtet. Wir tragen einander auch gegenseitig im Gebet und erleben ab und zu Antworten Gottes. Doch was die „Wort-Gaben“ betrifft, würde ich dieses Thema am liebsten übergehen, denn dieser Bereich funktioniert noch nicht zu meiner Zufriedenheit … und ich weiss nicht, ob das daran liegt, dass uns als Gruppe etwas fehlt – oder vielleicht daran, dass ich selber aus einer kirchlichen Tradition komme, wo diese Art von Gaben in einer ganz bestimmten Weise ausgeübt wurden, und ich noch nicht imstande bin zu erkennen, wenn Gott diese Gaben in anderen Formen geben will?
Z.B. habe ich manchmal den Eindruck, dass sich unsere Gespräche – selbst wenn es um biblische Inhalte geht – zu oft auf der Ebene rein menschlicher Meinungen oder Eindrücke bewegen. Ich bin dann manchmal versucht zu fragen: „Sind das deine eigenen Gedanken, oder sagt Gott dir das?“ Doch dann habe ich den Eindruck, dass Gott mich zurückhält und mir sagt: „Entmutige sie nicht!“ Es könnte ja auch sein, dass Gott seine Worte und Weisungen gerade unter dieser Gestalt „menschlicher“, „alltäglicher“ Bemerkungen in unsere Mitte geben will? – Und dann gibt es diese seltenen Momente wie die oben berichteten Trostworte des fünfjährigen Mädchens, die sicher von Gott gewirkt waren.
Selbst von meiner eigenen Gabe, der Lehrgabe, habe ich noch nicht herausgefunden, wie Gott möchte, dass ich sie in dieser Umgebung anwende. Ich habe mich von der kirchlichen Tradition abgewandt, „Lehrveranstaltungen“ durchzuführen; aber ich muss erst noch herausfinden, wie es stattdessen funktionieren soll. Manchmal fragt mich meine Frau: „Hast du nicht eine Lehre für uns?“ Ich habe zwar viele biblische und theologische Themen im Kopf, aber wenn mir dann das eine oder andere Thema in den Sinn kommt, habe ich (fast) immer den Eindruck, es passe nicht zu den Anwesenden, oder jedenfalls nicht im gegenwärtigen Moment. So beschränkt sich meine Ausübung dieser Gabe z.Z. auf die Beantwortung von zielgerichteten Fragen, die dann und wann im Gespräch auftauchen. Manchmal denke ich aber auch, Gott erlaubt mir vorerst nicht mehr zu sagen, damit die übrigen Teilnehmer herausgefordert sind, selber mehr beizutragen und in der Bibel zu forschen. Also, ich kann in dieser Hinsicht noch nicht sagen, worauf dieser Prozess hinauslaufen wird; ich möchte einfach darauf vertrauen, dass Gott alles in seiner Hand hat.
Meine Frau hat es in dieser Hinsicht einfacher: ihre hauptsächliche Gabe ist Seelsorge und persönliche Beratung, und unsere Gespräche drehen sich oft um persönliche Anliegen.

Sündenbekenntnis

Ein wichtiger Bestandteil neutestamentlicher Gemeinschaft ist Jakobus 5,16: „Bekennt einander die Sünden und betet füreinander, damit ihr gesund werdet!“ Das ist eine grosse Herausforderung an die Transparenz jedes Einzelnen. Wir erleben diese Herausforderung vor allem dann, wenn es zwischenmenschliche Spannungen gibt. Diese können nicht gelöst werden, ohne dass die Beteiligten ihre jeweiligen Fehler und Sünden in dieser Sache eingestehen. Bis jetzt durfte das mit Gottes Hilfe jeweils geschehen, und wir sind dankbar dafür.
Wir hatten auch einige Fälle, wo jemand uns aufsuchte, um eine wirklich ernste Sünde zu bekennen. Da war dann das „Betet füreinander, damit ihr gesund werdet“, eine gewichtige Angelegenheit, die nicht mit einem einzigen Treffen erledigt war.
Bei mir selber – und auch bei anderen – habe ich festgestellt, dass es manchmal schwerer fällt, „kleine“ Sünden zu bekennen als grosse: Undankbarkeit Gott gegenüber; eifersüchtige Gedanken; unnützes Reden; mangelndes Mitgefühl; mangelndes Vertrauen auf Gott … Man denkt dann manchmal: „Das ist ja nicht der Rede wert“, oder: „Dadurch ist ja niemand zu Schaden gekommen“. Und bei Sünden, die sich allein gegen Gott richten und nicht gegen Mitmenschen, oder die sich auf Gedanken beschränken, da ist es ja auch möglich, diese allein vor Gott zu bekennen und seine Vergebung zu erhalten. Aber manchmal bleibt dann trotzdem eine Last auf dem Gewissen, und das ist dann ein Zeichen, dass ich auch vor einem Bruder bekennen sollte.
Was Gott uns deutlich klargemacht hat: Niemand soll zu einem Sündenbekenntnis gedrängt oder gar gezwungen werden. Überführung von Sünde ist ein Werk des Heiligen Geistes (Joh.16,8-11), und niemand von uns darf die Stelle des Heiligen Geistes einnehmen wollen. Wo Überführung geschieht, da wird der Betreffende selber eine Gelegenheit zum Bekenntnis suchen. Wo nicht, da kann ich ihn zwar darauf hinweisen, dass er meiner Ansicht nach gesündigt hat; aber wenn er mein Wort nicht annimmt, dann sollte ich in erster Linie darum beten, dass Gott selber ihn überführt.
(Anders liegt der Fall natürlich bei groben, offensichtlichen und gewohnheitsmässigen Sünden, wie in 1.Kor.5,11 beschrieben; aber ich beziehe mich hier nicht auf solche Fälle.)

Dienst und Zeugnis nach aussen

Bisher hatten wir nie den Eindruck, dass wir als Gemeinschaft irgendeinen „organisierten“ Dienst nach aussen wahrnehmen sollten. Eine Mutter sagte einmal: „Ich weiss, dass Gottes Auftrag an mich gegenwärtig darin besteht, meine Kinder zu erziehen.“ Möglich, dass sich das einmal ändern wird; wir wollen immer für Gottes Leitung offen sein. Jeder von uns hat aber seine Begegnungen mit Bekannten, Verwandten, Nachbarn, Arbeitskollegen, usw. Die meisten dieser Menschen wissen natürlich um unser Christsein, denn das lässt sich kaum verbergen, wenn man im täglichen Leben nach Gottes Grundsätzen lebt. So ergeben sich immer wieder Gelegenheiten zu Glaubensgesprächen. Wenn wir zusammenkommen, beten wir oft gemeinsam für diese Menschen, denen jeder von uns begegnet ist. Mehrere von ihnen sind schon ins Fragen gekommen und interessieren sich für Jesus. Aber von da bis zu einer echten Bekehrung und Wiedergeburt ist es noch ein weiter Weg.
Manche von uns haben auch Bekannte, die wissen, dass wir unser Christsein auf unkonventionelle und unkirchliche Weise leben, und uns deswegen Vorwürfe machen. Da steht man manchmal in Versuchung, zuerst die Kirchen zu kritisieren (und es gibt ja wahrhaftig viel Grund dazu). Aber wir wollen stattdessen in erster Linie auf Jesus hinweisen, der die Mitte unseres Lebens ist.